29.01.2001

Vorwärts und nicht vergessen Der eine war Schüler in Bremen, der andere Student in Frankfurt. Zwei SPIEGEL-Redakteure, Cordt Schnibben, 48, und Reinhard Mohr, 45, beschreiben ihre Zeit in den politischen Gruppen der 68er Revolte und deren Zerfall in den siebDas große Sackhüpfen

Cordt Schnibben über seine Apo-Jahre in Bremen
Es gibt Momente im Leben, in denen irgendetwas passiert, irgendjemand etwas sagt oder man irgendetwas sieht - und plötzlich ist eine Erinnerung wieder da, die schon abgelegt schien im Unterbewusstsein. Es sind schöne Augenblicke, weil sie meist der Anfang sind einer Kette von immer neuen Erinnerungen, der Beginn einer kleinen Trance. Gute Therapeuten kriegen das hin, ich verdanke einen solchen Moment der Bundestagsabgeordneten Silvia Bonitz. Ich kenne sie nicht, ich sah sie im Fernsehen, am 17. Januar auf "Phoenix". Sie hat ein offenes, kluges Gesicht, sie wirkt sympathisch, sie ist eine von den Politikerinnen, die man bedenkenlos wählen kann, egal, in welcher Partei sie sind. Silvia Bonitz ist in der CDU, und an diesem Nachmittag hatte sie die Aufgabe, Joschka Fischer zu seiner linksradikalen Vergangenheit zu befragen.
Sie machte das gut, sehr ruhig, sehr genau, sehr naiv. Sie wollte wissen, ob dem Außenminister damals das Verletzungsrisiko eines Steinwurfs bekannt gewesen sei und was er unter dem Wort "Hinlangen" verstehe. Das Treten von Personen? Das Werfen von Brandsätzen? Das Werfen mit Steinen? Der Außenminister guckte nicht so schuldbewusst, wie die CDU es erwartete, es entstand Unruhe im Saal, und da war er, dieser kleine Moment der Besinnung.
Ein kalter Januarnachmittag im Schicksalsjahr 1968. Ich war 15 Jahre alt, Gymnasiast in Bremen, einer von ein paar hundert Schülern, die aus Neugier zur Domsheide gekommen waren, um zu sehen, ob tatsächlich das passieren würde, was morgens in der Schule auf den Flugblättern angekündigt worden war. Der Straßenbahnverkehr der Hansestadt sollte blockiert werden, weil die Landesregierung eine Erhöhung der Fahrpreise angekündigt hatte, von 60 Pfennig auf 70 Pfennig für den Einzelfahrschein.
Schon an den beiden Vortagen hatten sich ein paar Dutzend Schüler auf das Gleiskreuz an der Domsheide gesetzt und so den Straßenbahnverkehr zum Erliegen gebracht. Es waren Aktivisten aus dem USB, dem "Unabhängigen Schülerbund", und von der Landesschülervertretung. In Bremen gab es noch keine Universität, die Revolution musste deshalb von Schülern erledigt werden, von Schülern, die eigentlich nur mehr Mitbestimmung in der Schule wollten und einen Raucherraum und endlich Sexualkundeunterricht.
Ich besuchte das Gymnasium am Barkhof, eine Traditionsschule, deren Bohnerwachsgeruch mir bis heute in der Nase ist. Unser Mathelehrer war 70 Jahre alt und pflegte bei guten Antworten "eins rauf mit Mappe" zu bellen, eine Angewohnheit aus der Zeit, als vorn die guten Schüler sitzen durften und hinten die schlechten. Unser Turnlehrer, 74 Jahre alt, stoppte die Zeit, die wir brauchten, um das Reck aufzubauen, und wenn es länger als 30 Sekunden dauerte, gab er einem Schüler stellvertretend für die ganze Klasse einen Schlag auf den Hintern - auf den "Pöter", wie er sagte - und schickte ihn für den Rest der Stunde in die Ecke, "mit dem Gesicht zur Wand, husch, husch". Aber in der letzten Stunde vor den Zeugnissen und an seinem Geburtstag erzählte der 75-Jährige vom Ersten Weltkrieg und machte Kopfstand auf einem Stuhl - ohne Kissen.
Ich trug an jenem Januarnachmittag meine beste Hose, meine dunkelblaue Konfirmationshose. Gab es schon Jeans? Vor mir stand eine Kette von Polizisten, und einer erklärte mir freundlich, dass die Domsheide für Schüler heute Nachmittag gesperrt sei. Ich sah nicht aus wie ein Demonstrant, keiner sah damals in Bremen aus wie ein Demonstrant. Die Haare waren nicht richtig lang, nur so in Pilzkopflänge, Ohren noch zu sehen.
Die Polizisten trugen grüne Helme aus Hartpappe, genannt "Tschakos", und sahen aus, als sei das auch ihre erste Demonstration. Hinter mir, auf der Straßentreppe, versammelten sich immer mehr Schüler, die genauso wie ich herumstanden. Wir wussten nicht, was wir tun sollten.
Der nette Polizist, der mit uns gesprochen hatte, trat plötzlich zur Seite, die Polizeikette öffnete sich, und ich starrte in das Mündungsrohr eines Wasserwerfers. Der Strahl traf mich auf der Brust, ich wurde umgeworfen und die Treppe hinuntergeschubst. Die Polizisten setzten gummiknüppelschlagend nach und prügelten uns durch die engen Gassen des Schnoorviertels. Irgendwann brachten wir Abstand zwischen sie und uns. Auf einem Baugrundstück lagen Steine herum, wir griffen uns die kleineren und warfen sie den abziehenden Polizisten hinterher. Ein Stein fegte einem Beamten den Tschako vom Kopf, ein anderer traf ihn knapp über dem Ohr. Er schrie kurz und blutete.
Wir ließen die Steine fallen und rannten los, von der Angst gejagt, verfolgt und gefasst zu werden. Von einer Telefonzelle aus rief ich meinen Vater an, vor Kälte und Nässe schlotternd. Er lachte mich aus, er wolle mich nicht mit dem Auto abholen, ich solle gefälligst zu Fuß laufen, wir Schüler hätten ja schließlich die Straßenbahn lahm gelegt. Ich brauchte 50 Minuten bis nach Hause.
Am folgenden Tag waren ein paar tausend Schüler in der Bremer Innenstadt, es hatte sich herumgesprochen, dass da ein ganz neues Räuber-und-Gendarm-Spiel ablief. Der Straßenkampf hatte Bremen erreicht und feierte gleich seinen ersten Sieg: Bürgermeister Hans Koschnick stellte sich Tage später auf den Marktplatz und nahm die Erhöhung der Fahrpreise zurück.
In den Schulen wirkte dieser Erfolg wie das Aufspringen eines knarrenden, hölzernen Burgtores. Die Burg, das war das alte Deutschland, der alte Obrigkeitsstaat, in dem sich der Untertan schon dann rechtswidrig verhielt, wenn er sich öffentlich über einen Polizisten empörte, der sich rechtswidrig verhielt; ein Land, in dem das Gitarrespielen an einem Münchner Brunnen ausreichte, um einen Polizeiaufmarsch auszulösen. Jede Menge Gebote und Verbote hatte die deutsche Sofakissendiktatur uns zu bieten - sitz gerade, geh zum Friseur, mach die Negermusik leiser, geh zur Tanzstunde, wasch den Wagen.
Und hinter dem Burgtor, das nun offen stand, lag die Straße zum Glück, zur Freiheit, zur Sonne. Die damals utopisch anmutende Erfahrung, etwas bewegen zu können, obwohl es immer so ausgesehen hatte, als würde sich nie etwas bewegen, ließ uns von einer Schule träumen, in der das Lernen Spaß macht, von einer Gesellschaft, die frei und solidarisch sein sollte, und von einer Welt, in der alle friedlich vor sich hin kiffen und vögeln.
Wir lebten in der Gewissheit, den Sex, die Schule, das Wohnen, die Musik und die Demokratie neu erfinden zu dürfen; und nur eine Macht konnte uns daran hindern, unseren Menschenversuch zum glücklichen Ende zu bringen: das Kartell aus Elternhaus, Schulbehörde und Weltkapital. Wo wir hinblickten, ob nach San Francisco, Havanna oder Paris, entdeckten wir Mitkämpfer, und wo immer wir hinkamen, nach Berlin, Frankfurt oder Hamburg, konnten wir unseren Schlafsack ausrollen und eine selbst gedrehte Zigarette schnorren.
Wir lebten in dem Gefühl, ehrlicher zu leben, sinnvoller und moralischer als die "Spießer" und "Konsumtrottel", wir glaubten zu denen zu gehören, die das Richtige zur richtigen Zeit tun, wie ein Surfer, der auf einer gewaltigen Welle vor Glück brüllend dem Strand entgegenfliegt.
"Der Zweck heiligt die Mittel", stand auf der Raufasertapete, die meine erste Wandzeitung war. Mitschüler hatten unsere Schule angemalt ("Schluss mit der Onanie am Lehrerpult") und sollten von der Schule fliegen. Farbanschläge und Bombendrohungen gehörten im Jahr nach dem Sieg auf den Straßenbahngleisen zu unserem Waffenarsenal. Anlass für solche Aktionen waren Klassenarbeiten, der Konsumrausch vor Weihnachten oder die Notstandsgesetze.
Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, für die Freilassung inhaftierter Mitkämpfer oder gegen den Zeugnisterror endeten gewöhnlich mit Straßenschlägereien und Verfolgungsjagden. Wir glaubten an die "Propaganda der Tat", an den Gesetzesverstoß und seine weltverbessernde Kraft.
Wie ein Manifest wirkte die Rede eines Berliner Germanistik-Studenten, auf Flugblättern weitergereicht: "Wir haben ruhig und ordentlich eine Universitätsreform gefordert, obwohl wir herausgefunden haben, dass wir gegen die Universitätsverfassung reden können, so viel und so lange wir wollen, ohne dass sich ein Aktendeckel hebt, aber dass wir nur gegen die baupolizeilichen Bestimmungen zu verstoßen brauchen, um den ganzen Universitätsaufbau ins Wanken zu bringen. Da sind wir auf den Gedanken gekommen, dass wir erst den Rasen zerstören müssen, bevor wir die Lügen über Vietnam zerstören können, dass wir erst die Hausordnung brechen müssen, bevor wir die Universitätsordnung brechen können. Da haben wir es endlich gefressen, dass wir gegen Prüfungen, in denen man nur das Fürchten, gegen Seminare, in denen man nur das Nachschlagen lernt - dass wir gegen den ganzen alten Plunder am sachlichsten argumentieren, wenn wir aufhören zu argumentieren und uns hier in den Hausflur auf den Fußboden setzen." Der Name des Verfassers: Peter Schneider, später als Literat ein Kritiker der 68er.
Aus Berlin kamen die Theorien und die Dutschkes und Teufels nach Bremen, erzählten uns im Kellerclub "Lila Eule", wie es um die Weltrevolution stand und welche Schriften von Marx, Freud und Marcuse wir lesen sollten. Zu Hause brannte jeden Mittag die Küche: Ich versuchte, die neuesten Wahrheiten von Marx weiterzugeben, mein Vater warnte vorm Weltjudentum und erfreute uns mit Judenwitzen. Er war Nazi gewesen, und er war Nazi geblieben; in der Nachkriegszeit hatte man ihm den Prozess gemacht, er wich aus, wenn ich wissen wollte, weshalb. Erst vor einigen Jahren, als wir seine Wohnung ausräumten, erfuhr ich, dass er drei Jahre lang im Zuchthaus gesessen hatte, weil er in den letzten Kriegswochen an der Exekution eines Deserteurs beteiligt war.
Meine Fußballfreunde sahen mich nachmittags nicht mehr, ich las jetzt bis in die Nacht Bakunin und Wilhelm Reich. Sie begannen, mich "Chruschtschow" zu nennen, und spotteten über mein immer erleuchtetes Dachfenster - "im Kreml brennt noch Licht".
Ich hatte jetzt neue Freunde, die keine kurzen Hosen trugen, sondern lange Ledermäntel aus der Altkleidersammlung. Auf dem Schutzblech meiner Mobilette klebte jetzt neben dem Abzeichen von Werder Bremen das Gesicht von Ché Guevara. Er war am 9. Oktober 1967 erschossen worden, Martin Luther King am 4. April 1968, Rudi Dutschke hatte am 11. April eine Kugel in den Kopf bekommen.
Wir antworteten mit der Besetzung eines Gymnasiums, mit Teach-ins und Go-ins gegen die Notstandsgesetze, später mit der Erstürmung und Zerstörung des NPD-Büros. Die Polizei setzte erstmals Tränengas ein, bald landeten die ersten Molotowcocktails im Bremer Landgericht und im US-Konsulat.
Unter uns wurde nicht über Gewalt diskutiert, einige hatten die Brandsätze halt dabei und warfen sie. Wir freuten uns. Die Verabschiedung der Notstandsgesetze im Bundestag, trotz monatelanger Proteste von Zehntausenden Demonstranten, waren das erste Signal der Ausweglosigkeit. Die erste Gefängnisstrafe: Einer unserer Anführer wurde zu sechs Monaten ohne Bewährung verurteilt, weil wir sämtliche Fenster der Bildungsbehörde eingeworfen hatten.
Aus den Basisgruppen an den Schulen, an manchen Gymnasien bis zu 100 Schüler stark, war inzwischen der "Sozialistische Schülerbund Bremen" geworden, aus einer Bewegung von Spontaneisten eine Organisation, die einen Vorstand hatte, ein Programm und ein paar Fraktionen. Wir machten uns auf die Suche nach dem revolutionären Proletariat und landeten bei der "Gruppe Arbeiterpolitik", einer frühen Abspaltung der längst verbotenen KPD. Das waren nette, gebildete Marxisten, sie führten uns ins "Kommunistische Manifest" ein und ins "Kapital".
Einige Schüler blieben da hängen, andere landeten beim KBW, bei der KPD/ AO, bei der KPD/ML oder, wie ich, bei der DKP. Alle diese Parteien waren 1968 und danach gegründet worden, die DKP vor allem von Alt-Kommunisten, die in den Konzentrationslagern überlebt hatten und deshalb auf viele von uns wie die besseren Eltern wirkten. Die Party war vorbei, wir waren jetzt in der Partei, keine Drogen mehr, keine Pornoabende, und Gewalt diente nur dem Klassengegner.
Kurz nach dem Abitur sagte ich meinem Vater, dass ich nun in die DDR umziehen werde, er hielt das für einen Scherz, und als ich dann wirklich rüberging, hat er es gar nicht richtig mitgekriegt. Ich war jetzt Student der Gesellschaftswissenschaften an der "Karl-Marx-Uni Leipzig, Außenstelle Berlin", was ein Tarnname war für eine Parteischule. Ein Jahr lang das volle Programm: Marx und Lenin, mittags Fußball, abends Theater oder Kino oder Clubabende. Waffenausbildung hatten wir keine, auch Spionage stand nicht auf dem Lehrprogramm. Kontakte zu Einheimischen waren nicht gern gesehen, unser Internat lag weit draußen in Berlin-Biesdorf, neben einer Irrenanstalt.
Im "Haus der jungen Talente" lernte ich ein Mädchen kennen, ich verwöhnte sie mit Sarotti-Schokolade, Dash und Stones-Platten, sie schleuste mich auf düstere Binnenschiffe und in Wohnungen, wo Freunde von einem Kerl namens Gregor Gysi so taten, als lebten sie halb im Untergrund.
Wenn wir zu Hause in ihrem Bett lagen, das war in einem Hochhaus bei der S-Bahn-Station Janowitzbrücke, machte es manchmal "Bum-Bum" an der Wand, sie verschwand für einige Zeit, redete mit ihrem Vater und kam dann niedergeschlagen zurück. Nach ein paar Monaten sagte sie mir, sie dürfe mich nicht mehr sehen, ihr Vater sei Stasi-Offizier im West-Einsatz, aber das dürfe sie mir nicht sagen.
Für die Stasi hat mich keiner geworben, wir sollten agitieren, nicht spitzeln. Als ich wieder im Westen war und mich an der Bremer Universität als Student bewarb, habe ich die Studienzeit, zum Ärger meiner DKP-Oberen, in meinem Lebenslauf angegeben. Die beiden Semester wurden mir anerkannt, irgendwie kam der RCDS dahinter und brachte die rote Kaderschmiede mal wieder in die Schlagzeilen.
Die Orts-, Betriebs- und Hochschulgruppen der DKP waren so gesetzestreu und friedlich, dass die einzige Gewalt, die von ihnen ausging, sich gegen die anderen K-Gruppen richtete. Auf gemeinsamen Demonstrationen, wenn es überhaupt dazu kam, prügelten wir uns mit "Chaoten", nicht mit Polizisten. Auf den großen Anti-AKW-Demonstrationen versuchten die militärisch organisierten K-Gruppen in den siebziger Jahren, die Militanz der 68er noch mal aufleben zu lassen, aber die Polizei war nun erfahren und hochgerüstet. Das musste auch die Gruppe erfahren, die alle Gewaltphantasien der 68er am radikalsten und grausamsten auslebte, die RAF.
Nach dem Deutschen Herbst von 1977 herrschte wieder Ruhe im Land. Die brutalsten Rebellen waren tot, die größten Dogmatiker waren zu Clowns geschrumpft, die Haschrebellen zogen von einem Open-Air-Festival zum nächsten oder in die Entziehungskuren, und das Heer der Ho-Ho-Ho-Tschiminh-Sprinter saß nun in Lehrerzimmern und Kindergärten, auf Richterstühlen und in Anwaltskanzleien, in Redaktionen, in Volkhochschulen und Universitäten. Nach meiner Studentenzeit fing ich in einer Werbeagentur als Texter an - Agitation und Propaganda für Höschenwindeln, Schaumbäder und Schokoriegel. Das ist wohl die Buße, die Angela Merkel von den 68ern verlangt.
Das Ende der Revolte war eigentlich schon nah, als wir anfingen, die Antworten zu geben auf die richtigen Fragen, die wir stellten. Wie können Kindergärten kindgemäßer sein, wie können die Schulen lebensnaher, wie können die Hochschulen berufsorientierter und demokratischer werden - darauf Antworten zu geben war noch relativ einfach. Wie kann die Demokratie weniger parteienbeherrscht sein, wie kann der Wohlstand gerechter verteilt, wie kann die Wirtschaft krisenfester, wie kann die Gesellschaft durchlässiger werden - darauf fiel uns und den Chefideologen der Apo nichts ein, nur immer: Sozialismus. Und wie der auszusehen habe und wie man ihn erreichen könnte, darüber stritten sich die kommunistischen Gruppen so lange, bis von ihnen nichts mehr übrig war und schließlich auch der Sozialismus von der Erde verschwunden war.
Und was hat der ganze Straßenzauber gebracht? Eine "Vertiefung des demokratischen Engagements in der Gesellschaft", wie Richard von Weizsäcker es nennt? Die Entmiefung der wilhelminischen Republik, ihre Verwestlichung? Die Reform des Bildungssystems? Mehr Sex, mehr Drugs, mehr Rock''n''Roll? Oder war es einfach nur das große Sackhüpfen, folgenlos wie ein Kindergeburtstag? Zwischen "nichts bewirkt" und "alles ruiniert" pendeln die Rückblicke im Fünfjahresrhythmus der Gedenktage hin und her. So gern der Alt-68er verantwortlich wäre für alles Bunte, Schöne, Zivilisatorische, was diese Republik hat, so gern möchte der 68er-Hasser die Rebellion verantwortlich machen für alles Böse, Kaputte und Verfluchte - für Rauschgifttote, für Politikverdrossenheit, für Aids, für die Talkshows im Fernsehen und "Big Brother".
Hass auf ''68 ist ein weit verbreitetes Hobby unter denen, die damals jung waren und ihre Verachtung an dem Leben abarbeiten, das sie nicht geführt haben.
Den Jugendlichen der achtziger Jahre kann man es am wenigsten übel nehmen, dass ihnen die 68er bald auf die Nerven gingen. Die Aufsässigen der 80er fanden es rebellischer, nicht rebellisch zu sein. Rebellisch war nur, wer die richtigen Platten hörte und die richtigen Schuhe trug und das richtige Leben im falschen genoss. Der 68er wurde vom Guerrillero zum Trottel, zum Moralisten im selbst gestrickten Pullover, zum Mahner mit Bee-Gees-Frisur, zum ewig jungen Spaßverderber.
Nachdem die Nach-68er fertig waren mit den 68ern, fielen die Vor-68er über die 68er her, pünktlich zum 25-jährigen Jubiläum der Revolte. Die "antiautoritäre Erziehung" der 68er sei verantwortlich dafür, dass sich rechte "Mordbrenner als Avantgarde" (Helmut Schmidt) fühlen können; die "Maßstäbe" hätten sich "im ätzenden Säurebad der Kritik aufgelöst", die "moralische Eigenbrötelei der 68er Rebellen" habe "die Gemeinschaft auf dem Altar der Gesellschaft geopfert" (Theo Sommer).
Das antiautoritäre Ansinnen der 68er, gedacht als radikaldemokratische Erneuerung der Republik, entartete zum Angriff auf das staatliche Gewaltmonopol - das
war der größte Fehler der Apo, und dafür steckt Joschka Fischer jetzt die Prügel ein. Wir haben mit der staatlichen Gewalt und ihren Gummiknüppelträgern gespielt, von Anfang an, das war Teil der Strategie. Ohne Militanz keine Öffentlichkeit, ohne Öffentlichkeit keine Demokratie - das war das Erfolgsrezept der 68er.
Nicht nur Kritik und Selbstkritik fordert Angela Merkel von Fischer und den 68ern, nicht nur Entschuldigungen für Gewalttaten, sondern "Buße" für eine "falsche Sicht". Unser Staat sei "seit 1949 ununterbrochen eine freiheitliche, solidarische, weltoffene Republik", Fischer jedoch sei der Meinung, "die 68er hätten einen Beitrag zur Befreiung geleistet", von dieser Sicht müsse er sich distanzieren, sonst sei sein Bedauern nicht glaubhaft.
In dem Moment war es mir, als säße ich wieder in der Schule, 15 Jahre alt, und nichts sei passiert in den letzten 33 Jahren - mein Kunstlehrer steht wieder da vorne, mein Mathelehrer, mein Turnlehrer. Und Angela Merkel.
Die radikalen Gymnasiasten, die damals in Bremen auf die Straße gingen, sind inzwischen Richter, Werber, Professoren, Journalisten, Rechtsanwälte. Einige sind Sozialarbeiter in schwierigen Stadtteilen oder arbeiten als Betriebsräte - damals zur revolutionären Berufspraxis aufgebrochen, dann stecken geblieben im reformistischen Alltag. Sie sind Leute, die sich um das Gemeinwohl kümmern, immer noch, und immer noch halten sie gern Distanz "zum System".
Die Ansprüche an das Leben, gewachsen in den Jahren, als Geschichte wie das Produkt der eigenen Selbstverwirklichung schien, sind die wenigsten wieder losgeworden, die Karrieristen nicht, die Verweigerer nicht, die Verlierer nicht - sie unterscheiden sich nur dadurch, wie oft sie die Konfrontation mit diesen Ansprüchen zulassen.
Bei aller Lebensenttäuschung steckt der klammheimliche Stolz in ihnen, diese Jahre voller heimlicher Macht erlebt zu haben, die Jahre, in denen man gleichzeitig narzisstisch und solidarisch sein konnte, weil Arbeitslosigkeit, Drogentod und Aids noch weit weg waren und weil Atomstrahlen, Umweltgifte und das Ozonloch noch keinen ängstigten.
Der Ideologe, der mich bei der "Gruppe Arbeiterpolitik" in den Marxismus einweihte, sitzt jetzt in einer Landesregierung, und die Mitschülerin, die ich in "Lohnarbeit und Kapital" schulte, auch. 68er laufen mir ständig über den Weg, wir wissen voneinander, ohne uns zu kennen, aber wir erkennen uns. Eine Geheimloge sind wir nicht, auch keine Sekte, hoffentlich. Vor dem Fall der Mauer gehörten Millionen dazu, im Moment nur Fischer, Trittin und ein paar Dutzend, die es sowieso nicht leugnen können.
Dem Außenminister merkt man seine klammheimliche Freude über seine Lederjacken-Jahre an, und das erklärt die Wut, mit der die Opposition und die Springer-Blätter ihn zu erledigen versuchen. Apo und Minister, das darf es nicht geben, darum soll er sich entscheiden, Straßenkämpfer oder Stresemann. Und darum gab es auch keine bessere Abgeordnete als Sylvia Bonitz, um Fischer zur Rede zu stellen, diese nette Frau mit dem untadeligen Lebenslauf: 1966 geboren, 1982 Eintritt in die Junge Union, 1985 Abitur, 1985 bis 1988 Ausbildung für den gehobenen allgemeinen Verwaltungsdienst mit Studium an der niedersächsischen Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege in Hildesheim; 1988 Abschluss als Diplomverwaltungswirtin. 1988 bis 1995 Beschäftigung bei der Stadt Neustadt am Rübenberge, danach bis 1998 Persönliche Referentin des Oberstadtdirektors der Stadt Hildesheim.
Mit meiner Biografie wäre es keine gute Idee, mich um ein Ministeramt zu bewerben. Der Journalistenjob bietet größere Chancen, den Hoffnungen und Irrtümern hinterherzurecherchieren. Ich konnte noch mal einige Tage im Gymnasium am Barkhof zur Schule gehen und das Ende der DDR von innen erleben, ich konnte das Land Ho-Tschi-minhs inspizieren und Ché Guevaras Irrwegen nachreisen.
Und ich habe vor einiger Zeit Friederike Hausmann gesucht und gefunden, die am 2. Juni 1967 den Kopf des niedergeschossenen Benno Ohnesorg in ihren Händen hielt. Das Foto, entstanden in einem Berliner Hinterhof, kurz nachdem der Kriminalkommissar Karl-Heinz Kurras den Studenten mit einem Schuss getroffen hatte, markiert die Wende der antiautoritären Revolte in West-Berlin zur westdeutschen Protestbewegung der 68er. Für die Zehntausende, die sich in vielen Städten zu Trauermärschen zusammenfanden, war dieser Tote der Beweis dafür, dass die "Demokratie" nur auf dem Papier des Grundgesetzes existierte und dass man sich wehren müsse gegen "ein neues ''33".
Friederike Hausmanns Hände waren voller Blut, nachdem sie den Kopf des ohnmächtigen Studenten auf ihre Handtasche gebettet hatte, und diese roten Hände hat sie immer wieder gesehen in ihren Träumen. Sie trat der "Liga gegen den Imperialismus" bei, und weil das Nummernschild ihres Autos ein paarmal in der Nähe verbotener Demonstrationen notiert worden war, durfte sie nicht Lehrerin werden - bis 1978 wurden fast eineinhalb Millionen Lehrer und andere Beamtenanwärter auf ihre Verfassungstreue überprüft.
Sie zog 1977 als Übersetzerin nach Italien, "dort sind die Apo-Führer nach oben gekommen, weil man sie reingelassen hat, da gab es keine Berufsverbote". Erst 1984 ist sie nach München zurückgekehrt.
Die Debatte im Bundestag hat sie als große Stunde der Geschichtsklitterung erlebt, vielleicht sollte sie sich mal mit Angela Merkel zusammensetzen zu einem kleinen Plausch über die freiheitliche, weltoffene Republik der sechziger Jahre. Und wer weiß, vielleicht hängt ihr Johannes Rau in diesen Zeiten der Abrechnung und Buße ja das Bundesverdienstkreuz um, stellvertretend für Benno Ohnesorg und die 68er.
Vorwärts und nicht vergessen Der eine war Schüler in Bremen, der andere Student in Frankfurt. Zwei SPIEGEL-Redakteure, Cordt Schnibben, 48, und Reinhard Mohr, 45, beschreiben ihre Zeit in den politischen Gruppen der 68er Revolte und deren Zerfall in den siebziger Jahren. * Zeichnung von Aubrey Beardsley (1896).
Von Cordt Schnibben

DER SPIEGEL 5/2001
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