DER SPIEGEL



TIERMAST

Pillen für das Turbo-Schwein

Von Ludwig, Udo

Neuer Tierfutter-Skandal: Veterinäre sollen Bauern in großem Stil mit gefährlichen Arzneimitteln für die Mast versorgt haben.

Die Fahnder hatten den großen Coup wochenlang unter größter Geheimhaltung vorbereitet. Am vergangenen Donnerstagmorgen schlugen das Landeskriminalamt Bayern, Gendarmeriekommandos und eine mobile Überwachungsgruppe des Zolls in Österreich in einer konzertierten Aktion zu.

Beim Straubinger Tierarzt Roland Fechter fuhren fünf Polizeiwagen vor. Beamte durchsuchten Büros und Praxisräume und schleppten kistenweise Beweismaterial und Arzneimittel davon. Gleichzeitig beschlagnahmten Kollegen Dokumente beim Veterinär Andreas Gruß in Bayerbach.

An 23 Orten in Bayern und Österreich griffen die Fahnder zu - bei Tierärzten, Landwirten und Zwischenhändlern, in Kliniken, Lagern und Büros. Ein mutmaßlicher Zwischenhändler im oberösterreichischen Polling regte sich so sehr auf, dass er wegen eines Schwächeanfalls ins Hospital musste.

Nun haben die Beamten jede Menge zu tun: Sie müssen kiloweise Akten durcharbeiten und illegale Pharmazeutika en gros analysieren. Die betroffenen Tierärzte und ihre Dealer sollen über 1200 Landwirte versorgt haben. Die Staatsanwaltschaft glaubt, dass ihr ein großer Erfolg im Kampf gegen kriminelle Tierhaltung geglückt ist.

Ermittlungen hatten zuvor ergeben, dass deutsche Veterinäre seit Jahren tonnenweise illegal Arzneimittel - Hormone, Antibiotika und Impfstoffe - besonders nach Österreich verkauften. Der Nutzen für die Landwirte: Die Tiere werden schneller fett und bleiben fit. Der Nachteil für die Verbraucher: Im Fleisch können Rückstände zurückbleiben. Bei der unkontrollierten Vergabe durch die Bauern, heißt es in einem internen Bericht der Kriminalabteilung des Landesgendarmeriekommandos für Niederösterreich, "kann von einer nicht kalkulierbaren latenten Gefahr für die Konsumenten ausgegangen werden".

Nach Ansicht von Holger Uhlig, Chef-Tierarzt der Bayer-Werke Austria, ist die Gesundheitsgefährdung durch illegale Schweinemedikation sogar höher einzuschätzen als das Risiko durch BSE-Rinder: "Die Gefahr, in einem Krankenhaus wegen Antibiotika-Resistenzen nicht mehr wirkungsvoll behandelt werden zu können und deshalb zu sterben, ist mit Sicherheit größer als jene, sich die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit zu holen."

Als Bayer Ende 1998 feststellte, dass Nachahmerprodukte des Antibiotikums Baytril den Markt in Österreich überschwemmten, setzte die Firma Privatdetektive an. Rasch stellten die Rechercheure fest, dass hinter der Pillenschwemme System steckte: Deutsche Tierärzte transportierten Arzneimittel illegal aus Slowenien oder Bayern nach Österreich, Zwischenhändler übernahmen die billige Ware an Tankstellen oder Raststätten, von dort gelangte die Sore zu den Bauern.

Der Österreichischen Tierschutz-Stiftung "Vier Pfoten" wurde belastendes Foto- und Filmmaterial zugespielt. Darauf war zu sehen, wie sorglos Bauern mit den illegalen Präparaten umgingen. In Kühlschränken lagen Antibiotika zwischen Speckschwarten und Fertig-Pizza. Asiatische und amerikanische Hormonpackungen stapelten sich neben Psychopharmaka und der für die Behandlung "Lebensmittel liefernder Tiere" (Verordnungstext) verbotenen Acetylsalicylsäure. Die Tierschützer zeigten Ende vergangener Woche Hunderte von Bauern an. Ihre Recherchen werden demnächst in einem Buch erscheinen**.

Schweinemäster erhoffen sich durch die Antibiotika Leistungssteigerungen bei der Gewichtszunahme, zudem sollen die Pillen und Tropfen verhindern, dass die durch die Massenhaltung anfällig gewordenen Turbo-Viecher krank und dünn werden. Verheerende Nebenwirkung: Je mehr die Tiere die Bakterientöter ungezielt erhalten, umso öfter bilden sich resistente Keime, die besonders für immunschwache Menschen lebensbedrohlich werden. Bei einer Infektion schlagen die Antibiotika nicht mehr an.

Im Frühjahr 1999 traf sich Uhlig mit einem Vertreter des österreichischen Bundeskanzleramtes und Amtstierärzten. Sie besprachen Gegenmaßnahmen. Ins Visier der Fahnder geriet vor allem ein deutscher Tierarzt: Andreas Gruß. Einmal wurde der Arzt bei der Übergabe von Kartons an einer Tankstelle fotografiert - ein Beweis für die Arbeit eines "Autobahntierarztes", glaubten die Fahnder. Der Veterinär behauptete bei einer Vernehmung, er habe bei dem Treffen nur Obst übergeben. "Gruß ist wesentlich gerissener, als wir denken", heißt es in einem internen Vermerk der Bayer-Werke. Derzeit ist der Mann in Mexiko nicht erreichbar.

In ähnlich großem Stil soll Fechter die Bauern versorgt haben. Für den Straubinger Veterinär, der auch eine Dependance in Österreich hat, arbeiteten zwischenzeitlich zwölf Ärzte. Die Bauern unterzeichneten Verträge mit seinem "Tierärztlichen Beratungsdienst", in denen sich beide Seiten "zu vollkommenem Stillschweigen gegenüber Dritten verpflichten". Fechter ließ über seinen Anwalt alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe dementieren.

Besonders beliebt unter Bauern waren Fechters Rezeptmischungen, die den Namen "Straubinger" tragen. Neben allerlei Antibiotika werden darin auch schon mal exotische Ingredienzien beigemischt. Etwa "Kaba" - das süße Kakaopulver für Kinder soll bewirken, dass die Tiere den Mix auch herunterbekommen. UDO LUDWIG

* In der Steiermark. ** Michael Buchner, Michael Loeckx, Bernhard Salomon: "Gesundheitsrisiko Schweinefleisch". Czernin Verlag, Wien; 166 Seiten.

DER SPIEGEL 4/2001
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