22.01.2001

BONNKommerz im Hohen Haus

Neues Leben blüht im verlassenen Bonner Parlamentsviertel. Die Vereinten Nationen nutzen den alten Plenarsaal, und Konzerne werben unter dem Bundesadler für ihre Produkte.
So voll war der Plenarsaal selten, selbst damals nicht, in der guten alten Bonner Zeit. Nur wenn ein Bundeskanzler gewählt, ein Haushalt beschlossen oder wichtige Gesetze verabschiedet wurden, gab es hier so ein Gedränge.
Knapp anderthalb Jahre nach dem Umzug schien ein Wunder geschehen zu sein. Auf den Pressetribünen saßen echte Journalisten, die blauen Stuhlreihen im Saal waren dicht belegt. Und die SPD-Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann strahlte, als hätte eine gute Fee den Bonnern die Hauptstadt zurückgezaubert.
Über 2000 Delegierte aus 170 Ländern hatten sich vergangenen Dezember im alten Parlamentsgebäude, das inzwischen "Internationales Kongresszentrum Bundeshaus Bonn" heißt, zum "Weltwüstengipfel" der Vereinten Nationen versammelt. Das Konferenzthema war deprimierend, und die Prognosen waren es auch. Aber das tat der Freude der Bonner keinen Abbruch.
Ob die Fachleute, wie vor zwei Jahren, das Klima beklagen oder die bedrohliche Versteppung und Verödung ganzer Landstriche - Hauptsache, sie tun es hier.
So groß war die Begeisterung der Stadtoberen, dass sie jedem Wüstenexperten zur Begrüßung einen Regenschirm schenkten - ein ziemlich komischer Einfall, über den in Bonn aber keiner lacht. "Weltgipfel" werden hier todernst genommen. Sie gelten als Beleg für Weltläufigkeit, Vitalität und Zukunft. Von wegen: nix mehr los im verlassenen Bonn! Die Wüste lebt.
Nicht nur die Vereinten Nationen sorgen für Trubel im stillgelegten Parlaments- und Regierungsviertel. Seitdem sich herumgesprochen hat, dass man das alte Parlamentsgebäude prestigefördernd auch für privatwirtschaftliche Zwecke nutzen kann, ist der 1992 vollendete Glasbau des Stuttgarter Architekten Günter Behnisch Ziel der unterschiedlichsten kommerziellen Begehrlichkeiten geworden.
Im Juni 1999 beschloss der Ältestenrat des Bundestages, die Immobilie am Rhein als Tagungs- und Veranstaltungsort auch an private Nutzer vermieten zu lassen - eine glänzende Geschäftsidee, die inzwischen auf so viel Resonanz stößt, dass es für dieses Jahr bereits Warteschlangen gibt.
Autokonzerne und Nahrungsmittelhersteller präsentierten hier, am historischen Ort, ihre neuen Produkte und Marktstrategien. Banken und Versicherungen hielten
vor Bundesadler und Nationalfahne Jahreshaupt- und Aktionärsversammlungen ab. Pharmavertreter und die International Lady Association gaben sich die Klinke in die Hand.
Im Prinzip wollen alle dasselbe: einmal für ein paar Stunden als Boss auf dem Platz des Kanzlers sitzen; einmal als Vorstands- oder Aufsichtsratsmitglied die Welt aus der Perspektive eines Ministers oder des Bundestagspräsidenten betrachten; einmal als einfaches Belegschaftsmitglied oder als geladener Geschäftsfreund auf blauem Abgeordnetengestühl vor- und zurückgleiten, wie man es im Fernsehen gesehen hat.
Und immer auch ein bisschen Werbung treiben - auch und gerade weil dies eigentlich unter dem Bundesadler verboten ist. Das ist prickelnd. Und es wird dafür viel Geld gezahlt.
25 000 Mark beträgt die Tagesmiete für den Plenarsaal. Das alte Wasserwerk daneben - einst provisorisches Ausweichquartier des Parlaments - kostet 10 000 Mark pro Tag. Kongress- und Partyservice - von der Videowand bis zur kompletten Dekoration, von der Beköstigung bis zur Garderobenfrau - werden vom Bonner Hotel Maritim gestellt und extra berechnet. Alles in allem also kann der Spaß je nach Ausstattung, Umfang und Gästezahl die privaten Nutzer durchaus 45 000 bis 50 000 Mark kosten.
Niemand kann im Plenarsaal treiben, was er will. Jeder Bewerber wird darauf geprüft, ob seine Veranstaltung mit der "Würde des Hohen Hauses" im Einklang steht.
Ungeeignete Kandidaten, so versichern die Organisatoren, kämen erst gar nicht auf die Liste - und wenn doch, scheiterten sie spätestens an Konrad Bruns, 63. Der Regierungsdirektor - seit 1953 im Dienst des Bundestages - ist für die "Würde-Prüfung" (Hausjargon) zuständig. Wenn er den Daumen senkt, ist die Veranstaltung gestrichen.
Bislang musste Bruns erst einmal einschreiten. Im Frühjahr vergangenen Jahres vereitelte der "Verteidiger von Adler und Fahne" (Kollegenspott) den Plan der Post AG, bei einer Veranstaltung am 9. Mai in der Lobby des Bundeshauses dressierte Pinguine auftreten zu lassen. Die possierlichen Tierchen - den früheren Bonner Parlamentssaaldienern nicht unähnlich - sollten auf einer "Eisscholle" aus Styropor demonstrieren, dass die Post ihre Kunden selbst am Südpol aufspürt.
Weil das Bonner Parlamentsgebäude "für die Präsentation von lebenden Tieren" nicht der richtige Ort sei, wurde die Performance in letzter Minute gestoppt. Statt lebender wurden Stofftiere eingesetzt.
Inzwischen aber scheinen die Maßstäbe milder und die Grenzen zwischen Würde und Kommerz fließender geworden zu sein. Mitte November jedenfalls durfte die Firma Kraft Foods International - die früher Kraft Jacobs Suchard hieß und eine Konzerntochter des US-Multi Philip Morris ist - ihre Marketingstrategie für Kaffee mit einer bunten Show sogar im Plenarsaal, dem Allerheiligsten des alten Parlaments, präsentieren.
Weiterungen sind durchaus denkbar. Zwar würde die Stadt, wie die Oberbürgermeisterin versichert, "eine Sexmesse dort mit Sicherheit nicht genehmigen". Was aber passiert, wenn zum Beispiel Beate Uhse auf die Idee käme, ihre Aktionärsversammlung im Bonner Plenarsaal abzuhalten? "Dann hätten wir ein Problem", gesteht ein Beamter des Bauministeriums, der bei der Vergabe des Saals ebenfalls ein Wort mitzureden hat. Schließlich wäre das keine Sexmesse, sondern eine Aktionärsversammlung - "und dann gilt der Gleichheitsgrundsatz".
Für die Bonner Stadtplaner gibt es aus dem Dilemma nur einen Ausweg: Plenarsaal und Wasserwerk, für "Weltgipfel" der Uno ohnehin längst zu klein, sollen um eine Mehrzweckhalle erweitert werden, die auch für Konzerte und Sportveranstaltungen geeignet ist.
Erste Modelle gibt es schon. Eines davon sieht aus wie eine riesige Glaspyramide. Vis-à-vis dem ehemaligen Plenarsaal soll sie stehen. Aber noch gibt es keinen Investor. Und der neuen Halle sind noch ein paar alte Häuser im Weg, die erst abgerissen werden müssten. Leider aber will der Regierungspräsident die alten Gemäuer, in denen früher Abgeordnete wohnten, genauso unter Denkmalschutz stellen wie den alten Kiosk am Bundesratseingang (siehe Kasten).
Mit Hilfe der Landesregierung hoffen die Bonner, zumindest den Widerstand der Denkmalschützer zu brechen. Ein Investor wäre dann zwar immer noch nicht in Sicht, aber immerhin ein baureifes Grundstück.
Ohnehin boomt das alte Parlamentsviertel rund um den "Langen Eugen" schon seit Jahren, als hätte es weder einen Umzugsbeschluss noch jemals einen Umzug gegeben.
Immer noch werkeln Bauarbeiter an dem 1993 abgesoffenen Schürmannbau. Der riesige Komplex - einst als mehrgliedriges Abgeordneten-Bürohaus mit unterirdischen Bibliotheken und Archiv konzipiert - soll 2002 als Sitz der Deutschen Welle fertig werden. Er ist schon jetzt einer der teuersten Rohbauten der Republik und wird dann mehr als eine Milliarde verschlungen haben.
Daneben zieht die Post AG ihre neue Verwaltungszentrale hoch - pro Woche ein Stockwerk. Der Post-Tower, nach Fertigstellung ein paar Meter höher als der Kölner Dom, wird schon als künftiges Wahrzeichen gefeiert. 2000 Menschen sollen hier arbeiten.
Schon die Deutsche Telekom ist ein Segen für die Stadtkasse, weil sie im Unterschied zu Behörden satte Gewerbesteuereinnahmen bringt. Die Post wird die Bilanz zusätzlich aufbessern.
"Wir haben den Bedeutungsverlust weggesteckt", sagt Bärbel Dieckmann. "Die Bonner haben eine neue Identität gefunden." Das mag für den Durchschnittsbürger zutreffen. Bei den Stadtregenten aber sitzt die Kränkung immer noch tief. Seitdem Bonn nicht mehr Hauptstadt ist, legen sie plötzlich Wert auf Titel.
Früher stand einfach "Bonn" auf den Ortsschildern, jetzt heißt es "Bundesstadt Bonn". Kein amtliches Blatt Papier verlässt das Rathaus, das nicht im Briefkopf diesen Namen trägt.
Der rheinische Durchschnittsbonner indessen behauptet mittlerweile sogar, es lebe sich ohne Regierung viel besser. Selbst die Taxifahrer, die objektiv zu den Verlierern des Umzugs zählen, haben das Jammern eingestellt und fangen an, die Sache schönzureden. Früher habe es zwar viel mehr lukrative Fahrten zum Flughafen gegeben, sagen sie - das bringt rund 60 Mark ein. Aber dafür eben auch viel häufiger Staus, weil die Straßen von Staatsgästen oder Demonstranten blockiert wurden.
Abgehängt und abgeschoben fühlen sich jetzt die Bediensteten des Bundes, die auf den Umzugsbeschluss vertraut und eine dauerhafte Zweiteilung der Administration für möglich gehalten haben.
Früher war das Kanzleramt ein Logenplatz. Wer hier saß, spürte die Nähe zur Macht. Wenn man zum Fenster hinausblickte, konnte man gelegentlich dem Kanzler zusehen, wie der im Hof hohe Staatsgäste begrüßte.
Heute liegt die ehemalige Regierungszentrale schwarz und wie ausgeglüht hinter Henry Moores "Two Large Forms". Etwa hundert Bedienstete arbeiten vor sich hin - aber was sie tun, weiß eigentlich niemand.
Das Kanzlerbüro ist genauso leer geräumt wie an jenem Abend, als Gerhard Schröder es nach 16 Kohl-Jahren in Besitz nahm. Im Kabinettssaal liegen immer noch gespitzte Bleistifte neben weißen Schreibblöcken auf dem Tisch - aber niemand braucht sie. Wer aus dem Fenster guckt, sieht allenfalls den Gärtner. Zu allem Überfluss haben Experten jetzt auch noch Asbest in der Außenfassade entdeckt.
Für Umbau und Sanierung der früheren Regierungszentrale sind schon etwa 80 Millionen Mark reserviert worden - aber das heißt noch lange nicht, dass sie auch gebraucht werden. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ), das seinen Dienstsitz in Bonn hat und irgendwann ins alte Kanzleramt wechseln soll, kann sein derzeitiges Domizil an der Friedrich-Ebert-Allee frühestens 2005 verlassen. Ressortchefin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) sieht aber keinen rechten Sinn in dieser Planung.
"Im Grunde wissen alle, dass es Schwachsinn ist, ein Haus zu renovieren, in das niemand mehr einziehen will", analysiert ein hoher BMZ-Beamter die Lage im Kanzleramt. "Ich fürchte aber, es wird trotzdem geschehen." HARTMUT PALMER
* Oben: am 14. November vergangenen Jahres während einer Motivationsveranstaltung der Nahrungsmittelfirma Kraft AG; unten: am 1. Juli 1999 während einer Rede von Ex-Kanzler Helmut Kohl vor Abgeordneten von Bundestag und Bundesrat.
Von Hartmut Palmer

DER SPIEGEL 4/2001
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