12.02.2001

PAAREDekolleté und Denkerstirn

Der deutsche Literaturbetrieb entdeckt das Werk einer Anfängerin. Aufregender als das Buch ist jedoch die Konstellation dahinter: Die attraktive Autorin Nathalie Weidenfeld ist die Lebensgefährtin von Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin. Hilft die Partnerschaft auch dem dürftigen Roman?
Im Buch heißt sie Candida, und er heißt Chris. "Chris lacht. Weiße Zähne hinter weichen, vollen Lippen. Ich kann nicht aufhören, ihn anzusehen", erzählt Candida. Dann fragt Candida Chris, was er eigentlich so macht. "Ich bin Künstler, Maler, Illustrator, was auch immer", sagt Chris. Dann steht Chris auf und nimmt Candidas Hand. Als er neben ihr steht, bekommt sie "einen Schock". Chris ist nämlich mindestens zwei Meter groß.
Im richtigen Leben heißt sie Nathalie, und er heißt Julian.
Julian Nida-Rümelin lacht. Wenn man so will, trägt er weiße Zähne hinter weichen, vollen Lippen. Gleich hinter der Drehtür des Berliner Hotels Intercontinental wird Gerhard Schröders Kulturstaatsminister am Mittwoch vergangener Woche von Fernsehmenschen vernommen. Er hat gerade die Berlinale eröffnet. Er redet irgendwas.
Wichtig ist die Frau, die neben ihm steht. Sie hat Schuhe mit langen Absätzen an den Füßen, weil ihr Lebensgefährte so groß ist. Sie guckt schräg zu ihm nach oben. Sie trägt ein rotes, schulterfreies Oberteil, und jeder, der sie so sieht, findet, dass sie gut aussieht.
Nathalie Weidenfeld, 30, und Julian Nida-Rümelin, 46, sind seit Ende letzten Jahres ein Paar. Sie sind sogar ein Traumpaar. Eine Symbiose aus Dekolleté und Denkerstirn. Weidenfeld und Nida-Rümelin spielen in einer anderen Liga als, sagen wir, Kristina Gräfin Pilati-Borggreve und Rudolf Scharping. Intellektuell und optisch. Wenn irgendwo eine Party ist, stehen sie immer nebeneinander, als seien sie zusammengewachsen. Er trägt dann in der linken Hand entweder ein Saftglas oder ein Stück Papier, und mit der rechten Hand hält er ihren Rücken oder das, was sich an den Rücken anschließt. (Im Buch gibt es eine Stelle, in der sagt Candida: "Ich greife nach seiner Hand, führe sie auf meinen Po.")
Er, der kluge Mann aus dem Berliner Kanzleramt. Der "intrinsisch" sagt, obwohl er auch "von innen" sagen könnte. Der studierte Physiker, Mathematiker, Politologe und - da legt er besonderen Wert drauf - der "Philosoph". Trägt gern dunkle Dreiteiler und redet manchmal ziemlich seltsam daher. Embryos, meinte der Denker Julian kürzlich, hätten keine Menschenwürde. Offiziell nennt er sich "Beauftragter der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und der Medien", und weil die Medien seit einiger Zeit hauptsächlich finden, dass er eine scharfe Braut an seiner Seite hat, ist es gar nicht so wichtig, was Julian Nida-Rümelin gerade wieder so sagt.
Sie, die junge Schriftstellerin. Nathalie Weidenfeld schreibt Bücher. "Die Orangenprinzessin", ihr erster Roman, der von Candida handelt und diese Woche vorgestellt wird, ist ein schwaches Buch*. Aber auch das ist zurzeit nicht weiter wichtig. Denn Autorin ist sie erst an dritter Stelle. Sie ist erstens schön. Und sie ist zweitens die Freundin vom schlauen Julian. Und damit ist sie die First Lady des deutschen Kulturbetriebs. Deshalb wird sich ihr Buch absehbar auch gut verkaufen.
Die "Orangenprinzessin" ist eine verzogene Göre, die zwischen "Poison" und Porsche aufwächst. Dann verliebt sie sich in einen Alkoholiker. Nachdem sie sich von ihm getrennt hat, steigt sie mit anderen Männern ins Bett. Das geht immer so: Erst macht sie ihnen Mozzarella-Tomaten-Salat, dann hören sie Rachmaninow, dann vögeln sie, und spätestens um drei Uhr morgens schmeißt sie die Männer raus. Wenn die Männer weg sind, lässt sie sich "wieder auf das Bett fallen, reibe meine Schenkel aneinander, presse sie fest zusammen und zwinge meine Lust heraus, wie ein wilder ungebändigter Tiger im Morgengrauen seinen Schmerz herausbrüllt ... Unter zerwühlten Laken liegen meine aufgelösten Träume, verschwitzt zwischen meinen Schenkeln". Dann bezieht sie das Bett neu und geht schlafen. Irgendwann lernt sie Chris kennen und verliebt sich in ihn. Dann ist das Buch zu Ende.
Die Sache hat natürlich insofern ihre positive Seite, als man behaupten könnte, der Kulturbetrieb werde demokratisiert. Früher war er ein elitärer Zirkel, in dem ein paar Herausgeber, Intendanten und Produzenten das Sagen hatten. Inzwischen ist aus dem Herrenclub eine große Kirmes geworden, auf
der jeder zeigen darf, was er kann - die Dachdeckerin Sabrina ihre Brüste, der Macho aus dem "House of Love", wie er im Whirlpool Moët direkt aus der Flasche schlürft.
Das Fernsehen hat es vorgemacht, die Literatur macht es nach. Auf dem weiten Feld zwischen Jenny Elvers und Benjamin von Stuckrad-Barre gibt es viele Nischen, die gefüllt werden wollen. Da lachen uns die denkende Talk-Donna Sabine Christiansen ("Trendwende. Das Buch zur Lage der Nation") oder ein singender Automechaniker entgegen. Eine weitere Nische ist mit Frau Weidenfeld besetzt worden: die des Models, das Romane schreibt.
Woran es weder der Autorin noch ihrem Verlag mangelt, ist ein offenkundig gut ausgebildetes Selbstbewusstsein. Die Umschlagseite des Buchs zeigt eine Frau mit luftigem Ausschnitt, die sich mit den Händen geschmeidig durchs Haar fährt. Es könnte Candida, die Romanheldin, sein, kurz nachdem sie wieder mal ein Bett frisch bezogen hat. Aber es ist Nathalie, die Autorin selber. Der Verlagsleiter Johannes Thiele fand dieses Bild so aufregend, dass er gar nicht anders konnte, als es auf den Titel zu nehmen.
Zumindest das Cover legt die Vermutung nahe, dass Frau Weidenfeld ihr eigenes Leben zu diesem Roman verarbeitet hat. Ob das Werk nun autobiografisch ist oder nicht, lässt sich heute auch nicht mehr genau sagen. Sie habe, meint die Autorin, "das mal so locker gesagt, dass er autobiografisch ist", aber "man erkennt erst im Nachhinein, was da so eingeflossen ist". Mit dem Realen und dem Fiktiven sei das "so eine Sache, man kann es nicht genau auseinander halten, mir reicht es, wenn ein kleiner, dünner Faden wahr ist, an dem ich mich festhalten kann".
Wahr ist in jedem Fall, dass Chris nicht Julian ist. Julian kannte sie nämlich noch gar nicht, als sie über Chris schrieb. Aber jetzt, wo es nun mal so ist, dass es Julian gibt, ist es auch nicht schlecht. Nicht für Nathalie, nicht für Julian, nicht für den Verlag. "Das wird den Roman befördern, ganz klar", sagt Verlagsleiter Thiele. "So was passiert eben manchmal."
Wenn am Donnerstag dieser Woche das Werk im Münchner Literaturhaus vorgestellt wird, ist Schröders Mann für die Kultur zur Stelle. Julian Nida-Rümelin wird im Publikum sitzen. Und der Verlag weist freundlicherweise auf den Besuch hin. Wenn Frau Weidenfeld ihr Buch präsentiert, so heißt es in einem Verlagsschreiben, dann tut sie das "im Beisein ihres Lebensgefährten Julian Nida-Rümelin".
Es ist nicht neu, dass Politiker die Auflage der Druckerzeugnisse ihrer Frauen durch bloße Anwesenheit in die Höhe zu schrauben versuchen. So hatte zum Beispiel Hannelore Kohl in einer Zeit, da ihr Gatte noch Kanzler war, einmal ein Kochbuch verfasst ("Kulinarische Reise durch deutsche Lande"). Auch in diesem Nachschlagewerk ging es in gewisser Weise darum, dass etwas "zusammengepresst" werden musste, wenngleich in anderem Zusammenhang als bei Frau Weidenfeld: "Die Füllmenge durch die dritte Öffnung in den Magen füllen (den Magen nicht zu prall füllen, damit er nicht platzt)", hieß es in einer Anleitung für Pfälzer Saumagen. Weil Helmut Kohl nicht nur im Publikum saß, sondern auch noch das Vorwort schrieb, verkaufte sich Frau Kohls Kochbuch besser als andere Kochbücher.
Im Fall von Nathalie Weidenfeld liegen die Dinge ähnlich. Das Schöne ist, dass ihr Buch zurzeit sogar in den ganz großen Zeitungen vorgestellt wird, und das, obwohl es noch jede Menge anderer Bücher gibt. Das versteht sie selber noch nicht ganz.
Es war nämlich weiß Gott nicht so, als seien ihr die Dinge im Leben immer nur einfach so zugefallen. Als sie mit 18 in die USA ging, um bei Lee Strasberg Schauspielunterricht zu nehmen (auch Maren Müller-Wohlfahrt, die Lebensgefährtin von Lothar Matthäus, lernte hier übrigens ihr Handwerk), da habe sie ihre Wäsche "zum ersten Mal selber waschen müssen". Dann war sie drei Jahre mit einem Mann verheiratet, der im Gegensatz zu ihrem Julian ein finsterer Macho gewesen sein muss, und als sie wieder in Deutschland war, verkaufte sie Rosen auf dem Oktoberfest, es war eine harte Zeit. Dann wirkte sie bei Film und Fernsehen, "auch als Cutterin", wie der Klappentext der "Orangenprinzessin" jubelt.
Und jetzt? Jetzt läuft''s von allein. "Meine Romane werden verkauft, ich mache an der Uni mein Examen und lerne den Mann meines Lebens kennen. Und das alles innerhalb von einem Jahr." Es muss wohl so sein, "dass ich gut vermarktbar bin. Vielleicht gibt es nicht so viele Autoren und Bücher, die gut vermarktbar sind".
Alles hängt eben mit allem zusammen. Oder, wie der Titel eines Buchs von Julian Nida-Rümelin heißt: "Demokratie als Kooperation". Ihr Verlag jedenfalls hat gleich en gros gekauft, was ihr bisher aus der Feder geflossen ist. Neben dem Erstlingswerk gibt es noch einen zweiten Roman, der auch schon fertig ist ("100 Arten den Mond zu sehen"), sowie einen Band mit Kurzgeschichten. Auch schon fertig.
Und alles allererste Ware. Der Verlag hat auch genau gelesen und kommt zu dem Schluss, dass es sich bei Nathalie Weidenfeld um "die Entdeckung einer neuen Erzählstimme mit wunderbarem Timbre" handelt.
So gesehen ist sie auch unter literarischem Gesichtspunkt die kongeniale Ergänzung zum neuen Staatsminister, der in seinem Kern doch eher als spröder Formulierer gilt. Im Hause Weidenfeld-Nida-Rümelin hat die eine, was dem anderen fehlt. Und umgekehrt.
Sie schreibt: "Die Sterne funkelten als kalte Diamanten auf dem schwarzen Himmelssamt."
Er schreibt: "Eine konsequentialistische Theorie beurteilt den moralischen Wert einer Handlung, einer Regel, einer Institution, einer Tugend nach dem Wert ihrer Konsequenzen bzw. dem Wert der Wahrscheinlichkeitsverteilung ihrer Konsequenzen. Eine konsequentialistische Theorie hat also offensichtlich zwei Bestandteile: 1. eine Theorie des Wertes von Konsequenzen und 2. eine Theorie der moralischen Beurteilung als Erwartungswertmaximierung dieser Wertfunktion."
Früher mögen die Zeiten für Nathalie Weidenfeld hart gewesen sein. Aber manches war auch leichter. Der Vorgänger von Julian Nida-Rümelin war Michael "Flitterabend" Schanze. HENDRYK M. BRODER,
MATTHIAS GEYER
* Nathalie Weidenfeld: "Die Orangenprinzessin". Marion von Schröder Verlag, München; 232 Seiten; 36 Mark.
Von Hendryk M. Broder und Matthias Geyer

DER SPIEGEL 7/2001
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