DER SPIEGEL



BSE

Verlorenes Vertrauen

Von Neumann, Conny und Pötzl, Norbert F.

Jahrelang haben Politiker Warnungen vor dem Rinderwahn ignoriert. Jetzt verunsichern immer neue Meldungen die Verbraucher. Selbst Bodybuilder-Nahrung könnte gefährlich sein.

Das Kanzlerwort klang wie ein reumütiges Bekenntnis. "Ich gebe doch zu", sagte Gerhard Schröder über die Ausbreitung der Rinderseuche BSE, "wir haben alle nicht aufgepasst."

Schön wäre das, für seine Bundesregierung und für die davor. Denn wo alle nicht aufgepasst haben, wäre so recht keiner schuld. Nur: Was der Kanzler sagt, stimmt in diesem Fall nicht. Fachleute haben sehr wohl aufgepasst und deutlich gewarnt - schon vor Jahren. Immer klarer wird jetzt, wie leichtfertig die Politiker zweier Bundesregierungen die Hinweise beiseite gewischt und sich dem Druck der Agrarindustrie gebeugt haben.

Nun verunsichert eine Horrornachricht nach der anderen die Verbraucher: Nicht nur im Rindfleisch können die Erreger stecken, auch in der Wurst, im Lammbraten, ja selbst im Kraftfutter der Bodybuilder. Doch die Rinderseuche hat sich keineswegs unvermittelt in Deutschland eingeschlichen, wie es jetzt scheint, sondern sie kam mit unerbittlicher Logik, weil alle sparen wollten: die Bauern an kostenintensiver artgerechter Tierhaltung und am Futter, die Schlachter am Entsorgen des von BSE-Erregern besonders befallenen Gehirn- und Nervengewebes, die Verbraucher bei der Schnäppchenjagd an der Fleischtheke.

Nun kommt die Rechnung, und die Deutschen werden noch jahrelang zahlen müssen. Den Anfang machten sechs Bauern, in deren Ställen infizierte Rinder gefunden wurden; ein siebter in Nortrup im Landkreis Osnabrück muss damit rechnen, dass der definitive Befund der Tübinger Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere ebenfalls positiv ausfällt.

Dann stünde der niedersächsische Landwirt ebenso vor den Trümmern seiner beruflichen Existenz wie sein Allgäuer Kollege Josef Feneberg am Tag vor Weihnachten, als seine 84 Rinder notgeschlachtet wurden.

In dem Sulzberger Familienbetrieb hatte sich vorvergangene Woche, drei Wochen nach dem bundesweit ersten BSE-Fall in Schleswig-Holstein, ein Verdacht bestätigt, gleich darauf folgten positiv getestete Schlachtrinder in den Kreisen Cham und Neumarkt in der Oberpfalz. Zudem wurde bekannt, dass schon Anfang November eine Kuh aus dem oberbayerischen Landkreis Weilheim-Schongau getötet worden war, bei der BSE bereits ausgebrochen war - erstmals in Deutschland, falls den amtlichen Angaben noch zu trauen ist. Vorigen Mittwoch schließlich wurde der fünfte BSE-Fall in Bayern gemeldet, eine in Kempten geschlachtete Kuh.

Damit ist für Experten klar: Längst dürfte das Fleisch infizierter Tiere in deutschen Wursttheken gelandet sein. Während in England schon 85 und in Frankreich 3 Menschen an der durch BSE verursachten Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit gestorben sind, stümpern die zuständigen deutschen Politiker immer noch herum - oder gehen auf Tauchstation.

Landwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke (SPD) war vor Weihnachten, als die BSE-Krise in Bayern ihrem Höhepunkt zustrebte, tagelang aus Berlin verschwunden - beim Kabinett hatte er sich mit Grippe abgemeldet. Zuvor hatte er Zeit, in seiner friesischen Heimat an einer Kreistagssitzung mit anschließendem Grünkohlessen teilzunehmen, rauchte wohlgemut seine Zigarre und stänkerte gegen Schröders Forderung nach "Abkehr von den Agrarfabriken": Die Idee eines Ausstiegs aus der hoch technisierten Landwirtschaft sei "weit von der Realität entfernt", sagte Funke in seinem Heimatort Varel.

Die grüne Gesundheitsministerin Andrea Fischer schlingert, je nach eigenem Wissensstand, zwischen voreiligen Entwarnungen und Alarmrufen hin und her. Am Dienstag vor Weihnachten verkündete sie, deutsche Wurst sei sicher - dem EU-Verbraucherkommissar David Byrne unterstellte sie fehlenden Sachverstand, weil der eine dringende Rückholaktion aus den Regalen verlangt hatte.

Am Tag darauf hatte sich Fischer über so genanntes Separatorenfleisch informiert - es besteht aus Fleischresten, die maschinell vom Knochen geschabt und mitsamt Knochensplittern etwa in Billigwurst verarbeitet werden. Flugs korrigierte sie ihren Rat vom Vortag.

Schuld an dem Chaos war die Odyssee eines Briefs, in dem die Bundesanstalt für Fleischforschung (BAFF) in Kulmbach vor der Verwendung von Separatorenfleisch warnte. Der Hinweis wurde am 5. Dezember zur Post gegeben und traf tags darauf im Bundeslandwirtschaftsministerium ein, wo er wiederum einen Tag später vom zuständigen Unterabteilungsleiter abgezeichnet wurde, ehe er im Bermudadreieck der Bürokratie vorübergehend unterging.

Das Schreiben, das zum Zeichen reger Lektüre zahlreiche Beamtenparaphen trägt, kam schließlich am 20. Dezember bei Ministerin Fischer an. Der Brief, kommentierte Funkes Sprecherin Sigrun Neuwerth, sei "wohl nicht mit der gebotenen Eile auf den Weg gebracht worden".

Nicht nur verbummelt, sondern einfach ignoriert hat Fischers Vorgänger Horst Seehofer (CSU) vor vier Jahren einen ähnlichen Brandbrief derselben Bundesanstalt, in dem vor möglicherweise verseuchter Wurst gewarnt wurde. Schon damals, beklagt jetzt der Leiter des BAFF-Instituts für Mikrobiologie und Toxikologie, Manfred Gareis, hätte die christlich-liberale Regierung Kohl Maßnahmen zur BSE-Abwehr ergreifen können und müssen.

Doch Kohls Kabinett dachte gar nicht daran, sich zum Schutz des Verbrauchers mit mächtigen Interessenverbänden anzulegen. Die Bundesregierung hätte spätestens im Herbst 1993 - also zur Zeit des CSU-Ministers Seehofer - auf die BSE-Krise in Großbritannien reagieren müssen, kritisiert nicht etwa ein politischer Gegner des Bayern, sondern ein Parteifreund, der CSU-Bundestagsabgeordnete und Gesundheitsexperte Gerhard Scheu.

Der Grünen-Politiker Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf, Vorsitzender des Agrarausschusses des Europäischen Parlaments, klagt, dass von der EU vorgeschlagene Schutzmaßnahmen von der damaligen Koalition regelrecht "torpediert" worden seien.

Der neuen rot-grünen Regierung, die freilich in der BSE-Politik "auch keine Kehrtwende vollzogen" habe, wie Baringdorf moniert, "fallen die alten Fehler jetzt auf die Füße".

So widersetzte sich vor vier Jahren der damalige Bundeslandwirtschaftsminister Jochen Borchert (CDU) erfolgreich dem Vorschlag der EU-Kommission, BSE-Risikomaterial wie Rinderhirn für die Herstellung von Lebensmitteln und Tierfutter zu verbieten.

Denselben groben Fehler beging die bayerische Gesundheitsministerin Barbara Stamm (CSU) noch im August 2000: Schriftlich forderte sie den Berliner Landwirtschaftsminister Funke auf, "Klage zu erheben" gegen die Verordnung der Brüsseler EU-Kommission, Risikomaterial zu vernichten und so aus der Nahrungskette zu verbannen. Diese - seit Oktober gültige - Vorschrift, schrieb Stamm vor einem halben Jahr, sei eine "unzumutbare Beeinträchtigung" für Bauern und Metzger.

Selbst unter Parteifreunden gibt es jetzt freilich nur noch wenige, die Stamm und ihren Kollegen aus dem Landwirtschaftsressort, Josef Miller, verteidigen wollen. Unter beider Regie wurde in Bayern, wo jedes vierte deutsche Rind gemästet wird, geschlampt, vertuscht und gelogen.

So war im Münchner Landwirtschaftsministerium seit mindestens fünf Jahren bekannt, dass die Hälfte aller Rinderfutter-Stichproben Tiermehlrückstände aus der Produktion enthält. Miller, seit 1998 im Amt, hielt es nicht für nötig, die Züchter zu warnen.

Zwar fand sich in den Proben nur 0,5 Prozent des möglicherweise infektiösen Tiermehls - aber immerhin frisst eine Hochleistungsmilchkuh eine Tonne Kraftfutter im Jahr, möglicherweise also bis zu fünf Kilogramm Kadavermehl. Und 0,1 Gramm infektiösen Materials können schon reichen, um ein Rind anzustecken.

Der Bericht einer EU-Expertenkommission listet allerhand weitere Versäumnisse der verantwortlichen bayerischen Minister auf. Die EU-Fachleute werfen den Bayern vor, jahrelang seien im Freistaat selbst auffällige Tiere nicht immer auf BSE getestet worden.

Wurden Gehirne kranker Tiere eingefroren und in die Labors geschickt, waren sie dort oft nicht mehr verwendbar: 1998 wurden 214 Laborproben eingeschickt, 158 stammten von offensichtlich kranken Kühen. Doch nur 24 Proben konnten untersucht werden, der Rest war verfault oder durch das Einfrieren unbrauchbar geworden.

Auf parlamentarische Anfragen von SPD und Grünen musste der zuständige Referent im Münchner Landwirtschaftsministerium schon 1997 eine weitere Panne einräumen: Ein Drittel des Tiermehls in Bayern wurde bis dahin nicht ausreichend erhitzt, um alle Erreger abzutöten.

Noch im Oktober vergangenen Jahres lehnten die CSU-Mitglieder im Agrarausschuss des bayerischen Landtags konsequenterweise zum wiederholten Mal BSE-Schnelltests bei allen Schlachtrindern ab. Das sei nicht nötig, weil es in Deutschland kein BSE-krankes Rind gebe, argumentierten die Christsozialen.

Wenige Tage später wurde die Kuh "Heidi" in Weilheim-Schongau vom Tierarzt getötet. Sie hatte monatelang mit deutlichen BSE-Symptomen im Stall gestanden, trotzdem sah sich nach der Schlachtung niemand zu einem Schnelltest veranlasst.

Drei Wochen lang wurde das Gehirn des Tieres für eine histologische Untersuchung in Formalin eingelegt. Erst der zweite Test ergab einen Verdacht auf die Seuche, der sich am 19. Dezember bestätigte. Claus Dölling, Mitinhaber der Dölling-Hareico-Fleischwerke im schleswig-holsteinischen Elmshorn, kann angesichts eines 20-prozentigen Umsatzeinbruchs in Rage geraten: "Was Politiker zum Teil äußern", erregt sich der Würstchenhersteller, sei "ein Verbrechen an der ganzen Branche". Dass einige Firmen noch immer Risikomaterial in ihre Würste stopften, sei schließlich von der Politik lange genug erlaubt worden. "Man hätte viel früher mehr Geld in die BSE-Forschung stecken müssen", klagt Dölling. "Stattdessen wurde uns vorgegaukelt, wir lebten auf einer Insel der Glückseligen."

Doch je mehr die Wissenschaftler in Erfahrung bringen, desto schlimmer kann es die Tierproduzenten treffen. Das Berliner Robert-Koch-Institut beispielsweise forderte an Weihnachten, auch alle geschlachteten Schafe einem BSE-Test zu unterziehen. Es bestehe "überhaupt kein Grund anzunehmen, dass Schafe gegen diese Erkrankung gefeit" seien, so Institutsdirektor Reinhard Kurth. Sie hätten schließlich das gleiche Tiermehl im Futter wie Kühe.

Das Institut betreibe "Verunsicherung der Verbraucher durch unkorrekte Behauptungen", konterte umgehend der Vorsitzende der Vereinigung Deutscher Landesschafzuchtverbände, Adolf Mannheims. Mehr als 70 Prozent der Schafe würden in Deutschland auf Grünland weiden, eine Beifütterung mit Tiermehl sei schon aus Kostengründen nicht sinnvoll.

Dass Schafe über das Futter mit BSE infiziert werden könnten, versichert auch der Münchner Neuropathologe Hans Kretzschmar. Ob es "in der Landwirtschaft wirklich passiert ist", weiß er zwar nicht, glaubt aber, dies sei "sehr, sehr wahrscheinlich".

Zumindest in Großbritannien hätten Schafe sehr wohl BSE-verseuchtes Futter bekommen, schrieb das britische Wissenschaftsmagazin "New Scientist" im November. Bei den so infizierten Tieren entstehe eine BSE-Version, die der altbekannten Schafkrankheit Scrapie ähnele. Die Infektion beschränke sich indes nicht wie Scrapie auf Nerven, sondern verteile sich im ganzen Fleisch, so das Magazin.

Auch bei Rindern erscheint es zunehmend fraglich, ob die von Bauernverbandspräsident Gerd Sonnleitner ausgegebene Parole, reines Muskelfleisch sei BSE-frei, noch zu halten ist. Wissenschaftler schließen eine Übertragung auf diese Weise nicht mehr vollkommen aus.

Immerhin lassen sich offenbar im Blut erkrankter Tiere Indikatoren nachweisen, die auf den Erreger hindeuten. Das Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim hat einen neuen BSE-Test zum Patent angemeldet, der die Seuche an lebenden Rindern schon im Blut nachweisen kann - viel schneller also, als es bisher anhand von Hirn- und Nervengewebe toter Tiere möglich ist.

In Verdacht geraten jetzt auch Spezialmittel für Bodybuilder. Manche Eiweißpräparate zum Aufbau der Muskeln, das ahnen viele der Sportler nicht einmal, bestehen hauptsächlich aus Schlachtabfällen. "Da kommt etwas vom Kopf hinein und die Knochen, die Sehnen, das Blut und was weiß ich noch alles", räumt der Wiener Kraftpulverhersteller Wolfgang Peer ("Peeroton") ein. Dass die Bodybuilderpräparate gefährlich seien, will er nicht glauben: "Das wird hochgespielt."

Der Arzt Hans Holdhaus, Leiter eines Instituts für medizinische und sportwissenschaftliche Beratung in Niederösterreich, meint hingegen, bei derartigen Präparaten "kann man nur zur Vorsicht raten, BSE-Gefahr ist keineswegs auszuschließen". Der Begriff "Eiweiß" auf einem Beipackzettel klinge für die Konsumenten harmlos. Die Kennzeichnungsvorschriften müssten dringend verbessert werden, mahnt der Mediziner.

Klare Inhaltsangaben beim Tierfutter fordern inzwischen auch viele Bauern. "Auf jedem Joghurtbecher steht milligrammgenau drauf, was drin ist", klagt ein Landwirt aus Schleswig-Holstein. Bei den Futtermitteln genügt seit Jahren die nichts sagende Angabe "Eiweiß" oder "Stärke", ohne dass die Herkunft dieser Bestandteile näher definiert wird.

Die "Bestimmungen zur Kennzeichnung von Futtermitteln" waren 1978 auf Drängen des Europäischen Verbands der Mischfutterindustrie "harmonisiert" und damit aufgeweicht worden. Viele Bauern wünschen sich jedoch, dass der damals abgeschaffte klare Herkunftsnachweis wieder eingeführt wird.

Wie Atomgegner bis zur folgenschweren Havarie von Tschernobyl wenig Gehör fanden, wurden auch Warnungen vor einer Ausweitung der Rinderseuche BSE jahrelang in den Wind geschlagen. Kritiker, die oft mundtot gemacht worden waren, melden sich jetzt wieder zu Wort.

So sagt der Kieler Zoologie-Professor Sievert Lorenzen, schon 1994 sei der damalige niedersächsische Landwirtschaftsminister Funke informiert worden, dass an BSE erkrankte Import-Rinder auf einem Hof bei Hannover die Seuche vielleicht nicht eingeschleppt, sondern sich womöglich erst in Deutschland infiziert hätten. Funke sei dem Hinweis aber nicht ernsthaft nachgegangen.

Die Tierärztin Margrit Herbst aus dem holsteinischen Bad Bramstedt hatte Anfang der neunziger Jahre 21 BSE-Verdachtsfälle an ihre Kreisverwaltung gemeldet, doch die Behörden blieben untätig. Als Herbst an die Öffentlichkeit ging, wurde sie von ihrem Arbeitgeber, dem Kreis Segeberg, erst strafversetzt, dann wurde ihr fristlos gekündigt. Nach der Entlassung bekam sie keine Anstellung mehr in ihrem Beruf.

Ihre nordfriesische Kollegin Kari Köster-Lösche schlug Alarm, weil in EU-Ländern mit Ausnahme Englands Rindertalg, unter niedrigen Temperaturen gewonnen, zu Babynahrung verarbeitet worden sei. "Selbstverständlich wurde nicht gehandelt", merkt die Veterinärin sarkastisch an.

Köster-Lösche wies 1996 den österreichischen EU-Agrarkommissar Franz Fischler schriftlich auf die Gefahr hin, dass sich Kälber durch so genannte Milchaustauscher mit dem BSE-Erreger infizieren könnten. In der Brühe, die für die Kälbermast verwendet wird, finden sich auch Kadaverfette aus Tierkörperbeseitigungsanstalten. Fischlers Büro habe nicht mal den Eingang ihres Schreibens bestätigt.

Auch der Arzt und SPD-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Wodarg aus Flensburg glaubt, "dass die meisten Rinder nicht durch Tiermehl, sondern vielmehr durch infektiöse Tierfette infiziert wurden und werden".

Bei der Herstellung von Fleischknochenmehl, so Wodarg, seien bis vor kurzem vielfach auch komplette Schädel mit verarbeitet worden. Diese enthalten Knochen- und Rückenmark sowie Gehirn- und Nervensubstanz - mithin große Mengen an Risikomaterial.

"Besonders gravierend" sei, dass das Fleischknochenmehl nicht wie das Tiermehl auf 133 Grad Celsius bei Überdruck, sondern ohne Überdruck nur bis zu 100 Grad erhitzt werde. Wodarg: "Hierdurch wird mit Sicherheit der BSE-Erreger nicht abgetötet."

Wenn aus dieser Masse das Fett für Milchaustauscher abgepresst werde, befinde sich die Mehrzahl der Erreger nicht in der Trockensubstanz, dem Knochenmehl, sondern im Fett, da sich Prionen vor allem im fettreichen Hirn- und Nervengewebe einnisten. Seit Anfang Dezember erst ist die Verwendung von Tierfett deshalb im Milchaustauscher verboten - gegen anfängliche Bedenken von Agrarminister Funke.

Jetzt, da BSE in Deutschland nicht mehr zu leugnen ist, herrscht lautes Wehklagen über geschäftliche Verluste. Der Rindfleischmarkt in Bayern beispielsweise ist binnen weniger Tage zusammengebrochen: Die Zahl der Schlachtungen ging um 70 Prozent zurück, die Bauern erlösen für ein verkauftes Tier 400 Mark weniger als noch vor ein paar Wochen.

Aus Angst vor BSE hätten 40 Prozent der Deutschen ihre Ernährung umgestellt, ermittelte das Meinungsforschungsinstitut Forsa für die Illustrierte "Max". Jeder Zweite verzehre überhaupt kein Rindfleisch mehr, ein knappes Drittel reduziere den Rindfleischkonsum. 6 Prozent der Befragten gaben an, auf Grund der aktuellen Krise Vegetarier geworden zu sein.

Nachdem Österreich bereits vor Weihnachten ein Importverbot für deutsches Rindfleisch verhängt hatte und deutsche Rindfleischprodukte aus belgischen und niederländischen Supermarktregalen geräumt worden waren, will Japan jetzt Rindfleisch vom ganzen Kontinent boykottieren: Mit dem Jahreswechsel tritt ein Importstopp in Kraft, der nicht nur die Einfuhr aus EU-Staaten, sondern auch aus der Schweiz und Liechtenstein untersagt.

Mancher Hersteller greift in dem Klima auch zu kriminellen Methoden, um seine sonst unverkäufliche Ware abzusetzen. Bei Stichproben in Supermärkten entdeckten Kontrolleure "Delikatess Wiener" und "Käsewürstchen", die auf den Etiketten als "rindfleischfrei" ausgewiesen waren - aber sehr wohl Rindfleisch enthielten.

Nur einer gibt sich gelassen: Bauernpräsident Sonnleitner, ein routinierter Gesundbeter, kritisiert "Krakeeler", die die BSE-Krise "für eigene Interessen missbrauchen und sich als Besserwisser in der Öffentlichkeit zu platzieren versuchen". Dies schade der gesamten Landwirtschaft und sei am allerwenigsten geeignet, verlorenes Vertrauen wiederzugewinnen.

Und die Sonnleitners Verband nahe stehende Centrale Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft lässt derzeit bundesweit Spitzenköche für deutsches Rindfleisch werben. Acht Millionen Mark kostet die Imagekampagne für mehr Vertrauen. Das dürfte kaum ausreichen.

CONNY NEUMANN, NORBERT F. PÖTZL


DER SPIEGEL 1/2001
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