05.02.2001

„Ich bin verantwortlich“

„Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann über die Trittin-Berichterstattung des Boulevardblatts
SPIEGEL: Herr Diekmann, Sie haben in der "Bild"-Ausgabe vom Montag vergangener Woche ein Foto von Jürgen Trittin bei einer Demonstration abgedruckt, das durch die Beschriftung grob verfälscht wurde. Wie konnte das passieren?
Diekmann: Es gab keine Verfälschung. Es wäre ja auch völlig sinnlos, eine Manipulation zu begehen, die am nächsten Tag auffliegen muss. Wir haben - und darauf lege ich Wert - mit der falschen Bildbeschriftung einen handwerklichen Fehler gemacht. Für den trage ich als Chefredakteur die Verantwortung. Wir haben den Fehler im Blatt berichtigt, und ich habe mich bei Herrn Trittin entschuldigt.
SPIEGEL: Das Originalfoto zeigt weder Schlagstock noch Bolzenschneider, wie von "Bild" behauptet. Wie konnte es überhaupt zu dieser Bildbeschriftung kommen?
Diekmann: Wir sind am Sonntag im Vorabexemplar von "Focus" auf das Foto gestoßen und haben es abgescannt, weil wir das Original nicht besorgen konnten. Die Ausdrucke, mit denen wir dann gearbeitet haben, waren Kopien von Kopien und entsprechend schlecht, so dass die Fortsetzung des Seils nicht erkennbar war. Das wurde dann als Schlagstock identifiziert. Das Foto selbst war ja nicht falsch: Es zeigt Jürgen Trittin an der Seite von vermummten Chaoten. Aus dem Polizeibericht wissen wir, dass die Demonstranten schwerst bewaffnet waren und die Polizei sogar mit Leuchtmunition beschossen haben. Es geht also nicht um das Foto, sondern nur um die Beschriftung. Bei uns hat es Missverständnisse gegeben, jemand glaubte, einen Stock erkannt zu haben, das war damit unser handwerklicher Fehler.
SPIEGEL: Nach unseren Recherchen soll einer Ihrer Stellvertreter am Nachmittag den Layouter regelrecht angewiesen haben, die falschen roten Pfeile ins Bild zu montieren.
Diekmann: Niemand ist angewiesen worden, vorsätzlich falsche Pfeile ins Bild zu montieren. An der Produktion sind viele Leute beteiligt. Als Chefredakteur bin ich derjenige, der die Verantwortung trägt.
SPIEGEL: Der Layouter soll Ihren Stellvertreter sogar darauf hingewiesen haben, dass es sich bei einem der zwei angeblichen Tatgegenstände nicht um einen Bolzenschneider handeln würde.
Diekmann: Das stimmt nicht. Noch mal: Ich nehme jede Seite der Bundesausgabe von "Bild" persönlich ab und trage damit die Verantwortung.
SPIEGEL: Ihr zweiter Stellvertreter soll am späten Nachmittag dem zuständigen Produktionsmitarbeiter die ebenfalls falsche Bildunterschrift in den Computer diktiert haben. Warum ist das Bild nicht spätestens zu diesem Zeitpunkt noch einmal überprüft worden?
Diekmann: Das Foto war nicht falsch. Genauso wenig wie die Frage, die wir gestellt haben: Warum eigentlich nahm Jürgen Trittin an einer Demonstration teil, bei der vorher feststand, dass 800 gewaltbereite Vermummte mitmarschieren? Und diese Frage ist bis jetzt nicht beantwortet worden. Im Übrigen kann ich den von Ihnen geschilderten Ablauf an jenem Sonntagnachmittag auch nicht bestätigen.
SPIEGEL: Welche Konsequenzen hat der Vorfall?
Diekmann: Wir haben die Produktionsabläufe überprüft und verändert. So etwas wird hoffentlich nicht noch mal passieren.
SPIEGEL: Wird es personelle Konsequenzen geben?
Diekmann: Dazu sehe ich keine Notwendigkeiten. Wo gearbeitet wird, werden Fehler gemacht. Wenn der SPIEGEL bei jedem Fehler, den er macht, gleich personelle Konsequenzen ziehen würde, stünden bei Ihnen in der Brandstwiete einige Stockwerke leer.
SPIEGEL: Der Kanzler hat den Springer-Blättern und damit auch "Bild" eine Kampagne gegen die Regierung vorgeworfen. Welche Auswirkungen wird Ihr "Fehler" jetzt auf Ihre politische Berichterstattung haben?
Diekmann: Wir berichten genauso unabhängig wie vorher. Diesen Kampagnenvorwurf kann ich nicht teilen. Wir sind in den letzten Wochen immerhin mit einem Kommentar aufgefallen, der die Person Joschka Fischer sehr differenziert beurteilt hat. "Bild" war auch die erste Zeitung, die das Fahndungsplakat der CDU für demagogisch erklärt hat. Ich kann keine Kampagne erkennen. Mir fällt allerdings auf, dass ausgerechnet die "Zeit", in der jetzt der ehemalige Schröder-Minister Michael Naumann die Geschäfte führt, seit drei Wochen in jeder Ausgabe über angebliche Kampagnen des Springer-Verlags berichtet. Das finde ich merkwürdig. INTERVIEW: KONSTANTIN
VON HAMMERSTEIN
Von Konstantin von Hammerstein

DER SPIEGEL 6/2001
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