25.12.2000

* 10. Die Grenzen der Erkenntnis * 10.3 Die Zukunft der Weltreligionen

Die Rückkehr des Glaubens

Von Franke, Klaus

Eine weltweite Renaissance der Religionen kennzeichnet den Beginn des 21. Jahrhunderts. Bisher haben die Glaubensgemeinschaften nur wenig zum Frieden auf Erden beigetragen. Gibt es in der Zukunft Chancen für ein ökumenisches Weltethos?

Für Renate Wallert, die Mater dolorosa im Geiseldrama von Jolo, war der Christenglaube ein Trost im Elend der Gefangenschaft. Öffentlich dankte sie nach ihrer Freilassung allen, die in Deutschland und anderswo für die Rettung der Entführten gebetet hatten.

Auch die muslimischen Kidnapper erbaten, fünfmal täglich, den Beistand des Himmels. Wann immer Commander Robot, Drahtzieher der Geiselnahme, aus dem Dschungel auftauchte, führte er den Namen des Allmächtigen im Munde: "Allahu akbar", grüßte der Finsterling und fuchtelte mit der Maschinenpistole - Gott ist groß.

"Gott ist tot", hatte vor gut 100 Jahren der Philosoph Friedrich Nietzsche gepredigt. Religion, schrieb Karl Marx, sei "das Opium des Volks". Sigmund Freud, Erfinder der Psychoanalyse, erblickte im frommen Gottesglauben nichts als "glückselige, halluzinatorische Verworrenheit" - Symptom einer kollektiven "Zwangsneurose", von der die Menschheit dank wissenschaftlicher Aufklärung bald geheilt sein werde.

Ein kapitaler Irrtum: Heute, nach einem Jahrhundert beispielloser wissenschaftlicher Fortschritte, ist der Glaube an das Walten übernatürlicher Mächte ungebrochen. "Eine weltweite Renaissance der Religion" kennzeichne den Aufbruch ins neue Jahrtausend, konstatiert der amerikanische Politikwissenschaftler Samuel Huntington, der mit seinem Buch vom kommenden "Kampf der Kulturen" heftige Kontroversen auslöste.

Warum glaubt der Mensch? Das im Homo sapiens offenbar tief verwurzelte Bedürfnis nach Spiritualität und Transzendenz, das den Kosmos der Religionen hervorbrachte, schien in Teilen der Welt schon abgelöst vom Vertrauen auf die Ratio, die in den nüchternen Befunden der modernen Naturwissenschaften gipfelt. Doch die Wissenschaft stößt längst an ihre Grenzen: Je tiefer der Mensch eindringt in die Geheimnisse der Natur, umso mehr neue Rätsel tun sich ihm auf. Und jenseits allen angehäuften Wissens wächst auch der Vorrat an Nichtwissen - Raum für den Glauben.

Nicht nur in den Moscheen der islamischen Länder, auch in den Tempeln Asiens und sogar im einstigen "Reich des Bösen" (Ronald Reagan), auf dem Boden der untergegangenen Sowjetunion, feiert die Frömmigkeit neue Triumphe. "Der Klang von Kirchenglocken hängt wieder in der Luft", berichtet aus Russland die US-Zeitung "Boston Globe", "frisch vergoldete Kuppeln glänzen in der Sonne. Kirchen, die noch vor kurzem in Trümmern lagen, erbeben wieder von majestätischem Chorgesang."

Dem rabiaten Atheismus der Fortschrittsdenker von einst, meint der französische Publizist Gilles Kepel, sei inzwischen "la revanche de Dieu" gefolgt - die Rache Gottes in Gestalt seiner Rückkehr mit einer Heerschar aggressiver Glaubenskämpfer: Auf allen Kontinenten, so Kepel, wachse seit Jahren die Bereitschaft, traditionelle Religionen mit neuer Bedeutung zu erfüllen und die Gesellschaftsordnung, notfalls mit Gewalt, wieder auf ein "sakrales Fundament" zu stellen.

Das, fürchtet Harvard-Professor Huntington, werde die Zukunft nicht friedlicher machen. Der Gelehrte, langjähriger Politikberater der US-Regierung, sieht eine Epoche neuer Religionskriege heraufziehen. Sorgenvoll registriert Huntington die weltweit wachsende Zahl von

Konflikten, bei denen Glaubensgemein-

schaften in fanatischem Streit auf einander treffen.

Vom Balkan bis nach Südostasien reicht die Zone der Glaubenskämpfe: In Sri Lanka und im abgelegenen Himalaja-Staat Bhutan streiten Buddhisten und Hindus, in Kaschmir Hindus und Muslime um die Vorherrschaft. Im Sudan und auf den Philippinen bekämpfen sich Muslime und Christen. In Israel spaltet der Streit zwischen orthodoxen und säkularen Juden das Land, das seit seiner Gründung von feindseligen islamischen Nachbarn belagert wird.

"Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen", predigt seit zwei Jahrzehnten der katholische Theologe Hans Küng, ein Reformer, der bei der Kirche in Rom immer wieder als Abweichler in Ungnade fiel. Der dynamische Kirchengelehrte, einst unter Papst Johannes XXIII. Berater auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil, wirbt in Wort und Schrift für das von ihm ins Leben gerufene "Projekt Weltethos", eine privat finanzierte Stiftung, die Pläne für einen globalen Religionsfrieden ausarbeitet und propagiert.

Wo immer sich geistliche Führungskräfte unterschiedlicher Glaubensgemeinschaften versammeln - so etwa zum "Parlament der Weltreligionen" in Kapstadt 1999 -, ist Küng zur Stelle, um sein Friedenscredo zu verkünden: Zwischen sämtlichen Religionen, lehrt er, gebe es in Sachen Ethik hinlänglich gemeinsame Grundlagen, um daraus ein alle umfassendes Bündnis für Friedfertigkeit und Toleranz zu schmieden.

Wenn Küng Frieden predigt, geizt er nicht mit Kritik am Treiben fanatischer Glaubenskrieger, die in der Geschichte nicht nur des Abendlands überall Blutspuren hinterlassen haben. "Wie viel", schreibt er, "wäre den Betroffenen und der übrigen Welt erspart geblieben, wenn die Religionen ihre Verantwortung für Frieden, Nächstenliebe und Gewaltlosigkeit, für Versöhnung und Vergebung früher erkannt hätten - nach dem Beispiel des Hindu Mahatma Gandhi, des Christen Dag Hammarskjöld, des Muslimen Anwar al-Sadat und des Buddhisten U Thant, die alle aus religiöser Überzeugung Friedenspolitik betrieben."

Dass diese Friedensaktivisten weitgehend gescheitert sind - Gandhi und al-Sadat wurden von den eigenen Glaubensbrüdern umgebracht -, weiß auch Küng. "Man kommt", räumt er ein, "um die traurige Feststellung nicht herum: Religionen erscheinen im Übergang zum dritten Jahrtausend nicht nur als die großen Geburtshelfer des Weltethos, sondern auch als die großen Störer des Weltfriedens."

Noch stets, von den Kreuzzügen bis in die Gegenwart, hat sich religiös motivierte Gewalt mit besonderer Brutalität ausgetobt; und wo der heilige Krieg ausgerufen wurde, erfasste der fromme Furor meist auch die sonst eher Friedfertigen. "Mit oder ohne Religion", notiert der amerikanische Astrophysiker und Atheist Steven Weinberg, "können sich gute Menschen anständig verhalten und schlechte Menschen Böses tun; doch damit gute Menschen Böses tun, dafür braucht es Religion" - die Gewissheit, im Namen einer höheren Instanz zu handeln.

Vom aggressiven Glauben, im Alleinbesitz der reinen Gotteswahrheit zu sein, müsse sich die Religion endlich verabschieden, fordert Theologe Küng. Doch ein solches Ansinnen stößt besonders in den monotheistischen Glaubensgemeinschaften nach wie vor auf Widerstand.

"Extra ecclesiam nulla salus", kein Heil außerhalb der Kirche: Dieses Verdikt hat die römische Glaubenskongregation in einer Erklärung ("Dominus Jesus") soeben wieder bekräftigt - ein Affront, den nichtkatholische Christen mit Entsetzen und Wut quittierten. "Papiernes Pfaffengeflüster", wetterte der protestantische Theologe Fulbert Steffensky, keiner habe das Recht, seine Glaubensinhalte zur allein selig machenden Lehre zu erklären.

Joseph Kardinal Ratzinger, Hauptautor der harschen Erklärung, schlug postwendend zurück. "Heute", verkündete er an die Adresse liberaler Theologen wie Küng, "droht im allgemeinen Gerede der Christusglaube zu verflachen und sich in mehr oder weniger frommes Geschwätz aufzulösen." In der Empfehlung, jeder möge nach seiner Fasson selig werden, sieht Ratzinger "eine zynische Auffassung", in der sich eine "Verachtung der Frage nach der Wahrheit" und des "rechten Ethos" ausdrücke.

So, scheint es, kann aus dem globalen Religionsfrieden wohl nichts werden - zumal niemand weiß, wer ihn aushandeln könnte. Einzig die katholische Kirche verfügt über ein mit Autorität ausgestattetes Oberhaupt. Im vielfach gespaltenen Islam fehlt ein gemeinsamer Oberhirte, desgleichen im Buddhismus, wo allenfalls der Dalai Lama für seine Glaubensgruppe ein Machtwort sprechen kann. Der Hinduismus, teils mono-, teils polytheistisch, ist in sechs verschiedene Lehrsysteme zerfallen, ein orientalisches Durcheinander, das selbst Religionswissenschaftler in Verwirrung stürzt.

An frommen Fanatikern, die ihre Überzeugungen mit terroristischer Gewalt durchsetzen wollen, fehlt es auch heute in keiner Glaubensrichtung. Immer wieder setzten religiöse Eiferer in den letzten Jahren blutige Zeichen - etwa in Jerusalem, wo der Jude Harry Goodman ("Die Engel werden mir ein Loblied singen") das Feuer auf betende Muslime eröffnete, oder in den USA, wo militante Anhänger der christlichen "Pro Life"-Bewegung in Abtreibungskliniken Bomben zündeten und dort tätige Ärzte ermordeten.

Mit der neuen Religionsblüte ist das Heer der rücksichtslosen Gotteskrieger mächtig gewachsen, besonders in den islamischen Ländern. Überall kämpften dort fundamentalistische Terrorgruppen um die Vorherrschaft. Wo sie den Sieg erringen konnten, etwa im Sudan oder in Afghanistan, etablierten sie "Gottesstaaten", die - mit Folter, schauerlichen Körperstrafen, Zensur und Frauenunterdrückung - für westliche Beobachter eher dem Reich der Finsternis gleichen.

Kritiker des geistlichen Extremismus beklagen, dass sich die gemäßigten Religionsvertreter nur ungern und halbherzig von ihren militanten Glaubensgenossen distanzieren. Der Grund: Um keinen Preis möchten die Gottesmänner ihre interne Zerstrittenheit öffentlich zur Schau stellen.

Ohnehin geht es bei der neuen Frömmigkeit keineswegs nur um Gott und den rechten Glauben; auch höchst irdische Motive sind dabei im Spiel. Im Mahlstrom der Globalisierung, notiert Kulturtheoretiker Huntington, wachse dramatisch das Bedürfnis nach innerem Halt und sozialem Schutz - nach Antwort auf Fragen wie: "Wer bin ich? Wohin gehöre ich?" Für Abermillionen orientierungslos gewordene Erdenbürger biete die Religion vor allem Geborgenheit in einer Gemeinschaft Gleichgesinnter, die ihre Identität bekräftigen, indem sie sich gegen den Rest der Welt abgrenzen.

Wird diese religiös gefärbte Form der Selbstbehauptung, wie Huntington vermutet, verstärkt zu Glaubenskriegen führen? Nicht unbedingt, schätzt der Islam-Experte Arnold Hottinger: Das Treiben fundamentalistischer Aktivisten, konstatiert er, richte sich "nicht primär gegen die anderen Religionen"; meist sei es ihr Hauptanliegen, "die eigene Religion zu politisieren mit dem Ziel, Innengruppen zu bilden" - schlagkräftige Kader von hoch motivierten Überzeugungstätern, mit deren Hilfe sie die Macht in ihrem Land erobern wollen.

Ein "Dialog unter den Religionen", wie Theologe Küng ihn fordert, kann laut Hottinger kaum dazu beitragen, die Unruhestifter zu bändigen: "Es sind eben nicht die Religionen, die miteinander im Streit liegen", schreibt er, "sondern vielmehr die mobilisierten, politisierten und schließlich fanatisierten Randgruppen"; sie, die fundamentalistischen Störenfriede, so Hottinger, "müssen sich wieder ihren eigenen Religionen unterordnen".

Ob das allein helfen wird, bleibt fraglich; denn eines verbindet alle Gläubigen zwischen Afrika und Asien - die heftige Abneigung gegen den arroganten und "gottlosen", aber reichen und mächtigen Westen, der seinen Einflussbereich immer weiter ausdehnt, nicht zuletzt mit Hilfe seiner satellitengestützten TV-Botschaften.

"Die Globalisierung", erklärte beim interreligiösen Treffen in Kapstadt der Muslim Anis Ahmad, "bedeutet für uns ein Überstülpen westlicher Ideen durch die Medien-Mafia", die keine Rücksicht auf "Werte wie Demut, Respekt und Menschlichkeit" nehme, gar nicht zu reden vom Glauben an Gott. Ähnlich sahen es in Kapstadt auch die Würdenträger anderer Religionsgemeinschaften.

Tatsächlich ist im Westen, vor allem in Westeuropa, die Mehrheit der einstigen Christenmenschen längst vom Glauben der Väter abgefallen; die übrigen haben Gott privatisiert und bedienen sich nach Gusto auf dem Markt der spirituellen Angebote: Jeder kann wählen, wem er glauben will, dem Papst oder dem Dalai Lama, einem Schamanen aus Afrika oder einem Zen-Buddhisten aus Japan.

Dennoch hat der liberale, religiös weithin indifferente Westen guten Grund, sich auch daheim um Religionsfrieden zu sorgen. Seit Migranten aus allen Kulturkreisen in die Metropolen der Industrieländer strömen, stehen dort Kirchen und Moscheen, Synagogen und Koranschulen vielerorts dichter beisammen als irgendwo sonst in der Welt, Jerusalem ausgenommen.

Mit der "faden Suppe der Gleichgültigkeit", die im hedonistischen Westen überall aufgetischt werde, lasse sich die rasch wachsende Menge gläubiger Neubürger vermutlich nicht abspeisen, meint Friedensprediger Küng. Nicht auszuschließen demnach, dass der von Huntington angekündigte Krieg der Kulturen nicht nur "an den blutigen Grenzen des Islam", sondern auch auf den Straßen von Paris, Berlin oder Stockholm ausgefochten wird.

Küng hält Huntingtons düstere Vorhersagen für allzu pessimistisch, teilt aber dessen Diagnose. In den Augen des Harvard-Gelehrten hat der säkularisierte Westen in den letzten zehn Jahren seine alte Strahlkraft verloren. Seither versinke die Welt immer tiefer im Chaos - immer häufiger, klagt Huntington, führe "ethnische, religiöse und kulturbezogene Gewalt" zu desaströsen Konflikten.

Katholik Küng, mit seiner Kirche tief zerfallen, bewahrt gleichwohl Gottvertrauen. Mit missionarischem Eifer ruft er vor allem den Westen zur sittlichen Erneuerung auf: Europas und Amerikas Politiker und Wirtschaftsführer sollen das Küngsche "Weltethos" übernehmen und in allen Erdteilen durch sozialverantwortliche Praxis verbreiten und durchsetzen helfen, möglichst gestützt auf religiöse Überzeugungen, notfalls auch ohne Glaubensfundament.

In allen großen Weltkulturen, räumt auch Huntington ein, existiere eine Tradition der "Moral und des Mitgefühls", die zu Hoffnungen berechtige. Den Politikern rät er, sich darauf zu besinnen; doch seine Zuversicht hält sich in Grenzen.

Fürs Erste sieht er schwarz für die Zukunft der Völkergemeinschaft: "Weltweit scheint die Zivilisation in vieler Hinsicht der Barbarei zu weichen, und es entsteht die Vorstellung, dass über die Menschheit ein beispielloses Phänomen hereinbrechen könnte: ein diesmal weltweites, finsterstes Mittelalter." KLAUS FRANKE

* Feuerwerk anlässlich der Restaurierung am 30. September 1999.

DER SPIEGEL 52/2000
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