08.01.2001

BALKANWirtschaftsfaktor erster Ordnung

Die Friedenstruppen im ehemaligen Jugoslawien beleben die Nachfrage nach käuflichem Sex. Die Folge: ein Boom für Kinderstrich und Zwangsprostitution. Die Grünen haben die Gründung von Feldbordellen für die Bundeswehr angeregt.
Einen Tag und fast zwei Nächte im Lada Pick-up von Odessa nach Plowdiw. Eine Strapaze, die man sich nur antut, wenn es das Ziel wert ist - etwa die Hoffnung auf ein besseres Leben im Westen.
Vor einem wellblechgedeckten kleinen Motel am Stadtrand des bulgarischen Provinzkaffs Plowdiw hielt Boris, der Mann, der Ludmilla und ihrer Freundin die Serviermädchenjobs in Athen versprochen hatte, den Wagen an. Sie wurden schon erwartet.
In einem Zimmer im ersten Stock saßen vier Männer in Windjacken und rauchten Zigarren. Boris begrüßte sie per Handschlag. Dann wandte er sich zu den zwei Mädchen und sagte: "Zieht euch aus." Die beiden mussten sich nebeneinander auf einen Tisch stellen und stumm zuhören, wie sie versteigert wurden.
Hure zu sein sei ein harter Job, sagt Ludmilla. Und am härtesten sei er auf dem Balkan. "Was in Albanien, im Kosovo und in Mazedonien Männer mit Frauen machen, ist eine Sünde vor Gott."
Ludmilla wurde von einem Montenegriner ersteigert. Das war für sie - unter den gegebenen Umständen - eine Art Glücksfall. Ihr Zuhälter behandelte sie wie einen wertvollen Besitz, der nicht beschädigt werden durfte. Er hat sie nicht mal vergewaltigt, nachdem er sie gekauft hatte. Albanische Luden gehen im allgemeinen weniger sensibel mit ihrem beweglichen Eigentum um. Ludmilla hat in Bordellen mit Mädchen zusammengearbeitet, denen das Gesicht nach hinten geschlagen wurde, wie es in der Branche genannt wird.
An der Grenzstation versuchte Ludmilla zu fliehen. Sie signalisierte einem Grenzer, dass sie entführt werde. Doch der Mann reagierte nicht. Er fischte die Zehn-Dollar-Note aus dem Pass, den ihr Zuhälter ihm reichte, und winkte sie lächelnd durch nach Mazedonien.
Ludmilla ist eine Frau mit Profil, keine von denen, die sich auf Dauer wie ein Schaf dem Diktat eines Zuhälters unterwerfen. Sie nutzte die Bekanntschaft zu einem Freier, der eine hohe Position bei der Polizei hatte, um abzuspringen.
Inzwischen erscheint Ludmilla schon Mazedonien wie eine Art goldener Westen. Sie arbeitet in einem Hotel in Skopje auf eigene Rechnung - unter dem Schutz ihres Polizisten, der ihr die Loddels vom Hals hält, solange sie nett zu ihm ist.
In Mazedonien ist Prostitution verboten. Trotzdem sind die mazedonischen Puffs ein Wirtschaftsfaktor erster Ordnung. Knapp 50 000 Kfor-Soldaten im Kosovo, in Mazedonien und Albanien sowie rund 7000 Mitarbeiter von internationalen Organisationen, Uno und privaten Hilfswerken, fast alle mit Taschen voller D-Mark und Dollar - das ist für ein armes Land wie Mazedonien ein veritables Konjunkturpotenzial.
Es gibt hier Dörfer, die fast ausschließlich vom Sex-Business leben. In Vrutok bei Gostivar kommt eine Hure auf vier, in Velesta bei Tetovo eine Hure auf drei Einwohner.
Freier in Uniform kommen hauptsächlich aus dem nahen Kosovo herüber. In Mazedonien stehen die meisten Puffs unter einheimischem Management, sie sind deshalb nicht so gefährlich wie die albanischen an den Ausfallstraßen von Pristina und Prizren.
Polizei und Behörden greifen selten in die Schmutzgeschäfte ein. Im Kosovo können die Frauenhändler selbst in den Flüchtlingslagern unbehelligt operieren.
Die Prostitution ist ein florierendes Geschäft. Und sonst floriert seit dem Kosovo-Krieg in Mazedonien fast gar nichts mehr, was Sozialprodukt bringt. Die Preise für Frauen sind abhängig von der schnellen Verfügbarkeit. Weit weg vom Einsatzort, in der Ukraine oder in Moldawien, ist eine Frau für 1000 Mark zu haben. In Skopje zahlen Zuhälter das Vier- bis Fünffache. Bei zwei bis drei Freiern pro Nacht, 10 Prozent Spesen und 20 Prozent Schmiergeld für die Polizei amortisiert sich der Kaufpreis in vier bis sechs Wochen.
Eine 16-jährige Hure namens Sesil hat kurz vor Weihnachten den Branchenfrieden nachhaltig erschüttert. Sesil enthüllte in einem ARD-"Weltspiegel"-Interview, dass sie zwölf Jahre alt war, als sie zum ersten Mal auf den Strich geschickt wurde, und dass sie als 15-Jährige in Tetovo vor allem olivgrüne Jungs von der dort stationierten Nachschubeinheit der Bundeswehr bedient hat. Der "Weltspiegel" wusste auch von einem deutschen Soldaten, der sich - wenngleich mit Abscheu vor sich selbst - dazu bekannte, dass er es in Tetovo mit einer Minderjährigen getrieben hatte.
Der Balkan hat zwar seine eigenen Wertmaßstäbe. Aber Kinderprostitution gilt auch in Mazedonien prinzipiell als schwerer Regelbruch. Nur, die Invasion der Fremden mit den hohen Auslandszulagen hat die alten Maßstäbe erschüttert. Heute sind hier, grob geschätzt, um die 20 Prozent der Freudenmädchen noch nicht volljährig.
Die Polizei reagierte auf den Skandal, indem sie sogleich die Schließung aller einschlägigen Lokale verfügte, die es nach dem Gesetz ja eigentlich gar nicht geben dürfte. Die Concierge im "Kasino Scala" in Skopje hat aber immer noch ein paar Telefonnummern für Freunde des Hauses.
Und auch die Taxifahrer wissen, wo noch Rotlicht brennt. In der schäbigen kleinen Anmachkaschemme im Zentrum von Tetovo zum Beispiel, die zur Straße hin als Handelskontor getarnt ist. In die hinteren Gemächer kommt man nur durch eine Art Schleuse in Gestalt eines winzigen Büros mit einem Schreibtisch und ein paar Aktenregalen.
Der Geschäftsführer ist ein Zuhälter wie aus dem Bilderbuch: obszön tätowierte Unterarme, graue Wolle im offenen Hemdkragen, schweres Gold an den Fingern. An der Bar sitzt ein einsamer Zivilist, der der pickligen Barfrau englische Witze mit dänischem Akzent erzählt. Sonst sei hier abends alles voll, sagt der Manager. Er kann die ganze Aufregung nicht verstehen. "Lasst doch den Boys das bisschen Spaß. 200 Deutschmark für die ganze Nacht, das ist doch fast schon ein Sozialtarif."
Wie die anderen West-Armeen mit den Hormonstaus ihrer Balkan-Korps fertig werden, ist das Geheimnis der Generalstäbe. Das Sujet ist tabu. Bloß nicht darüber reden. Nur von den Franzosen ist bekannt, dass sie gelegentlich Strichmädchen einfliegen lassen, um ihren Soldaten die Trennung von der Familie zu erleichtern.
Keine Frage, die Kommandeure wissen alle, was sich rings um die Standorte abspielt. Im Verfahren gegen Feldwebel Frank Ronghi aus Ohio, der im Kosovo ein elfjähriges Mädchen vergewaltigt und getötet hatte, zitierte die Verteidigung einen Offizier des 504. Fallschirmjägerregiments mit dem Satz: "Was hier stattfindet, ist Apocalypse now." Ein Vorgesetzter von Ronghi habe seinen Soldaten empfohlen: "Wenn ihr Sex mit minderjährigen Prostituierten habt, nehmt mehr Geld mit. Sonst steht eure Aussage gegen ihre."
In Mazedonien und im Kosovo ist es nicht anders als in Bosnien, wo Uno-Blauhelme während des Krieges für eine Packung Zigaretten oder einen Karton Nato-Einsatzverpflegung einen Quickie im Lkw-Cockpit machen konnten. Monica Hauser, die Gründerin der Hilfsorganisation Medica Mondiale, erinnert sich: "Wir wussten von Zwangsbordellen für serbische Soldaten und konnten gleichzeitig beobachten, wie sich serbische Frauen aus purer Not für kanadische Uno-Truppen prostituierten."
Nicht wenige Soldaten bedienten sich auch, ohne dafür zu bezahlen. Die Verfasser des blauen Handbuchs für die Balkan-Truppen der Vereinten Nationen werden ja wohl Gründe dafür gehabt haben, ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass es verboten ist, Frauen zu vergewaltigen.
Berlin fühlt sich durch das Thema nicht alarmiert. Die Anregung der Verteidigungsexpertin der Grünen, Angelika Beer, das deutsche Balkan-Korps - nicht zur Hebung der Truppenmoral, sondern zum Schutz der einheimischen Frauen - mit Bordellen auszustatten, findet die CDU schlicht absurd. Die SPD ist dafür auch nicht zu erwärmen. Ihr Wehrexperte Peter Zumkley erklärte, es sei "nicht notwendig, dass Soldaten Bordelle aufsuchen, weder im Ausland noch hier". In einer Bundestagsdebatte soll nächste Woche in Berlin geklärt werden, ob dieser Standpunkt mehrheitsfähig ist.
Der Presseoffizier im Bundeswehr-Camp in Tetovo führt den Besucher in ein großes Zelt, in dem "Betreuungsmaßnahmen zur Durchführung gelangen", wie es im Presseoffiziersjargon heißt. Die Landser haben sich mit Bordmitteln eine Bar und ein paar Tische und Bänke gezimmert. "Hier können die Soldaten in ihrer Freizeit essen und trinken, mit den Kameraden gute Gespräche führen." Und sicher auch kalt duschen.
Soldaten und Kinderprostitution? Kein Thema in Tetovo. Regimentsamtlich ist zu erfahren, die Soldaten hätten zwar einmal die Woche das Recht auf Ausgang (in Begleitung eines Vorgesetzten), sie würden davon aber selten Gebrauch machen, weil es ihnen eben an nichts fehle.
Oberfeldwebel Jörg Künzelmann und Obergefreiter Marcel Drobela, die als Barkeeper im Kneipenzelt eingeteilt sind, hätten dazu sicher noch eine ganze Menge zu sagen. Aber bevor sie sich äußern können, springt der Presseoffizier dazwischen: "Wir haben der Pressemitteilung des Herrn Bundesverteidigungsministers nichts hinzuzufügen." Als ob die zwei Soldaten verraten könnten, was hier ohnehin jeder weiß. ERICH WIEDEMANN
Von Erich Wiedemann

DER SPIEGEL 2/2001
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