Von Lakotta, Beate
Kollek, 50, ist Professorin für Technikfolgenabschätzung in der Medizin an der Uni Hamburg und Vorsitzende des Ethik-Beirats des Bundesgesundheitsministeriums. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Frau Kollek, die Entscheidung des britischen Unterhauses, das Klonen menschlicher Embryonen für die medizinische Forschung zu erlauben, sorgt für Empörung. Hat ein Zellhaufen Menschenwürde?
Kollek: Ich würde nicht so weit gehen, ihm die volle Menschenwürde zuzuschreiben. Aber grundsätzlich verdient auch der frühe menschliche Keim Respekt. Man darf Embryonen nicht behandeln wie eine Ware - und auch nicht wie einen tierischen Keim.
SPIEGEL: In Großbritannien argumentierten die Klon-Befürworter, allen voran eine stoffwechselkranke Abgeordnete, ein zehn Tage alter Embryo in der Petrischale sei nicht viel mehr als ein winziges Klümpchen Blut und Gewebe - ohne Nerven, ohne Gehirn, ohne Empfindungen, ohne Bewusstsein.
Kollek: Wer im menschlichen Embryo nur den kleinen Zellhaufen ohne Bewusstsein sieht, missachtet dessen Potenzial, ein Mitglied der menschlichen Gemeinschaft werden zu können.
SPIEGEL: Die Philosophen streiten seit langem darüber, wann der Mensch anfängt. Manche sagen, bei der Befruchtung der Eizelle. Andere meinen, bei der Einnistung des Embryos, bei der Entwicklung des Nervensystems, bei der Geburt - oder sogar erst ein, zwei Jahre danach, wenn sich das Bewusstsein entwickelt.
Kollek: Es gibt einen plausiblen Zeitpunkt, von dem an das volle Potenzial zum Menschwerden gegeben ist: die Verschmelzung von Ei und Samenzelle. Was berechtigt uns, Embryonen im 8-Zell-Stadium von einem Embryo im 128-Zell-Stadium zu unterscheiden - oder von einem Embryo, der gerade mal Extremitätenknospen entwickelt hat? Eigentlich gar nichts. Der Fötus, der schon Ärmchen und Beinchen hat, erscheint uns mehr als Mensch, aber das ist eine rein gefühlsmäßige Sache.
SPIEGEL: Ein Zellhaufen im Reagenzglas gilt in Deutschland als unantastbar, eine Ab-
treibung ist in seltenen Fällen sogar bis zum neunten Monat möglich. Das ist doch ein Widerspruch.
Kollek: Nicht unbedingt. Die Schwangerschaft ist eine einzigartige Situation, bei der das Lebens- und Selbstbestimmungsinteresse der Frau mit dem des entstehenden Lebens in einem Konflikt stehen kann. Dieser Konflikt kann es rechtfertigen, einer Frau eine straffreie Abtreibung zu gestatten, auch wenn späte Abtreibungen ein großes Problem sind.
SPIEGEL: Auch wenn eine Frau mit der Spirale oder der Pille danach dafür sorgt, dass sich ein lebensfähiger Embryo nicht in ihrer Gebärmutter einnistet, existiert dieser Embryo für das Strafgesetzbuch nicht. Sein Altersgenosse im Reagenzglas genießt dagegen verfassungsrechtlichen Schutz.
Kollek: Der Weg, den der Embryo bis in die Gebärmutter hinein zurücklegt, ist in der Tat ein rechtsfreier Raum. Aus einer Situation, in der man ein Abwehrrecht der Frau gegen eine unerwünschte Schwangerschaft klar definieren kann, lassen sich aber meiner Ansicht nach keine Rechte Dritter auf die Benutzung und die Tötung des Embryos ableiten.
SPIEGEL: Ausländische Embryonen genießen keinen derartigen Schutz: Aus ihnen gewonnene Stammzellen dürfen nach Deutschland importiert werden. Ist das nicht pure Heuchelei?
Kollek: Die Stammzellen, die man einführen darf, sind keine Embryonen mehr. Aus ihnen kann kein Mensch werden. Rein rechtlich ist das stichhaltig ...
SPIEGEL: ... es klingt aber verdächtig nach einem juristischen Winkelzug. Schließlich sind die Stammzellen irgendwo auf der Welt aus Embryonen gewonnen worden.
Kollek: Ja, darin liegt tatsächlich eine gewisse Doppelmoral. Den Vorwurf muss man wohl akzeptieren. Deshalb sollte man, anstatt jetzt einen ethisch so problematischen Weg zu beschreiten, erst einmal alle Energien in die unbedenkliche Erforschung der adulten Stammzelllinien stecken, um auf eine vertretbare Weise für die Menschen eine Therapie zu entwickeln.
SPIEGEL: Die Briten haben den Klon-Geist aber schon aus der Flasche gelassen.
Kollek: Einen Ungeist, würde ich sagen. Was in England geschehen ist, leitet einen kompletten Paradigmenwechsel ein. Bislang war die Embryonenforschung nur zugelassen, um die Fortpflanzungsmedizin zu verbessern und Paaren eine Schwangerschaft zu ermöglichen. Ab sofort können Embryonen und die daraus entwickelten Zelllinien aber für weit reichende Interessen Dritter erzeugt und verbraucht werden, etwa für Parkinsonkranke oder Multiple-Sklerose-Patienten. Man kann mit den Zelllinien aus Embryonen Pharmaforschung betreiben, Medikamente testen und Ähnliches.
SPIEGEL: Warum ist es eigentlich so verwerflich, einem Embryo Zellen zu entnehmen? Immerhin geht es nicht um die Erschaffung von klonierten Zombies, sondern um so genanntes therapeutisches Klonen mit dem Ziel der Heilung Schwerstkranker.
Kollek: Schon der Begriff therapeutisches Klonen ist falsch und irreführend. Zum einen wird der Embryo dabei vernichtet. Zum anderen weiß kein Mensch, ob das Verfahren jemals therapeutische Wirkung haben wird. Genau genommen müsste es heißen: "Klonen von Embryonen zu Zwecken der wissenschaftlichen Forschung". Wenn man davon ausgeht, dass Embryonen nicht einfach nur irgendein Zellhäufchen sind, dann verändert sich durch diesen Zugriff auf die Keimzelle auch etwas an unserem Menschenbild.
SPIEGEL: Was zum Beispiel?
Kollek: Es sieht so aus, als sei die Menschenwürde auf einmal teilbar in dem Sinne, dass wir sie in bestimmten Stadien des Menschseins zuerkennen und in anderen nicht. Wenn man das Menschsein von der Anwesenheit bestimmter Fähigkeiten ableitet, öffnet man die Tür für Zugriffe auf andere Gruppen. In den USA wird schon breit diskutiert, ob nicht Komapatienten im Zustand der Bewusstlosigkeit oder Empfindungslosigkeit als Organspender zur Verfügung stehen sollten. Damit betritt man einen gefährlich schrägen Abhang ...
SPIEGEL: ... an dessen Fuß der Klon-Embryo zum Zwecke der Menschenzüchtung steht?
Kollek: Können wir das ausschließen? Noch ist das Klonen zum Erzeugen von Menschen unter anderem durch die Unesco-Deklaration geächtet. Aber es tauchen ja immer wieder Leute auf, die das gern machen wollen.
SPIEGEL: Aber ist das, was beim Verschmelzen einer Eizelle mit der Körperzelle eines Patienten entsteht, überhaupt mit einem natürlich gezeugten Embryo vergleichbar?
Kollek: Das ist eine berechtigte Frage, und niemand kann darauf wirklich eine Antwort geben. Nachdem dieses Klon-Produkt angefangen hat, sich zu teilen, muss man wohl davon ausgehen, dass daraus im Zweifelsfall ein ganzer Mensch entstehen könnte.
SPIEGEL: Die gesamte ethische Kontroverse entzündet sich an diesem vermeintlichen Potenzial. Bislang hat aber noch niemand einen derartigen Zellhaufen in eine Gebärmutter zurückverpflanzt. Es ist doch ungewiss, ob aus einem solchen Klon jemals ein Mensch entstehen kann.
Kollek: Im Tierversuch entsteht zumindest aus einem von etwa 200 Embryonen ein ganzes Tier. Das kann beim Menschen genauso geschehen. Aber selbst wenn nicht, bleiben noch andere Fragen offen. Wo sollen beispielsweise die Eizellen herkommen, die zum Erzeugen der Klone nötig sind? Normalerweise sollten nicht mehr Eizellen erzeugt werden, als zur Herstellung einer Schwangerschaft benötigt werden; denn für die Frau birgt jede hormonelle Überstimulation das Risiko von Schmerzen und Gefahren bis hin zu akutem Leber-Nieren-Versagen, selten sogar bis zum Tod. Auf der anderen Seite stehen die Klon-Interessenten und wollen so viele Eizellen wie möglich haben, damit sie klonen können.
SPIEGEL: Ein geeigneter Nährboden für unmoralische Angebote?
Kollek: Gehen wir mal davon aus, man könnte aus geklonten Embryos transplantierbares Gewebe gewinnen, dann wird durch die Klon-Technologie ein zunehmender Druck auf Frauen entstehen, ihre Eizellen zur Verfügung zu stellen. In England bekommen Frauen bereits einen Preisnachlass auf die Hormonstimulation und die Invitro-Fertilisation, wenn sie Embryonen für die Forschung spenden. Frauen aus der Dritten Welt könnten sich genötigt sehen, Eier zu spenden, um ihre Existenz zu sichern. Das wäre der nächste Schritt zur Kommerzialisierung des weiblichen Körpers.
SPIEGEL: Der amerikanische Pionier der Stammzellforschung, John Gearhart, vertritt den Standpunkt, embryonale Stammzellen seien der wichtigste medizinische Rohstoff des 21. Jahrhunderts.
Kollek: Ich halte diese Euphorie für überzogen. Hier sind massive wirtschaftliche Interessen im Spiel. Die Patentrechte auf die Erzeugung von menschlichen Stammzelllinien aus Embryonen, egal nach welchem Verfahren, liegen alle in der Hand der US-Firma Geron, für die auch Gearhart arbeitet, und ihrer schottischen Tochterfirma. Natürlich wird er das Potenzial dieser Zellen nicht gerade kleinreden.
SPIEGEL: Aber das Machbare weckt immer Begehrlichkeiten. In den USA haben vor kurzem Eltern mit Hilfe von Ärzten ein Baby gezielt gezeugt und selektiert, um mit seinem Nabelschnurblut das Leben seiner krebskranken Schwester zu retten - mit Erfolg: Beide Kinder sind wohlauf. Jetzt haben sich schon viele Elternpaare gemeldet, die das Gleiche für sich fordern.
Kollek: Jeder will gesund sein und gesunde Kinder haben. Aber was bedeutet es für ein Kind, zu dem Zweck gezeugt zu werden, Organ- oder Gewebespender zu sein? Das ist eine Instrumentalisierung, die alles, was bisher denkbar war, überschreitet. Zugleich öffnet sich damit ein unbegrenztes Feld für Ansprüche an Frauen, beispielsweise schwanger zu werden mit Kindern, die als Blutstammzellspender für ihren leukämiekranken Vater dienen könnten. Welche Frau würde sich dem verweigern können? Da geht es dann gar nicht mehr ums Wollen, sondern jemand formuliert einen Anspruch: "Du willst mich sterben lassen, nur weil du nicht mal schwanger werden willst." Als Nächstes werden wir auf jeden zugehen können, der einen vergleichbaren Gewebetyp hat, und sagen können: Du hast die Pflicht, mir eine Niere zu spenden.
SPIEGEL: Aber wer heilt, so heißt es, hat Recht. Wenn sich konkrete Heilungschancen abzeichneten, würden nicht spätestens dann die moralischen Bollwerke zusammenbrechen, die die Klon-Gegner um den Embryo errichtet haben?
Kollek: Vermutlich würde der Papst selbst dann noch argumentieren, dass es Nutzen gibt, für den jeder Preis zu hoch ist. Ich persönlich tue mich schwer mit solcher fundamentalen Auffassung. Ich würde aber sehr genau beziffern wollen, welches der Preis für die Gesellschaft, besonders für die Frau wäre. Und es könnte sein, dass ich ihn selbst dann immer noch zu hoch fände.
SPIEGEL: Frau Kollek, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
DER SPIEGEL 1/2001
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