29.01.2001

VERBRAUCHERSCHUTZAntibiotikum im Honig

Bayern und Baden-Württemberg steuern in einen neuen Lebensmittelskandal. Schon seit 1995 ist den Landesregierungen bekannt, dass vermeintlich naturreiner Honig aus einem der größten deutschen Obstanbaugebiete am Bodensee häufig mit dem Antibiotikum Streptomycin verunreinigt ist. Statt aber ein Verbot des Antibiotikums in der Landwirtschaft zu betreiben, wie es der Wissenschaftliche Lenkungsausschuss der EU-Kommission dringend empfiehlt, vertuschte man das Problem lieber: Verunreinigter Honig wurde durch staatliche Aufkäufe klammheimlich beiseite geschafft.
In den Honig gelangt das Antibiotikum über den Obstanbau. Plantagenbesitzer versprühen den Bakterienkiller im Kampf gegen den Feuerbrand, einer gefährlichen Krankheit, die häufig Apfel- und Birnbäume befällt. Bienen tragen den Stoff dann von der Blüte in ihre Waben, wo er den Honig verunreinigt. Über die eigenwillige Problemlösung durch die zuständigen Ernährungsministerien in München und Stuttgart berichtet ein betroffener Imker aus dem Bodenseeraum: "Staatliche Bienenzucht-Beratungsstellen bieten an, Streptomycin-Untersuchungen kostenlos durchzuführen." Enthalte der Honig mehr Streptomycin als erlaubt, dann "wird ein Kaufangebot an den Imker gerichtet". Dabei handele es sich nicht um Einzelfälle: "So wurde es in den letzten Jahren gehandhabt, und verstärkt soll es dieses Jahr so gehandhabt werden", sagt der Imker. Nicht auszuschließen ist allerdings, dass Honig mit Antibiotikumrückständen über dem gesetzlichen Grenzwert zumindest in den regionalen Vertrieb gelangte. Auch der Deutsche Berufs- und Erwerbsimkerbund erwähnt in einem aktuellen Mitglieder-Rundbrief "die Ankäufe von streptomycinverseuchtem Honig". Ein Schreiben des Landesverbandes Badische Imker aus dem November 2000 bringt die dubiosen Methoden direkt mit dem baden-württembergischen Ministerium Ländlicher Raum (MLR) in Verbindung. Darin wird das MLR als Initiator der Aufkäufe genannt. Das Stuttgarter Ministerium streitet dies zwar nicht ab, betont aber, dass von der Streptomycin-Belastung "keine Gefahr für die Gesundheit der Verbraucher" ausgehe. Bayerns Ernährungsministerium erklärt dagegen, im Freistaat sei belasteter Honig nur "einmalig im Frühjahr 1996" aufgekauft worden, unter anderem "zur Feststellung etwaiger Abbauraten" des Antibiotikums im Honig. Der Brief des badischen Imkerverbandes liefert auch den Grund für die jahrelange Geheimniskrämerei. Demnach "sollte alles vermieden werden, was den positiven Ruf des einheimischen Honigs im Verbraucherbewusstsein schädigt". Das Renommee sei in Gefahr, wenn, wie es weiter heißt, öffentlich "über nicht verkehrsfähigen Honig aufgrund Streptomycin-Rückständen berichtet wird".
Die Antibiotikumfunde bringen jetzt auch die Biologische Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft (BBA) in Braunschweig in Erklärungsnot. Ihre Experten müssen sich fragen lassen, warum sie Streptomycin (Handelsname "Plantomycin") als Spritzmittel gegen den Feuerbrand eine erneute, diesmal langfristige Zulassung zum 10. März 2000 erteilt haben - obwohl triftige Gründe dagegen sprachen. So wird das Antibiotikum auch in der Human- und Veterinärmedizin eingesetzt, wirkt aber gegen einige Bakterien nur noch eingeschränkt - eine Resistenzentwicklung, die durch übermäßige Streptomycin-Anwendung begünstigt wird. Der EU-Lenkungsausschuss spricht sich in einer Stellungnahme vom Mai 1999 ausdrücklich gegen den Einsatz von Antibiotika im Pflanzenschutz aus; nach Expertenansicht gibt es genügend wirkungsvolle Alternativen.
Die BBA und das Stuttgarter Ernährungsministerium versuchten offenbar, eine SPIEGEL-Veröffentlichung abzuwenden. Eilig lancierten beide am Freitag noch Pressemitteilungen. So teilte die Braunschweiger Agraranstalt mit, dass sie die Zulassung von Plantomycin vorsorglich ausgesetzt habe; das Obstbau-Präparat darf damit vorerst nicht mehr in den Verkehr gebracht werden.

DER SPIEGEL 5/2001
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