22.01.2001

THEATERRequiem auf die große Party

Mit Eigensinn und Ehrgeiz brachte es Christina Paulhofer zur gefragtesten deutschen Jungregisseurin. Nun zeigt sie in Zürich das Rainald-Goetz-Spektakel „Rave“.
Geld und Sponsoren mögen knapp sein, vielleicht auch gute Stücke - an einem aber fehlt es dem deutschsprachigen Theater gewiss nicht: am Nachschub von immer neuen Shooting-Stars, die, Monat für Monat, zur größten Regiehoffnung seit Frank Castorfs mythischen Anfängen im vorpommerschen Anklam ausgerufen werden.
Doch unter all den agilen Adoleszenz-Genies, die entweder schnell Karriere machen oder - ebenso rapide - künstlerischen Konkurs anmelden, hat sich stetig, strebsam und ungemein pragmatisch eine junge Frau behauptet, die sich mit nur neun Inszenierungen als "eine der neuen Begabten der jungen deutschen Theaterszene" ("Frankfurter Rundschau") und als Spezialistin für Uraufführungen und Jugendstücke jeder Art etabliert hat.
Am vergangenen Samstag brachte Christina Paulhofer, 31, am Zürcher Schauspielhaus nun einen weiteren Talentbeweis heraus, das Requiem auf eine ganze stampfende Pop-Epoche.
Gemeinsam mit dem Dramaturgen Robert Koall hat sie sich die Disco-Erzählung "Rave" (1998) von Rainald Goetz vorgeknöpft und den sperrigen Text für die Bühne adaptiert. Es wurde ein melancholisches Weißt-du-Noch, ein Abschied vom Jungsein.
Denn die wilde Raver-Szene der späten achtziger und frühen neunziger Jahre, die DJ-Legenden wie Sven Väth und damals revolutionäre Großereignisse wie die Berliner Love Parade hervorgebracht hat, das weiß auch die Regisseurin, "ist längst vorbei". Alles, was jetzt noch in dieser Szene laufe, "ist Imitation".
Und wie mit dem erstaunten Blick eines Veteranen auf eine heldenhafte Vergangenheit hat Paulhofer die Textcollage auch inszeniert. In einer tristen Hotelszenerie, halb französische Bahnhofsabsteige, halb DDR-Pension, teilen sich drei Schauspielerinnen und zwei Schauspieler die atemlosen Textblöcke, in die die Bearbeiter die Ich-Erzählung von Rainald Goetz zerlegt haben.
Doch hinter der Zimmertür dröhnen die Bässe, durch den Türspalt zucken noch die Stroboskop-Blitze von der offenbar direkt nebenan betriebenen Disco. Paradies oder Hölle, Verheißung oder Verdammung: Immer wenn die Tür aufgeht und eine der Figuren auf- oder abtritt, schwallt eine Welle wummernder Musik über die Bühne, ganz so, als trage ein Windstoß eisige Luft aus einer Kältekammer durch den Raum.
Und so bekommt die Dramatisierung von Goetz'' artifiziellem Erlebnisbericht aus den Epizentren der Techno-Kultur zwischen Ibiza und München auf der Bühne einen erfrischend surrealen Zug, der die in lockeren Assoziationsketten behaupteten Drogen-, Sex- und Partyexzesse in einen geordneten Nostalgie-Wirbel zwingt.
Geniestreich der Inszenierung ist die Besetzung. Josef Bierbichler, 52, bayerischer Theater-Eigenbrötler, spielt zwischen all den jungen Kollegen einen der Raver-Boys. "Ich wollte so das Stück brechen", begründet die Regisseurin ihre Wahl.
Die betont bajuwarische Artikulation Bierbichlers, der hemdsärmlig und mit lustvoll vorgestreckter Wirtshaus-Wampe neben den vier anderen Pop-Figuren agiert, nehmen dem Bühnen-"Rave" das Peinlich-Jugendverliebte. Ein kluger Trick.
Mit Arbeiten wie Sarah Kanes "Gier" in Bochum, der Uraufführung von Dea Lohers "Klaras Verhältnisse" an der Wiener Burg oder, im Herbst zur Spielzeiteröffnung in Hannover, mit Frank Wedekinds selten gespielter "Franziska" hat sich die Regisseurin in knapp fünf Jahren als eine der beständigsten jungen Regisseurinnen des deutschsprachigen Theaters erwiesen.
Inzwischen habe sie schon "den Idealzustand erreicht, auch an den großen Theatern alle Freiheiten zu genießen" - und "wundert sich manchmal selbst darüber".
Die wichtigsten Intendanten setzen auf ihre Fähigkeiten, von der Kritik aber gab''s manchmal Hiebe. "Handwerkszeug der Regisseurin ist nicht der realistische Feinzeichner, sondern der Lippenstift, mit dem sie dick und auch mal ausrutschend aufträgt", urteilte etwa "Die Zeit", der "Süddeutschen Zeitung" gilt sie immerhin als "versierte Theaterhandwerkerin" mit einem "Händchen für Schauspielerführung".
Gelernt hat Paulhofer, die nebenbei in Paris die Filmhochschule absolvierte und einige Kurzfilme drehte, ihre bühnenwirksamen Schminkkünste bei Leander Haußmann in Bochum. Dem trotzte sie beharrlich eine erste eigene Regie ab, obwohl sie der Intendant lieber erst als Assistentin einsetzen wollte.
Den Kampfgeist hat sich die Regisseurin schon in der Grundschule in der fränkischen Provinz antrainieren müssen. Geboren in Bukarest, kam sie als Rumäniendeutsche mit der Mutter in die Bundesrepublik, sprach "kein Wort Deutsch" und wurde nur gehänselt.
Siegen oder untergehen - nach dieser Devise schrieb sie bald nur Einser, und wenn einer der Mitschüler sie als "Kanakin" beschimpfte, fragte sie siegessicher nach dessen Deutschnote: Im Zweifel hatte sie immer die besseren Ergebnisse vorzuweisen.
Mit dem Theatervirus hatte sie der Vater infiziert. Peter Paulhofer war im Kino und im Theater seiner Heimat "der rumänische Paul Newman", ein gut aussehender Frauenschwarm, der sich seiner Verehrerinnen nicht immer erwehren mochte. Daran zerbrach seine Ehe.
Nachdem Tochter Christina mit ihrer Mutter nach Bayern geflüchtet war, wurde der zurückgebliebene Schauspiel-Star in Rumänien geächtet und sein Name in den Nachspännen seiner vielen Erfolgsfilme geschwärzt.
Nach Jahren der Schikane durfte auch er endlich ausreisen und fand bis zu seinem Tod 1992 Theater-Engagements in Stuttgart, Düsseldorf und München - wenn auch keinen Anschluss an die einstige Berühmtheit.
Den typisch deutsch klingenden Nachnamen trägt die Theater-Familie erst seit relativ kurzer Zeit - Dank eines einsamen Entschlusses des eigensinnigen Großvaters.
Der mit den Deutschen sympathisierende Großbürger, der einen komplizierten polnischen Namen führte, beschloss während des Zweiten Weltkriegs "in einem Anfall in der Lebensmitte", wie die Nachfahrin mutmaßt, plötzlich: "Wir heißen jetzt Paulhofer." Mit seinem erfundenen neuen Namen zog er in den Krieg und fiel. Der Enkelin hatte die Familie die tragikomische Geschichte lange verschwiegen. Und so wälzte sie in der neuen Heimat immer wieder sehnsuchtsvoll Telefonbücher, um auf vermeintliche Verwandte zustoßen. Doch andere Paulhofers, so musste sie enttäuscht erfahren, gibt es weit und breit nicht. Opas Erfindung ist einzigartig.
Für eine Künstlerkarriere nicht die schlechteste Erkenntnis. JOACHIM KRONSBEIN
* Mit Yvon Jansen, Marc Hosemann, Mira Partecke, Iris Minich.
Von Joachim Kronsbein

DER SPIEGEL 4/2001
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