29.01.2001

PRESSEDer Kampf geht weiter

Um politisches Profil zu gewinnen, hat sich die neue Führungsmannschaft des Springer-Verlags auf die Kontroverse um Joschka Fischers Vergangenheit gestürzt. Jetzt muss sie feststellen, dass sie auf die falsche Debatte gesetzt hat - plötzlich gerät die eigene Geschichte in die Diskussion.
Damit es keine Missverständnisse gibt: Über "Bild", "Welt" und die anderen Springer-Blätter möchte Peter Boenisch nicht reden. Selbst wenn es da natürlich einiges zu sagen gäbe. Vor allem, wenn man von 1961 bis 1971 selbst Chefredakteur der "Bild"-Zeitung war und dem Konzern immer noch, auch mit 73, als Aufsichtsrat verbunden ist.
Nein, er will sich allenfalls über die wilden sechziger und siebziger Jahre äußern, als er und "Bild" auf der "anderen Seite der Barrikade" standen. "Wissen Sie", sagt Boenisch, "manchmal komme ich mir vor wie ein Frontsoldat, der 20 Jahre nach Kriegsende aus dem Dschungel auftaucht und auf eine Garde junger Historiker trifft, die den Krieg nicht miterlebt haben und ihm erzählen wollen, wer wo damals geschossen hat."
Er hat seinen Frieden mit der Vergangenheit geschlossen. "Fischer war, wie er war, und er ist, wie er ist", kommentierte Boenisch Anfang Januar in der "Bild"-Zeitung, als die ersten Prügel-Fotos des späteren Außenministers veröffentlicht wurden: "Heute entscheiden allein seine diplomatischen Ergebnisse und nicht die Bilder aus einer beiderseits gewalttätigen und hasserfüllten Vergangenheit."
Die versöhnlichen Worte des Altmeisters stießen im konservativen Zeitungshaus nur bedingt auf Zustimmung. "Ein klassischer Fall von Altersgüte", spottete der als Hardliner bekannte Georg Gafron, seit Anfang des Jahres Chefredakteur der Berliner "B.Z.".
"Glücklicherweise wird auch Gafron älter", kontert Boenisch, der die Debatte über Fischers Vergangenheit in "ihrer Breite und Hektik für maßlos" hält. Um dann gleich klarzustellen, dass er damit auf keinen Fall die aktuelle Berichterstattung der Springer-Blätter gemeint habe. Natürlich nicht. Auf keinen Fall.
Dort hat sich vor allem der neue "Welt"-Chef Wolfram Weimer, 36, als unerbittlicher Richter über die Vergangenheit des Außenministers hervorgetan: "Fischers Beichte zeigt keine Reue ... Wie will er unser Land in aller moralischen Integrität vertreten? Muss er ausgerechnet Außenminister sein?"
Weimer ist einer von fünf Chefredakteuren, die bei Springer in den vergangenen Wochen und Monaten ihr Amt angetreten haben. In einer beispiellosen Verjüngungskur hatte sein Vorgänger Mathias Döpfner, 38, inzwischen Zeitungsvorstand und designierter Vorstandsvorsitzender, etliche seiner Top-Journalisten ausgewechselt. Für die neue Führungsriege ist die Fischer-Kontroverse die erste Gelegenheit, sich politisch zu profilieren.
Und schon zeigen sich die Risiken des radikalen Generationswechsels. Den meisten Neulingen fehlt es an der nötigen Erfahrung. Unbekümmert wollen sie ein Maximum an Aufmerksamkeit erreichen - und riskieren damit, dass Europas größtes Zeitungshaus wieder in die Rolle der "reaktionären Springer-Presse" der sechziger und siebziger Jahre gedrängt wird.
"Früher wurden wir in der Öffentlichkeit wie Lepra-Kranke behandelt", sagt ein hochrangiger Springer-Journalist, "und wenn die Neuen so weitermachen, wird das bald wohl wieder so sein."
Dabei ist die Lage unübersichtlich. Von einer einheitlichen Kampagne gegen die rot-grüne Regierung in Berlin kann keine Rede sein - sehr zum Kummer von Springer-Großaktionär Leo Kirch, einem engen Vertrauten von Altkanzler Helmut Kohl. Vergebens mahnte der Münchner Filmhändler im Dezember am Rande einer Aufsichtsratssitzung in Berlin eine entschiedenere Haltung gegenüber der Regierung an.
Doch Friede Springer wollte sich darauf nicht einlassen. Die Chefredakteure seien für die publizistische Linie ihrer Blätter verantwortlich, fertigte sie den ewigen Rivalen ab. Die Witwe des Verlagsgründers hält die Mehrheit am Springer-Konzern.
Der Kanzler in Berlin - selbst unter zunehmendem Druck - will an so viel Liberalität nicht glauben. In der "Zeit" warf Schröder vergangene Woche dem Hamburger Konzern eine gezielte Kampagne gegen die Regierung vor. Die neuen Leute bei Springer wollten den Verlag "offenkundig" politisch einsetzen. Und sein Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye kündigt an, man werde in Zukunft juristisch gegen aggressiv falsche Berichterstattung vorgehen: "Das ist bei diesem Abschreibe-Journalismus, der heute üblich ist, gar nicht anders möglich. Jede Falschmeldung gilt so lange als richtig, wie sie nicht dementiert oder gerichtlich verboten ist."
Springer-Zeitungschef Döpfner reagierte umgehend auf die Attacken aus Berlin. In einem überlangen "Bild"-Kommentar spielte er den Ball zurück: Mit der "Kampagne des Kanzlers" wolle Schröder "unabhängige Journalisten einschüchtern und mundtot machen".
Im Kanzleramt wird eine ausgeklügelte Strategie hinter der konservativen Meinungsvielfalt vermutet. "B.Z."-Chef Gafron ist für die Schröder-Berater der Springer-Mann fürs Grobe, von dem sich "Welt"-Mann Weimer allenfalls in der Wahl der Mittel unterscheide, während ausgerechnet Kai Diekmann, 36, der Chefredakteur der mächtigen "Bild"-Zeitung, die moderateste Position vertrete.
Dabei galt Diekmann lange als Schreckgespenst der rot-grünen Regierung. Der Schnellaufsteiger hatte sich in den neunziger Jahren nicht nur durch seine Kohl-Biografie ins Herz des Altkanzlers geschrieben. Als Chef der "Welt am Sonntag" war er maßgeblich am Niedergang von Kohl-Feind Wolfgang Schäuble beteiligt.
Bereits im Dezember trafen sich Schröder und Diekmann zum diskreten Kennenlernen in Berlin. Das Gespräch verlief zur beiderseitigen Zufriedenheit. Diekmann versicherte, er wolle nicht Politik, sondern Auflage machen. Der Kanzler reagierte wohlgefällig.
Zumindest anfangs hielt sich Diekmanns "Bild" in der Fischer-Kontroverse zurück. Während Gafron und seine "B.Z." aus allen Rohren schossen ("Gestern Steinewerfer, heute Außenminister"), rückte Diekmann den versöhnlichen Boenisch-Kommentar ins Blatt und ließ einen katholischen Bischof zu Fischers Jugendsünden befragen ("Was würde Jesus dazu sagen?"). Der Mann Gottes plädierte - wenig überraschend - für Vergebung. Doch inzwischen ist auch Diekmann auf einen harten Kurs umgeschwenkt ("75,9 Prozent der 'Bild'-Leser wollen Fischers Rücktritt").
Bei Weimers "Welt" war von Zurückhaltung von Anfang an nichts zu spüren. Sein Vorgänger Döpfner hatte die Redaktion beinahe vollständig ausgewechselt. Inzwischen geben dort die 30-Jährigen den Ton an - und die hat das Jagdfieber gepackt. "Sie wollten Fischer zur Strecke bringen, um sich ihre journalistische Großartigkeit unter Beweis zu stellen", sagt einer der älteren Redakteure.
Auf endlosen Seiten versuchte die "Welt"-Mannschaft, den Außenminister aus dem Amt zu schreiben. So wurde selbst Fischers langjährige Intimfeindin Jutta Ditfurth bemüht, die kolportieren durfte, wie ein enger Mitarbeiter Fischers in den achtziger Jahren "mindestens in zwei Fällen Männer, die zum linken Flügel der Grünen gehörten und Fischer im Weg standen, wüst in die Weichteile trat".
Weimer verbindet mit der Kontroverse um die Vergangenheit der grünen Regierungsmitglieder die Hoffnung, endlich einmal bei einer nationalen Debatte die Meinungsführerschaft zu übernehmen.
"Einen akuten Fall von Größenwahn", konstatiert "FAZ"-Mitherausgeber Frank Schirrmacher bei seinem Berliner Kollegen, der das Gegenteil von dem erreiche, was er vorgehabt habe. Zunehmend werde nur noch eines diskutiert: Springers mehr als umstrittene Vergangenheit.
Dafür hatte Weimer selbst gesorgt, indem er Wolf Biermann als "Chefkulturkorrespondent" für einen mittleren sechsstelligen Betrag verpflichtete. In einem großen Debattenbeitrag griff der Liedermacher ausgerechnet die eigene Zeitung an: "'Die Welt' sollte sich nicht mit journalistischen Steinen aus dem Springer-Glashaus an der Steinigung Joschka Fischers beteiligen. Immerhin war es vor allem die Hetze in Springers 'Bild'-Zeitung ..., ohne die der junge Nazi Bachmann wohl kaum seine drei Kugeln in den Kopf von Rudi Dutschke geschossen hätte."
Auf einmal war ein Thema auf die Tagesordnung gerückt, das die Springer-Journalisten bisher sorgfältig vermieden hatten: die zentrale Rolle des Verlags während der Studentenunruhen.
"Enteignet Springer", war eine der wichtigsten Forderungen der Studenten, die nach dem Attentat auf Dutschke versucht hatten, das Berliner Springer-Hochhaus zu stürmen. Jahrelang hatten die Blätter des frommen, konservativen Großverlegers gegen die Protestbewegung gehetzt: "Polizeihiebe auf Krawallköpfe, um den möglicherweise doch vorhandenen Grips locker zu machen" ("Bild" 1966).
Langsam realisieren die jungen Blattmacher bei Springer, dass die Fischer-Kontroverse für sie möglicherweise die falsche war. Zu schwer ist der historische Ballast, den Blätter wie die "Welt" oder "Bild" mit sich herumtragen und der bei einer Diskussion über die Ursachen der Gewalt nicht ausgeblendet werden kann.
Zwar will die junge Führungsmannschaft auf keinen Fall mit dem alten, vermufften Image des Verlags in Verbindung gebracht werden. Doch ihre Karrieren verdanken sie dem Umstand, dass sie sich gegenüber Friede Springer als Bewahrer der Tradition Axel Cäsar Springers ausgaben. Jetzt dämmert ihnen, dass beides gleichzeitig nicht möglich ist.
"Denen ist die Debatte", so "FAZ"-Mann Schirrmacher, "auf die Füße gefallen." KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN,
HARTMUT PALMER
Von Konstantin von Hammerstein und Hartmut Palmer

DER SPIEGEL 5/2001
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