DER SPIEGEL



Kanzler mit Reagenzglas

Von Hogrefe, Jürgen und Neubacher, Alexander

Die deutsche Biotech-Branche boomt - ein Argument für die Regierung, dem Beispiel England zu folgen?

Der Kanzler kam heimlich, ganz gegen seine Gewohnheit. Ohne Pressetross huschte Gerhard Schröder im Dezember in einen unscheinbaren Altbau in Berlin-Charlottenburg. Im Heubnerweg 6 residiert das Max-Planck-Institut für molekulare Genetik. Kaum jemand vermutet hier das deutsche Zentrum des weltweit vernetzten Humangenomprojekts, das den Erbcode des Menschen knacken und nutzbar machen soll.

Leicht ratlos, aber hoch interessiert, stand der Bundeskanzler vor Robotern, die Erbmoleküle analysieren, blickte in Kühlschränke mit biochemischem Archivmaterial, stülpte Kittel und Kopfhäubchen über, um Analysematerial in ein Reagenzglas zu pfriemeln.

"Eine ähnliche Revolution wie seinerzeit die Erfindung des Computers", prophezeite Institutsleiter Hans Lehrach dem Kanzler. Darauf bat Schröder den Professor, einen Blick auf ein mitgebrachtes Manuskript zu richten, das er gut eine Woche später in der "Woche" veröffentlichte: "Schaun Sie doch mal, ob das alles so richtig ist."

Die Bio- und Gentechnologie, sagt Schröder, gehöre zu seinen wichtigsten Angelegenheiten in der zweiten Hälfte der Legislaturperiode. Schließlich sei das nicht nur in der rot-grünen Koalition, sondern "in der Gesellschaft ein außerordentlich kontroverses Thema". Die Regierung komme um eine "grundsätzliche Positionsbestimmung" nicht herum.

Schröder, der sich schwierige Sachverhalte lieber im Gespräch aneignet als durch Lektüre dicker Bücher, diskutierte über Monate hinweg mit zwei anerkannten Experten der deutschen Biotechnologie: mit Ernst-Ludwig Winnacker, dem Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft, und mit Detlev Ganten, dem Direktor des Max-Delbrück-Centrums in Berlin-Buch.

Winnacker und Ganten erläuterten dem Kanzler die wissenschaftlichen, aber auch die ökonomischen Zusammenhänge des Wettbewerbs um Bio- und Genpatente. "Wenn wir in Deutschland eine sehr restriktive Regelung bekommen, passiert uns das Gleiche wie in den achtziger Jahren", warnt Ganten. "Damals sind uns die guten Wissenschaftler ausgewandert, ganze Forschungsabteilungen waren abgehängt von der internationalen Entwicklung." Das dürfe nicht noch einmal passieren.

Eher zum Abwarten riet sein Kollege Winnacker. Der Genomforscher hält nichts davon, das in Großbritannien zulässige therapeutische Klonen auch in Deutschland zuzulassen. Allerdings plädiert er dafür, "die Forschung an erwachsenen Stammzellen voranzutreiben". Wenn Deutschland diesen ethisch weniger problematischen Weg erfolgreich gehe, "haben wir sogar einen Exportschlager", so Winnacker.

Noch vor wenigen Jahren galt die Bundesrepublik in der Biotech-Industrie als Land, das den Anschluss verpasst hatte. Das lukrative Geschäft mit den Genen hatten die Amerikaner und Briten scheinbar unter sich aufgeteilt.

Mittlerweile setzten die Gentech-Unternehmer zu einer rasanten Aufholjagd an. Überall im Land entwickelten sich regelrechte Biotech-Valleys: Im Rheinland, in der Region zwischen Darmstadt und Heidelberg, rund um Jena und in Berlin-Buch ballen sich

Dutzende Start-up-Firmen, rund um Martinsried bei München sind es gar über 70.

Meist geht es den fast 500 Biotech-Firmen um die Entwicklung neuer Medikamente, etwa gegen Krebs oder Diabetes. Alles in allem beschäftigt die deutsche Biotech-Branche direkt über 40 000 Mitarbeiter, Tendenz: rasant steigend.

Diese Argumente lassen den Kanzler nicht unbeeindruckt. Schröder, heißt es im Kanzleramt, wolle alle Wege möglichst offen halten, aber vor allem "keine Restriktionen erlassen, die später Chancen verbauen".

Entsprechend strömt der Subventionssegen der Bundesregierung in die deutsche Biotech-Branche. In den Jahren 2000 und 2001, rechnet das Forschungsministerium vor, fließen mehr als 500 Millionen Mark öffentliche Fördermittel in die Genomforschung. Hiermit liege Deutschland, so das Ministerium von Edelgard Bulmahn, im internationalen Vergleich an zweiter Stelle hinter den USA.

Lange kann Schröder seinen Versuch, sich in konkreten Streitfragen nicht festzulegen, nicht mehr durchhalten. Gesundheitsministerin Andrea Fischer will schon im Januar den ersten Entwurf des Fortpflanzungsmedizingesetzes vorlegen. Soll die Untersuchung von Embryonen auf Gendefekte, in Belgien üblich, künftig auch in Deutschland erlaubt werden? Fischer ist strikt dagegen. Eine Selektion von werdendem Leben im Reagenzglas wäre für die gläubige Christin eine "unerträgliche Vorstellung".

Bislang war dies im Parlament nahezu unumstritten. Nur die FDP-Forschungsexpertin Ulrike Flach sprach sich öffentlich dafür aus, Gentests im Reagenzglas nicht kategorisch abzulehnen. Doch Schröders Aufsatz ließ Andrea Fischer aufschrecken. "Diskutiert werden" müsse, so der Kanzler, "ob es für uns Gründe gibt, die in vielen EU-Ländern bereits praktizierte Präimplantationsdiagnostik in Deutschland zuzulassen".

Die Gesundheitsministerin argwöhnt seither: "Wir müssen wohl fürchten, der will das erlauben."

JÜRGEN HOGREFE, ALEXANDER NEUBACHER

* Am 12. Dezember im Ressourcenzentrum des Deutschen Humangenomprojekts beim Max-Planck-Institut in Berlin mit Andrea Fischer und Edelgard Bulmahn, rechts hinten: Professor Detlev Ganten.

DER SPIEGEL 1/2001
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