29.01.2001

ÄRZTEMit Hammer in die Sprechstunde

Jeder sechste Arzt wurde schon einmal von einem Patienten verprügelt. Einige Mediziner starben nach Anschlägen.
Als der Arzt sich nach dem Problem seines vermeintlichen Patienten erkundigte, bekam er erst mal einen Faustschlag ins Gesicht. Im Nu entbrannte eine Keilerei, in deren Verlauf der 51 Jahre alte Doktor eine Gehirnerschütterung sowie Riss- und Schürfwunden davontrug.
Auslöser der Prügel in einer Münchner Praxis war ein kleiner Schnitt: Zwei Monate zuvor hatte der niedergelassene Chirurg einen sieben Jahre alten Jungen fachgerecht beschnitten, wegen einer verengten Vorhaut. "Der Arzt hat falsch operiert", glaubte jedoch der Vater, als er den Penis seines Sohnes sah - und rächte den angeblichen Pfusch auf seine Weise.
Dass Ärzte von Patienten und deren Angehörigen geschlagen, verletzt und manchmal sogar getötet werden, ist eine wenig beachtete, aber oft tragische Begleiterscheinung der Heilkunst. Der Respekt vor dem weißen Kittel kennt durchaus Grenzen. "Jeder sechste Kollege" wurde in seinem Berufsleben "schon mal verprügelt", so titelte erst kürzlich das Fachblatt "MMW".
Mitunter bleibt es nicht bei Fausthieben: So ging im letzten Jahr ein 28 Jahre alter Mann in Münster nicht etwa mit einem Wehwehchen zu seinem Arzt, sondern mit einem Hammer, den er in der Tasche verbarg. Als er an der Reihe war, zog der vorgebliche Patient sein Schlagwerkzeug hervor und hieb fünfmal auf den Doktor ein - weil er mit einer früheren Behandlung nicht zufrieden war. Der Geschundene kam noch so gerade mit dem Leben davon.
Die Tat eines Verrückten? Bernhard Mäulen, 47, Psychiater und Gewaltexperte aus Villingen, betrachtet solche Anschläge als Symptome eines gravierenden Wandels: "Einerseits hat die Autoritätsfigur Arzt erheblich an Ansehen verloren. Andererseits wird die Gesellschaft immer gewaltbereiter."
Der Medizinprofessor Karl Bremer, heute 59, hat das fast mit dem Leben bezahlt. Im März 1999 lauerte ihm der Witwer Heinz Möller auf dem Parkplatz der Augusta-Kranken-Anstalt in Bochum auf und feuerte hinterrücks zweimal mit einer Wehrmachtspistole auf ihn.
Der Schütze wollte auf diese Weise den Tod seiner Gattin rächen. Die unheilbar an Krebs erkrankte Frau war Jahre zuvor von Bremer für einen kurzen Zeitraum behandelt worden und dann viel später in einem ganz anderen Krankenhaus verstorben. Gleichwohl war Möller überzeugt, Bremer müsse für den Tod seiner Frau büßen.
"Früher haben Patienten und Verwandte schwere Krankheiten als Fügung des Schicksals hingenommen", urteilt Bremer, in dessen Becken noch immer eine Pistolenkugel steckt. "Heute ziehen sie Ärzte für vermeintliche Fehler zur Rechenschaft, und zwar mit brutaler Gewalt."
So schoss ein 25 Jahre alter Monteur im Mai 1999 den Ludwigshafener Medizinprofessor Gerd Münker, 62, in den Kopf. Mit der Bluttat wollte der Patient die angeblich missglückte Operation seiner schiefen Nase rächen. Besonders tragisch: Das Opfer hatte den Monteur niemals behandelt und sah seinen Mörder am Tag seines Todes zum ersten Mal. Der Monteur zeigte keine Reue und bekam lebenslänglich.
Auch in anderen Ländern lehren Patienten Heilkundige das Fürchten. In Großbritannien gaben fünf Prozent der befragten Allgemeinärzte an, sie seien binnen eines Jahres mindestens einmal mit einer Waffe bedroht worden. Angehenden Kinderärzten ergeht es noch schlimmer, meldet jetzt die Zeitschrift "Archives of Disease in Childhood": Demnach wurden 41 Prozent von ihnen schon mindestens einmal bedroht - und mehr als fünf Prozent sogar tätlich angegriffen.
In den Niederlanden installieren einige Ärzte Alarmknöpfe in den Behandlungszimmern. Die Patienten "sehen die Arztpraxis als Supermarkt und erwarten, dass der Arzt sie sofort wieder gesund macht", klagte ein Sprecher der dortigen Medizinervereinigung LAD bereits vor drei Jahren.
Das amerikanische Fachblatt "Jama" wiederum ermahnte seine Leserschaft erst vorigen August zur Vorsicht: Die Wahrscheinlichkeit, am Arbeitsplatz getötet zu werden, sei für Psychiater besonders hoch. Nur Taxifahrer, Verkäufer an Nachtschaltern und Polizisten würden häufiger im Dienst gemeuchelt. Aber auch andere Ärzte werden gewarnt, "keine potenziell tödlichen Waffen wie Brieföffner oder Skulpturen auf ihren Tischen zu haben".
Der Hamburger Rechtsmediziner Klaus Püschel, 48, bezweifelt zwar, dass in Deutschland bereits amerikanische Verhältnisse herrschen: "Kein Arzt muss eine Pistole zur Verteidigung in der Schublade liegen haben." Gleichwohl, fügt er hinzu, könne es nicht schaden, "sich einen Fluchtweg offen zu halten".
Gemeinsam mit seinem Kollegen Olaf Cordes hat Püschel sich bei den bundesweit 40 Instituten für Rechtsmedizin gezielt nach Verbrechen erkundigt, bei denen Ärzte die Opfer waren. Das Ergebnis ihrer Recherche, veröffentlicht in der neuesten Ausgabe des "Deutschen Ärzteblatts", lässt das Ausmaß der Gewalt gegen Mediziner nur erahnen.
Die 21 von ihnen zusammengetragenen Fälle gleichen einem Panoptikum des Schreckens. Mit Äxten, Giften, Scheren, sogar mit Schwertern wurden die Heilkundigen malträtiert. Manche trugen Würgemale, Stiche oder Kehlkopfquetschungen davon; elf der Opfer starben. Bis auf eine Ausnahme waren alle Angreifer männlich. "Die Täter verletzen ausgerechnet jene Menschen, die ihnen helfen wollen. Das ist bedrückend", kommentiert Püschel die Fallsammlung, die auch vier Beziehungsdramen beinhaltet.
Nicht immer handelten die Unholde im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte. In fünf Fällen trieb sie der Wahn: Im Magdeburger Gesundheitsamt stach ein 38 Jahre alter Mann im letzten Oktober mehrfach mit dem Skalpell auf eine Ärztin ein. Der Angreifer konnte sich nach der Tat daran nicht mehr erinnern und sitzt seither in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt.
Dass therapeutisches Wirken in solchen Kliniken besonders gefährlich ist, offenbarte schon vor Jahren eine Umfrage an vier psychiatrischen Landeskrankenhäusern in Baden-Württemberg. 55 Prozent der Ärzte, Psychologen und Sozialarbeiter erklärten, sie seien schon einmal ernsthaft angegriffen worden. Mal wurde eine Nase eingeschlagen, mal eine Rippe gebrochen, mal ein Zahn ausgeschlagen.
Mit ihren Attacken bestätigen die tobsüchtigen Patienten, was der berühmte deutsche Psychiater Emil Kraepelin bereits vor rund hundert Jahren bemerkte: "Wir hatten mehrere Kranke, deren Besuch jedes Mal eine Art Wagnis darstellte." JÖRG BLECH
Von Jörg Blech

DER SPIEGEL 5/2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 5/2001
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ÄRZTE:
Mit Hammer in die Sprechstunde

Video 01:04

Virales Gute-Laune-Video Tom Hanks crasht Hochzeitsfeier

  • Video "Virales Gute-Laune-Video: Tom Hanks crasht Hochzeitsfeier" Video 01:04
    Virales Gute-Laune-Video: Tom Hanks crasht Hochzeitsfeier
  • Video "SpaceX-Chef: So will Elon Musk den Mars besiedeln" Video 03:33
    SpaceX-Chef: So will Elon Musk den Mars besiedeln
  • Video "US-Amateurvideo: Sturm bläst Hausdach über Straßenkreuzung" Video 00:46
    US-Amateurvideo: Sturm bläst Hausdach über Straßenkreuzung
  • Video "Längste Meeresbrücke der Welt: 55 Kilometer über das Wasser" Video 00:43
    Längste Meeresbrücke der Welt: 55 Kilometer über das Wasser
  • Video "Duo zum Duell zur TV-Debatte: Clintons geplante Tantigkeit" Video 04:25
    "Duo zum Duell" zur TV-Debatte: Clintons geplante Tantigkeit
  • Video "Drohnenvideo: Aleppo, die zerstörte Stadt" Video 00:57
    Drohnenvideo: Aleppo, die zerstörte Stadt
  • Video "Die Lachnummer des Jahres: Nordkoreas U16-Keeper und sein Riesenbock" Video 00:54
    Die Lachnummer des Jahres: Nordkoreas U16-Keeper und sein Riesenbock
  • Video "US-Überwachungsvideo: Helikopter-Notlandung auf Straßenkreuzung" Video 00:43
    US-Überwachungsvideo: Helikopter-Notlandung auf Straßenkreuzung
  • Video "Weiße Haie vor Südafrika: Raubfische auf dem Rückzug" Video 01:24
    Weiße Haie vor Südafrika: Raubfische auf dem Rückzug
  • Video "TV-Debatte Clinton vs. Trump: Die Highlights der Show" Video 03:48
    TV-Debatte Clinton vs. Trump: Die Highlights der Show
  • Video "Videoanalyse: Auf halber Strecke ging Trump die Puste aus" Video 00:44
    Videoanalyse: "Auf halber Strecke ging Trump die Puste aus"
  • Video "Gezeitenflut am Qiantang-Fluss: Die perfekte, gefährliche Welle" Video 01:24
    Gezeitenflut am Qiantang-Fluss: Die perfekte, gefährliche Welle
  • Video "Debattenniederlage: Trump gibt defektem Mikrofon die Schuld" Video 00:32
    Debattenniederlage: Trump gibt defektem Mikrofon die Schuld
  • Video "Fast: Gigantisches Radioteleskop in Betrieb" Video 00:53
    "Fast": Gigantisches Radioteleskop in Betrieb
  • Video "Starker Auftritt zum Antritt: Gisdol gibt Gas" Video 02:50
    Starker Auftritt zum Antritt: Gisdol gibt Gas