08.01.2001

AUTORENAgnes im Wunderland

Aus der Provinz kommt ein neuer Ton in die deutsche Literatur: Silvia Szymanski schreibt in ihrem zweiten Roman auf tollkühne Art über Kinder, Lust und Liebe. Von Volker Hage
Was macht ein künstlerisch begabtes Mädchen, das mitten in der Provinz aufwächst, am westlichen Rand der Republik, in der Nähe von Aachen, unweit der holländischen Grenze? Die Schülerin Silvia möchte zunächst Malerin werden, dann Musikerin. Mit 15, 16 - Anfang der siebziger Jahre - begeistert sie sich für Bands, deren Auftritte sie in einer Musikkneipe erlebt.
Natürlich verliebt sie sich in einen Musiker, einen Bassisten, der ihr Henry Miller und Anaïs Nin zum Lesen empfiehlt. Sie beginnt, regelmäßig Tagebuch zu schreiben, möchte auch Schriftstellerin sein und gründet ihre eigene Gruppe: Silvie and the Awacs (nach den Nato-Flugzeugen, die dort irgendwo stationiert sind). Sie schreibt die Texte und singt. Es ist die Zeit der Neuen Deutschen Welle.
Fast sieht es so aus, als stelle sich der Erfolg für Silvia Szymanski schon schnell ein: Nach wenigen Auftritten ihrer Band winkt ein Plattenvertrag. Doch es kommt nur zur Einspielung einer einzigen Platte, dann zerstreitet sich die Band hoffnungslos, wirft sich untereinander Unprofessionalität vor - vor allem ihr, der Bandgründerin: Sie könne gar nicht singen, heißt es.
Sie ist weiter auf der Suche. Auch nach so interessanten Künstlertypen, wie es sie damals im fernen Paris gegeben haben muss. Sie will etwas ausprobieren, sie fragt sich, wo in ihrem Freundeskreis sich ein Henry Miller versteckt hält. Doch zunächst steht das Studium an, im nahen Aachen, mit dem nahe liegenden Ziel: Lehramt - sie belegt Germanistik und Kunst.
Nach zwei Semestern bricht sie das Studium ab, geht lieber spazieren und in die Mensa. Als sie das nach einer Weile daheim auf dem Dorf den Eltern beichtet, sagen die nur: "Dann musst du aber arbeiten gehen." So kommt die Ex-Studentin Szymanski zur chemischen Reinigung: Sie arbeitet dort tagsüber, spielt abends zusammen mit ihrer neuen, noch erfolgloseren Band, die sie "Weltstars" nennt - und beginnt mit Anfang 20, ihren ersten Roman zu schreiben, ganz aus dem Leben heraus, so wie es ihre Vorbilder eben auch gemacht haben.
Sie traut sich nicht, das Manuskript einem Verlag zu schicken. Das wird sie erst viel später tun, nachdem sie noch zehn lange Jahre in einer Musikkneipe an der Theke gearbeitet, in einem Büro der Uni und als Babysitterin gejobbt, eine dritte Gruppe (The Me-Janes) gegründet und deren Auflösung erlebt hat.
Der Literaturwettbewerb einer Frauenzeitschrift gibt den entscheidenden Impuls, das alte Manuskript noch einmal vorzunehmen. Heute ist Silvia Szymanski, 42, froh, sich daran beteiligt zu haben: "Ich bin mit Abstand noch einmal in die Ich-Figur hineingeschlüpft", sagt sie. "Es war alles viel zu persönlich, zu direkt, ich habe viel gestrichen." Sie bekommt zwar keinen Preis, aber die nötige Ermutigung, ihr Manuskript herumzuschicken.
Wieder gibt es gerade eine neue deutsche Welle, nun literarischer Natur: Bei den Verlagen hat sich herumgesprochen, dass auch Texte in deutscher Sprache etwas taugen und verkäuflich sein können - erzählerischer Nachwuchs ist wieder gefragt, Silvia Szymanski erhält sofort zwei Angebote.
Ihr Debütroman "Chemische Reinigung" erscheint 1998: fast versteckt im Taschenbuchformat (bei Reclam in Leipzig), dennoch wird die eigenwillige Qualität der Prosa schnell erkannt. Und diesmal bleibt es nicht bei dem einen Vertrag. Inzwischen gibt es zwei weitere Bücher (beide bei Hoffmann und Campe): den Erzählungsband "Kein Sex mit Mike" und unlängst den zweiten Roman "Agnes Sobierajski"*.
Die "Schonungslosigkeit" der Autorin wurde gleich beim Erstling gerühmt, ebenso die "mädchenhafte Leichtigkeit" und - nach einem Auftritt beim Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt 1998 - auch die "wunderbar gelungene Mischung aus Alltags- und Selbstbeobachtung, voller Witz, Melancholie und Wut".
Alles richtig. Nur hat Silvia Szymanski, die "Rocklady" ("Prinz"), die "Madame Bovary vom Niederrhein" ("Die Tageszeitung"), noch mehr zu bieten und etwas Seltenes dazu: Sie kann staunen. Sie ist eine Erzählerin, die sich Wahrnehmungen gestattet und zu Papier bringt, die die meisten Schriftsteller heute als naiv abtun und sich unverzüglich wegzensieren würden - und die doch seit eh und je ins Reich der Literatur gehören.
"Wieder ein Tag auf der Erde, unauslotbar tief, ich lebte ihn, so gut ich konnte, aber es gelang mir nicht, die Zeit anzuhalten, um ihn genau zu sehen." Das ist die Stimme der jungen Frau mit dem polnisch klingenden Namen Agnes Sobierajski aus dem gleichnamigen Roman: Sie hat keine feste Arbeit, weiß nicht recht, was sie will, und verdient sich ihr Geld mit Jobs als Babysitterin, die ihr eine Agentur vermittelt.
Die ideale Heldin, um den Alltag der kleinen Leute in und um Aachen (das hier nur A. heißt) zu erkunden. Leicht kommt sie nun in die Wohnungen hinein, an denen
sie früher "neugierig vorbeispaziert" ist und in deren "erleuchtete Fenster" sie geguckt hat. "Theaterszenen im All: der Mann im Unterhemd mit der Bratpfanne am Herd. Die Frau mit dem Bügeleisen. Jedes Leben anders und unendlich tief."
Das ist keine Ironie, die liegt der Ich-Erzählerin völlig fern, ebenso wie jede Art von Überlegenheitsgefühl. Sie steht nicht über den Dingen, sondern mittendrin, fast möchte man sagen: unten drunter. Sie schaut mit weit geöffneten Augen und Sinnen. Für Agnes ist überall Wunderland - noch in der schlichtesten Hütte: "Alles ist von Aldi, Urban, Penny-Markt und Möbelwelt und riecht zusammen mit der alten Wäsche und den Putzmitteln, etwas daran schneidet mir ins Herz."
Auch die vielen Kinder und Babys, mit denen sie ihre Stunden verbringt, Tanja und Mike, Björn und Silke, Jimmi, Alexander, Karina und wie sie alle heißen, auch die sind Gegenstand einer fast ethnologischen Betrachtungsweise, fremde Wesen, die Agnes immer wieder verblüffen können, wie die fünfjährige Mia, die kleine Esoterikerin, die davon überzeugt ist, gutes Wetter machen zu können. "Und wer macht das schlechte?", fragt die Babysitterin. "Der Wetterbericht", sagt Mia.
Agnes wird von Formulierungen und Sätzen, die sie im Bus oder auf der Straße hört, geradezu angesprungen. Zwei Mädchen nennen einen Jungen "Wixer" - "und Wixer verpisste sich mit seinem Skateboard und fickte sich selbst, wie die Mädchen es ihm nahe gelegt hatten". Sie kann dem, was sie sieht und hört, nicht entkommen. Sie selbst zischt einem Mann, der im Vorbeigehen "ts-ts" macht, böse ein "Vergiss es!" zu und staunt, "dass ich das so rüberbringen konnte wie ein Girlie".
Eigentlich nämlich mag Agnes die Männer. Das ist für sie das größte Wunderland überhaupt: Liebe und Sexus, die Annäherung, die Vereinigung zweier fremder Wesen. "Es ist eigentlich nur etwas für Götter, die so was ertragen können", findet sie. "Wir Menschen machen uns doch nur verrückt damit."
Aber gerade darum muss es immer wieder sein, denn Agnes weiß: "Ich werde verrückt, wenn ich das Wilde in mir nicht leben kann" - wenn da nicht die Angst vor Aids wäre und die Warnung der "tausend toten Tanten" in ihr vor den Männern ("Die haben Messer, und sie sind verrückt, die kennen keine Gnade").
Und muss es ausgerechnet Sex mit dem unzuverlässigen Mustafa sein? Dessen Geschäfte und Herkunft so undurchsichtig sind? Der immer wieder verschwindet? Aber er ist so wunderbar anschmiegsam und kann Liebe machen, dass Agnes alle Ängste vergisst; sie lässt sich treiben, lässt sich antreiben und treibt selbst an, oral, anal, ganz egal: Hauptsache, sie ist ihm nah und hebt mit ihm gemeinsam ab. Es ist bemerkenswert, mit wie viel Mut, Geschick und Anschaulichkeit die Autorin Szymanski solche Szenen hinbekommt.
Und auch hier wieder mit staunendem Augenaufschlag, ganz wie einst Henry Miller über den Sexus gesagt hat: "Der größere Teil bleibt, wenigstens für mich, geheimnisvoll und unbekannt, möglicherweise für immer unergründlich." Oder wie es später sein Landsmann John Updike formulierte: "Es kam mir in jungen Jahren geradezu verblüffend vor, dass es so etwas wirklich geben sollte, dass zwei Menschen das miteinander tun konnten."
Das eben unterscheidet die aus solchem Geist geschriebene Literatur von Pornografie, in der stets alles wie selbstverständlich und mechanisch gelingt: Die Unsicherheiten, Ängste und Sehnsüchte bleiben spürbar - selbst wo ein Loblied auf die Sexualität gesungen und manches praktiziert wird, "das ich meiner Frauengruppe nicht würde erzählen dürfen" (wie es in einer der Erzählungen aus dem Band "Kein Sex mit Mike" heißt).
Die Kunst und Kunstfertigkeit dieser Prosa kann man leicht unterschätzen - wie ihren autobiografischen Anteil überschätzen. Der saloppe Ton spielt mit der Sprache des beschriebenen Milieus. Silvia Szymanski kann so noch einmal eine rührende Liebesgeschichte schreiben (wie die zwischen Agnes und Mustafa), deren Ausgang am Ende offen bleibt - und die sich gegen Schluss traumhaft verwebt mit dem Schicksal von Agnes'' Vater, der von Alzheimer niedergeworfen wird und stirbt, oder auch mit dem Leben der beiden alten Frauen, Tante und Oma, die nur noch bitten: "Herrgottchen, nimm mich doch zu dir."
Der Roman "Agnes Sobierajski" ist, wie die beiden Bücher zuvor auch, ein funkelndes Stück Prosa: voller Gegenwart, auch Geistesgegenwart. Vergesst den Großstadtroman! Hier, in der Provinz, ist genug über das Leben zu erfahren.
Silvia Szymanski lebt heute außerhalb von Herzogenrath, am äußersten Rand einer Siedlung, mit der weiten Welt verbunden vor allem durchs Internet (gelegentlich taucht ihr Name in literarischen Dikussionsforen auf). Immer noch singt sie regelmäßig in einer Gruppe, die nun Tortuga Jazz heißt und in der auch ihr Freund, der Bassist aus Gymnasialzeiten, mitspielt.
Mit ihm wohnt sie im Haus ihrer Oma mütterlicherseits - die Großmutter väterlicherseits dagegen lieh der jüngsten Romanheldin den Namen: Die wahre Agnes Sobierajski, Wahrsagerin und Kartenlegerin, kam zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts aus Polen nach Deutschland.
Silvia Szymanski kümmert sich beim Schreiben nicht um das, was die Leute in ihrer Umgebung für richtig oder falsch halten. "Wenn man es nur konsequent macht, wird man auch nicht dermaßen verletzt." So macht sie sich selbst Mut.
Gelegentlich lässt sie sich von der Fachhochschule in Aachen als Aktmodell anheuern: "Da darf man auch keine Unsicherheit aufkommen lassen, sonst wird es peinlich für alle. Nacktsein kann auch ein Kleid sein."
In dem Buch freilich, an dem sie arbeitet, wird es wenig um Nacktes und Erotisches gehen. Von Kindheit soll die Rede sein, von Geschichten aus der Heimatgegend, die die alten Leute hier erzählen. "Ich habe alles gesagt, was ich über Sexualität weiß", behauptet sie. "Da müsste ich dann erst noch mehr erfahren." Und dann lacht sie so munter und ausgelassen wie Agnes, ihre Heldin.
* Silvia Szymanski: "Kein Sex mit Mike". 192 Seiten; 24 Mark. "Agnes Sobierajski". 240 Seiten; 34,90 Mark. Beide Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg.
Von Volker Hage

DER SPIEGEL 2/2001
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