Von Bruhns, Annette; Dahlkamp, Jürgen; Mrasek, Volker; Neumann, Conny
Für alle, die sich nicht mehr persönlich an den Steckrübenwinter 1917 erinnern können, an den großen Kartoffelklau nach 1945, an Nahrungsnotstand in Deutschland, für all die hat Biobauer Sepp Bichler aus dem bayerischen Sielenbach eine Geschichte aus dem Notwinter 2001.
Als ihm heuer nämlich BSE-besorgte Menschenmassen aus dem nahen München das letzte Fleisch vom Haken gekauft hatten, stand nur noch ein praller Präsentkorb für den 50. Geburtstag seines Freundes herum. Doch dann haben ihm die nach Gesundkost lechzenden Städter sogar noch das Schmuckgebinde Stück für Stück abgenötigt und leer gebettelt.
Angst essen Biofleisch auf: Zwei Monate nach dem BSE-Schock gieren die Verbraucher nach Sicherheit, doch sicher ist in diesen Tagen nur eines: dass jede Sicherheit trügen kann. Und als hätte es dafür noch am Exempel gefehlt, trifft es jetzt auch noch die BSE-Schnelltests.
Kaum hat die neue Landwirtschaftsministerin Renate Künast vergangene Woche mehr Tests angekündigt, richtet sich der massivste Verdacht ausgerechnet gegen den Schnelltest "Platelia BSE", nach Herstellerangaben Deutschlands meistverwendetes Hilfsmittel für die Fahndung nach der Rinderseuche.
Schon mehrfach hat der Test der Firma Bio-Rad aus dem kalifornischen Hercules gepatzt, als er bei gesunden Rindern BSE ortete. Jedes Mal musste das nationale BSE-Referenzzentrum, die Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten in Tübingen, den Spuk auflösen. Forscher stöhnen dort mittlerweile schon über die Welle von Fehlmeldungen; die "falsch-positiven" Fälle lähmten den Testapparat bei der Enttarnung des Erregers.
Auch für die betroffenen Bauern hatten die Scheintreffer Folgen: Ihre Bestände wurden bis zur Entwarnung gesperrt. Doch bisher konnte wenigstens der Verbraucher beruhigt sein - besser eine Meldung zu viel als eine zu wenig.
Jetzt aber steht der Bio-Rad-Test erstmals im Verdacht, eine BSE-Kuh nicht erkannt zu haben, ein Fall, der das Vertrauen in den gesamten Testapparat erschüttert. Erst recht, weil sich am gleichen Material später auch noch der Test des einzigen Bio-Rad-Konkurrenten in Deutschland, Prionics, vergeblich versuchte.
Die Gewebeprobe, an der die Schnelltests scheiterten, stammte von einem erkrankten Rind in Bayern. Mit Polizei und Blaulicht hatten die bayerischen Ordnungsbehörden am 14. Dezember den Hirnstammfetzen der Kuh beim Garchinger Privatlabor der Eurofins Scientific BSE-Test GmbH abholen lassen - kurz nachdem dort ein Prionics-Test auf BSE angeschlagen hatte.
Zwar "deutlich schwächer" als bei einer anderen Kuh vom gleichen Tag, aber "dennoch eindeutig positiv", lautete der Befund der Eurofins-Tester. Um sicherzugehen, fuhr die Polizei das Präparat umgehend zum Landesuntersuchungsamt Nordbayern nach Nürnberg. Zum Einsatz kam jetzt der Bio-Rad-Test Platelia, sein Ergebnis: kein BSE. Eine immunhistochemische Untersuchung zeigte dagegen an: vielleicht doch BSE.
Verwirrt schickten die Beamten ihr Material drei Tage vor Heiligabend nach Tübingen. Dort stellten Deutschlands führende Analytiker am 27. Dezember, Punkt 19.20 Uhr, mit ihrem Nachweisverfahren schließlich die finale Diagnose: klarer Fall von BSE.
"Problemlos und auf Anhieb" hätten die Forscher die Seuchenerreger aufgespürt, heißt es in einem Schreiben des Tübinger Laborleiters Martin Groschup an das bayerische Gesundheitsministerium. Weil Groschup aber die widersprüchlichen Testergebnisse aus Garching und Nürnberg beunruhigten, setzte er noch einmal Schnelltests an. Dabei strauchelte jetzt auch das Prionics-Verfahren. Nur einmal brachte es "ein fragliches/sehr schwach positives Ergebnis" zu Stande, beim zweiten Ansatz schlug der Prionics-Test gar nicht an. Für den Bio-Rad-Test vermerkt das Protokoll sogar zweimal Fehlanzeige.
Madig machen will Laborleiter Groschup die Tests trotzdem nicht. Zumindest bei den Durchgängen in Tübingen sei die Probe nur noch schwammig gewesen. Vermutung des Tierarztes: Bei der Entnahme des Nervengewebes aus dem Hirnstamm könne etwas schief gelaufen sein. "Man muss genau die Nervenzellkerngebiete treffen", doziert Groschup, nur dort seien genügend Erreger zu finden, damit die Tests anschlügen.
Doch der chirurgisch saubere Schnitt ist in der Praxis offenbar nicht so einfach, schon gar nicht bei 1,6 Millionen Testrindern im Jahr. Von einem "Blindflug" im Rinderhirn ist im schleswig-holsteinischen Umweltministerium die Rede. Das Veterinäruntersuchungsamt in Neumünster sperrte bis Anfang Januar das Fleisch von 25 Schlachttieren, weil sich mit den schludrig gezogenen Hirnproben nichts anfangen ließ. Teile der Rinder waren da schon auf dem Weg zum Kunden; erst kurz vor Berlin holte sie die amtliche Verfügung ein.
Vielfach, so die Erkenntnis der schleswig-holsteinischen Ministerialen, taugten Gewebeproben auch deshalb nicht für den Schnelltest, weil die Schlachter die Rindsköpfe nach dem Enthaupten an einem Haken aufgehängt hatten. Möglicherweise lief dann mit Teilen des Hirns auch das Nest der BSE-Erreger aus. Schleswig-Holstein hat die Schlachtmethode im Dezember umgestellt.
Auch die Firma Bio-Rad erklärt sich ihren kapitalen Testversager mit mangelhaftem Probenmaterial. Der Test selbst sei sicher, vorausgesetzt, dass er auch richtig angewendet werde. Im bayerischen Fall sei die Probe offenbar unbrauchbar gewesen.
Doch woran auch immer es lag: Verbraucher müssen fürchten, dass weiter Wahnsinnsrinder trotz amtlicher Überwachung in die Nahrungskette gelangen. Ohnehin gab es die Testpflicht bisher nur für Rinder, die älter als 30 Monate waren - fraglich nun, bei wie vielen der Routinecheck trotz BSE vielleicht nicht Alarm schlug und das Fleisch in den Theken landete.
Verunsichert suchen deshalb Verbraucher ihr Heil in jenen grünen Auen der Landwirtschaft, wo das Vertrauen vermeintlich noch ohne BSE-Test auskommen kann. Doch dass Biokühe von der Seuche verschont bleiben, wagen auch Biobauernführer wie Steffen Reese, Geschäftsführer von Naturland Süd-Ost im bayerischen Hohenkammer, nicht zu behaupten.
Allein Reeses Verband hat in den vergangenen drei Jahren 320 neue Mitglieder aufgenommen: konventionelle Bauern, die den Betrieb auf Öko umgestellt haben. Deren Herden sind oft noch mit dem als Seuchenerreger in Verdacht geratenen Milchaustauscher aufgezogen worden - "eine offene Flanke für BSE", sorgt sich Reese. Auch Georg Janßen, Geschäftsführer der "Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft" im westfälischen Rheda-Wiedenbrück, erwartet den ersten BSE-Fall vom Biohof. Janßen: "Da werden wir noch Dramen erleben."
ANNETTE BRUHNS, JÜRGEN DAHLKAMP,
VOLKER MRASEK, CONNY NEUMANN
DER SPIEGEL 4/2001
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