15.01.2001

KIRCHE

Mir kann nichts passieren

Von Wensierski, Peter

Ein Bischof probt den Aufstand gegen Rom. Trotz päpstlichen Verbots stellt der Limburger Oberhirte Franz Kamphaus weiterhin abtreibungswilligen Schwangeren den Beratungsschein aus. Kamphaus sieht sich nicht als Rebell, sondern als Gewissenstäter.

Als sein Name fällt, bricht spontaner Beifall los. Bischof Franz Kamphaus hatte lediglich eine Predigt zu Ehren seines aus dem Amt scheidenden Trierer Confraters Hermann Josef Spital, 75, gehalten. Doch die am Dreikönigstag in der einstigen römischen Kaiserstadt versammelten kirchlichen Würdenträger aus Eifel, Pfalz und Saarland spendeten ihrem Gast so heftigen Applaus, als wollten sie schon im Voraus Solidarität zeigen - in einem Konflikt, der noch gar nicht ausgebrochen ist.

Die demonstrative Rückendeckung ist für den Limburger Oberhirten derzeit nicht selbstverständlich: Kamphaus hat sich als einziger Bischof in Deutschland dem Befehl des Papstes verweigert, aus der staatlichen Schwangerenkonfliktberatung auszusteigen. In seinem Sprengel stellen die katholischen Beratungsstellen auf Verlangen der Frau weiterhin jenen Schein aus, ohne den sie nicht straffrei abtreiben kann. "Solange es keine überzeugende Alternative gibt", betont der Dissident, "bleiben wir auch dabei."

Die Rebellion des Kirchenfürsten ist nicht nur höchst ärgerlich für seinen obersten Dienstherrn im Vatikan, sie kompromittiert auch die übrigen 26 deutschen Diözesanbischöfe. Nach dreijährigem Krach haben sie sich im vergangenen November einhellig dem Verdikt des Papstes gebeugt - eine stattliche Zahl von ihnen wider eigene Einsicht.

Im deutschen Episkopat ist Kamphaus seither ein einsamer Mann. Einen wie ihn, der das eigene Gewissen stur über die Dienstanweisung aus Rom stellt, hat es mehr als 100 Jahre nicht mehr gegeben, seit anno 1871 der Rottenburger Bischof Carl Joseph von Hefele gegen das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit rebelliert hat.

Was treibt den 68-jährigen, leicht gebrechlich wirkenden Westfalen aus der Kleinstadt Lüdinghausen, sich gegen den amtskirchlichen Mainstream zu stellen - und dabei Amt und Bischofsmitra zu riskieren?

Über seine Motivation schweigt Kamphaus in der Öffentlichkeit beharrlich. Unter vier Augen beteuert er, er sei viel zu katholisch, um die Gemeinschaft mit dem Papst in Frage zu stellen, ihm gehe es allein um die betroffenen Frauen, die in ihrer seelischen Not die Kirche nicht allein lassen dürfe. Kamphaus ist fest überzeugt: "Mir kann nichts passieren, ich fühle mich so fest auf dem Boden der Kirche - diesen Boden könnte mir Gott selbst nur unter den Füssen wegziehen."

Die große Mehrzahl seiner Schäflein weiß der Limburger Hirte hinter sich. Bald 19 Jahre ist Kamphaus im Amt, 700 000 Katholiken umfasst sein Sprengel. Die meisten kennen ihn zumindest von Angesicht. Kamphaus hat jede der 368 Pfarreien seiner Diözese mindestens dreimal besucht.

Oft sieht man ihn auch in den Suppenküchen Frankfurts und bei den Obdachlosentreffs am Mainufer, in den Flüchtlingsbaracken am Flughafen oder bei von Abschiebung bedrohten Familien, die in Kirchen vorläufigen Unterschlupf gefunden haben. Kamphaus ist ein strikter Befürworter des so genannten Kirchenasyls.

Aber auch unter Frankfurter Bankern kennt er sich aus. Die laden ihn regelmäßig zu Gesprächen ein. Die Gastgeber verstört er gelegentlich mit Sprüchen im Geist seines Namenspatrons Franz von Assisi, etwa: "Man ist frei, wenn man wenig hat."

Kamphaus selbst lebt in einer karg möblierten Zwei-Raum-Wohnung des Limburger Priesterseminars, seine Bischofsresidenz hat er jahrelang einer Flüchtlingsfamilie aus Eritrea überlassen, derzeit wird das Haus von der Kirche anderweitig genutzt. Selten nimmt er Chauffeur und Dienstwagen, meist kutschiert er seinen elf Jahre alten Opel Kadett selbst. Auch auf die Hälfte seines Gehalts verzichtet er: Statt der rund 13 000 Mark, die ihm als Bischof zustehen, begnügt er sich mit dem Salär eines Pfarrers (6500 Mark). Und selbst das ist ihm offenbar zu hoch: "Ich brauche so viel gar nicht."

Auf den Touren durch seine Diözese hat Kamphaus sich vor Ort auch über jene Problematik ein Bild verschafft, die ihn jetzt in Konflikt mit seinem Chef Johannes Paul II. zu bringen droht. Im vergangenen Jahr besuchte er alle elf katholischen Schwangerenberatungsstellen zwischen Frankfurt und Montabaur. Er redete nicht nur mit den Beraterinnen, sondern auch mit abtreibungswilligen Frauen, auf die er dort traf - Menschen "mit ganz verwickelten chaotischen Lebensgeschichten, denen ich in normalen kirchlichen Zusammenhängen nie begegnet wäre". Kamphaus: "Ich bin selten so unmittelbar armen Menschen begegnet wie im Gespräch mit diesen Frauen. Ich wollte nicht weiter über sie reden und Entscheidungen treffen, ohne mit ihnen gesprochen und einen unmittelbaren Einblick in ihre Situation erhalten zu haben."

Nur wenige seiner zölibatären Amtsbrüder haben sich so direkt in der Sache engagiert wie Kamphaus. Seine Erkenntnis: Kaum eine Frau komme leichtfertig in die kirchliche Schwangerenkonfliktberatung. Niemand hole dort sich mal eben eine "Lizenz zum Töten" ab. Das böse Wort stammt von dem im vergangenen Jahr verstorbenen Fuldaer Erzbischof Johannes Dyba.

Das vom Vatikan erlassene Schein-Verbot geht nach Kamphaus'' Ansicht an den Betroffenen vorbei: Es löse "die Frage nicht, wie den in einen Konflikt geratenen Schwangeren wirklich zu helfen ist, damit sie ihren Kindern das Leben schenken".

Seine Überzeugungen hat der ehemalige Professor für Predigtlehre an der Universität Münster unter dem Motto "Wir lassen Sie nicht allein" umgesetzt: Für die "Aktion Konfliktberatung" sammelte er eine Million Mark an Spenden. Mit dem Geld unterstützt die Aktion in Not geratene Mütter.

Der fromme Gottesmann versteckt seinen religiösen Impetus nicht: Meditieren und Beten, sagt er, habe ihm bei seiner Entscheidung geholfen, lieber den hilfsbe-

dürftigen Frauen beizustehen, als dem Papst zu gehorchen. Die geistliche Nachhilfe beginnt jeden Morgen kurz nach fünf mit einer Atem-Meditation in einem "Raum der Stille". Im Heiligen Jahr 2000 pilgerte der Asket auf den Spuren des Ordensgründers Franz zwei Wochen zu Fuß von Assisi nach Rom.

Kamphaus bekennt, er sei gern Bischof. Er ist entgegen umlaufenden Gerüchten weder amtsmüde noch schwer krank. Seine manchmal unsicher wirkende Stimme sei kein Anzeichen von Parkinson, beteuert er, und gelegentliches Kopfschütteln rühre von altersbedingtem Tremor her. Beides beeinträchtige keineswegs seine Arbeitskraft.

Dem Vatikan käme vermutlich eine Krankheit sehr gelegen, um den renitenten Oberhirten ohne großes Aufsehen in den verdienten Ruhestand abzuschieben. Als Erstes könnte Rom ihm einen Koadjutor zur Seite geben, der faktisch die Leitung der Diözese übernimmt.

Vorerst aber hat der Limburger Bischof Schonfrist: Die päpstliche Kurie ist erst einmal damit ausgelastet, das Heilige Jahr auszuwerten. Und den obersten katholischen Glaubenswächter, Kardinal Joseph Ratzinger, der den Ausstieg der deutschen Bischöfe aus der Schwangerenkonfliktberatung beim Papst durchgedrückt hat, plagen derzeit andere Sorgen: Der Kardinal muss die Wogen glätten, die er mit seiner unfreundlichen Verlautbarung "Dominus Iesus" über die anderen christlichen Kirchen selbst hochgepeitscht hat.

Außerdem käme ein neuerlicher, unkalkulierbarer Konflikt mit der deutschen Kirche auch Johannes Paul II. höchst ungelegen: Er würde die Schlussphase seines Pontifikats mit unangenehmen Schlagzeilen überschatten. "Rom ist im Regieren klüger, als man gemeinhin denkt", hofft zumindest der Vorsitzende der Bischofskonferenz, der Mainzer Karl Lehmann, ein Kamphaus-Freund.

Kamphaus selbst hat Johannes Paul II. seine Demission schon vor Jahresfrist angeboten. "Wenn Sie meinen, dass ich unter diesen Bedingungen nicht mehr Bischof von Limburg sein kann, müssen Sie mir das sagen", ließ er den Papst bei einem persönlichen Gespräch schon im Dezember 1999 wissen. Der Heilige Vater nickte nur, was er dachte, behielt er für sich.

Auch beim Pilgerbesuch von Kamphaus im Heiligen Jahr in Rom bekam der aufmüpfige Deutsche nur Milde und Wohlwollen zu spüren. Bei einem Privatissimum in den Gemächern des Pontifex maximus habe Christi Stellvertreter nur gute Worte für die Pilger gehabt, berichtet der Oberhirte - "und für den Bischof von Limburg einen kräftigen Händedruck", so einer seiner Begleiter.

Dass dem ein Fußtritt folgt, kann sich in Limburg keiner vorstellen.

PETER WENSIERSKI

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Frauen in Not

will der Limburger Oberhirte Franz Kamphaus, 68, als einziger der 27 deutschen katholischen Diözesanbischöfe auch künftig im Rahmen der staatlichen Schwangerenkonfliktberatung den Schein ausstellen, der die Abtreibung erlaubt. In den anderen Bistümern übernimmt der private Verein "Donum vitae" diese Aufgabe. "Donum vitae" wird von prominenten Katholiken, darunter Politiker wie Norbert Blüm und zahlreiche Geistliche, unterstützt.

* Beim Schließen der Heiligen Pforte im Petersdom zum Ende des Heiligen Jahres am 6. Januar.

DER SPIEGEL 3/2001
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