25.12.2000

FILMTeufel noch mal!

Ist ein Sensationserfolg wie „The Sixth Sense“ zu übertreffen? „Unbreakable“ zeigt den Ehrgeiz dazu und scheitert daran.
Der liebe Gott schreibt, wie man weiß, auch auf krummen Linien gerade. Eine fromme Mutter versucht ihren Jungen zu trösten, der mit einer quälenden Knochenkrankheit geschlagen ist (schon bei seiner Geburt wurden ihm alle Glieder gebrochen), indem sie ihm sagt: "Der liebe Gott wird schon wissen, warum er dir das antut!"
Doch der Junge reagiert rebellisch; er möchte Gott durch eine Provokation aus dem Busch locken und zur Rede stellen. Soll er Steine von einer Brücke auf die Autobahn schmeißen? Soll er einen ICE zum Entgleisen bringen? Oder muss er den Petersdom in die Luft sprengen, damit der Himmel reagiert? Zu Beginn des Mystery-Thrillers "Unbreakable" - so viel darf man verraten, ohne zu viel zu verraten - entgleist der Express # 177 aus New York kurz vor Philadelphia, und dem (im Film nicht gezeigten) Desaster entsteigt, einziger Überlebender neben 131 Toten, vollkommen unversehrt ein Mann namens Dunn: ohne Knochenbruch, Kratzer oder Schramme, offenbar so scheinbar unverwundbar wie einst Siegfried oder Achill.
Dass weder Massenmedien noch medizinische Kapazitäten groß über das "Wunder" des unverwundbaren Mr. Dunn herfallen, mag einen wundern und vielleicht noch mehr, dass auch Dunn selbst sich darüber nicht zu wundern scheint - ein depressiv wirkender Mann, der wortkarg als Security-Aufseher in einem Football-Stadion in Philadelphia seinen Dienst tut.
Wie gut (für den Film), dass wenigstens einer sich alarmiert fühlt und mit Dunn neugierig nachfragend und nachforschend Kontakt aufnimmt: Mr. Price, der (inzwischen erwachsene) junge Rebell mit der Glasknochenkrankheit. Könnte es sein - Teufel noch mal! -, dass ihm durch das Eisenbahnunglück Gott endlich in die Falle gegangen ist und ihn, den allzu zerbrechlichen Price, in dem "unzerbrechlichen" Dunn seinen für das Gleichgewicht der Schöpfung notwendigen Partner und Gegenspieler erkennen lässt?
M. Night Shyamalan, der nun doch schon 30-jährige indisch-amerikanische Film-Wunderknabe, dem mit "The Sixth Sense" ein mirakulöser Erfolg (mit weltweit über einer halben Milliarde Dollar Kasseneinnahmen) gelungen ist, verfolgt mit "Unbreakable" abermals die schöne Idee, das Horrorgenre aus den Niederungen von Popcorn und Teeniegekreisch zu erretten und ihm, ohne doch auf das effekthascherisch Sensationelle zu verzichten, die Weihen eines metaphysisch-parabolischen Ideenspiels zu geben. In "The Sixth Sense" ging es um die delikaten Beziehungen zwischen Lebenden und Toten, in "Unbreakable" nun, noch ein Stück anspruchsvoller, steht der ewige Kampf zwischen Böse und Gut auf dem Programm.
Shyamalan wird als ein Mensch von sanftester Freundlichkeit geschildert, stellt aber in Interviews gern eine geradezu priesterlich-stählerne Selbstgewissheit zur Schau. Als ging es auch für ihn darum, den lieben Gott aus dem Busch zu locken, habe er, so lässt Shyamalan erzählen, "Unbreakable" konzipiert, noch bevor "The Sixth Sense" im August 1999 in die US-Kinos kam - mit ungewissen Chancen, da Shyamalans erster Film für Hollywood ein absoluter Flop gewesen war. Er habe auch schon damals für das neue Projekt als Wunsch-Stars Bruce Willis und Samuel L. Jackson eingeplant und für die Premiere das Thanksgiving-Wochenende 2000 vorgesehen. Und dass all dies wunschgemäß eintraf, von der Zusage der beiden Stars bis zur Einhaltung des Kinostart-Termins, scheint zumindest Shyamalan selbst als Zeichen dafür zu nehmen, dass auf diesem Werk von allerhöchster Bedeutung auch das allerhöchste Wohlwollen ruhe.
Aber irgendwie ist der Film-Zug auf seiner ausgeklügelten Achterbahn vor lauter Raffinement und Perfektionsbesessenheit aus der Kurve geflogen. Der Mystery-Sog (der in "The Sixth Sense" so fabelhaft wirkte) reißt ab; die mit brillanter Dynamik exponierte Geschichte verhakt sich in der Künstlichkeit ihrer Komplikationen; Shyamalans Virtuosität im Umgang mit den höheren filmischen Vexierspielkünsten wendet sich, allzu selbstgefällig zur Schau gestellt, gegen sich selbst und wirkt nur noch prätentiös, weil sie noch das kleinste Detail in einen großen Bedeutungszusammenhang zu heben sucht nach dem Motto: Der liebe Gott wird sich schon was dabei gedacht haben.
Horrorfilme minderer Art bedienen sich, um sich wichtig zu machen, gern aus dem Fundus des Religiösen und besonders des Apokalyptischen, und auch Shyamalan (von Hause aus Hindu, doch katholisch erzogen) hat in "The Sixth Sense" solche Requisiten genutzt. In "Unbreakable" setzt er an die Stelle des Religiösen den Kosmos trivialer Comics, in denen der Kampf zwischen Höllenmächten und Übermenschen tobt: Sein Mr. Price ist ein auf rare Comics spezialisierter, in ihrer Exegese feurig beredsamer Kunsthändler, und Samuel L. Jackson in dieser Rolle lässt sich vom blitzenden Auge bis zum diabolischen Hinken keine Nuance zum Porträt einer wahrhaft abgründigen Figur entgehen.
Mag sein, dass ebendieser allzu blendende Mr. Price den braven Mr. Dunn allzu schwer überschattet und lähmt: So gar kein Lächeln, Augenzwinkern oder Grinsen gestattet Shyamalan seinem Star Bruce Willis, bis der vor lauter Innerlichkeit tranig zu werden beginnt. Wer glaubt, was er glauben soll, wird in der traurigen Gestalt dieses Jedermann einen neuen Superman erkennen, eine allseits ersehnte messianische Figur. Wer aber nicht glauben will, warum der Express # 177 wirklich entgleist ist, wird zum Schluss kommen: Da war ein Autor am Werk, der über Gebühr mit seiner Gottähnlichkeit kokettiert. URS JENNY
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 52/2000
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