29.01.2001

PSYCHOLOGIEErst Musik, dann das Messer

Konkurrenz für Magersucht und Bulimie: Immer mehr junge Frauen leiden unter dem Zwang, sich selbst zu verletzen. Mit einem tiefen Schnitt ins Fleisch lindern sie ihre Seelenqualen. Doch jede Verwundung ist zugleich ein Schrei um Hilfe.
Zahlreiche Narben zeichnen ihren Unterarm. Sie gleichen dem Strichcode auf Waren im Supermarkt. Doch Juliane* findet die weißen und rötlichen Schnittnarben nicht hässlich. Mit dem Finger fährt die 20-Jährige über die drei bis sieben Zentimeter langen Gravuren. Täler sind es und kleine Hügel. "Ich bin stolz darauf, dass ich so viel Schmerz ertragen habe", sagt sie. "Die Narben gehören zu mir. Sie sind ein Teil meiner Geschichte."
Julianes Geschichte ist traurig, obwohl die Berlinerin mit den dunklen Locken so fröhlich wirkt. Bildhübsch ist sie und gescheit. Kann genau reflektieren, wo ihre Probleme liegen. Die Narben fügt sie sich selbst zu, mit einem scharfen Küchenmesser. Immer dann, wenn Panik, Angst, Selbsthass und Depression so groß werden, dass nur körperlicher Schmerz helfen kann, die Seelenqual zu überwinden. Dann
setzt sie sich, spät nachts, in ihr Zimmer, nimmt das Messer und schneidet. Bis Haut und Fleisch auseinander klaffen. Bis Blut fließt. Bis es ihr besser geht.
Selbstverletzendes Verhalten (kurz: SVV) nennen Psychologen es, wenn Menschen sich Schmerzen zufügen, damit aber nicht bezwecken, sich umzubringen. Ein Prozent der Bevölkerung ist betroffen, schätzen Forscher, bei Frauen zwischen 20 und 30 liegt die Quote doppelt so hoch. Über die Ursachen streiten sich die Experten. Eine mögliche Erklärung: In einer Gesellschaft, die den Einzelnen kaum wertschätzt, in der Orientierungen und Werte sich auflösen, ist der Defekt des Identitätsgefühls strukturbedingt. Menschen verlieren ihre sozialen Bezüge. Nichts scheint verbindlich. Nichts steht mehr fest. Alles ist verhandelbar. Die Grenze zwischen innen und außen verschwimmt.
Fühlbar wird sie durch extreme Erfahrungen wie Triathlon, Bungee-Jumping, aggressive Sexualpraktiken oder gesellschaftlich sanktionierte Formen der Selbstverletzung wie Piercing oder Branding. Weil sie den Boden unter den Füßen verlieren, wollen immer mehr Menschen ihr Grenzorgan, die Haut, heftig spüren. Im Extremfall muss Blut das Selbst ins Bewusstsein zurückschwemmen.
Eine andere Erklärung ist, dass die scharfen Schnitte Hilfeschreie sind, Rufe nach Aufmerksamkeit, Liebe. So erklärte es das prominenteste Opfer der Schnibbelsucht, Diana, die verstorbene Prinzessin von Wales. Sie gestand 1996 in einem TV-Interview, sie schneide sich absichtlich in den Unterarm. Je nach Laune benutze sie Rasierklingen, Glasscherben oder einen Zitronenhobel. Romy Schneider - auch sie eine Einsame, die sich unverstanden fühlte - hat Schmerzen gesucht und gebraucht, um sich zu fühlen. Die Schauspielerin Angelina Jolie, die sich erfolgreich als Schlampe promotet, steht ebenfalls dazu, dass sie sich absichtlich mit dem Messer verletzt hat.
Bekenntnisse wie die von Diana und Jolie waren es wohl, die eine Selbstverletzungswelle auslösten, die Psychologen in Erstaunen versetzt. In jeder Kleinstadt-Psychiatrie gibt es mittlerweile SVV-Therapiegruppen, in Internet-Foren tauschen sich Betroffene aus. Mal helfen sie sich damit, mal stiften sie sich erst richtig an, die Klinge zu zücken.
Stefanie, 26, aus Köln hatte im Radio von Selbstverletzung gehört, bevor sie während einer Panikattacke zum ersten Mal zum Messer griff. Luise, eine 16-jährige Schülerin aus Paderborn, sagt: "Das SVV-Forum im Internet zieht mich runter, da lese ich meine eigene Geschichte." Das erhöht den Drang zu schneiden.
"Psychische Erkrankungen junger Frauen treten in Wellen auf und sagen etwas über den Stand der Gesellschaft aus", kommentiert der Göttinger Psychoanalytiker Professor Ulrich Sachsse, 51, Spezialist für Traumatherapie und Koryphäe in der Behandlung von Selbstverletzungspatienten. "In den siebziger Jahren war Magersucht die Antwort auf die Völlerei der Nachkriegsgeneration. Danach spiegelte Bulimie den Diät- und Körperkult. Jetzt soll die Klinge mitteilen: ,Wir behandeln unsere Körper so schlecht wie ihr eure Seelen.''"
Eigentlich gilt Selbstverletzung nicht als eigene psychische Erkrankung, sondern als Symptom einer solchen. Meist leiden SVV-Patientinnen an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung, einer chronischen psychischen Erkrankung, die den Betroffenen vielfältige Probleme im Umgang mit sich selbst und anderen schafft. Borderline-Patienten sind sich der Grenzen ihres Ichs unsicher, schwanken ständig zwischen Extremen und Unvereinbarem.
Bis zu fünf Prozent der Bevölkerung sind Borderline-Kranke, Tendenz steigend, schätzen Experten. Dazu zählen viele, die sich selbst an den Rand der Gesellschaft drängen - Alkoholiker, Gewalttäter, Sex- und Drogensüchtige. "Ich bin überzeugt davon, dass nicht wenige Heroin-Abhängige Borderline-Patienten sind", sagt Michael Armbrust, 40, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Psychosomatischen Klinik Bad Bramstedt. Zwar komme fast jeder Junkie irgendwann zum Entzug in psychologische Therapie, doch nach den Ursachen der Sucht werde selten gesucht.
Während männliche Borderliner eher gewalttätig gegenüber anderen sind, neigen Frauen zur Autoaggression. Bei den Selbstverletzungspatientinnen kommt hinzu, dass mehr als 80 Prozent von ihnen in der Kindheit körperlich oder seelisch missbraucht wurden.
Auch Juliane ist ein Opfer sexueller Gewalt. Zwölf Jahre war sie alt, als ein Fremder sich im Park an ihr verging. Sprechen möchte sie darüber nicht, lange Jahre hatte sie das traumatische Ereignis verdrängt. Mit 17, als ihr erster Freund zärtlich werden wollte, war es mit dem Verdrängen vorbei. Der Freund trennte sich von ihr. "Weil es im Bett nicht geklappt hat", sagt Juliane. Sie hasste sich dafür, der innere Druck wuchs und wuchs, wurde unerträglich, "ich hatte das Gefühl zu platzen".
In dieser Situation schnitt sie sich in der Küche aus Versehen an einem Winkelmesser. "Zuerst bin ich total erschrocken, weil es so stark geblutet hat, aber ich habe gemerkt, dass es mir Erleichterung verschaffte, dass die Spannung nachließ. Wie in Trance habe ich dann losgelegt, immer weiter geschnitten, und dabei ist eine ganz schwere Last von mir gefallen", erzählt sie. Wie ein Strom sei das Gefühl Schnitt für Schnitt in ihren Körper zurückgekehrt. Danach bereute sie, was sie getan hatte, hielt sich für verrückt.
Eine Woche später hat sie trotzdem wieder zum Messer gegriffen. "Da hatte ich es schon richtig geplant. Ich wusste, danach wird es mir besser gehen." Deshalb hat Juliane immer wieder geschnitten, das Messer auch mit zur Arbeit genommen, "für den Notfall". Benutzt hat sie es dort nur einmal, auf der Toilette. "Das war schrecklich. So respektlos."
Übereinstimmend berichten SVV-Patientinnen, dass sie die Selbstverletzung planen. Oft wird ein Ritual daraus gemacht, es gibt ein Lieblingsmesser, das in einer besonderen Schatulle aufbewahrt wird. Stefanie zündet sich eine Kerze an, legt Musik auf und schneidet los. Am liebsten hört sie dazu Rammstein, ein Lied mit dem Vers "rote Striemen auf weißer Haut". Vier Jahre lang hat sie sich fast täglich selbst verletzt, manchmal absichtlich so tief in den Oberarm geschnitten, dass Sehnen frei lagen und die Wunde im Krankenhaus genäht werden musste. "Ich wollte, dass sich wenigstens zehn Minuten jemand um mich kümmert", sagt sie.
Die Ärzte, davon ist sie überzeugt, müssen gemerkt haben, was mit ihr los war. Aber nachgefragt hat niemand. Das ist symptomatisch. Obwohl die Wunden, die sich Selbstverletzer zufügen, kaum zu übersehen sind, wissen oft nicht einmal die nächsten Angehörigen von dem Problem. So geht es auch der 17-jährigen Andrea aus Köln. Obwohl die Haut ihrer Oberarme kaum noch zu sehen ist zwischen tiefen Schnitten, schorfigen Wunden und Narben, wissen ihre Eltern angeblich nichts.
Stefanie hat ihrer Mutter die Schnitte erst gezeigt, als die sie in der Psychiatrie besuchte. Dort hat sie auch gelernt, mit dem, was sie ihre Sucht nennt, zu leben. "Für mich ist es ganz klar eine Sucht. Ich habe sonst keine Möglichkeit, die Spannung, die Todesangst, die Panikattacken, das Zittern und Herzrasen zu stoppen." Ein- oder zweimal im Monat greift sie noch zum Messer - für sie ein erträgliches Maß: "Ich trinke nicht, ich rauche und kiffe nicht und habe das Schneiden akzeptiert, solange es nicht jeden Tag vorkommt."
Tatsächlich gibt es keine Medikamente, die den Patientinnen helfen könnten, die Spannungen, die sie plagen, zu reduzieren. Manche Therapeuten probieren es mit schwach dosierten Neuroleptika, andere bieten Eiswürfel aus Lebensmittelfarbe oder ein Gummiband an, das kräftig über die Haut geschnalzt werden soll. Auch anstrengender Sport kann helfen.
Juliane hat mit Joggen und Squash gute Erfahrungen gemacht. Auch das Vertrauen ihres neuen Freundes hilft ihr. Dass er den Wunsch äußerte, dabei zu sein, wenn sie sich schneidet, findet sie allerdings skurril. "Das wäre mir zu intim, glaube ich." Trotzdem ist die stabile Beziehung neben der Therapie wohl die einzige wirksame Hilfe für sie. Denn SVV-Patientinnen über 30 sind selten, Borderline-Fälle über 40 im Prinzip nicht bekannt. "Ich vermute, dass sich ihre Lebensumstände ab einem gewissen Alter stabilisiert haben", sagt Psychotherapeut Michael Armbrust.
Mit Masochismus, darüber sind sich die Fachleute jedenfalls einig, hat SVV nichts zu tun. Das Schneiden vermittle den Frauen vielmehr eine Pseudo-Kompetenz: Sie sind zwar nicht in der Lage, ihr Leben zu meistern, haben aber das Gefühl, wenigstens ihren Körper zu beherrschen - und in der Tat ein probates Mittel, Aufmerksamkeit zu erregen.
Denn dass das mit Blut und Schnitten in einer auf Schmerzfreiheit fixierten Gesellschaft gut funktioniert, zeigten Skandalkünstler wie Rainald Goetz, der sich beim Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb vor laufender Kamera die Stirn blutig ritzte, die Performance-Künstlerin Marina Abramovic, die sich mit Rasierklingen den Sowjetstern in den Bauch schnitt, oder der Givenchy-Designer Alexander McQueen, der Models Verletzungen auf die makellosen Gesichter schminkte. "Schmerz ist eine Grunderfahrung", sagt Marina Abramovic. "Wir haben Angst vor Leid und Schmerz, aber das Leben besteht aus beiden Seiten - Schönem und Schmerzvollem." ANJA HAEGELE
* Die Namen der Betroffenen wurden von der Redaktion geändert.
Von Anja Haegele

DER SPIEGEL 5/2001
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