15.01.2001

TURKMENISTANStalins Disneyland

Goldene Statuen, Jubelparaden, Heldenlieder: Der Personenkult in Turkmenistan hat absurde Ausmaße angenommen. Doch die USA, Russland und China hofieren den Diktator Turkmenbaschi: Sein Reich schwimmt auf Erdgas - und ist ein Schlüssel für Zentralasien. Von Erich Follath
Wo ist Turkmenbaschi, der "Führer aller Turkmenen"? Wo steckt die "Sonne unserer Herzen", der "einzige Nationalheld", wie seine anderen Ehrentitel lauten? Einerseits ist er überall. Andererseits nirgends - und das macht eine Menge Menschen sehr nervös.
Die Fahrt vom Turkmenbaschi-Airport der Hauptstadt Aschgabad führt über den Turkmenbaschi-Highway. Vorbei an der Abzweigung nach Turkmenbaschi, wie jetzt nach einer Präsidentenverfügung der größte Hafen am Kaspischen Meer heißt (zu Sowjetzeiten Krasnowodsk).
Im Zentrum von Aschgabad grüßt Turkmenistans Staatschef auf Lebenszeit von unzähligen mannshohen Plakaten. Mal weise lächelnd an der Universität, mal streng blickend am Verteidigungsministerium, mal gütig winkend am Krankenhaus. Er ist bei der Baumwollernte zu sehen, vor Erdgasleitungen, im Kreise seiner Militärs. 248 Porträtvarianten hängen in der Hauptstadt, erzählt ein Abteilungsleiter für Information.
Auch das staatliche Fernsehen ist alles andere als eine Turkmenbaschi-freie Zone. Täglich werden Ansprachen des Führers gezeigt, Betriebseinweihungen, Inspektionstouren. Sollten die Zuschauer zweifeln, welchen Sender sie eingeschaltet haben: 24 Stunden am Tag ist oben am Bildschirm ein kleines Präsidenten-Konterfei eingeblendet. Nun aber werden nur Konserven ausgestrahlt. Turkmenbaschi, der Allgegenwärtige, ist verschwunden.
Wie verschluckt vom Erdboden, jetzt schon drei Tage. Kein turkmenischer Offizieller hat ihn gesehen, kein Botschafter mit ihm gesprochen. Der Präsident, der auch sein eigener Premier ist, macht so etwas manchmal - und dann steigt das Fieber in Aschgabad, der "Stadt der Liebe".
Denn wenn Turkmenbaschi von seinen Exerzitien zurückkehrt, schleudert er oft Blitze von Zorn. Entlässt Kabinettsmitglieder vor laufenden TV-Kameras - neulich beschimpfte er den Energieminister als "ewig betrunken", die Bildungsministerin als "stinkfaul". Oder ruft auf zur Hatz gegen Andersdenkende. Was hat Turkmenbaschi jetzt wieder vor?
Diplomaten tuscheln in der "John''s Bar". Ausländische Geschäftsleute rätseln beim einzigen Italiener von Aschgabad im Hotel "Nissa", das einst dem Präsidentensohn gehörte, bevor er es in einem Spielcasino von Rom verlor und vom Papa außer Landes verbannt wurde. Turkmenische Spitzenbeamte versammeln sich seufzend in einem der billigen Cafés am 75 Meter hohen Neutralitätsdenkmal in der Stadtmitte. Turkmenbaschi thront im Zenit dieses Triumphbogens, der mit seinen drei spitz zulaufenden Pfeilern aussieht wie eine Raketenstartrampe. Die vergoldete Statue des Präsidenten misst zwölf Meter Länge und verschlang allein für den Außenputz 26 Kilogramm Edelmetall. Sie dreht sich innerhalb eines Tages automatisch um die eigene Achse. Immer der Sonne nach, die der Führer seinem Volk mit ausgestreckten Armen als Geschenk zu präsentieren scheint.
Es ist nicht das einzige güldene Ebenbild des turkmenischen Sonnenkönigs. Erst vor wenigen Wochen wurde ein neues Unabhängigkeitsdenkmal am Stadtrand eingeweiht. 58 Millionen Dollar soll der Prachtbau in Form einer Pyramide gekostet haben, vor deren grandiosem Eingang ein weiterer überlebensgroß glitzernder Turkmenbaschi steht. Und goldene Büsten des Herrschers sind ebenso Legion wie Goldwappen und Jubelbücher mit Goldschnitt.
Der Führer verewigt auf den meisten Briefmarken, auf allen Geldscheinen, in fast jedem Liedtext: Turkmenistans Personenkult ist unübertroffen. Stalin müsste sich grämen, Mao verzweifeln, Kim Il Sung sich vor Neid im Grabe herumdrehen, sähen sie, was heute technologisch in Sachen Selbstbeweihräucherung so alles möglich ist. Kein Computer wird verkauft ohne Software mit Führer-Sprüchen; eine CD mit Turkmenbaschi-Songs führt unangefochten die Hitparade an.
Turkmenistan ist bombastisch, bizarr, eine Mischung aus Archipel Gulag und Absurdistan - aber alles andere als eine unbedeutende Bananenrepublik.
Der zentralasiatische Staat, um ein Drittel größer als Deutschland und nur von etwa 4,4 Millionen Menschen bewohnt, liegt an der Schnittstelle einer strategisch höchst wichtigen Region zwischen Russland, Iran und China. Hier schlug sich einst Alexander der Große durch. Hier führte die legendäre Seidenstraße über Wüsten und Berge, und die Menschen schufen im 11. Jahrhundert mit Merw eine der schönsten Städte - die Ruinen nahe Mary, von den Horden des Dschingis Khan zurückgelassen, gehören zum Weltkulturerbe.
Hier spielten Briten, Russen und Türken mit Armeen und Agenten im 19. und 20. Jahrhundert ihr "Great Game" um politische Einfluss-Sphären. Immer wieder allerdings widersetzten sich die Nomadenstämme, schlugen die Besatzer in die Flucht - auch die Sowjetmacht, die sich nach der Eroberung von Aschgabad im Jahr 1919 noch bis 1936 mit Aufständen der Bevölkerung konfrontiert sah.
Wirklich wichtig war und ist Turkmenistan wegen seiner Bodenschätze. Der Wüstenstaat, seit dem Zusammenbruch der UdSSR 1991 unabhängig, sitzt auf einer gigantischen Blase von Erdgas und Erdöl. Wer diesen Reichtum ausbeuten und weiterbefördern kann, verfügt über enorme Macht. "Was der Balkan in den Neunzigern war, könnte das Gebiet ums Kaspische Meer für die erste Dekade des 21. Jahrhunderts werden", sagt der amerikanische Historiker Robert D. Kaplan. "Eine explosive Region, die alle großen Mächte in einen Konflikt hineinzieht."
Und so gehört Turkmenbaschi trotz seines diktatorischen Gehabes und seiner Exzentrik zu den umworbensten Politikern der Welt. 1998 rollte US-Präsident Bill Clinton für ihn in Washington den roten Teppich aus. Ende Mai 2000 wählte Russlands Staatschef Wladimir Putin als Ziel seiner ersten Auslandsreise Turkmenistan. Chinas Jiang Zemin, Pakistans Musharraf, Irans Chatami: Sie alle machten in Aschgabad ihre Aufwartung. Sie sprachen von Pipelines und günstigen Konditionen, umschmeichelten den Turkmenen-Führer.
Der stellte allen alles in Aussicht, gab aber wenig aus der Hand - gleich einem Basari, der gelernt hat, Kunden gegeneinander auszuspielen. Blieb unberechenbar, unsichtbar. Wie jetzt schon drei Tage.
Vierter Tag in Aschgabad. Der Studentenführer K. hat sich nach langem Zögern zu einem Treffen bereit erklärt. Konspirativ versteht sich, nachts, unter dem letzten übrig gebliebenen der einst zwei Dutzend Lenin-Denkmäler. Turkmenbaschi duldet keine fremden Götter neben sich, und auch das kleine Monument im Park hat wohl nur wegen seines hohen Sockels mit turkmenischen Nationalmotiven überlebt: Lenin fehlt sozusagen die Basis - er wirkt eingegrenzt, fast eingemeindet.
Es ist schwer, in Turkmenistan einen Regimegegner zu treffen. Eine Opposition gibt es nicht. Im Oktober 1990 wurde der Führer mit 98,3 Prozent der Stimmen gewählt. Seither war es nie mehr so knapp - im Jahr 1992 etwa ließ er sich mit 99,5 Prozent im Amt bestätigen; im Dezember 1999 votierte das Parlament einstimmig gegen jede Begrenzung von Turkmenbaschis Amtszeit.
"Hier gibt es viele ungeklärte Verkehrsunfälle", sagt K. Nur gelegentlich bemüht die Staatsmacht auch die Gerichte. Im Fe-
bruar wurde Nurberdy Nurmamedow von
der verbotenen Freiheitsbewegung Agsybirlik wegen "Aufruhrs" zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Kein Journalist wagte über die Hintergründe zu berichten. Keiner getraut sich, die religiöse Unterdrückung anzuprangern, zumal die Mullahs wegen ihrer Privilegien stillhalten: Außer dem Islam (über 80 Prozent der Turkmenen sind sunnitische Muslime) ist nur die russisch-orthodoxe Kirche zugelassen. Armenische Christen dürfen keine eigenen Gottesdienste abhalten.
"Alle träumen vom großen Geschäft mit Turkmenistan", sagt der Regimegegner bitter, "und deshalb schauen sie zur Seite." Die Helsinki-Föderation für Menschenrechte nannte Turkmenistan kürzlich das "repressivste Mitgliedsland der OSZE" - seit 1992 nämlich gehört der Turkmenbaschi-Staat der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa an. Damit hat er sich zur Einhaltung demokratischer Spielregeln verpflichtet.
Gelegentliche lauwarme Proteste von OSZE-Gesandten wischt Turkmenbaschi weg. Saparmurad Nijasow, wie er eigentlich heißt, hielt nie etwas von Gewaltenteilung. Er ist ein Kind der Sowjetunion. 1940 geboren, 1962 Eintritt in die KPdSU, 1986 Vollmitglied des Zentralkomitees der Partei in Moskau. Ein Apparatschik und Atheist, der jede Kurve kriegt.
Er verurteilte gleich nach der Unabhängigkeitserklärung seine russischen ZK-Genossen, sie hätten Turkmenistan wie eine Kolonie ausgebeutet (was stimmt). Seine nicht unbedeutende Rolle dabei aber verschwieg er - und pilgerte nach Mekka. Der neugeborene Muslim kehrte mit einer Milliardenhilfe der saudischen Regierung heim. Er nutzte das Geld für goldene Statuen, war aber klug genug, einen Teil für die Ruhigstellung seines Volkes abzuzweigen: Wasser, Elektrizität und Gas erhalten die Bürger seither kostenlos.
Wo Turkmenbaschi sich derzeit aufhält - auch der Regimekritiker hat keine Ahnung. "Mich interessiert wenig, wo er ist, solange er nicht weiß, wo ich bin", sagt K. und verschwindet in der Nacht. Lautlos, heimlich, so wie er gekommen ist.
Fünfter Tag in Aschgabad. Seitbay Kandymow, 49, rinnt der Schweiß in Bächen herunter. An der Heizung im Haus Nummer 22 an der Bitarap Türkmenistan Köçesi kann es nicht liegen; die hat er sowieso niedrig eingestellt, und draußen sind Minusgrade. Es ist Angstschweiß, der da aus seinen Poren tritt. Kandymow hat zwar einen guten Job - aber es fragt sich doch sehr, wie lange noch.
Kandymow ist Chef der Zentralbank Turkmenistans. Sein Präsident verlangt den reibungslosen Austausch sämtlicher Geldscheine des Landes, der Manat-1000er, der Manat-5000er, der Manat-10 000er. Auf allen ist der Führer mit einem Porträt aus den neunziger Jahren abgebildet. Aber so gefällt er sich nicht mehr, denn deutlich ist überall sein ergrautes Haar zu sehen. Jetzt aber leuchtet Turkmenbaschis voller Schopf wieder schwarz. Pechschwarz.
Eine offizielle Erklärung für die wundersame Verjüngung gibt es nicht. Palastnahe Informanten wollen von einem chinesischen Wunderheiler wissen. Andere verweisen auf den schönen neuen Salon, in den der türkische Coiffeur des Präsidenten kürzlich eingezogen ist. Turkmenbaschi jedenfalls hat seine jüdische Frau mit der gemeinsamen Tochter nach Moskau verbannt. Er erlebt seinen zweiten Frühling. Er will attraktiv sein. Er möchte sich nur mehr schwarzhaarig sehen.
Das brachte schon ein Problem bei den 248 unterschiedlichen Turkmenbaschi-Porträts mit sich, die in seiner früheren Grauphase fotografiert waren. Die Stadtverwaltung holte die Bilder herunter. Und weil es unpraktisch gewesen wäre, den Staatschef überall neu abzulichten - vor dem Traktor, bei den Pipelines, in den Baumwollfeldern -, wurden sie retuschiert. Fast alle alten Bücher wurden eingestampft oder eingeschwärzt.
Der Zentralbankchef steht vor einer weit größeren Herausforderung als die Plakatauswechsler. Mit dem Vernichten der Noten wäre ja nichts gewonnen; man müsste die alten Scheine mit den neu gedruckten für einige Wochen parallel im Verkehr lassen. Will der Führer das wirklich? Oder ärgert er sich womöglich schwarz über den einsetzenden Spott? Noch schwärzer? Fragen über Fragen - und Turkmenbaschi ist incomunicado. Der Zentralbankchef lässt die Türen hinter sich schließen und verfügt für seine Mitarbeiter eine Informationssperre.
Abends gegen 19 Uhr Ortszeit bebt die Erde, 90 Sekunden lang. Die turkmenischen Medien schweigen die Naturkatastrophe tot. Russische Zeitungen, die in Aschgabad nicht verkauft werden dürfen, sprechen später von einem Dutzend Toten in der 300 Kilometer entfernten Stadt Kasandschik im Westen des Landes. Auch RTL meldet das Beben - der deutsche Sender ist in Aschgabads Hotel "Grand Turkmen" gut zu empfangen.
An der Informationspolitik hat sich hier seit 1948 offenbar grundsätzlich nichts geändert: Am 6. Oktober jenes Jahres erschütterte ein Megabeben der Stärke neun die Hauptstadt. Damals starben über 100 000 Menschen, auch Turkmenbaschis Mutter. Stalin wollte keine Beobachter, keine Hilfe - er leugnete die Katastrophe.
Sechster Tag in Aschgabad. Außenminister Batur Berdijew gilt als eine Art Ziehsohn des Führers, oder vielleicht sollte man besser sagen: als Liebling der Saison. Denn die Halbwertzeit der Mitglieder im Kabinett beträgt derzeit weniger als ein Jahr. Turkmenbaschi hält es mit hire and fire; keiner soll sich seiner Position zu sicher sein oder gar eine eigene Machtbasis aufbauen können. Wenn der Staatschef seinen Außen offensichtlich mag, liegt es wohl auch daran, dass der in den sechs Monaten seiner bisherigen Amtszeit keine Gelegenheit bot, den Zorn des Chefs zu erregen.
Berdijew, 40, schwärmt von Mozartkugeln, dem Hotel Sacher und kann den Walzer linksherum tanzen: Der Außenminister war vor seiner Ernennung sechs Jahre Botschafter in Österreich. Wenn ihn die Zeit im Westen weltoffener gemacht hat, verbirgt er es beim Interview geschickt - oder er ist einfach nur sehr vorsichtig.
Fast jeder seiner Sätze beginnt mit "unser weiser Führer hat gesagt". Turkmenbaschi ist demnach der Erfinder eines einzigartigen Konzepts - dem der "positiven Neutralität", kombiniert mit "nationaler Autarkie". Mit allen Nachbarn habe Turkmenistan gute Verbindungen, selbst mit den radikalen Taliban in Afghanistan; von keinem Staat lasse es sich in die Abhängigkeit treiben. "Es ist noch lange nicht erwiesen, wer wen nötiger braucht: Sie uns oder wir Sie", war Turkmenbaschis Toast für Staatsgast Putin. Um sich zur Not vollständig von der Welt abwenden zu können, lässt der Herrscher jetzt überall auf den kargen Böden Weizen anbauen.
Turkmenistan geht beim Export seiner Rohstoffe äußerst vorsichtig vor - und verzichtet auf Milliarden. Gegenwärtig fließt das Erdgas nur in geringen Mengen, ausschließlich nach Russland und Iran. Weit mehr könnte gefördert und Richtung Westen transportiert werden, vor allem über eine von Washington propagierte Pipeline durch das Kaspische Meer Richtung Türkei.
Doch Turkmenbaschi verzögerte immer wieder seine Unterschrift. Jetzt hat sich seine Verhandlungsposition entscheidend geschwächt: Aserbaidschan entdeckte 1999 riesige Erdgasfelder, in Regionen, die teilweise auch Turkmenistan für sich beansprucht. Die "positive Neutralität" droht in einen hässlichen Konflikt zu münden.
Opernball-Fan Berdijew gehört nicht zu den zehn Vizepremiers, die Anspruch auf einen Mercedes 500 als Dienstwagen haben und muss sich mit einem schlichten 320er begnügen. Er darf Turkmenbaschi nicht wie sein entlassener, aber als "Chefberater" wieder gut gelittener Vorgänger zu Rennen der edlen Achal-Teke-Pferde begleiten. Andererseits ist Berdijew bei den im Fernsehen übertragenen Kabinettssitzungen noch nie so zusammengefaltet worden wie andere Minister, die jede Kritik im Stehen mitschreiben müssen.
Kein Wunder, dass alle überlegen, wie sie Turkmenbaschi eine Freude machen können. Zum Beispiel in Bersengi: Einer Fata Morgana gleich taucht das neue Viertel mit seinen Prachtbauten aus der Wüste.
Als Erstes hat das Finanzministerium von seinem Etat dem Führer ein Gästehaus gebaut; alle anderen Ministerien folgten nach - mit immer phantastischeren Konstruktionen von Türmchen und Erkerchen: ein bisschen Versailles, viel Neuschwanstein. Jetzt gibt es über 20 Gästehäuser. "Stalins Disneyland" nennen Diplomaten dieses bizarre Bersengi. Die Anbiederung brachte keinem Vorteile. Als das letzte Ministerium fertig gebaut hatte, verfügte Turkmenbaschi, dass ihm künftig Ausgaben über 25 000 Dollar persönlich vorzulegen seien und zog alle Einzeletats an sich.
Die Nacht bricht herein. Und immer noch keine Spur vom "Führer aller Turkmenen", der "Sonne unserer Herzen".
Siebter Tag in Aschgabad. Endlich: Audienz beim Präsidenten - an der Seite des russischen Sondergesandten und ehemaligen Schachweltmeisters Anatolij Karpow sowie eines Bulgarisch sprechenden Amerikaners, der sich als Professor aus Connecticut vorstellt. Blaulicht vor und hinter dem 600er Mercedes. Uniformierte verneigen sich. Am marmornen Präsidentenpalast weichen automatisch schwere Eisengitter zur Seite, Wachen salutieren. Der Blick ist frei ins Innere der Macht.
An Marmorsäulen vorbei führt ein Treppenaufgang à la Hollywood hinauf in den ersten Stock. Blutrote Teppiche. Noch eine Tür und ein Türwächter. Und dann steht er da, der Herrscher aller Turkmenen. Mit einem breiten Grinsen, festem Händedruck. Der Diamant an seiner Rechten muss zu den Top-Karätern der Welt gehören, der Saphir an seiner Linken zu den kostbarsten.
Der US-Professor überreicht Turkmenbaschi den Ehrendoktorhut der Universität Bridgeport "für seine Verdienste um die Kunst". Gesponsert von der CIA? Der russische Ex-Schachweltmeister, seit jeher für seine guten Beziehungen zum Moskauer Establishment bekannt, macht Turkmenbaschi zum Ehrenvorsitzenden seiner karitativen Vereinigung. Gesponsert von der Nachfolgeorganisation des KGB?
Jedenfalls ist der Staatschef gerührt, Tränen schimmern in den Augen des sonst so Hartherzigen. "Die Deutschen brauchen mir nichts zu schenken. Sie sind meine besonderen Freunde", sagt er zum SPIEGEL. Der Münchner Professor Hans Meisner hat dem turkmenischen Führer 1997 in seiner Klinik einen vierfachen Bypass am Herzen eingesetzt. Auch der Zahnarzt seines Vertrauens stammt aus Bayern; den lässt er regelmäßig einfliegen.
Außerdem macht Turkmenbaschi lukrative Geschäfte mit den Deutschen - und sie mit ihm. Beim geschmeidigen Umgang mit Diktatoren können die Amerikaner und Russen noch viel lernen. Siemens beispielsweise baut für den Präsidenten Kraftwerke, Krankenhäuser und einen neuen Sommersitz in den Bergen. Mercedes rüstet das Kabinett aus und hat dem turkmenischen Diktator einen gepanzerten Sportwagen geschenkt - den einzigen auf der Welt, wie eine Urkunde versichert. Die Deutsche Bank darf als eines der wenigen westlichen Kreditinstitute in Aschgabad diverse Gelder bewegen.
Auf den Personenkult angesprochen, sagt Turkmenbaschi: "Ich kann meinem Volk nicht verwehren, mich so sehr zu lieben. Aber glauben Sie bloß nicht, dass mir die Verehrung immer angenehm ist." In den letzten Tagen hat er sich in Klausur auf eine Neutralitätskonferenz vorbereitet. Für weitere Fragen verweist er auf seine Schriften, "da steht alles drin". Zum Abschied gibt es einen Bildband vom Führer, der Umschlag in Gold.
Am Turkmenbaschi-Flughafen preist eine Verkäuferin das Turkmenbaschi-Parfüm. Der Duft der kleinen, engen Welt: süßlich ist er und ein wenig bitter. Dann schon lieber den "Wodka Turkmenbaschi".
* Im Mai 2000 beim Staatsbesuch in Aschgabad.
Von Erich Follath

DER SPIEGEL 3/2001
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