08.01.2001

„Ich hab gekämpft“

Der Außenminister unter Druck. Joschka Fischer wird von seiner Vergangenheit eingeholt. Hat der grüne Spitzenpolitiker in seinen wilden Frankfurter Jahren nur agitiert, geprügelt und Steine geworfen - oder war da mehr?
Ein weißer Opel Rekord brennt, ein Wagen der Polizei. Schwarzer Rauch steigt auf, ein Mann liegt auf dem Boden, mit schweren Verbrennungen. Er ist Polizist, Kollegen kümmern sich um ihn. Ein Wasserwerfer löscht den Opel.
Vorher gab es Krawall, eine Demonstration der Solidarität für Ulrike Meinhof, die sich am Tag zuvor im Gefängnis von Stuttgart-Stammheim erhängt hat. Schlägereien, dann Molotow-Cocktails, einer fliegt durch das offene Fenster des Polizei-Opels. Es war ein warmer Tag, Frankfurt am Main, 10. Mai 1976.
Ein Vierteljahrhundert später kann dieses Datum über das Schicksal von Joschka Fischer entscheiden. Er hat an der Demo teilgenommen, das gibt er zu. Aber er sagt, dass er mit den Molotow-Cocktails nichts zu tun habe. Die Frage ist, ob das stimmt.
Es läuft ein Ermittlungsverfahren in dieser Sache (Aktenzeichen 61/50/4 Js 546/76). Es geht um versuchten Mord. Bislang gibt es keinen Hinweis, dass Fischer daran beteiligt war. Es gibt aber Leute, die erzählen, am Abend vor der Schlacht habe sich Fi-
scher für den Einsatz von Brandsätzen ausgesprochen.
Und es gibt die Fotos, die zeigen, wie Fischer 1973 auf einen Beamten eingeprügelt hat. Eine Faust im Handschuh, hoch erhoben, bereit, auf einen Polizisten zu krachen - schon am vergangenen Donnerstag, als diese Bilder von "Stern" und Springer-Presse veröffentlicht wurden, stellte sich die Frage nach Fischers Zukunft.
Darf ein Mann, der Steine geworfen und Polizisten geprügelt hat, die Bundesrepublik in aller Welt repräsentieren und den Kanzler vertreten? Eine alte Frage, neu betrachtet vor dem Hintergrund einer erhobenen Faust. In einer Welt der Bildschirme und Bilder ändern Bilder manchmal viel.
Fischer ist misstrauisch. Er sitzt unter einem Bild von Willy Brandt, Anzug, die Lesebrille auf dem Nasenrücken. Was für eine gemeine Frage kommt jetzt, mag er denken. Er lauscht in die Worte, als spüre er nach einer Hinterlist. Aber das Erzählen macht ihm Spaß, die Zeit der Abenteuer. Dann ist er aufgeräumt, munter. Und zwischendurch eine Menge weiße Flecken.
Aufgefrischt wird Fischers Erinnerung an jene Zeit seit dem 17. Oktober 2000. Dies war ein bitterer Tag zunächst für einen anderen Mann: Hans-Joachim Klein. Mehr als 20 Jahre lang hat Klein sich vor diesem Tag gefürchtet - und gehofft, dass er niemals kommen möge.
Seither steht er vor dem Frankfurter Landgericht, weil er am Überfall auf die Opec-Ministerkonferenz in Wien im Dezember 1975 beteiligt war. Die Anklage wirft ihm vor, gemeinsam mit seinen Komplizen drei Menschen ermordet zu haben. Anführer war der Terrorist "Carlos".
Auch Joschka Fischer, Bundesminister des Auswärtigen, ist am 17. Oktober 2000 in Frankfurt. Wenige Stunden, nachdem der Prozess gegen Klein und den Mitangeklagten Rudolf Schindler begonnen hat, hält er die Eröffnungsrede zur 52. Frankfurter Buchmesse.
Zwei Männer, die verschiedener nicht sein könnten. Elegant gekleidet, gewandt im Auftritt und am Ende seiner Rede heftig beklatscht, das ist Fischer. Auf die Anklagebank gekauert, die Gebrochenheit im Gesicht, nach Worten suchend, das ist Klein. Dass die beiden eine gemeinsame Geschichte haben, ist kaum vorstellbar.
Doch Klein und Fischer waren Anfang der siebziger Jahre Brüder im Geiste und manchmal in der Tat: unorthodoxe Linksradikale, die sich in Abgrenzung von straff organisierten kommunistischen Splittergruppen "Spontis" nannten. Wirrköpfe im Kampf gegen die "Praxis des Kapitals", die "reaktionäre Gewalt" des Systems, wie der heutige Vizekanzler 1974 formulierte.
In Frankfurt hieß das in der Regel: Häuser besetzen, Barrikaden bauen, sich mit Polizisten prügeln, Steine werfen.
Über all das soll der Mann, den Klein am zweiten Verhandlungstag als "Freund" und "Vorbild" bezeichnete, am 16. Januar in Saal 165 des Landgerichts Auskunft geben - als Zeuge. So wird am Dienstag der nächsten Woche, wenn nichts dazwischenkommt, ein in der bundesdeutschen Rechtsgeschichte einzigartiges Ereignis wirklich werden: Der Vizekanzler muss vor Gericht erklären, was ihn einst mit einem Gleichaltrigen verband, der später in den Terrorismus abdriftete.
Wolfgang Kraushaar, der am Hamburger Institut für Sozialforschung die Geschichte der Studentenbewegung untersucht, hält Fischer "für eine der zentralen Figuren des linksradikalen Milieus in den siebziger Jahren". Niemand sonst habe Studenten und "Jugendliche aus Erziehungsheimen und linken Lehrlingskollektiven" zu einer so schlagkräftigen Einheit im "Häuserkampf" formen können. Als bildungsbesessener Schlachtersohn, der das Gymnasium ohne Abschluss verlassen und eine Fotografenlehre abgebrochen hat, sei er die "ideale Integrationsfigur" gewesen.
Das große Thema für viele junge Männer und Frauen der Linken zu jener Zeit war die Gewalt. Sie nahmen den Staat, in dem sie lebten, am 2. Juni 1967 zum ersten Mal als offen gewalttätig wahr. Ein Polizist erschoss den Studenten Benno Ohnesorg, Zuschauer einer Demonstration gegen den Schah von Persien in Berlin. Auftakt der Protestwelle, die unter dem Begriff "68" bekannt wurde.
Joschka Fischer erlebte staatliche Gewalt zum ersten Mal 1967, als er in Stuttgart gegen den amerikanischen Kriegseinsatz in Vietnam protestierte. Polizei marschierte auf. Was dann passierte, hat Fischer seiner Biografin Sibylle Krause-Burger so erzählt: "Dann war Polizei da, und dann sind wir in den Schlosshof rein, haben uns hingehockt, und darauf fielen die über uns her. Jeder wurde traitiert und geschnappt ... und getreten, und dann saßen wir da im Polizeigewahrsam."
War das nicht, am eigenen Leib erfahren, der Beweis, dass man in einem Polizeistaat lebte? Einer Fortsetzung der NaziDiktatur in neuem Gewand? War nicht eine Lehre von Auschwitz, dass Widerstand Pflicht ist, sobald sich Ähnliches von neuem abzeichnet?
Im Frühjahr 1968 ging Fischer nach Frankfurt, um Vorlesungen der Theoretiker der neuen Linken, Theodor W. Adorno, Jürgen Habermas und Oskar Negt, zu hören. Revolution war ein großes Wort geworden. Am Ostermontag nahm Fischer gemeinsam mit Edeltraud, seiner ersten Ehefrau, an der Blockade des Springer-Verlags in Frankfurt teil. Die Protestierer wollten die Auslieferung der "Bild"-Zeitung verhindern. Wenige Tage zuvor war Rudi Dutschke in Berlin auf offener Straße von einem rechten Attentäter niedergeschossen worden. Für den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), die ideologische Speerspitze der Protestbewegung an den Hochschulen, und seine Sympathisanten galten die zahllosen Hetzartikel gegen Dutschke und die Studentenrevolte als Auslöser der Tat.
Fischer und seine Frau wurden, wie viele andere, niedergeknüppelt, nur weil sie auf der Straße waren. An diesem Tag beschloss Fischer, wie er später verschiedentlich zu Protokoll gab, "Berufsrevolutionär" zu werden.
Fortan fehlte er bei kaum einer Aktion an der Uni, ganz gleich ob eine Rektoratsbesetzung, die Störung einer Vorlesung oder ein "Teach-in" anstand. Sein Geld verdiente er, so erinnern sich SDS-Veteranen, "durch die partielle Enteignung von Buchhändlern und Verlagen" - er verkaufte geklaute Bücher. Und er las. Wie ein Besessener - Marx, Hegel, griechische Philosophen. In der letzten Ausgabe der SDS-Theoriezeitschrift "Neue Kritik", die im
Februar 1970 erschien, steht er als "Jòska Fischer" unter "Redaktion" im Impressum.
Aber es drängte ihn ebenso in die Praxis. Ende 1969 schloss er sich einer neu gegründeten Organisation an, die sich zunächst Betriebsprojektgruppe nannte, von 1970 an Revolutionärer Kampf (RK).
Dort stieß er auf eine Reihe von Leuten, die seine Karriere lange begleiten sollten, allen voran Daniel Cohn-Bendit, der legendäre Studentenführer der Pariser Mai-Unruhen 1968, der aus Frankreich ausgewiesen worden war und nun in Frankfurt lebte. Auch Tom Koenigs war dabei, später grüner Umweltdezernent und Stadtkämmerer in Frankfurt (siehe Seite 30).
In einem ersten theoretischen Papier ist nachzulesen, was die Leute vom RK am meisten beschäftigte: Wie kann "das Proletariat aus seinem Dornröschenschlaf" erweckt werden.
Von November 1970 an schlichen sich Fischer, Koenigs und andere mit gefälschten Lebensläufen bei Opel ein. Die Leute am Fließband sollten als Erste aufgerüttelt werden, da sie nach Marxscher Theorie besonders entfremdet sind von ihrer Arbeit.
Allerdings konnten die Arbeiter mit den Flugblättern, die ihnen die neuen Kollegen in die Hand drückten, nichts anfangen.
Als Fischer und seine Freunde bei einer Betriebsversammlung 1971 zum Streik aufriefen, wurde ihnen von Funktionären der Gewerkschaft das Mikrofon abgedreht. Die Krawallos wurden entlassen.
Zu diesem Zeitpunkt tobte in Frankfurt und anderen deutschen Städten bereits der "Häuserkampf", keine Revolution, aber eine Revolte. Sie richtete sich gegen Spekulanten, die Altbauten systematisch verrotten ließen, um Abrissgenehmigungen für profitablere Büroneubauten zu bekommen.
Als die Frankfurter Polizei am 29. September 1971 versuchte, ein besetztes Haus im Grüneburgweg zu räumen, leisteten die Besetzer erbittert Widerstand. Oberbürgermeister Walter Möller (SPD) zog seine Räumungsverfügung mit der Bemerkung zurück, die Gesundheit von Polizisten und Protestierern sei zu wichtig, um sie für Spekulanten aufs Spiel zu setzen.
Einer, der auf Seiten der Besetzer gekämpft hat, war Hans-Joachim Klein. Noch 1978, nach seinem Ausstieg aus dem Terrorismus, berichtete er dem SPIEGEL stolz: "Da haben wir hingehauen wie die Kesselflicker."
Nach der Schlacht um den Grüneburgweg wurde der Häuserkampf auch für die Leute vom RK attraktiv. Ein zweiter Versuch in einer Fabrik schien ihnen zu quälend, zu langweilig. Sie waren nicht Revolutionäre der ernsten, der fleißigen Sorte wie ein Rudi Dutschke. Spaß musste schon sein. Und an der Gewalt fanden einige von ihnen eine Menge Spaß, auch Joschka Fischer, der später von der "Verführung der Gewalt" gesprochen hat.
Die Leute vom RK zählten zu der Generation, die viel vom Krieg gehört hat, von den Vätern, von den Großvätern. Beeinflusst haben sie jedoch eher Italo-Western wie "Django" oder "The Good, the Bad and the Ugly". Gut gegen Böse, die Romantik des Kampfes.
Politisch war sie aufgeladen durch Freiheitskämpfe, den Krieg der amerikanischen Kolonien gegen Großbritannien, den Sturm auf die Bastille in Paris, Castros Marsch durch die kubanischen Tabakfelder. So sahen sich Fischer und seine Freunde auch: Kämpfer gegen einen repressiven, gewaltbereiten Staat.
Die andere Komponente waren die Rituale der Männlichkeit. Die Generation von ''68 war die erste, die sich von selbstbewussten Frauen herausgefordert sah. Sie wollten und durften mitreden. Schlagen wurde zum letzten Privileg der Männer.
Schon bald merkten die Frauen im RK, die in einem feministisch orientierten "Weiberrat" organisiert waren, dass sich in der Gruppe etwas verändert hatte. "Plötzlich", erinnert sich Barbara Köster, die heute die Frankfurter Frauenschule leitet, "gab es so etwas wie eine klandestine Struktur, die den RK faktisch spaltete."
Die Jungs verzogen sich an den Wochenenden, ohne zu sagen, wo sie hinwollten. Meist fuhren sie im Autokonvoi in den Taunus. Dort suchten sie sich abgelegene Waldstücke und übten den Kampf: Einkreisen des Gegners, ihn trotz Schild und Knüppel überwältigen, draufschlagen.
Der Männerbund nannte sich "Putzgruppe". Putz war in Frankfurt ein anderes Wort für Randale. Scherzbolde in der Szene behaupteten, es sei eine Abkürzung für "Proletarische Union für Terror und Zerstörung".
Bis zu 40 Mann machten bei der Knüppelgarde mit. Eine förmliche Hierarchie gab es nicht, und trotzdem wurde einer der Kämpfer mehr und mehr zum unumstrittenen Feldkommandanten: Joschka Fischer. "Durch ihn", sagt ein ehemaliges Mitglied der Putzgruppe, "wurde der Kampf ritualisiert und gerann nach und nach zum Selbstzweck."
Der Vizekanzler sieht das alles viel harmloser. "Wir haben im Wald ausprobiert, wie man sich gegen Schilde und Knüppel wehren kann. Das führte zu Verstauchungen und blauen Flecken", sagt er im SPIEGEL-Gespräch (siehe Seite 38).
Immerhin, Fischer hatte seine Rolle gefunden. Bei Debatten stand er meist im Schatten von Cohn-Bendit, im Kampf konnte er ihn übertrumpfen.
Bei den nächsten Hausbesetzungen bot sich den Polizisten ein neues Bild. Die Immobilien wurden von jungen Männern bewacht, die mit Helmen, Knüppeln und einem Schutz für die Genitalien ausgerüstet waren.
Brandgeruch, Sirenen, die gepanzerten Wasserwerfer, der schnelle Wechsel von Angriff und Flucht, schlagen und geschlagen werden - man muss nur die Posen und Gesten jener Tage auf Fotos sehen, um zu wissen, wie großartig sich Fischer offenbar als Krieger gefühlt hat. Die Arme verschränkt, die Muskeln frei, der Wunsch, kühn zu wirken. Fischer hatte schon damals einen Hang zur Stilisierung.
Im März 1973 lief das vom Frankfurter Magistrat verhängte Räumungsmoratorium aus. Als erstes sollte das Haus Nr. 51 im Kettenhofweg gesäubert werden. Als die Polizei anrückt, kommt sie gar nicht erst an das Gebäude heran. Die Putzgruppe demonstriert machtvoll, was sie zuvor in den Taunuswäldern geübt hat.
Es habe ein "nicht gekanntes Ausmaß an Aggressivität und Brutalität" gegeben, heißt es in einem Bericht der Frankfurter Schutzpolizei. "Die Wurfgeschosse waren von solcher Schwere und Größe, dass Lebensgefahr bestand." Bleirohre und scharfes Schneidewerkzeug seien ebenso zum Einsatz gekommen wie mit Schleudern verschossene Glaskugeln, die die Schutzschilde der Polizisten durchschlugen.
Die Fotos und ein Film von einer Demonstration am Rande zeigen, dass der spätere Außenminister der Bundesrepublik und ein Polizist aufeinander zurennen. Fischer stoppt aus vollem Lauf, der Polizist rennt weiter. Beide tragen Helme, der eine dunkel, der andere weiß. Geduckt erwartet Fischer seinen Gegner. Seine Kumpels von der Putzgruppe eilen herbei, darunter Hans-Joachim Klein. Fünf gegen einen.
Sie ringen den Polizisten nieder. Der spätere Außenminister bleibt im Hintergrund, rückt erst vor, als der Gegner überwältigt
ist, dann schlägt er mit der Faust zu, einmal, zweimal, dreimal. Als ein Polizist seinem Kollegen mit vorgehaltener Waffe zur Hilfe eilt, fliehen die Schläger.
Der geschundene Beamte, ausgerechnet ein Mann namens Marx, hat erst jetzt erfahren, dass einst Joschka Fischer sein Gegner war. "Es hat mich schon ein bisschen überrascht, es bekommt ja nicht jeder vom Außenminister eins über die Mütze."
Am Ende der Schlacht im Kettenhofweg blieben 48 Beamte verletzt auf der Strecke. Das Haus wurde nicht geräumt. Eine Woche lang hielten die Besetzer ihre Gegner auch mit Straßenschlachten in der Innenstadt in Atem. Am Ende mussten die Besetzer doch weichen. Aber der RK feierte die Niederlage wie einen Sieg.
Vor allem Fischer hatte Grund zur Freude. Er wird nach den Kettenhof-Krawallen auch nach außen hin zu einer offiziellen Größe des RK. In der Nr. 5/Juni 1973 der Szene-Postille "Wir Wollen Alles" ("WWA") findet sich unter der Rubrik "Kontaktadressen mitarbeitender Gruppen" der Eintrag "Frankfurt: Revolutionärer Kampf c/o Fischer, 6 Frankfurt, Bornheimer Landstraße 64". Auch als Kontaktmann der verbündeten italienischen Gruppe "Lotta Continua" (Der Kampf geht weiter) ist der heutige Außenminister dort aufgeführt.
Er lernt: Gewalt ist ein Mittel, um bekannt zu werden, in der Szene sogar berühmt. Die Leute von der Putzgruppe schauen sich johlend Fernsehbeiträge an, die sie im Einsatz zeigen. Guck mal, der da zuschlägt, bin ich.
Knapp ein Jahr später, im Februar 1974, sollte der seit 1971 besetzte "Block", ein Gebäudekomplex an der Ecke Schumannstraße/Bockenheimer Landstraße, geräumt werden. Er war das Symbol der Bewegung, weshalb Cohn-Bendit auf Flugblättern "Alarmstufe 1" ausrief und den Behörden "eine politischmilitärische Niederlage" prophezeite. Doch diesmal obsiegte die Polizei, nachdem sie die Wachregimenter der Besetzer mit zahllosen Scheinangriffen abgelenkt hatte.
Bei der anschließenden Demonstration am 23. Februar schlug die Putzgruppe zurück. Ein Polizist sagte einem Reporter der Lokalpresse: "Lieber gegen Zuhälter als noch einmal gegen die Polit-Rocker. Sie wollten uns vernichten."
Zwei Beamte, die im Getümmel von ihren Kollegen getrennt worden sind, erwischt es besonders hart. Sie werden von einem 50 Mann starken Trupp umstellt und zusammengedroschen. Am 25. Februar meldete die "Frankfurter Allgemeine", dass die Polizisten bei der Aktion auch entwaffnet wurden.
Kurz danach kursiert in der Szene ein Brief, der von der RK-Hauszeitung "WWA" in Umlauf gebracht wurde. Stolz präsentieren die Genossen Fotos ihrer Beute: einen .38er Smith&Wesson-Revolver und eine Pistole vom Typ Walther P 38. Im Text werden sie als "großkalibrige Mordwaffen" bezeichnet, die "außer Landes zu einer Befreiungsorganisation gebracht worden sind".
Innerhalb der Putzgruppe sei die Sache mit den Waffen, so ein ehemaliger Kämpfer, "zunächst mit Heiterkeit" aufgenommen worden. Die sei jedoch bald einer gewissen Ratlosigkeit gewichen, denn man wusste nicht so recht, wohin mit den Knarren. Fünf Jahre später bekennt sich einer, der helfen konnte: Fischers Partner beim "Bullenklatschen", Hans-Joachim Klein.
In seinem nach dem Ausstieg aus dem Terrorismus veröffentlichten Buch "Rückkehr in die Menschlichkeit" geht er detailliert auf den Fall ein: Die zwei Waffen seien während der Unruhen "in einem der großen Blumentöpfe zwischen Uni-Hauptgebäude und Juridicum" zwischengelagert worden. "Keiner der Enteigner war so verrückt, die während der Straßenschlacht mit sich herumzuschleppen."
Wer die Enteigner sind, lässt er im Dunkeln. Da die Aktion im RK intensiv diskutiert wurde, müsste Fischer halbwegs im Bilde gewesen sein. Doch wen immer man heute aus der alten Garde befragt, die Reaktion ist stets die Gleiche: Schweigen, Erschrecken, ernste Mienen. Jeder will damals gewarnt haben.
Klein sagt, er sei derjenige gewesen, der "die beiden Dinger" eingesammelt habe. Dass er dies aus eigenem Antrieb getan hat und ohne groß damit anzugeben, bezweifeln viele, die ihn von früher kennen.
"Dann verschwanden die beiden Knarren. Nicht zu einer ausländischen Befreiungsbewegung ... sondern die P 38 in mein Depot und die .38er Smith & Wesson bei anderen RZ-Leuten." RZ steht für die Gruppe "Revolutionäre Zellen".
Es gibt noch eine andere Version. Sie stammt von "Carlos" alias Ilich Ramírez Sánchez. Der hat in einem Beitrag für die venezolanische "La Razón" behauptet, in den siebziger Jahren Waffen aus einer von Fischer, Cohn-Bendit und anderen radikalen Linken bewohnten Wohnung in Frankfurt geholt zu haben. Fischer dementiert. "Mit Waffen habe ich nie etwas zu tun gehabt." Cohn-Bendit: "Bei uns waren nie Waffen."
Auch Molotow-Cocktails sollen nicht zum Standardrepertoire der Putzgruppe gehört haben. Das bezweifelt
ein altgedienter Polizist, der auf vielen Frankfurter Demos im Einsatz war. Er will gesehen haben, dass Leute aus Fischers damaligem Umfeld bei mehreren Aktionen Brandsätze geworfen haben.
Der Politologe Wolfgang Kraushaar, ehemaliger Asta-Vorsitzender der Universität Frankfurt, hat vor zwölf Jahren in der Zeitschrift "1999" eine Aktion beschrieben, die in Frankfurt 1975 zu Recht als Beispiel für ein neues Militanzniveau gewertet wurde: den "Sturm auf das spanische Generalkonsulat" am 19. September.
Am Tag zuvor hatte ein spanisches Militärgericht acht Mitglieder der maoistischen Organisation FRAP und zwei Eta-Angehörige zum Tode verurteilt.
200 Kämpfer machen sich deshalb auf den Weg zur Frankfurter Vertretung des Franco-Regimes. Sie sind mit Pudelmützen und Nylonstrümpfen vermummt. Erwartet werden sie von einer Polizeieinheit.
Die erste Reihe der Angreifer schleudert Farbbeutel gegen das Gebäude, die zweite Steine, die dritte Molotow-Cocktails. Ein Mannschaftswagen der Polizei geht in Flammen auf. Einige Beamte ziehen in Panik die Waffen. Gleichzeitig naht Verstärkung aus der Innenstadt. Die Angreifer hindern die Polizisten mit ihren restlichen Brandsätzen am Aussteigen und treten unerkannt den Rückzug an.
Kraushaar verknüpft die Aktion mit der Räumung des Schumann-Blocks im Vorjahr. Damals habe "der Nimbus des RK, linksradikal und erfolgreich zu sein, einen empfindlichen Knacks" bekommen. Eine "militante Eskalationsstrategie", die nicht nur Aufmerksamkeit garantiere, sondern auch "den inneren Zusammenhalt der Aktivisten erheblich stärke", sei der Versuch des RK gewesen, der Gefahr schwindender Bedeutung zu entgehen.
Die Leute vom RK freuten sich über die "generalstabsmäßig geplante hit-and-run-Aktion". Fischer, kolportiert die Szene, sei "in vorderster Front mit dabei" gewesen. Ob als Werfer von Farbbeuteln, Steinen oder Brandsätzen, wird allerdings verschwiegen. Der Außenminister: "Ich hatte weder Steine noch Molotow-Cocktails dabei."
Dass er bei anderer Gelegenheit Steine geworfen hat, räumt er ein, Mollis jedoch nie. Fragt sich, wie groß die Unterschiede sind. Auch wer einen Stein wirft, nimmt in Kauf, dass sein Gegner schwer verletzt wird. Und wenn "generalstabsmäßig" geplant wurde, ist ein Steinewerfer ein Gehilfe für den Molli-Werfer. Ist seine Schuld deshalb geringer?
Die Gewalt eskalierte im Mai 1976, nachdem Ulrike Meinhof im Hochsicherheitstrakt von Stuttgart-Stammheim starb.
9. Mai: In den Nachrichten wird gemeldet, die 41-jährige Ulrike Meinhof sei um 7.34 Uhr von zwei Beamten am Gitter des Fensters hängend gefunden worden.
Für viele radikale Linke ist klar: Meinhof wurde ermordet oder, wie Fischer später formulieren wird, "von der Reaktion in den Tod getrieben, ja im wahrsten Sinne des Wortes vernichtet".
10. Mai: Auf dem Campus der Frankfurter Universität versammeln sich rund 1500 Menschen. Die am Vorabend beschlossene Demonstration wurde verboten. Mehrere Gruppen setzen sich dennoch in Bewegung. Allen ist klar: Eine Konfrontation mit der Polizei ist unvermeidlich. Kurz vor 17 Uhr versuchen einige, sich zu einer Formation zusammenzuschließen, und treffen in der Nähe des Goetheplatzes auf Polizeieinheiten.
Ein Hagel von Steinen und MolotowCocktails ist die Antwort. Kurz zuvor war Polizeihauptkommissar Horst Breunig mit seiner Hundertschaft in der Nähe eingetroffen. In seinem Streifenwagen, einem weißen Opel Rekord, sitzen auch noch Polizeihauptmeister Klaus Krenzer und der damals 23-jährige Polizeiobermeister Jürgen Weber.
Breunig: "Da waren Demonstranten, im Kampf mit Kollegen. Ich stieg mit meinem Kollegen Krenzer aus und signalisierte meiner Hundertschaft absitzen, formieren, vorgehen. In diesem Moment kamen schon die Brandsätze geflogen. Viele. Ich sah sie auf uns zufliegen und dachte noch, mein Gott, Molotow-Cocktails.
Obwohl alles unglaublich schnell ging, habe ich mitbekommen, wie Jürgen Weber, unser Fahrer, versuchte, mit einem Hechtsprung durch die offene Beifahrertür zu entkommen. Tragischerweise blieb er mit den Füßen in den Pedalen hängen. Er fing sofort Feuer."
Fünf, sechs andere Polizisten eilen zu Hilfe. Gemeinsam mit Breunig und Krenzer zerren sie ihren Kollegen aus dem Wagen. Webers Hemd und Hose stehen lichterloh in Flammen. Ein Wasserwerfer rollt heran und löscht den bereits halb ausgebrannten Opel. Den Helfern ist es unterdessen gelungen, die Flammen auf Webers Körper zu ersticken. Zwei Drittel seiner Haut sind verbrannt.
Breunig: "Weber lag mit nacktem Oberkörper auf dem Boden. Irgendwie hatten wir es geschafft, ihm sein Hemd auszuziehen. Als wir versuchten, seine Hose herunterzuziehen, merkten wir, dass sich Haut von den Beinen löste. Sie war mit dem Stoff verschmolzen. Er schrie vor Schmerz und flehte meinen Kollegen an: Klaus, hilf mir; Klaus, erschieß mich; ich halte es nicht mehr aus. Es war grauenvoll."
Minuten später ist ein Rettungswagen zur Stelle. Der lebensgefährlich verletzte Beamte wird in die Spezialklinik für Brandopfer nach Ludwigshafen gebracht. Seine Chancen zu überleben werden als gering eingestuft. Erst nach einer Woche erhalten seine Kollegen die erlösende Nachricht - er ist über den Berg. Jürgen Weber bleibt für sein Leben gezeichnet.
11. Mai: Der hessische Innenminister setzt eine Sonderkommission der Polizei ein. Sie ermittelt wegen "Mordversuchs". An ihrer Spitze steht Staatssekretär Horst Werner. Für Hinweise auf die Täter wird eine Belohnung von 50 000 Mark ausgesetzt, zu diesem Zeitpunkt die höchste, die es je in Hessen gegeben hat.
14. Mai, 5.30 Uhr: Beamte des Mobilen Einsatzkommandos (MEK) dringen zeitgleich in 14 Frankfurter Wohngemeinschaften ein. Dabei werden zwölf Männer und zwei Frauen aus dem Umfeld des RK und der Putzgruppe festgenommen. In den Wohnungen werden außerdem 17 gebrauchsfertige Molotow-Cocktails sichergestellt.
14. Mai, 19 Uhr: In der regionalen Nachrichtensendung des Hessischen Rundfunks treten Polizeipräsident Knut Müller und der ZDF-Fernsehfahnder Eduard Zimmermann auf und bitten die Bevölkerung um Mithilfe. Assistiert von Staatssekretär Werner präsentiert Zimmermann Ausschnitte von Polizeivideos und Fotos von fünf "Terroristen". Sie sollen nicht nur beim Angriff auf das spanische Generalkonsulat dabei gewesen sein, sondern gelten auch im jüngsten Fall als besonders schwer belastet - zwei Studenten, ein Schlosser, ein Elektroingenieur und ein junger Mann mit Bart und Brille, aber ohne Beruf: "der 28-jährige Joseph Martin Fischer".
Offiziell heißt es, ein anonymer Anrufer habe die Polizei auf die Spur der Festgenommenen gebracht. In Wirklichkeit kam der Tipp jedoch von einem Mann, der in der Szene als "Roger" bekannt war und bei einer Reihe militanter Aktionen dabei war.
17. Mai: Mangels Beweisen kommt Fischer frei. Nur der damals 25-jährige Student Gerhard S., in der Szene "Gerard" genannt, muss in Untersuchungshaft. Doch auch er wird nach zehn Tagen entlassen. Genossen, darunter Daniel Cohn-Bendit, haben eine Solidaritätskampagne "Freiheit für Gerard" organisiert.
Bis heute ist kein Täter gefunden. Viele Jahre verstaubte die Ermittlungsakte im Staatsarchiv. Nun liegt sie wieder auf dem Schreibtisch eines Frankfurter Staatsanwalts. "Neue Erkenntnisse", heißt es. Welche das sein sollen, behält die Staatsanwaltschaft für sich. Um Fischer, so viel ist
bekannt, geht es dabei nicht. Es geht nicht nur um die Frage, ob Fischer selbst unter den Werfern der Brandsätze war. Es geht auch darum, ob er andere zum Werfen angestiftet hat. Am Vorabend der Demonstration trafen sich Angehörige der Putzgruppe und anderer militanter Kreise im Stadtteilzentrum von Frankfurt-Bockenheim und berieten über die Strategie.
Christian Schmidt schreibt dazu in seinem Buch "Wir sind die Wahnsinnigen":
"Viele Kämpfer waren wegen des ''Mordes an Ulrike'' äußerst aufgebracht. Eine Mehrheit trat dafür ein, der Polizei eine Schlacht zu liefern, die diese nicht vergessen würde. Auch der Einsatz von ''Mollis'' wurde heftig gefordert.
Dagegen hielten nur wenige bedächtige Genossen. Sie warnten eindringlich, dass die Brandsätze, in die Menschenmengen der Innenstadt geworfen, Fürchterliches anrichten könnten. Vergeblich. Schließlich gab es nur eine Person im ganzen Saal, die das absehbare Desaster hätte abwenden können: der Mann, der die Diskussion leitete, Genosse Joschka Fischer persönlich. Doch der zeigte sich wenig besonnen und setzte sich selbst für die Wunderwaffe ein, mit der man vor dem spanischen Gene-ralkonsulat einen historischen Sieg erzielt hatte."
Der SPIEGEL hat mit einem zweiten Zeugen, der bei der Veranstaltung dabei war, gesprochen. Der erinnert sich anders als Schmidts Informant. Fischer habe sich nicht aktiv für den Einsatz von "Mollis" ausgesprochen, den Heißspornen aber auch nicht widersprochen und das Treffen mit einem lapidaren "Dann sei''s drum" beendet.
Fischer selbst beteuert auf die Frage, ob er ausschließen könne, für Molotow-Cocktails gewesen zu sein: "Das hat nicht meiner Haltung und Überzeugung entsprochen. Insoweit kann ich das ausschließen."
Trotz der schweren Vorwürfe, die Schmidt erhebt, hat Fischer nichts gegen ihn oder das Buch unternommen. Aus Frankfurt hatte er läuten hören, dass eine eidesstattliche Versicherung eines Zeugen vorliege. Der Mann war an jenem Abend im Stadtteilzentrum Bockenheim dabei und hatte zu den Bedächtigen gehört, die gegen "Mollis" argumentierten. Nach Erscheinen des Buchs wurde er in einer Frankfurter Kneipe von einem alten Kämpen aus dem RK-Umfeld mit "Na, du Judas" begrüßt. Seine Antwort: "Habe ich deinen Heiland verraten?"
Horst Breunig, der damals im Polizei-Opel saß, hat Fischer nach Lektüre von Schmidts Buch 1998 einen Brief geschrieben. Er schilderte das bis heute andauernde Leid seines Kollegen Weber und wies Fischer die "moralische Verantwortung" zu.
In dem Brief steht: "Unsere Geschichte hat schon vielfach Menschen die Chance geboten, vom Saulus zum Paulus zu werden. Dieses Recht räume ich auch Ihnen ein. Nur, dazu gehört nach meiner Auffassung, dass man das Unsinnige seines Tuns einsieht, sich dazu bekennt und sich entsprechend verhält. Der Wandel des Outfits - vom Turnschuh zum Nadelstreifen - reicht dazu nicht aus."
Eine Antwort Fischers hat Breunig bis heute nicht erhalten, nicht einmal einen Formbrief seines Büros, der den Eingang des Briefes bestätigt. Daraufhin bat Breunig einen ihm bekannten Grünen-Kommunalpolitiker, mit Fischer über die Sache zu reden. Auch danach meldete sich der Außenminister nicht. Er sagt, der Brief sei "sehr polemisch" gewesen. "Er hat unterstellt, dass ich den Molotow-Cocktail geworfen hätte. Diesen Vorwurf kann ich nicht hinnehmen, das tut mir Leid, bei allem Respekt. Ich übernehme Verantwortung
nur für das, was ich getan habe." Nach den Ereignissen des 10. Mai 1976 hat sich Fischers Haltung geändert. Bei einem Kongress des Sozialistischen Büros auf dem Frankfurter Römerberg, Pfingsten 1976, hielt er eine Rede, in der er sich deutlich wie nie zuvor vom Terrorismus distanziert.
Arm in Arm stand er mit seinen engsten Mitstreitern und sagte, die Demonstranten seien auf dem besten Wege gewesen, "denselben Fehler wie die Stadtguerrilla" zu machen. "Je isolierter wir politisch wurden, desto militärischer wurde unser Widerstand ... desto einfacher war es für die Bullen, uns von Polit-Rockern zu Terroristen umzustempeln. Und auf den Landfriedensbruch die kriminelle Vereinigung und Mordanklage folgen zu lassen ... Gerade weil unsere Solidarität den Genossen im Untergrund gehört, weil wir uns mit ihnen so eng verbunden fühlen, fordern wir sie auf, runterzukommen von ihrer ''bewaffneten Selbstisolation'', die Bomben wegzulegen und die Steine ... wieder aufzunehmen."
Am Ende seiner Rede appelliert Fischer, den bewaffneten Kampf aufzugeben.
Das Verhältnis zwischen Spontis und Terroristen war immer schwierig, ein ständiger Wechsel von Nähe und Distanz. Sie alle kamen aus derselben Ursuppe des Protestes. Christian Schmidt urteilt in seinem Buch: "Joschka und seine Freunde" hätten "sich dem Konzept Stadtguerrilla der RAF bis auf Tuchfühlung genähert".
Als sich der Soziologe Oskar Negt im Juni 1972 nach einer Serie von Bombenanschlägen der RAF mit klaren Worten in der Universität Frankfurt von der damals so genannten "Baader-Meinhof-Gruppe" distanzierte, war es Fischer, der ihm lauthals widersprach. Negt habe mit seiner Rede einen Prozess der Entsolidarisierun g eingeleitet, der sich für die gesamte radikale Linke rächen müsse.
Aber die Spontis hielten in Wahrheit nichts von den Mordanschlägen einer kleinen Elite. Sie schlossen Gewalt nicht aus, wollten aber die Gewalt der Massen mobilisieren. Und sie lebten viel zu gern, vom Todeskult der RAF hielten sie nichts.
Und: Joschka Fischer war immer nur zum Teil Rebell. Ein anderer Teil steckte tief in der Bürgerlichkeit. Er hat früh geheiratet, in der Wohngemeinschaft wurde Ordnung gehalten, man liebte das gute Essen und Trinken, jeden Samstag spielte er zum festen Termin Fußball, zum Auto schaffte sich Fischer einen ADAC-Schutzbrief an.
Er war ein Mann, der an die Sicherheit dachte. Er hat den Polizisten nach der Schlacht um den Kettenhofweg nicht direkt attackiert, sondern gewartet, bis ihn die anderen überwältigt hatten. Dann schlug er zu, um sich gleich wieder zurückzuziehen.
Die Szene sagt viel über Fischer: sich nicht zu sehr exponieren, nur die sichere Sache machen. Sein Leben damals war, als würde er klammheimlich damit rechnen, auch in der bürgerlichen Welt reüssieren zu können, weshalb er die Brücken nie ganz abbrechen wollte.
Peter-Jürgen Boock, einst Terrorist und zu lebenslanger Haft verurteilt, inzwischen auf freiem Fuß, glaubt, dass Fischers Nähe zur Gewalt anderen geholfen hat, wieder eine Brücke zu finden. Man konnte miteinander reden, die Führung der RAF musste sich rechtfertigen, auch gegenüber den eigenen Anhängern. Boock: "Und wer, wenn nicht diese ehemaligen Straßenkämpfer, hätte vertrauenswürdiger Anlaufpunkt für Aussteiger aus dem bewaffneten Kampf sein können?"
Wie nah Fischer selbst der maßlosen Gewalt war, hat er 1977 in dem Aufsatz "Vorstoß in Primitivere Zeiten" beschrieben, verfasst für die Alternativ-Zeitschrift "Autonomie": "Es ist unser und mein dunkelstes Kapitel, ich weiß oder ahne es besser nur, weil ich da selber wahnsinnige Angst vor bestimmten Sachen in mir habe. Bartsch oder Honka sind Extremfälle, aber irgendwo hängt das als Typ in dir drin. Gerade im Zusammenhang mit der Militanz ist das öfters zum Ausbruch gekommen ..." Bartsch und Honka waren Mörder. Der eine brachte Kinder grausam um, der andere Prostituierte.
Fischers Bekenntnis folgte seine erste Metamorphose. Er dankte als Straßenkämpfer ab und wurde Realpolitiker bei den Grünen, erst in Turnschuhen, dann im Dreireiher, erst so richtig grün, dann nur noch staatstragend, erst locker, dann steifnackig, erst dünn, dann dick, dann wieder dünn. So hat er sich ständig gewandelt, bis von Joschka Straßenkämpfer nichts mehr übrig blieb. Aber das täuscht. Denn die Jahre auf dem Frankfurter Pflaster waren für Fischer die hohe Schule der Politik.
Attacke hat er damals gelernt und später im Bundestag perfekt beherrscht. Wie Steinwürfe hagelten seine Zwischenrufe auf die Redner nieder. Und das Sitzfleisch, das er sich in den endlosen Theoriesitzungen des RK ersessen hat, kommt ihm bei den langen Nächten mit den EU-Kollegen sehr zugute.
Auch der raubauzige Ton ist noch der vom Manöver im Taunus. Wenn sich einer der grünen Freunde darüber beschwert, macht sich Fischer über dessen "Glaskinn" lustig - beim ersten Schlag k. o. - Politik als Fortsetzung des Straßenkampfs mit anderen Mitteln.
Geblieben ist auch der Fixpunkt seines Handelns: ein neues Auschwitz verhindern, erst im Kampf gegen den angeblich faschistischen Staat, dann - mit der Staatsmacht im Rücken - Bomben gegen marodierende Serben im Kosovo, Härte gegen Rechtsextremisten.
Nun ist er ein Staatsmann mit Geschichte, aber die versteckt er ganz gern. Viel hat Fischer versucht, um in der Klein-Sache nicht persönlich vor Gericht erscheinen zu müssen. Als Außenminister wollte er zunächst von seinem Recht auf eine kommissarische Vernehmung Gebrauch machen. Ganz diskret, hinter verschlossenen Türen. Im Verfahren wäre dann seine Aussage verlesen worden.
Doch das mochte der Vorsitzende Richter Heinrich Gehrke nicht: "Ich vernehme keinen Außenminister, ich vernehme einen Herrn Fischer." Weil einem Minister das Privileg zusteht, an seinem Dienstort vernommen zu werden, schlug Gehrke einen Ausflug des kompletten Gerichts nach Berlin vor. Ein solches Spektakel wollte Fischer dann doch nicht. Er lenkte ein.
Hans-Joachim Klein erlebte nach seinem Abschied von der Guerrilla eine frühe Variante von Fischers Hang zur Vergangenheitskosmetik. Nachdem ihn die Alternativ-Zeitschrift "Pflasterstrand" wegen seiner Kritik am bewaffneten Kampf von Ex-Genossen als "großmäuligen Angeber und Schwätzer" beschimpft hatte, schrieb er am 2. Dezember 1978 einen Brief an die Redaktion.
"Ja bitte schön Genossen/innen, dann sagt mir doch mal, warum ihr mich zu allen klandestinen Vorbereitungszirkeln geholt habt. Von der supergeheimen Putzgruppe und ihrem noch geheimeren Training ganz zu schweigen. Vorbereitungszirkel also, deren Mitglieder schon damals reichlich Knast bekommen hätten."
Beim "Pflasterstrand", wo Cohn-Bendit und Fischer den Ton angeben, wird diese Passage straff redigiert. In der veröffentlichten Version heißt es nur noch: "Vorbereitungszirkel, die damals leicht hätten kriminalisiert werden können." Die Putzgruppe, ihr Training und das Wort Knast sind auf mirakulöse Weise verschwunden. Cohn-Bendit und seinem Freund Fischer schien zu viel Präzision offenbar gefährlich.
Seiner Biografin, Krause-Burger, antwortete er 1997 auf die Frage, ob er Steine geworfen und geprügelt habe: "Ich hab gar nix, ich hab gekämpft." Die Autorin resigniert: "Mehr ist ihm nicht abzupressen."
Als ein Jahr später Christian Schmidt in seinem Buch eine Fülle von Details aus dem Leben des revolutionären Joschka Fischer präsentierte, erklärte der plötzlich in einem SPIEGEL-Gespräch (32/1998), er habe "nie bestritten", dass er "fast zehn Jahre lang auch unter Einsatz von Gewalt die verfassungsmäßige Ordnung der Bundesrepublik umstürzen wollte".
Vergangene Woche präzisierte er seine Sponti-Karriere ein weiteres Mal. Als ihm Journalisten vom "Stern" die Fotos vom Kettenhofweg beschrieben, räumte er ein, "auch kräftig hingelangt" zu haben und der Polizei entgegengelaufen zu sein. Gefolgt von der Standardformel: "Ich habe da nie etwas verschwiegen." Das ist die übliche Politiker-Taktik: Über unangeneh-
me Dinge nur reden, sobald etwas an die Öffentlichkeit dringt, ansonsten aber schweigen.
Es gibt noch andere Muster der Vergangenheitsbewältigung bei Fischer. Er versucht die Gründe der Gewalt "aus der Zeit heraus" zu erläutern und sagt dann schnell, er wolle, um Gottes willen, nichts rechtfertigen. Und rechtfertigt weiter.
Wenn es um konkrete Gewalttaten geht, wird er allgemein. Dann war Fischer allenfalls ein Vertreter seiner Generation. Geht es um mäßigenden Einfluss, springt plötzlich die Person Joschka Fischer hervor. "Ich", sagt er dann, sonst gern "man".
Das Muster ist bekannt. Fischer hat ganz gut bei der Generation seines Vaters gelernt.
"Es ist nicht der beste, nicht der souveränste und nicht der sympathischste Joschka Fischer, der sich da präsentiert", schreibt Bernd Ulrich zu Fischers Umgang mit seiner Vergangenheit im Berliner "Tagesspiegel".
Insgesamt aber standen in der vergangenen Woche die Zeichen eher auf Versöhnung, abgesehen von ein paar Forderungen nach Rücktritt aus der zweiten Reihe der Union.
Peter Boenisch schrieb in "Bild": "Fischer war, wie er war, und er ist, wie er ist. Heute entscheiden allein seine diplomatischen Ergebnisse und nicht die Bilder aus einer beiderseits gewalttätigen und hasserfüllten Vergangenheit. Und ich weiß, worüber ich rede. ''Bild'' und ich standen in jener Zeit auf der anderen Seite der Barrikade."
Boenisch war Chefredakteur von "Bild", als Leute wie Fischer verhindern wollten, dass die Zeitung ausgeliefert wurde. Da der Außenminister längst in der Springer-Presse nicht mehr den großen Feind sieht, kann nun die Friedenspfeife geraucht werden. Es sei denn, neue, schlimmere Taten des Straßenkämpfers Fischer würden bekannt. DIRK KURBJUWEIT, GUNTHER LATSCH
* Am Donnerstag vergangener Woche auf einer Pressekonferenz in Berlin. * Am Freitag vergangener Woche bei einer Pressekonferenz in Frankfurt. Bild 3: Sponti Klein (l.); Bild 7: Fischer schlägt zu; Bild 8: Die Angreifer treten auf den am Boden liegenden Polizisten ein. Bild 10: Ein Polizist eilt seinem Kollegen mit gezogener Waffe zu Hilfe. * 1975 bei der Wiener Opec-Konferenz. * Am Boden liegend, Ostern 1968 in Frankfurt. * Dritter von oben: Fischer. * Gerhard Schröder und der damalige SPD-Vorsitzende Oskar Lafontaine. * Oben: im Oktober 2000 auf der Expo in Hannover; unten: im März 1983 bei der Sitzblockade vor einem US-Militärdepot in Frankfurt.
Von Dirk Kurbjuweit und Gunther Latsch

DER SPIEGEL 2/2001
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