DER SPIEGEL



REALITY-TV

Bananen am Pool

Von Gehrs, Oliver

Bikini-Schönheiten, Lustknaben und die Hoffnung auf quotenfördernden Beischlaf: Am Wochenende startete Sat.1 das Reality-Spektakel "Girlscamp".

Wenn es Nacht wird auf El Hierro, gönnt sich Alexander Geistlinger schon mal ein ganz besonderes Schauspiel. Dann dreht er die Stereoanlage in der Finca auf und lauscht gebannt in seinen Steingarten, den er mit etlichen Lautsprechern verkabelt hat. "Ein tolles Erlebnis", schwärmt der deutsche Aussteiger von seiner Bastelarbeit.

Doch nun ist das Idyll auf der kleinsten Kanareninsel bedroht. Denn nur wenige Kilometer von Geistlingers Haus entfernt haben sich ebenfalls Deutsche niedergelassen, die es bei ein paar Glühbirnen im Lava-Acker nicht belassen. Mit Millionenaufwand hat die Hamburger Produktionsfirma Me, Myself & Eye (MME) im Auftrag von Sat.1 einen Bungalow am Meer zum "Girlscamp" umgerüstet - einer Art "Big Brother"-Container der Luxusklasse mit Swimmingpool, Sauna und Kühlschränken voller Hummer und Schampus.

In dieses Lotterlager rückten am Samstag zehn junge Frauen ein, die dem Publikum am Vorabend in einer zweistündigen Live-Show präsentiert und danach in einer weißen Stretchlimousine weggekarrt wurden; darunter die sächsische "Dauerduscherin" Katja, 29, und "Hobby-Go-go-Tänzerin" Claudia, 19, aus Oldenburg.

Von über 50 Kameras beobachtet, sollen sie sich nun sieben Wochen lang möglichst hüllenlos in der Sonne räkeln oder - von der Unterwasserlinse begleitet - nackt durch den Pool gleiten. Der Quoten-Höhepunkt könnte erfolgen, wenn eins der Girls - von Hitze und Alkohol geschwächt - dem eingeflogenen "Boy of the week" zum Opfer fällt. Frei nach dem Refrain des Soundtracks: "Gib mir 100 Prozent von dir".

Damit der vollen Ladung nicht das Jugendschutzgesetz in die Quere kommt, überträgt Sat.1 neben den Shows zur Primetime die heißesten Szenen wochentags um Mitternacht. Jede Woche dürfen Zuschauer und Internet-Nutzer entscheiden, wer zurück in die Kälte muss und wer am Schluss 200 000 Mark abräumt.

"Die schärfste TV-Show des Jahres", schwärmt der Kölner "Express", "Bild" warnte besorgt die Autofahrer vor der "supererotischen" Werbung am Straßenrand: Die halbe Republik hat der Familiensender Sat.1 mit riesigen Plakaten zugepflastert, von denen die halb nackten Grazien im Bikinihöschen grüßen. Der hingestöhnte Trailer, in dem sich ein Pärchen im Schaumbad vergnügt und eine oberweitenstarke Badenixe aus dem Pool steigt, wurde nach Protesten weiblicher Sat.1-Mitarbeiter durch eine entschärfte Version ergänzt.

Während das Vorspiel in Deutschland wochenlang auf Hochtouren lief, gibt man sich auf El Hierro - mit Blick auf die katholische Bevölkerung - zivilisierter und tut so, als ginge es lediglich um das gemütliche Abschwenken einer Frauen-WG. "Ein Sexcamp wird es nicht geben. Viel erotischer sind doch sowieso die Gespräche unter den Frauen", sagt Producer Michael Voppe, der nach einigen Tagen unter kanarischer Sonne nicht nur so aussieht wie eine braun gebrannte Version des ehemaligen Kulturministers Michael Naumann, sondern auch so spricht: "Die Wahrheit sei ein Weib", sinniert er mit Blick ins Ungefähre, "das hat schon Nietzsche gesagt."

Dem zuständigen Bürgermeister im Küstenort Frontera wurde das Voyeurs-TV gar als soziologisch wertvolles Fernsehprogramm gepriesen, das sich zudem fördernd für den Tourismus auswirke. Der besteht zurzeit noch aus ein paar hundert deutschen Studienräten, die sich mit ihren Birkenstock-Schuhen durch die karstige Landschaft plagen.

Nun sind die Kneipen erst mal voll mit den über 100 Fernsehschaffenden, die sich im Geröll am Meer niedergelassen haben - inklusive eigener Feldküche und Stromversorgung, weil sonst das Dorf die nächsten Monate im Dunkeln läge.

"Für die Inselbewohner ist das ein gutes Geschäft", sagt TV-Mann Voppe, doch mittlerweile wachsen auf der Insel Zweifel am nachhaltigen Nutzen des Trubels. Geschürt werden die Vorbehalte von deutschen Aussteigern, von denen es rund 300 auf der Insel gibt. So hat der studierte Politologe Geistlinger, den es vor sieben Jahren nach El Hierro verschlug, eine Art Bürgerinitiative gegründet, die in Heimarbeit Plakate entwirft ("Girlscamp - no gracias"), Unterschriften sammelt oder lüsterne Presseartikel aus Deutschland übersetzt und an den Inselpfarrer weiterreicht.

Der fürchtet angesichts hingesabberter "Bild"-Einzeiler wie "Knutschen, Fummeln, Busen zeigen" bereits um das Seelenheil seiner Schäfchen. Auch dass ausgerechnet am heiligen Sonntag stundenlang ein Hubschrauber mit Probekandidaten über der Insel kreiste, kam bei dem Geistlichen nicht gut an.

"Das Spektakel ist ein Angriff auf die ethischen und moralischen Werte eines jeden Herreños", heißt es in einem offenen Brief an den Präsidenten der Inselverwaltung, zudem würde "die Basis für einen seriösen Tourismus" zunichte gemacht.

"Wir heißen diejenigen willkommen, die hier die Luft und Ruhe genießen", sagt auch der kanarische Schriftsteller Carlos Quintero Reboso. "Aber wir wollen nicht von diesen sadomasochistisch veranlagten Fernsehzuschauern überfallen werden, die sich an trivialen Spielen ergötzen."

Dass die in Massen anreisen werden, steht freilich kaum zu befürchten. Erstens liegt die Insel wegen der schlechten Verbindung fast eine Tagesreise von Deutschland entfernt, zweitens bietet sie dem gemeinen Ballermann-Touristen nicht mal einen Sandstrand zum Schmoren.

Dennoch - so wird befürchtet - könnten von den Ruhe suchenden Wandervögeln einige wegbleiben, wenn ihr Urlaubsziel erst als neues Rammelparadies Furore macht. "Es reichen schon 20 Leute, um die Stimmung zu versauen", gibt ein deutscher Biobauer zu bedenken.

Zumal es bei einem "Girlscamp" nicht bleiben wird. Wie im "Big Brother"-Container sollen sich die Kandidaten auf El Hierro die Klinke in die Hand geben, schließlich lassen sich die entstandenen Kosten mit einer Staffel nur so eben decken. Um die 15 Millionen Mark dürfte das Format kosten und damit das teuerste Reality-TV aller Zeiten sein.

Damit sich nicht nur die Werbung, sondern auch die "Girlscamp"-Bettwäsche und das Computerspiel verkauft, muss die Premiere zum Quotenkracher werden. Der Probedurchgang mit einer Gruppe herbeigecharterter Animatösen von der Nachbarinsel Teneriffa geriet bereits viel versprechend. Nach einem erotischen Bananenessen am Pool kam es schon in der dritten Nacht zum Äußersten. Von der Infrarotkamera beobachtet, verzog sich der Lustknabe mit einem Test-Girl unter die Bettdecke, aufgeregte Redakteure vermeldeten am Tag darauf Vollzug.

Sollte sich der Blitz-Beischlaf bei den echten Kandidatinnen wiederholen, dürfte Sat.1 im "Sexrennen der TV-Sender" ("Bild") vorn liegen. Schließlich starten dieser Tage mit "Big Brother 3", "To Club" (beides RTL II) und dem Liebeszwinger "House of Love" (RTL) gleich drei weitere Spanner-Shows - und eins ist klar: Mit einem dicken Harry auf dem Sofa ist es diesmal nicht getan. "Das muss jetzt richtig krachen", sagt ein Sat.1-Manager.

Darauf hofft auch Aussteiger Geistlinger. Schließlich sind zu dieser Jahreszeit verheerende Sahara-Stürme, die die Bananenplantagen platt machen, keine Seltenheit. "Zum ersten Mal würden wir uns richtig darüber freuen." OLIVER GEHRS


DER SPIEGEL 5/2001
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