DER SPIEGEL



Verdammt, ich will leben

Von Mohr, Reinhard

Der "Rote Kalender" von 1977 - ein persönlicher Bericht. Von Reinhard Mohr

Mitten in der seit Wochen dampfenden öffentlichen Polemik, im Tränengasnebel der publizistischen Kampagnen, bei denen ganz so wie in den guten alten Zeiten von randalierendem "Mob" und unverbesserlichen "Revoluzzern" die Rede ist und jede Menge alte Rechnungen beglichen werden, rührt sich in mancher alten Kämpferseele ein gewisser Widerstand. Es ist der Widerstand der Erinnerung, und er wirkt in beide Richtungen zugleich: gegen die gnadenlosen, pharisäerhaften, dummdreisten Vereinfacher von links bis rechts, die noch mal ihr Mütchen kühlen wollen - und gegen die eigene Unlust, sich mit längst vergangenen, teils vergessenen, teils verdrängten Details zu beschäftigen.

Immer wieder kommt sie hoch, die Erinnerung, in bestimmten, ruhigen Augenblicken, nach Gesprächen mit alten Freunden, die plötzlich wieder anrufen, nach dem Durchwühlen verstaubter Unterlagen. Unversehens entsteht da jenes kollektive "Wir", das die siebziger Jahre auf Seiten der radikalen Linken geprägt hat, die Erinnerung an jene Zeiten, da man sich gar nicht vorstellen konnte, jemals allein am Laptop zu sitzen und eine Geschichte aufzuschreiben, die doch ohne all die anderen, mit denen man zusammen war, überhaupt nicht existierte.

"In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod" hieß einer der berühmten Filme von Alexander Kluge, die so viel von der Atmosphäre jener merkwürdig fernen Epoche vermitteln, und so soll auch hier und jetzt aus dem diffusen "man" ein "Ich" werden, aus dem journalistisch distanzierten Beobachter - ausnahmsweise - ein echt Betroffener. Ein persönlicher Bericht, keine Beichte.

Alors, je m'accuse.

Auch ich habe Steine geworfen, zudem Eier, Tomaten und Tannenzapfen, Barrikaden gebaut, Zäune durchschnitten, Uni-Professoren genötigt, Hausfriedensbruch begangen, Wände mit Parolen besprüht - und viel dummes Zeug geredet.

Aber der Reihe nach.

Kurz vor Weihnachten 2000, damals, als noch niemand ahnte, welcher Sturm der späten Entrüstung bevorstand, gab der neue chilenische Botschafter in Deutschland, der Dichter Antonio Skármeta, 1973 von Pinochets Militärputsch gegen Staatspräsident Salvador Allende ins Exil getrieben, ein Essen für den neuen deutschen Botschafter in Chile, Georg Dick.

Das schöne, aber leicht skurrile Zusammentreffen war für mich Anlass, vorher noch mal ins Privatarchiv zu schauen. Und siehe, die Erinnerung trog nicht: Am 13. September 1973, zwei Tage nach dem Putsch, bei dem Allende ums Leben kam, hatte die immer schon gewaltfreie und friedliebende "Frankfurter Allgemeine" in ihrem Leitartikel den brutalen Terrorakt verteidigt, weil er angeblich "Schlimmeres verhütet" habe:

Die politischen Spannungen, die Allendes missglücktes Volksfrontexperiment in Chile erzeugt hatten, drängten mit Macht zur Entladung. Der Versuch, den Zusammenstoß zu verhindern, musste gemacht werden.

Der Versuch kostete mehrere tausend Menschenleben, von den Folteropfern mit den ausgestochenen Augen nicht zu reden.

Botschafter Dick, einst Seemann, später Redakteur des Frankfurter Sponti-Organs "Pflasterstrand", bis vor kurzem Chef des Planungsstabs im Auswärtigen Amt und langjähriger Vertrauter von Joschka Fischer, hatte, was sonst, alte Freundinnen und Freunde in die Residenz des chilenischen Botschafters in Berlin-Grunewald gebeten.

An der festlich gedeckten Tafel saßen Ex-Anarchisten und Alt-Spontis neben ehemaligen Kommunisten und Maoisten, heute allesamt in Amt und Würden. Zwischen Hauptspeise und Dessert erzählte man sich noch einmal von jener "Fischmehlfabrik", in die Ex-KBW-Genosse Joscha Schmierer, heute Mitglied des Planungsstabes im Auswärtigen Amt, den Ex-Sponti-Genossen Dany Cohn-Bendit, Freund von Schmierers heutigem Vorgesetzten, Außenminister Fischer, in den siebziger Jahren verbannen wollte, wenn die proletarische Revolution nur erst gesiegt hätte.

Beim Löffeln der exquisiten chilenischen Süßspeise brummte ein alter Freund von Fischer, heute erfolgreicher Steuerberater: "Das vergessen wir denen vom KBW nie."

Ein paar Wochen später schon saß die muntere Tafelrunde in einem einzigen kampfumtosten Boot, und plötzlich wurde aus gemütlicher Reminiszenz und humoristischer Revolutionsfolklore bitterer Ernst: Was geschieht mit uns? War da was? Was war da eigentlich? Müssen wir uns distanzieren, zurücktreten, Buße tun? So anständig werden wie CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer und MdB Jungwichtel Eckart von Klaeden?

So nahm ich denn wieder einmal meinen "Roten Kalender 1977 gegen den grauen Alltag" zur Hand, den ich aus eher sentimentalen Gründen aufgehoben hatte - und tatsächlich, er hilft auch beim aktuellen Kampf gegen das Vergessen.

Auf der ersten inneren Einbandseite steht in lila Handschrift: "7983182 Infostelle bei Bullenaktionen". Auf der letzten Seite ist die Adresse eines Freundes vermerkt: "Bornheimer Landstraße 64 II. Stock links".

Es ist das Haus, in dem Margrit Schiller, damals Mitglied der RAF, ganz legal ein paar Tage übernachtet und mit Joschka Fischer und Dany Cohn-Bendit gefrühstückt haben will.

Margrit Schiller übrigens habe ich 1980 selbst mehrere Male getroffen. Sie hatte ihre insgesamt sechsjährige Haftstrafe verbüßt und wollte wieder politisch aktiv werden - diesmal ohne Waffen, wie ich unterstellte. Mit einer jungen Freundin, die ich Jahre später auf Fahndungsplakaten wiederzuerkennen glaubte, kam sie in meine WG im Frankfurter Nordend.

Bei schönem Wetter diskutierten wir draußen in unserem kleinen Garten über die USA, die Nato und die Möglichkeiten einer neuen "antiimperialistischen" Politik. Doch bald zeigte sich, dass unser Blick auf die Welt allzu verschieden war. Wir verloren uns aus den Augen. 1985 zog Margrit Schiller nach Kuba, heiratete und bekam zwei Kinder. Jetzt lebt sie in Montevideo, Uruguay.

Was heute wie eine Selbstbezichtigung klingen mag, war damals völlig normal. Ich war AStA-Vorsitzender der Universität Frankfurt und traf allein schon in dieser Funktion Leute aus fast allen politischen Lagern. Unvergessen etwa ist mir ein Kneipengespräch mit dem Dichter Erich Fried, der ganz ehrlich, doch ein wenig naiv meinte: "Rudi Dutschke wäre der Einzige gewesen, der Ulrike Meinhof davon hätte abhalten können, in den Untergrund zu gehen."

Dutschke aber litt zur fraglichen Zeit noch unter seinen schweren Schussverletzungen, die ihm der Attentäter Josef Bachmann am Gründonnerstag 1968 zugefügt hatte.

Keine Frage: Obwohl 1955 geboren, also eher "78er" als "68er", war ich im Jahr des Deutschen Herbstes, als Generalbundesanwalt Siegfried Buback, Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto und Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer (samt seiner Begleiter) von der RAF ermordet wurden, schon "geschäftsfähig", wie der Noch-FDP-Vorsitzende Wolfgang Gerhardt auch Joschka Fischer ins Stammbuch schrieb.

Und es ist wahr: Die frühen siebziger Jahre, die nun aus der fast unwirklichen historischen Ferne in die absolute mediale Container-Gegenwart gezoomt werden (wie denkt eigentlich Zlatko über all das?), waren die Zeit eines kommenden, zugleich immer schon anachronistischen Kampfes um eine Revolution, die in Wahrheit niemals auf der Tagesordnung stand.

Der Aufstieg der "Rote Armee Fraktion" zum Staatsfeind Nummer eins signalisierte ebenso wie die rasante Vermehrung der linksradikalen Gruppen und Parteisekten der Neuen Linken die Perspektive nahender, alles entscheidender Schlachten: Venceremos, Sieg oder Tod, Mensch oder Schwein, es lebe die Weltrevolution.

Überall tauchten plötzlich Bomben und Kalaschnikows auf (trotz allem Kampfeswillen vornehmlich als Layout-Material für AStA-Infos), suchten Intellektuelle hartnäckig nach proletarischen Traditionen der zwanziger Jahre, reüssierte ein Marxismus-Leninismus, der die Geschichte abermals in den Schraubstock seiner angeblich "wahren Lehre" spannen wollte.

Die Revolte von 1968, in den Augen vieler Protagonisten trotz durchschlagender kultureller und gesellschaftlicher Wirkungen gescheitert, sollte gleichsam mit Gewalt zur Revolution gezwungen werden.

Doch das ominöse Jahr 1977, ein wirklicher Wendepunkt in der deutschen Nachkriegsgeschichte, begann anders: "Ökologie" wurde zum neuen Zauberwort, Umwelt und Natur zu neuen "Subjekten" des außerparlamentarischen Protests. Von Ferne dräute schon die neue alte Apokalypseverliebtheit am Horizont.

"17 h VW-Bus b. KFZ-Referat abholen", verzeichnet der "Rote Kalender" am 18. Februar 1977. Und so ging es knatternd los in Richtung Brokdorf. Zehntausende Demonstranten standen am Tag darauf vor der Baustelle des Kernkraftwerks Brokdorf. Es war unglaublich kalt, zwischen den Sielen und Prielen wehte der eiskalte Wind des Atomstaats. Und wehe, wehe, wenn eins der mit Erdbrocken und Eisenstangen kämpfenden linken Elementarteilchen auf der Flucht vor BGS-Kommandos, die per Hubschrauber Apocalypsenow-mäßig zuschlugen, in die eiskalten Wasserläufe fiel.

Erst später, zu Hause vor dem Fernsehapparat, wurde das widrige Geschehen zur symbolischen und erfolgreichen Aktion, ein geradezu programmatischer Vorläufer der grünen Parteigründung.

Sieben Wochen später, am 7. April 1977, wurde Generalbundesanwalt Buback erschossen - der Auftakt zu jener terroristischen Attentatsserie der RAF, die das Ende der radikalen Linken einläutete.

An diesem Tag war ich gerade mit einer Freundin im Elsass unterwegs.

Es war mild, früher Abend, wir saßen draußen vor unserer Jugendherberge, als plötzlich jemand kam und die Nachricht überbrachte. Nicht wenige der jugendlichen Zecher an den langen Holztischen klatschten Beifall, ein paar lachten und holten sich ein frisches Bier.

Ich selbst war zwiespältig berührt, konnte mich aber auch nicht durchringen, den feigen Mordanschlag beim Namen zu nennen. Die berühmten "Bauchschmerzen", erste Symptome des Renegatentums.

In Frankfurter Szene-Kneipen, so hörte ich später, wurden hier und da kleine Freudenfeiern rund um den Zapfhahn veranstaltet. Buback galt als die Inkarnation des verhassten Staatsapparats, als "staatlich legitimierter Killer", wie jener Göttinger "Mescalero" schrieb, der jetzt wieder in aller Munde ist. "Schafft viele Bubacks!", forderte damals das Berliner "Info-BUG" undogmatischer Linksradikaler.

Ob damals "jeder Fünfte wie ,Mescalero'" dachte - so die notorische Behauptung von Peter Glotz -, das weiß niemand. Sicher aber ist, dass Tausende so dachten, unter ihnen viele, die die RAF politisch ablehnten.

Denn es gab da diesen auch unter sensiblen, intelligenten Zeitgenossen geläufigen Mechanismus der Abstraktion: Die "Herrschenden" und ihre "Büttel" waren "Charaktermasken" - Funktionäre des "repressiven", ja "mörderischen" Systems. Dass sie Menschen waren, schien zweitrangig.

Natürlich wurden harte Diskussionen über "revolutionäre Gewalt" und ihre Grenzen geführt, über Taktik und Strategie, und auch der "Mescalero" verwandelte seine "klammheimliche Freude" schließlich in die Absage an "Logistik und Ballistik" des RAF-Terrors - eine roh gezimmerte Pontonbrücke in die Gewaltfreiheit, über die damals nicht wenige gingen.

Mit RCDS-Erklärungen wäre das nicht gelungen. Doch dass sich die Absage an hinterhältigen Mord nicht von selbst verstand: Das ist die peinliche Erbschaft dieser Jahre, der sich jeder, den es betrifft, ganz allein stellen muss - wenn er es denn noch nicht getan haben sollte.

Zum Bild gehört aber auch, und darüber gibt der "Rote Kalender" treulich Auskunft, dass es unendlich viele Debatten gab, in deren Verlauf die Faszination vermeintlich revolutionärer Gewalt Stück für Stück unterminiert wurde. Mühsame Selbstaufklärung über Jahre.

Doch am Abend des 29. April, dem Tag nach der Urteilsverkündung gegen Andreas Baader, Jan-Carl Raspe und Gudrun Ensslin, wurde das Frankfurter Volksbildungsheim noch einmal zum leidenschaftlichen Konvent der radikalen Linken: Klaus Croissant, Otto Schily und andere RAF-Verteidiger kommentierten in einer aufgeheizten Atmosphäre den Stammheimer Prozess, und wenn ich auch alle Details vergessen habe, so erinnere ich mich noch an den martialischen, ja gespenstischen Auftritt Croissants.

Sein Vortrag war theaterhaft düster und zugleich gellend vor Schmerz, im Habitus den fundamentalistischen Fernsehpredigern in Amerika nicht unähnlich.

Im Angesicht des "neuen Faschismus", den er im Stammheimer Hochsicherheitstrakt versinnbildlicht sah, erschienen die Gefangenen als Märtyrer der deutschen Linken. Die Linke sollte sich noch einmal dafür schämen, nicht solidarisch und nicht kämpferisch genug gewesen zu sein. Verrat lag in der Luft, aber auch Wut und Hilflosigkeit. Ein Hauch von Stalingrad.

In diesem aufgeladenen Augenblick wurden jene "Bauchschmerzen" von der anderen, der radikalen Seite erzeugt. Hier sprach nicht die Polizei oder der abendländische Humanismus, sondern das revolutionäre Über-Ich. Melodramatisch provozierte es Schuldgefühle wegen mangelnder Entschlusskraft, für die große Sache womöglich das eigene Leben aufs Spiel zu setzen, so, wie es Holger Meins getan hatte, der 1974 an den Folgen eines Hungerstreiks gestorben war.

Doch dieser "Todestrip" der RAF, wie ihn Joschka Fischer schon ein Jahr zuvor kritisiert hatte, war eben nicht die Sache der Frankfurter Sponti-Szene, auch wenn ihre militanten Teile hier und da am "Abgrund" standen.

Der Szene-Alltag war vielmehr von einer Mischung aus linksdeutscher Neoromantik und revolutionärer Veränderungswut geprägt, die auch erst mal organisiert sein wollte. Spätabends jedoch, im "Eppstein-Eck", in der "Casa di Cultura" oder im "Tannenbaum", durfte der Furor mal zur Ruhe kommen. Dann konnte es sehr gemütlich werden im progressiven Chaos.

Gleichwohl weist mein Kalender '77 für nahezu jeden Tag mehrere, im weitesten Sinne politische Termine aus - von der "SozGrp" und der "Uni-VV" über die "Turm-KOZ-Gruppe" und die "AG Westend" bis zum "Häuschen-Termin Portugal" und dem wöchentlichen "Sponti-Plenum". Dazu kamen Gerichtstermine am frühen Morgen, eine weitere Schikane der Staatsmacht: "9.15 h Z. 123 GB A Georg" ist am 25. Mai eingetragen - der heutige Botschafter in Chile Georg Dick genoss damals noch keine diplomatische Immunität.

Außerdem gab es anspruchsvolle kommunikative Verpflichtungen in der Wohngemeinschaft, in der "Streikgruppe" und dem "KOZ FB-InitiativGrpPlenum". Auch mussten ständig Flugblätter und Infos geschrieben, layoutet, gedruckt und verteilt werden.

Und es gab kleine magische, symbolische Zuhause-Orte der Szene. Zum Beispiel das "Häuschen" im Stadtteil Bockenheim: Im Keller lagerten die mythischen Originaldokumente der gerade aufgelösten Gruppe "Revolutionärer Kampf", im Parterre verströmte einer der ersten Bio-Läden seine eigenartigen Düfte, und im ersten Stock wurde abwechselnd gekocht und diskutiert.

Am 25. Juli 1977 traf sich dort eine der Frankfurter Gruppen, die zur Demonstration gegen den Bau des "Schnellen Brüters" in Creys-Malville fahren wollten. Drei Tage später trafen wir in Montalieu am Rande der französischen Alpen ein und bauten im so genannten "deutschen Lager" unsere Zelte auf. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit testete manch einer schnell noch die Zielgenauigkeit seiner Zwille, ohne zu wissen, mit welchem Gegner er es zu tun bekommen würde. Am frühen Morgen umstellte die französische Polizeitruppe CRS das Lager. Leicht bekleidet mussten Frauen wie Männer ihre Zelte verlassen und sich in zwei bewachten Kreisen aufstellen. Es regnete in Strömen.

Derweil wurden die Zelte durchsucht, alles Mögliche beschlagnahmt. Viele Klamotten landeten im Schlamm.

Die Demonstration war ein Desaster. Bevor wir überhaupt in die Nähe des Bauplatzes gelangten, kamen uns die ersten französischen Demonstranten schon wieder entgegen. Fliehen sollten wir wie sie, riefen sie uns zu. "Die Bullen kommen. Sie setzen Plastikgranaten ein!"

Stunden später im Auto hören wir übers Radio, dass ein Demonstrant, der Lehrer Vital Michalon, von einer Polizeigranate getötet worden war. Anderen wurden Füße und Hände abgerissen.

Die schrecklichen Fotos sahen wir tags darauf in den Zeitungen.

Noch in der Nacht hatte die französische Polizei Straßenblockaden errichtet. Voller Anspannung, ja Angst umfuhren wir sie auf kleinen und kleinsten Straßen in Richtung Lyon.

Am 5. September 1977, mit der Entführung von Hanns Martin Schleyer, mit Krisenstab und Schleppnetzfahndung, Nachrichtensperre und Hausdurchsuchungen, begann jener Deutsche Herbst, der auf Jahre selbst das deutsche Kino verändert hat: "Die bleierne Zeit" hieß ein Film von Margarethe von Trotta.

Der ungeheure Dreifachschlag - die gewaltsame Befreiung der Flugzeug-Geiseln in Mogadischu, Schleyers Ermordung und die Selbstmorde von Baader, Ensslin und Raspe - erschütterte uns alle.

Ich erinnere mich noch an die aufgewühlte Stimmung, den heftigen Widerstreit der Gedanken und Gefühle, die wilden Anklagen gegen den Staat - "Das war Mord!" - und die paranoischen Verdächtigungen innerhalb der Linken.

Zugleich wurde der öffentliche Druck riesengroß, sich von all dem radikal zu "distanzieren".

Zwei Tage nach den Stammheimer Selbstmorden gab es ein großes Sponti-Plenum in der "Batschkapp", der alternativen Konzerthalle der Szene.

Auch hier erinnere ich mich an fast nichts mehr (aufpassen, Herr Gerhardt!) außer an die desolate Stimmung. Ich weiß sogar nicht mal mehr, ob Joschka dabei war. Ich nehme es an. An eines aber erinnere ich mich noch wie an eine unauslöschliche Filmszene: an eine hübsche rothaarige Sponti-Frau, ich glaube, sie hieß Elfie.

Irgendwann stand sie auf und rief in die bedrückte Versammlung: "Verdammt noch mal, ich will leben, ich will Kinder haben. Ich bin weder für die RAF noch für den Staat!"

Das war die Losung der Stunde.

Auch wenn die Gleichsetzung von Terroristen und demokratischem Staat heute völlig unverständlich klingt: Es war der Ausweg einer ganzen Szene, ein erster großer Schritt weg von der Dämonisierung der "repressiven Staatsmacht".

Ex-Sponti Thomas Schmid, heute Leitartikler der "FAZ", formulierte damals in einem ausufernden, fast expressionistischen Text für die Zeitschrift "Autonomie" (1/1978) seine Gefühlslage nach dem Deutschen Herbst, die durchaus repräsentativ war:

Inmitten des Geschreis, inmitten der klirrenden Normalität der Macht klingt ein Ton, der tiefer führt: Der Tod ist ein Meister der Verführung aus Deutschland ... Heute "erliege" ich - zum ersten Mal seit langem - dieser Verführung: möchte nicht mehr aktiv sein, möchte alles von mir strecken, ja möchte erlöst werden - in Ruhe gelassen, aus der hämmernden Geschichte entlassen: Weinen, Schlafen, Musik von Orgel und Laute ...

Von Ferne lockte schon der Strand von "Tunix", die vielen kleinen, großen Fluchten aufs Land, in die Toskana, in Beziehung und "neue Innerlichkeit", in die Ökobewegung und den bürgerlichen Beruf - und in die "Grünen".

Mit wie viel schmerzhaften Brüchen und Enttäuschungen das alles zu tun hatte, weiß da wirklich nur jeder für sich selbst.


DER SPIEGEL 5/2001
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