08.01.2001

HÖRFUNK„In der Nazi-Kneipe wurde es brenzlig“

Reinhard Schneider, 48, über sein Hörfunkfeature „Mein Sohn, der Nazi“, für das der Autor und Regisseur den Alltag einer bayerischen Familie beobachtete. Hauptpersonen: der 17-jährige Skinhead Simon und seine Mutter Susanne.
SPIEGEL: Herr Schneider, Sie haben sich wochenlang in der Familie aufgehalten, bezeichnen die Aufnahmen als "affektgeladen" - waren Sie versucht, Partei zu ergreifen?
Schneider: Für die Beteiligten war ich mit meinem Mikrofon der Neutrale. Wenn es richtig zur Sache ging, habe ich mir eher technische Sorgen gemacht, ob die Aufnahme übersteuert ist. Nazis finde ich dumm und dumpf. Zwischendurch ließ ich mich zu manchen provozierenden Sprüchen hinreißen, die mir fast Prügel eingebracht hätten.
SPIEGEL: Das haben Sie ohne größere Blessuren überlebt?
Schneider: Es wurde brenzlig, als ich mit Simon in einer Nazi-Kneipe war. Ein Fremder hielt mich für einen Zivilfahnder. Da hat ein anderer Radikaler mich beschützt. Durch mein Alter und den gepflegten Kleidungsstil muss ich gewirkt haben wie ein NPD-Funktionär.
SPIEGEL: Haben Sie noch Kontakt zu Simon?
Schneider: Ja. Ich versuche, ihm Perspektiven aufzuzeigen. Simon ist kein typischer Nazi, hätte in seiner aussichtslosen Situation als Jugendlicher ohne Berufsperspektive genauso gut in einer Sekte landen können.
SPIEGEL: Sind die Akteure zufrieden mit dem Ergebnis Ihrer Arbeit?
Schneider: Die Mutter, ja. Simon ist auf mich losgegangen, er werde als Psychopath dargestellt. Dann siegte die Eitelkeit, und er präsentierte die CD stolz seinen Kumpels. Die haben den Inhalt jedoch kaum verstanden, da sie mit Begeisterung nur ihre eigenen Sprüche wahrnehmen.
SPIEGEL: Wie verkraften Sie, dass der Bayerische Rundfunk Ihr Feature ablehnt?
Schneider: Was dahinter steckt, wüsste ich selbst gern. Angeblich hat man dort Schwierigkeiten mit meinen Zwischentexten. Aber da der ORF das Stück am 3. Februar ausstrahlt, werden es die meisten Bayern empfangen können*.
* Weitere Sendetermine: Samstag in SFB, ORB und MDR; kommenden Montag: WDR.

DER SPIEGEL 2/2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 2/2001
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

HÖRFUNK:
„In der Nazi-Kneipe wurde es brenzlig“

  • Brutaler Bandenkrieg in El Salvador: MS13 gegen Barrio18
  • Amateurvideo aus der Sahara: Die Mini-Sandlawine, die nach oben wandert
  • Seit 38 Jahren vermisst: Größte Biene der Welt wieder gesichtet
  • Zahnreinigung unter Wasser: Putzergarnele behandelt Taucher