Von Beyer, Susanne
Geahnt haben es die Deutschen schon lange. Wenn sich die besten Fußballer des Landes bei internationalen Turnieren auf dem Rasen versammelten und - tapfer aber kreuzfalsch - die Nationalhymne absangen, da wurde einem klar, dass eines der netteren Klischees über die Deutschen nicht mehr zutreffen konnte: Das musikalische Volk - es war einmal. Das Land Bachs, Beethovens und Brahms' - total blamiert.
Der Verdacht, dass die Deutschen den rechten Ton nicht mehr treffen, scheint sich gerade in den Tagen vor Weihnachten zu bestätigen. Es ist eine beängstigend stille und immer stillere Zeit.
Jauchzet, frohlocket? Von wegen. Lehrer, Pfarrer, Kindergärtner bemerken die wachsende Unlust am selbst gemachten Wohlklang. Die Deutschen lassen lieber singen. Ob Serienstars wie Ally McBeal oder Sangesgrößen wie Anne Sofie von Otter: An festlichem Singsang gebrannt auf CD herrscht kein Mangel, die traute Familie sammelt sich vor Tanne und Stereoanlage, lauscht, genießt - und schweigt.
Die jüngsten Forschungsergebnisse bestätigen denn auch die steigende Zahl von Trauerklößen: "In der deutschen Bevölkerung verfällt die Fähigkeit zu singen", sagt der Hamburger Musikhochschulpräsident Hermann Rauhe. In einer Klasse mit 30 Schülern könnten nur noch drei einigermaßen notengerecht eine Melodie nachsingen, vor 30 Jahren waren es noch 27, so hat der Münsteraner Musikpsychologe Karl Adamek festgestellt.
Vor allem das früher übliche "Alltagssingen" verkümmere, bedauert Rauhe, "wo Menschen ausschließlich aus Lebensfreude und zur Steigerung ihres Wohlbefindens" trällerten.
Besonders peinigend an diesen Erkenntnissen: Das nachlassende Singvermögen ist offenbar ein spezifisch deutsches Phänomen. Forscher aus anderen Ländern, so stellt sich bei internationalen Symposien immer wieder heraus, führen keine Klage über mangelnde Sangeskraft.
"In den anderen europäischen Ländern ist Singen noch selbstverständlicher Teil der Alltagskultur, die Leute kennen ihre Lieder, singen sie öfter, deswegen auch besser", sagt Adamek.
Stargeiger Yehudi Menuhin hat noch kurz vor seinem Tod im vorigen Jahr einen Verein mit initiiert, der Leute ermutigt, wieder draufloszuschmettern. Auf den Internet-Seiten des Vereins (www.il-canto-del-mondo.org) schildern Deutsche ihre Erlebnisse mit der Singerei - die peinlichsten sind jene, bei denen Sangeskundige aus anderen Ländern Zeugen eines missgestimmten Szenarios wurden.
Ein 41-jähriger Designer beklagt sich, dass er kürzlich auf einem Fest von einer Gruppe Russen aufgefordert wurde, ein "typisches Lied" zu singen, "ein deutsches Volkslied, irgendeins". Das Bekenntnis: "Ich war wie blockiert, ich musste feststellen, dass ich kein typisches Lied mehr kannte."
Die Leute scheuen sich zu singen, weil ihnen das Gerüst fehlt. Texte und Noten des traditionellen Liedguts sind aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden.
Eines der größten Volksliedarchive der Welt befindet sich zwar in Deutschland, in Freiburg im Breisgau - doch, was hilft es? Die Noten bleiben in den Regalen und Kehlen stecken.
Für diese verhängnisvolle Entwicklung machen die Forscher wieder einmal das Trauma des Nationalsozialismus verantwortlich. Nach dem Krieg waren Nazi-Kampflieder sowieso verpönt, von diesem durchaus notwendigen Auslöschungsdrang waren aber auch jene Lieder betroffen, die weit vor dem Nationalsozialismus entstanden waren: All die Weisen, in denen Knäblein, Röslein, Mägdlein vorkamen, galten auf einmal als faschistoid; die braunen Unholde hatten die heile Welt des Volkslieds allzu schamlos für ihre Ideologie ausgenutzt. Liedgut ade, scheiden tut weh.
Zudem verschreckte die Erkenntnis über die Verführungskräfte des Gruppen- und Massengesangs. Klappe halten und ein besserer Mensch werden, das schien die sichere Devise zu sein.
Vor dem Krieg waren die alten Volkslieder in der - durchaus nicht nationalistischen - Wandervogelbewegung noch sehr populär gewesen, doch auch diese Leute wollten nach Hitlers Abgang von all dem nichts mehr wissen. Die Volksmusik ist inzwischen in den Musikantenstadl verbannt, gilt als kleinbürgerlich und völlig unhip.
Von den Hütern der Hipness, der Popbranche, kommt auch keine Hilfe: Die Musikindustrie trage ganz und gar nicht zur Sangeslust bei - im Gegenteil, stellt Lore Auerbach, langjährige Vizepräsidentin des Deutschen Musikrats, fest: "Viele Menschen sind verstummt, zugedeckt von Musik aus den Medien."
Die Stimmen der Popstars sind oftmals technisch perfektioniert - eine Qualität, die "unerreichbar" (Auerbach) sei, die Leute einschüchtere. Versagen kommt nicht gut, die Leistungsgesellschaft will nur Loblieder hören.
So besteht das Vergnügen beim öffentlichen Schlagernachsingen Karaoke auch nicht darin, zuzuhören, wie gut jemand singt. Richtig Spaß kommt erst auf, wenn sich die Stimm-Exhibitionisten verhauen, der Kontrast zwischen Original und Fälschung besonders groß ist. Singen ist nur was für Profis, dieser Eindruck erhärtet sich nach jedem dieser Spektakel.
Mutter Kirche könnte helfen, die Gotteshäuser sind bald die einzigen Orte, in denen heute noch öffentlich gesungen wird - doch die Schäflein bocken. Zwar sind die Austrittszahlen nur leicht rückläufig, doch regelmäßige Kirchgänger gibt es kaum noch. Knapp fünf Prozent der rund 28 Millionen Mitglieder der evangelischen Kirche besuchen jeden Sonntag die Gottesdienste. Selbst wenn an Weihnachten die Gläubigen zahlreicher herbeieilen: Ein "O du fröhliche" freihändig, ganz ohne Klammergriff am Text- und Notenblatt, wer kann das schon noch? Ach, du klägliche.
Ein weiterer Frustquell beim Kirchengesang: Die Lieder sind zumeist auf die geübteren Stimmen früherer Zeiten ausgerichtet, sie geben eine Tonhöhe vor, die heutige Laien stimmlich kaum noch packen.
Auch die Schulen tragen wenig zur Besserung des Singvermögens bei. In vielen Bundesländern fällt die Hälfte des Musikunterrichts wegen Lehrermangels aus, in Grundschulen sind es oftmals 80 Prozent.
Doch für diejenigen, die die Singerei aus all diesen Gründen längst drangegeben haben, hat die Wissenschaft schon wieder Schreckensmeldungen bereit:
Menschen, die singen, sind, folgt man den Forschern, in nahezu jeder Hinsicht im Vorteil - entsprechend benachteiligt sind die Gesangsabstinenzler.
Musikpsychologe Adamek behauptet, Hobbysänger seien "belastbarer und leistungsfähiger", die Singerei helfe, Stresssymptome abzubauen. Und schlauer sind die Sänger angeblich auch. Der Schweizer Lehrer Waldemar Weber will in einem Schulversuch an 40 Schulen seiner Heimat nachgewiesen haben, dass Musik und Singen die allgemeine Lernfähigkeit fördere. Kinder, die drei Jahre drei Stunden mehr Musikunterricht auf Kosten der Hauptfächer bekamen, zeigten am Ende bessere Leistungen - auch in den Hauptfächern. Jüngste Untersuchungen aus Deutschland, durchgeführt vom Frankfurter Musikpädagogen Hans Günther Bastian, bestätigen diese Ergebnisse.
Lockerer, fitter, schlauer - sonst noch was? Ja, eins noch: Gesünder sollen sie auch noch sein, die Sangeskünstler. Ernst Otto Wolfshohl, Professor für medizinische Psychologie, behauptet, dass das freie Schwingen der Stimmbänder beim physiologisch korrekten Singen Asthma entgegenwirke und die Heilung von Stimmbandknoten befördere. Der Meraner Kinderarzt Alfons Willeit, der mehrere internationale Symposien zu Musik und Medizin veranstaltet hat, bestätigt: Kinder, die gern und auf physiologisch richtige Weisen sängen, erkrankten seltener an verstopfter Nase, an Polypen und Lungenentzündungen. Auch Hörstörungen seien bei diesen Kindern die Ausnahme.
Schwangere, die viel singen, sollen überdies zur Gehirnentwicklung ihres Embryos beitragen.
Supermensch Sänger. Schmettern, was das Zeug hält, üben, üben, üben - das also ist der Weg? Ist es nicht. Die Wissenschaft macht es einem nicht leicht.
Musikpsychologe Adamek warnt vor Leistungsdruck bei der Rückkehr zum Gesang und rettet sich aus Anschauungsgründen in die Spruchweisheit: "Lieben und Singen kann man nicht zwingen", verkündet er. "Nur das physiologisch richtige Singen fördert im nachgewiesenen Maße die Entwicklung eines Kindes positiv, also nur das nicht gepresste Singen."
Fachärzte für Stimm- und Sprachheilkunde und Logopäden kennen die fatalen Folgen falscher Stimmanstrengungen gut: Lehrer, die schreien, ohne die Technik zu kennen, und irgendwann an chronischen Krankheiten leiden, sind die klassischen Fälle.
Die Hamburger Logopädin Sigrid Poepping versucht, solcherlei Klienten in ihrer Praxis erst einmal Körpergefühl zu vermitteln: Wo sind Verspannungen, wie fließt die Atmung? Vor allem für die Atmung, ein wichtiges Transportmittel der Stimme, hätten viele Patienten, so Poepping, wenig Gefühl: "Viele halten beim Reden zwischendurch die Luft an, beim Singen fehlt sie ihnen völlig."
Patienten, die über Unmusikalität klagten, lägen meist nicht in ihren Tönen, sondern in ihrer Selbsteinschätzung falsch: "Sie verspannen sich, sind beim Vorsingen mit ihrer Aufmerksamkeit mehr beim Zuhörer als bei ihrem Resonanzraum, dem Körper." Tatsächlich klingt dann kläglich, was dabei herauskommt. Doch Unvermögen ist es nicht, es sind mangelndes Zutrauen und falsche Technik, die sich über die Jahre eingeschlichen hat.
Atmen, entspannen und mit den Tönen spielen, Ähs, Ohs und Ahs durch die Gegend trompeten - wenn Erwachsene Singen lernen, dann geht es zu wie bei Kindern, bevor sie anfangen zu sprechen: die ganz große Brabbelei. Denn Kleinkinder nutzen ihre Stimmen instinktiv richtig, die Verspannungen kommen erst später. Die infantile Lust an der Tonproduktion gilt bei Gesangslehrern als Voraussetzung für gelungene Melodien.
Die relativ kleinen, feinen Kehlkopfmuskeln sollen auf spielerische Weise trainiert werden. Laienhafte Sänger versuchen allzu oft, durch Körperanstrengung einen kräftigen Ton zu erzeugen, ein angespannter Bauch etwa scheint den Ton zunächst zu stützen, auf Dauer quetscht er ihn aber ab.
Quälerei bringt's nicht, und in der Spaßgesellschaft führt der Zwang zum Singen in der Freizeit sowieso zu nichts. Chöre, die vereinsmäßig straff geführt sind, klagen denn auch über Mitgliederschwund und Nachwuchsschwierigkeiten. In Zeiten der Individualisierung mögen sich gerade junge Leute nicht mehr den straffen Regeln von Kassenwarten und Schriftführern unterwerfen. Fast tausend traditionelle Männerchöre sind in den vergangenen 20 Jahren einfach ausgestorben. Herkömmlichen Kirchenchören geht es nicht anders, das Durchschnittsalter steigt ständig.
Erfolgreicher sind jene Singvereinigungen, die sich spontan zusammenfinden. So genannte Projektchöre erfreuen sich durchaus regen Zulaufs: Sie bilden sich, um ein bestimmtes Programm einzustudieren, führen es auf und gehen wieder auseinander. Auch der Singermutigungsverein Il canto del mondo, der ganz ohne Leistungsdruck auskommen will, verzeichnet steigende Mitgliederzahlen.
Noch hat die Sangeslust das Land der Komponisten nicht ganz verlassen. Jauchzet? Frohlocket! SUSANNE BEYER
DER SPIEGEL 52/2000
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