12.02.2001

Hollerith in der Hölle

Auszüge aus dem Buch „IBM und der Holocaust“ von Edwin Black
Rauchschwaden und Gestank hingen über dem Konzentrationslager Bergen-Belsen. Überall waren erschöpfte Menschen zusammengesunken, von Folter und Hunger fast um den Verstand gebracht, und dämmerten dem Tod entgegen.
Wenige Meter vom Krematorium entfernt, nahe der Küchen und Zisternen, am Ende eines schlammigen Pfads, stand das Haus des Blockführers, von den Lagerinsassen "Löwengrube" genannt. Innerhalb der "Löwengrube" befand sich das Büro des Arbeitsdienstführers. Dort wurden die Hollerith-Lochkarten ausgewertet.
Auf den ersten Blick waren es unscheinbare rechteckige Karten im Format 14 mal 8,2 Zentimeter, darauf mehrere Zeilen und Spalten mit unregelmäßig angeordneten Löchern. Aber es waren keine gewöhnlichen Karten.
Ab Dezember 1944 war ein holländischer Jude namens Rudolf Cheim zur Arbeit im Büro des Arbeitsdienstführers eingeteilt. Immer hungrig und frierend, versuchte er an jedem kalten Wintermorgen, ein wenig zusätzliches Essen und ein paar Streichhölzer zu organisieren. Feuermaterial lag im Büro, aber Streichhölzer fehlten. Streichhölzer musste Cheim aus dem Nebenraum holen, in dem es sich SS-Offiziere gelegentlich in Sesseln bequem machten. Wenn sie ihn erwischten, schlugen sie ihm ins Gesicht, weil er es gewagt hatte, sich ihnen zu nähern. Aber diesen Preis war
Cheim bereit zu zahlen. Die Streichhölzer halfen ihm zu überleben.
Es war gut, wenn man dem Arbeitsdienst zugewiesen wurde. Im Büro des Arbeitsdienstführers wurde über Leben und Tod der Gefangenen entschieden, auch über Cheims Leben. Wer arbeiten konnte, durfte leben. Cheim war zufrieden, dass er zur Arbeit mit den Hollerith-Karten und Nummerncodes eingeteilt worden war.
Während er arbeitete, beobachtete er schweigend und möglichst unauffällig, was die SS-Männer mit den Karten machten. Fünf Wochen lang machte er sich im Geist Notizen. Er begriff das Verfahren rasch. Jeden Tag kamen Transporte mit neuen Zwangsarbeitern. Die Gefangenen wurden anhand von Hollerith-Karten, die entsprechende Löcher in den Spalten für Nationalität, Geburtsdatum, Zivilstand, Kinderzahl, körperliche Merkmale und berufliche Fähigkeiten hatten, identifiziert.
In den Spalten drei und vier wurden durch die Anordnung der Löcher 16 verschiedene Kategorien von Gefangenen unterschieden: Loch 3 bedeutete homosexuell, Loch 9 gesellschaftsschädlich, Loch 12 Zigeuner. Loch 8 registrierte Juden. Ausdrucke anhand der Karten listeten die Gefangenen auch noch nach ihrer individuellen Nummer auf.
Spalte 34 hieß: "Grund für Abgang". Loch 2 dieser Spalte bedeutete einfach, dass ein Gefangener in ein anderes Lager überstellt worden war. Für "natürlichen Tod" stand 3, für Exekution 4, für Selbstmord 5. Die Ziffer 6 bedeutete "Sonderbehandlung", ein Euphemismus für Vernichtung.
Cheim beobachtete, dass zur Ermittlung, welche Qualifikationen in einer Gefangenengruppe vorhanden waren, die Lochkarten der Gefangenen in eine mechanische Sortiermaschine eingefüttert wurden.
Dann wurden die Regler so eingestellt, dass bestimmte Berufe, Fähigkeiten, Altersgruppen oder Sprachkenntnisse, die man in den einzelnen Arbeitskommandos brauchte, ermittelt wurden. Die Namen der Gefangenen, die für den Arbeitseinsatz ausgewählt worden waren, erschienen auf einem Hollerith-Ausdruck, und danach wurden die Transporte zu nahe gelegenen Nebenlagern, Fabriken und auch Bauernhöfen zusammengestellt.
Der Bedarf an Arbeitskräften wurde ermittelt und dann mit den Listen von Amt D II des Wirtschafts-Verwaltungshauptamts der SS (WVHA) abgeglichen, das für alle Lager zuständig war. Chef des WVHA war SS-Gruppenführer Oswald Pohl.
Er argumentierte, dass das Reich wichtige Ressourcen verschwendete, wenn man alle Juden kurzerhand vergaste. "Vernichtung durch Arbeit" bedeutete nichts anderes, als dass die Juden sich zu Tode arbeiten sollten. Erst wenn sie als Arbeitskräfte nicht mehr nützlich waren, sollten sie zur Vergasung in Todeslager deportiert werden. Pohl erklärte, es spiele keine Rolle, wenn 10 000 russische Frauen beim Bau eines Zauns krepierten, solange nur der Zaun fertig werde.
Bald begriff Cheim, wie das System funktionierte. Hunderttausende Menschen wurden identifiziert, selektiert, verteilt und transportiert mittels der Hollerith-Karten.
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Während Hitler in den dreißiger Jahren die Menschen bei persönlichen Auftritten und über den Rundfunk aufhetzte, während SA-Männer Juden demütigten und durch die Straßen trieben, während die Gesetze des Reichs und immer neue Bestimmungen die Juden aus ihren Berufen und Wohnungen vertrieben, fand unauffällig eine folgenreiche Entwicklung statt: In Deutschland hielt die Automatisierung Einzug. Hollerith-Maschinen konnten mehr als nur zählen. Sie konnten Daten in Tabellen zusammenstellen, analysieren und verarbeiten. Sie konnten verwalten.
Nahezu alle Daten aus den Gesundheits- und Fürsorgeeinrichtungen wurden mit Maschinen der Deutschen Hollerith Maschinen Gesellschaft (Dehomag), einer IBM-Tochter, verarbeitet, entweder in der jeweiligen Behörde oder im Statistischen Reichsamt. Die (werksinternen) "Hollerith-Nachrichten" priesen lautstark die Möglichkeiten der Hollerith-Technologie für die Bevölkerungspolitik an und warben um neue Kunden.
Unter der Überschrift "Das Hollerith-Lochkartenverfahren im Fürsorgewesen" schrieb ein gewisser Hermann Krüger: "Die immer wiederkehrenden Rechen- und Sortierarbeiten werden von den Hollerith-Maschinen mit solcher Schnelligkeit und Zuverlässigkeit übernommen, dass die Leiter der Fürsorgebehörden in ihrer Fragestellung praktisch unbeschränkt sind." Bislang sei es schwierig gewesen, "statistische Merkmale beliebig ... zusammenzustellen". Dank der Hollerith-Maschinen sei es nun möglich, "dass man jedes interessierende Merkmal ... zu einem Ganzen vereinigt und in einem Grundelement zusammenfasst. Dieses Grundelement ist die Hollerith-Lochkarte".
Die von Hand auszufüllenden Meldebögen wurden gemeinsam von Dehomag-Ingenieuren und NS-Experten für Volksgesundheit und Fürsorge im Hinblick darauf entworfen, dass alle erhobenen Daten auf Hollerith-Lochkarten übertragen werden konnten.
Allen Kunden wurde klar gemacht, dass die Meldebögen an die technischen Erfordernisse der Hollerith-Systeme anzupassen waren und nicht umgekehrt. Auf den üblicherweise verwendeten Formularen der Fürsorgeeinrichtungen befand sich links unten der Hinweis, dass die Informationen in der Lochkartenabteilung, meistens eine Abteilung im Haus, weiterverarbeitet würden.
In zahlreichen Ausgaben der "Hollerith-Nachrichten" wurden den Lesern Anweisungen gegeben, wie sie die mit den Hollerith-Maschinen kompatiblen Meldebögen korrekt auszufüllen hatten. In einer Ausgabe wurden die Bearbeiter der Meldebögen darauf hingewiesen, besondere Merkmale in dem mehrere Spalten umfassenden Feld 12 zu codieren. "Gemeinschaftsunfähig" war mit 1 in einer Spalte zu codieren, in einer anderen Spalte wurden körperliche Gebrechen wie Blindheit mit 1 codiert, Geisteskrankheiten mit 2, Krüppel bekamen 3, für Taubheit stand 5. Waren die Eltern der betreffenden Person bereits sterilisiert, wurde das mit "s" vermerkt, waren Kinder wegen Krankheit eines Elternteils sterilisiert, stand "as".
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Am 17. Mai 1939 wurde Deutschland von 750 000 Zählern, hauptsächlich Freiwilligen, überschwemmt. Gruppen von fünf bis acht Zählern schwärmten in Großstädten wie Berlin, Frankfurt, Hamburg und Wien aus. Praktisch niemand in den 22 Millionen Haushalten, 3,5 Millionen Bauernhäusern, 5,5 Millionen Läden und Fabriken entging ihnen.
Selbstverständlich stellte diese von der Firma Dehomag durchgeführte Aktion alle ihre bisherigen Bemühungen, einschließlich des preußischen Zensus von 1933, in den Schatten. In monatelangem Intensivtraining in Tausenden Schulungskursen wurden Legionen von Freiwilligen auf die heikle Mission vorbereitet. Polizei und Gendarmerie hatten laut offizieller Verordnung "die Zählung nach Kräften zu unterstützen" und "in schwierigen, unübersichtlichen Wohngegenden als Zähler mitzuwirken".
Eine gewaltige Anzahl von Hollerith-Maschinen wurde zusätzlich bereitgestellt: 400 elektrische Lochkartenstanzer, 10 Schnellstanzer, 20 Summenlocher, 300 Lochprüfer, 70 Sortiermaschinen, 50 Tabelliermaschinen, 25 Lochkartendoppler und 50 D-11-VZ-Tabelliermaschinen.
Ein spezieller Umschlag für eine so genannte Ergänzungskarte wurde hergestellt. Diese Karte erfasste die Abstammungsdaten der einzelnen Personen und diente als rassischer Indikator der Aktion. Jedes Familienoberhaupt musste seinen Namen und seine Adresse eintragen und anschließend die Abstammungslinien seiner Familie dokumentieren.
Den Zählern wurde eingeschärft, jegliches Misstrauen zu bekämpfen, indem sie den Familien versicherten, dass die Informationen nicht an die Finanzbehörden weitergegeben würden. Aber nicht die deutschen Steuerbehörden waren besonders erpicht auf diese Daten, sondern die Sicherheitsbehörden. Die vollständigen Daten sollten eine einzige Zentralkartei für das gesamte Großdeutsche Reich ermöglichen. Jede Karte enthielt eine für die Abstammung codierte Spalte, die lange vor der Durchführung des Zensus in den Kartenprototyp aufgenommen worden war.
Ein Brief der Ordnungspolizei an das Innenministerium von Ende 1938 enthielt folgende Erläuterung: "Diese Spalte ist in die Einheitsregisterkarte nur vorsorglich aufgenommen worden, um sie zu gegebener Zeit ausfüllen lassen zu können. Dieser Zeitpunkt wird mit der im Mai nächsten Jahres stattfindenden Volks-, Berufs- und Betriebszählung gekommen sein, weil dem Fragebogen eine Ergänzungskarte hinzugefügt wird, welche die Frage enthält, ob einer der vier Großelternteile der Rasse nach Volljude ist oder war. Das Ergebnis dieser Umfrage soll dann auch für die Meldekartei ausgewertet werden."
Die 25 Millionen Ergänzungskarten - für jeden Haushalt eine - stellten faktisch eine Verdoppelung der Zählakten dar. Um die riesige Menge bewältigen und dennoch die Termine einhalten zu können, wurde die Zähltabellarisierung in zwei Schritte aufgeteilt: Zunächst wurden die Spezialumschläge mit den Ergänzungskarten so beschriftet, dass sie mit den allgemeinen Fragebögen der Haushalte übereinstimmten, zusammen mit dem Bezirk und dem Herkunftsort. Dann versahen lokale Beamte, in der Regel die Polizei, sowohl die Fragebögen als auch die Karten aller jüdischen Familien mit dem Buchstaben "J".
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Im Frühjahr 1940 schickte Jurriaan W. Schotte, IBM-Hauptgeschäftsführer für Europa, einen vertraulichen Bericht von seinem Genfer Büro aus an leitende IBM-Manager in Amerika. Darin ging es nicht nur um die Aktivitäten der Dehomag, sondern auch der zwei Dutzend europäischen Tochtergesellschaften und Agenturen, die als miteinander verbundene Zweigniederlassungen des New Yorker Unternehmens arbeiteten.
Schottes enthusiastische Denkschrift trug den Titel: "Unsere Geschäfte mit europäischen Kriegsministerien". Voller Stolz erklärte Schotte, die europäischen Militärexperten hätten die unentbehrlichen Vorzüge, die die Hollerith-Maschinen für die moderne Kriegführung brachten, schließlich erkannt: Lochkarten ersetzten Arbeitskräfte.
Die Daten der europäischen IBM über Deutschland sowie dessen Feinde waren derart umfangreich, dass Schotte in seinem Memorandum behaupten konnte, die Lochkarten enthielten "Daten über jeden einzelnen Kommunisten und Nazi". Auch seien Daten "über Facharbeiter, gegliedert nach Berufen, Branchen usw." gespeichert. "Diese Informationen werden aufbewahrt, um das Potenzial der Produktion von Kriegsmaterial zu kontrollieren", erläuterte Schotte in seinem Memorandum.
Drei Jahre später schilderte Schotte in seinem New Yorker Büro einem Regierungsbeamten genau, wie das Rekrutierungssystem für Arbeitskräfte in den von den Nazis besetzten Gebieten funktionierte. "Wenn zum Beispiel", schrieb der von Schotte instruierte Beamte, "ein Gauleiter in Polen eine bestimmte Anzahl von Technikern benötigt, die polnisch sprechen, aber keine Polen sind, ist es möglich, die exakten Namen und Aufenthaltsorte der Männer in ihren gegenwärtigen Einheiten zu ermitteln, indem man die Lochkarten in die Sortiermaschine legt und diese so einstellt, dass sie die korrekte Antwort liefert. Sobald die geforderte Anzahl ermittelt wurde, stoppt die Maschine."
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Die Niederlande kapitulierten am 15. Mai 1940 nach einem gnadenlosen fünftägigen Angriff. Das Deutsche Reich begann sofort mit der Planung der lückenlosen Erfassung der jüdischen Gemeinde.
Sie brauchten einen Mann, der die statistische Landschaft der Niederlande kannte, ein Experte für Hollerith-Technologie war und bereit, gegen den offenen Widerstand der Bevölkerung mit ihnen zusammenzuarbeiten. In einem besetzten Land, in dem es zu Überfällen auf deutsche Soldaten kam, in dem die Zuschauer im Kino nationalsozialistische Propagandafilme mit empörten Buhrufen begleiteten, in dessen Kirchen der Antisemitismus verurteilt wurde, in einem solchen Land brauchte Berlin jemanden, der besonders qualifiziert war und sich gegen den Strom stellte.
Sie fanden den Gesuchten in Gestalt von Jacobus Lambertus Lentz. Lentz war kein Nationalsozialist. Die Historiker, die sich mit ihm befassten, konnten ihm keinen Antisemitismus nachweisen. Er war ein Bevölkerungsstatistiker, der in seiner eigenen geordneten Welt der Verhältniszahlen, Registrierungen und ratternden Hollerith-Maschinen lebte. Die Perfektion bei der Katalogisierung des Menschen war für Lentz mehr als nur eine Frage des Stolzes, sie war ein Kreuzzug.
Im Jahr 1936 standardisierte Lentz als Direktor der Reichsinspektion für das Bevölkerungsregister die lokalen Register und deren Methode zur Datensammlung in den gesamten Niederlanden - eine administrative Leistung, die ihm eine königliche Auszeichnung einbrachte. Im gleichen Jahr umriss er seine persönliche Vision im Allgemeinen Statistischen Archiv: "Theoretisch kann die Sammlung von Angaben hinsichtlich jeder Einzelperson so reichhaltig, ja sogar vollständig werden, dass man schließlich von einem Papiermenschen reden könnte, der den natürlichen Menschen vertritt."
Am 10. Januar 1941 verkündete der Generalkommissar für Verwaltung und Justiz, Friedrich Wimmer, die wichtige Verordnung 6/41, derzufolge sich alle niederländischen und ausländischen Juden bei ihrem lokalen Bevölkerungsregister melden mussten. Wimmer setzte eine Frist von vier Wochen für diejenigen, die außerhalb Amsterdams wohnten, und von zehn Wochen für die Bewohner Amsterdams.
Seit der Volkszählung von 1930 waren die niederländischen Bevölkerungsregister vollständig mit Hollerith-Anlagen automatisiert. Durch einen Vergleich der jüdischen Registrierungen mit dem zentralen Melderegister konnten die Behörden jeden Juden identifizieren, der sich nicht registrieren ließ.
In den ersten Monaten wurden über 157 000 Fragebögen abgegeben - mehr als die gesamte jüdische Bevölkerung des Landes, da sich Nichtjuden solidarisch erklärt hatten und sich zusammen mit ihren jüdischen Mitbürgern registrieren ließen.
Am 14. Juni 1941 erhielt Wimmers Büro zehn Exemplare eines vorläufigen Überblicks "aller Personen jüdischen Blutes". Der alphabetische Index werde bald fertig sein. "Schon bald", versprach der Bericht, "werden wir mit der Sortierung bestimmter Gruppen mittels der Hollerith-Methode beginnen können."
Das Schicksal der niederländischen Juden wurde nicht von dem sechszackigen Stern besiegelt, der gut sichtbar auf der Brust getragen werden musste, sondern von den 80 Spalten, die in einer Hollerith-Anlage gelocht und sortiert wurden. Sie markierten die Juden für die Deportation ins Konzentrationslager. Am 2. Oktober 1941 schrieb H. Böhmcker, der NS-Stadtkommissar von Amsterdam, schadenfroh an Arthur Seyß-Inquart, den Reichskommissar für die besetzten Niederlande: "Dank der Verordnung 6/41 haben wir jetzt alle niederländischen Juden in der Tasche."
I
Die leeren Häftlingskarteikarten für die Hollerith-Systeme der meisten Lager wurden in den Druckereien von Auschwitz hergestellt. Manchmal konnten die Druckerpressen mit der Nachfrage nicht Schritt halten.
In einem Fall schrieb der Leiter der Hollerith-Abteilung von Ravensbrück an den Arbeitseinsatzführer der Hollerith-Abteilung in Flossenbürg und bestätigte, dass 200 weibliche Häftlinge ins Arbeitslager der Firma Witt in Helmbrechts überstellt worden seien. "Die Häftlingspersonalkarteikarten sowie Hollerith-Überstellungsliste (werden) übersandt", teilte der Oberscharführer in Ravensbrück mit. Doch "da augenblicklich von der Druckerei in Auschwitz keine Karteikarten zu bekommen sind, mussten für einen Teil des Transportes provisorische Karten angelegt werden".
Sämtliche Informationen über die Häftlinge in Auschwitz, über die noch lebenden Arbeiter, über Tote und Überstellungen, wurden kontinuierlich in das Hollerith-System des Lagers übernommen. Jeden Tag telegrafierten die verschiedenen Hollerith-Abteilungen des Lagers Gesamtaufstellungen an das WVHA und andere Ämter in Berlin. Die Hollerith-Erfassung war das einzige System zur Überwachung der sich ständig verändernden Häftlingszahlen in den Lagern.
Die "Zentrale Häftlingskartei" des WVHA war eine reine Papierkartei, allerdings wurden sämtliche Informationen in die zentralen Hollerith-Datenregister in Berlin und Oranienburg eingegeben. Jeder Lagerinsasse wurde mit einer Karteikarte erfasst, auf der dick gedruckt "Häftlingskarte" stand. Darauf wurden handschriftlich persönliche Angaben eingetragen. Daneben standen die entsprechenden Hollerith-Codezahlen, die dann in die IBM-Anlagen eingegeben wurden.
In diesem Register wurden für die Identifizierung der Gefangenen keine Namen verwendet - nur die entsprechenden Hollerith-Zahlen, die im Allgemeinen fünfstellig waren, manchmal aber auch sechsstellig, wenn ihnen eine Null vorangestellt wurde. Jede fünf- oder sechsstellige Zahl war mit der Nummer eines Konzentrationslagers gekoppelt. Dadurch konnte jedes Lager bis zu 999 999 Insassen registrieren.
Unter den zahlreichen Lochkartenbetrieben in den Konzentrationslagern hatte die große Hollerith-Abteilung in Mauthausen wahrscheinlich am meisten zu tun. Das riesige österreichische Konzentrationslager war ein ausgedehnter Komplex aus Steinbrüchen und Fabriken, in denen sich die Insassen schnell zu Tode arbeiteten. Tausende kamen unter den unbeschreiblichen Arbeitsbedingungen und täglichen sadistischen Gräueln ums Leben. Zahlreiche Nebenlager funktionierten in ähnlicher Weise.
Als die Lager gegen Ende des Krieges zusammengelegt wurden, erhielt Mauthausen viele Überstellungen aus anderen Lagern. Daher trafen ständig neue Häftlinge ein. Das Hollerith-Personal in der Kommandantur Arbeitseinsatz konnte den gesamten Exerzierplatz und die Ankunft jedes Gefangenentransports überblicken.
Ein SS-Mann hatte in Mauthausen die Aufsicht über die Hollerith-Abteilung. Die täglichen Sortierungen und Tabellierungen wurden jedoch von einem russischstämmigen französischen Kriegsgefangenen erledigt, einem Leutnant namens Jean-Frederic Veith.
Er traf am 22. April 1943, nur wenige Tage vor seinem 40. Geburtstag, in Mauthausen ein. Schon bald wurde er den Tabelliermaschinen zugeteilt. Zu seinen Pflichten gehörte die Bearbeitung der vielen Hollerith-Listen aus anderen Lagern. Er bearbeitete nicht nur die Karten der überstellten Häftlinge und ihre neuen Arbeitskommandos, sondern auch die Namen, die, wie sich aus der Sortierung ergab, falsch verschickt worden waren. Er stellte die umfangreichen Totenlisten und die Einsatzpläne für die Neuankömmlinge auf und meldete dann die tägliche "Lagerstärke" nach Berlin.
Jedes Dokument der Abteilung erhielt den Stempel "Hollerith erfasst", dann wurden die Zahlen in das rasch anwachsende Datenregister des Lagers eingegeben. Der Leichenberg von Mauthausen war Veith bei der Bedienung der Maschinen daher stets gegenwärtig.
Die "Abgangslisten" in Mauthausen waren genaue Protokolle der Todesfälle. Eine typische handschriftliche "Abgangsliste" hatte 30 Zeilen pro Seite und ging über viele Seiten.
Namen wurden nicht verwendet; nur die fünf- oder sechsstellige Hollerith-Identität der Häftlinge wurde links in numerischer Reihenfolge aufgelistet, damit sie direkt in die Spalte 22 der Dehomag-Karten gestanzt werden konnte, die für die Todeszahlen im Lager verwendet wurden. Die Todesursache wurde in Spalte 24 angegeben. Im Allgemeinen wurde als Ursache der Code C-3 genannt, die Hollerith-Bezeichnung für "natürliche Ursachen". Aus praktischen Gründen wurden dann neben jede Häftlingsnummer Wiederholungszeichen für die "natürlichen Ursachen" gesetzt.
Was waren das für "natürliche Ursachen"? Die Wachen in Mauthausen konnten zu ihrer Unterhaltung einen Häftling dazu zwingen, sich im Steinbruch an einer Stelle hinunterzustürzen, die "Fallschirmsprung" genannt wurde. Erschöpfte Zwangsarbeiter wurden in die gekachelte Gaskammer unter der Krankenbaracke geschickt und mit Kohlenmonoxyd erstickt.
Unerwünschte wurden bei einer "Operation K" getötet - eine Kugel wurde aus unmittelbarer Nähe auf sie abgefeuert. Besondere Fälle wurden an den Armen, die zuvor hinter dem Rücken zusammengebunden worden waren, hochgezogen, bis sie mit ausgekugelten Gelenken unter Qualen starben. Diese Morde wurden fast immer mit C-3 erklärt, den "natürlichen Ursachen".
Die Hollerith-Installationen in Auschwitz, Buchenwald, Dachau und Mauthausen waren nur Teil eines ausgedehnten Netzwerks aus Lochkarten und Tabellierungen in ganz Europa. Im Lager Stutthof in Polen mit der Codierung 012 verwendete die Hollerith-Abteilung sechsstellige Registriernummern, die mit Null begannen.
In den Lagern von Gusen wurden auf den Hollerith-Karten nicht nur persönliche Daten und Arbeitseinsätze vermerkt, sondern auch makabre Einzelheiten zu den Strafen, mit denen die Gefangenen gequält wurden, wie Auspeitschen und Hängen an einen Baum mit auf den Rücken gebundenen Armen.
Jede Hölle hat eine Hierarchie. Jeder Hollerith-Code hatte Folgen. Viele Menschen wurden in die Lager deportiert. Doch die Juden mit ihrer besonderen Kennzeichnung waren besonderen Grausamkeiten unterworfen, die sie zwangen, entweder ein qualvolleres Leben zu führen oder einen entsetzlicheren Tod zu sterben.
Dem Hollerith-Code konnte man sich nicht entziehen. In den meisten Lagern wurden die Gefangenen in 16 Kategorien eingeteilt: Politischer Gefangener - 1, Bibelforscher - 2, Homosexueller - 3, unehrenhaft aus dem Militär Entlassener - 4, Geistlicher - 5, kommunistischer Spanienkämpfer - 6, ausländischer Zivilarbeiter - 7, Jude - 8, Asozialer - 9, Berufsverbrecher - 10, Sicherungsverwahrter / Schwerverbrecher - 11, Zigeuner - 12, Kriegsgefangener - 13, Nacht-und-Nebel-Häftling - 14, Arbeitsscheuer - 15, ausländischer Diplomat - 16.
Jede Häftlingskategorie musste die Schrecken ertragen, die für sie vorgesehen war. Homosexuelle mit der Kennziffer 3 und einem rosafarbenen Winkel wurden für bestialische Quälereien herausgegriffen. Deutsche, die als "arbeitsscheu" oder "asozial" eingestuft worden waren, also Menschen, die einfach nicht in die Nazi-Schablonen passten, wurden zur Zielscheibe speziell vorgeschriebener Misshandlungen, die anderen Häftlingen nicht widerfuhren.
Unten auf der Häftlingspersonalkarteikarte standen in einem Abschnitt mit der Überschrift "Strafen im Lager" die vorgeschriebenen Torturen. Neben den willkürlichen Brutalitäten gab es noch offiziell vorgeschriebene Strafen, die nach den Anweisungen des WVHA in Berlin erteilt wurden.
Das Amt hatte schnellen Zugang zu den früheren Vergehen und Strafen eines Häftlings. Ein typisches Beispiel bietet die Häftlingskarteikarte des Gefangenen 11457 in Auschwitz III; direkt über dem Abschnitt "Strafen im Lager" stand der vielsagende Stempel "Hollerith erfasst".
Bei der Überstellung in ein anderes Lager nahm man seine codierte Identität mit sich. Die Hollerith-Überstellungslisten des Zentralinstituts schlossen sie immer mit ein. Selbst im Tod wurden die NS-Opfer noch codiert. Im Zentralinstitut wurden
vier wesentliche Todesursachen in die Hollerith-Karten gestanzt:
Natürliche Todesursache: C-3
Exekution: D-4
Selbstmord: E-5
SB (Sonderbehandlung): F-6.
Jede Strafe, die als F-6 codiert war, war in Wirklichkeit ein Hinrichtungsbefehl, der entweder in der Gaskammer oder mit einer Kugel ausgeführt wurde.
Die zahlreichen Spalten und Codes, die in Hollerith-Karten gestanzt und für rasche Ergebnisse sortiert wurden, waren ein kostspieliges, unbegrenztes Unternehmen, das dabei helfen sollte, die sich allmählich abzeichnende Lösung der so genannten Judenfrage umzusetzen. Von der ersten Identifikation bei der Volkszählung 1933 in Deutschland über die berufliche und soziale Ausgrenzung bis hin zur Ghettoisierung waren es die Codierungen, die den Einzelnen brandmarkten und sein Schicksal besiegelten. Jeder Code war ein weiterer Stein in einer unüberwindlichen Datenmauer.
Zu Beginn des Jahres 1942 änderte sich die Situation. Das nationalsozialistische Deutschland tötete nicht mehr einfach jüdische Menschen. Es vernichtete das jüdische Volk. Darauf lief der datengestützte Krieg Hitlers gegen die Juden hinaus. Hollerith-Codierungen, -Zusammenstellungen und -Sortierungen hatten den Nationalsozialisten den bis dahin einmaligen Sprung von der individuellen Vernichtung zum Völkermord ermöglicht.
Während die Juden durch Arbeit vernichtet wurden, erfasste man sie mit Häftlingskarten, Hollerith-Überstellungslisten, Lochkarten und endlosen Sortierungen. Der Vorgang war teuer, doch in den Augen der Nationalsozialisten waren die Kosten notwendig, um jede Bewegung eines Häftlings zu verfolgen und zu kontrollieren.
Wenn die Juden in den Arbeitslagern getötet werden sollten, wurden ihre Karten eingezogen - sie brauchten keine mehr. Wenn die ghettoisierten Juden für die Deportation zusammengestellt und von Hollerith-geplanten Zügen in die Vernichtungslager nach Polen gebracht wurden, erhielten sie keine Karten. Ihre Namen standen auf keiner Hollerith-Überstellungsliste.
Totenlisten wurden nicht übermittelt. Es genügte, wenn das Zentralinstitut informiert wurde, dass die Opfer planmäßig einen Zug bestiegen hatten. Daher tabellierten die Maschinen nur die "Evakuierungen". Mehr war nicht nötig. Aus diesen Zügen gab es kein Entkommen, daher musste man niemanden erfassen.
Wer keinen Nutzen mehr hatte, sollte auch nichts kosten. Zu diesem Zeitpunkt waren die Juden auch keine Lochkarte mehr wert.
© 2001 Propyläen Verlag; Berlin, München. * Beim "Reichserntedanktag" auf dem Bückeberg bei Hameln 1934. * In Bergen-Belsen im April 1945.

DER SPIEGEL 7/2001
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