Von Sauga, Michael
Wenn Ökonomen das Land mit dem besten Rentensystem küren müssten, würde sich eine klare Mehrheit für die Schweiz entscheiden. Die Eidgenossen zahlen halb so hohe Beitragssätze wie die Deutschen, obwohl die durchschnittlichen Staatsrenten nur unwesentlich niedriger liegen. Die Zahl der Altersarmen ist ähnlich gering. Und am wichtigsten: Zum gesetzlichen Altersgeld bekommen schon heute nahezu alle Schweizer eine obligatorische Privat- oder Betriebsrente von durchschnittlich 2000 Mark hinzu, viel mehr als in der Bundesrepublik.
In der richtigen Mischung aus Staats- und Privatrente sehen die meisten Experten heute das beste Rezept für ein stabileres Altersvorsorgesystem. Um die Senioreneinkommen möglichst vielfältig abzusichern, so empfehlen sie, sollten die jeweiligen Vor- und Nachteile der beiden Finanzierungswege ausgewogen kombiniert werden.
Im privaten Kapitaldeckungsverfahren nämlich, bei dem jeder sein Altersvermögen selbst anspart, hängt der Ertrag von der Entwicklung am Kapitalmarkt ab. Boomt die Börse, können die Berufstätigen im Alter hohe Erträge einstreichen. Versinken die Wertpapiermärkte in anhaltender Baisse, fallen die Altersgelder niedriger aus.
Das staatliche Umlageverfahren dagegen, bei dem die heutigen Beitragszahler direkt die heutigen Renten finanzieren, ist in hohem Maße von der Bevölkerungsentwicklung abhängig. Je mehr Junge nachrücken, desto mehr Beitragsgelder fließen in die Rentenkasse. Schrumpfen die Geburtenzahlen, können die Seniorenansprüche bald nicht mehr bedient werden.
Zu den wirtschaftlichen kommen politische Risiken. Privatrenten geraten in Gefahr, wenn Inflationen oder Kriege das angesammelte Vermögen vernichten. Die Staatsrente ist bedroht, wenn Politiker die Alterskassen für andere Zwecke plündern, etwa um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen oder die eigene Wählerklientel zu bedienen.
Besonders gut, so raten Ökonomen, fahren deshalb Gesellschaften, die beide Systeme etwa im Verhältnis 50 zu 50 mischen. So lassen sich zum Beispiel die Folgen eines anhaltenden Bevölkerungsrückgangs mildern, ohne dass auf der anderen Seite die Gefahr zu groß wird, die Finanzmärkte mit zu viel Anlagekapital zu überschwemmen.
Vom Modellkonzept der Ökonomen ist Deutschland auch nach der Riester-Reform weit entfernt. Während Länder wie die USA oder die Niederlande tatsächlich rund die Hälfte ihrer Alterszahlungen mit privat oder betrieblich angespartem Kapital unterlegen, stammen in Deutschland noch immer 82 Prozent der Senioreneinkommen aus dem staatlichen Rentensystem. Noch schlechter schneiden nur wenige andere Länder wie etwa Österreich ab.
Den Preis für die Reformscheu tragen die Beitragszahler. Verlassen sich Länder nämlich vorrangig auf das Umverteilungssystem von Jung zu Alt, verzichten sie auf die Zusatzerträge, die ein angesparter Kapitalstock abwirft. Ökonomen haben errechnet: Um auf dieselben Rentenzahlungen zu kommen, müssen Versicherte im Umlageverfahren deutlich höhere Beiträge aufbringen als die Finanziers eines Mischmodells wie in der Schweiz.
Manche Rentenreformer fordern deshalb seit Jahren, in Deutschland ein ähnliches System einzuführen. Der sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf und sein engster Berater, der Bonner Gesellschaftswissenschaftler Meinhard Miegel, haben schon in den achtziger Jahren entsprechende Konzepte vorgelegt: Eine staatliche Mindestsicherung soll mit zusätzlicher privater Vorsorge kombiniert werden.
Dass die Reformer ihr Modell, anders als in der Schweiz, auf Steuern statt auf Beiträge der Versicherten gründen, macht in Wahrheit keinen großen Unterschied. Denn die Schweizer Rentenbeiträge sind fast so ausgestaltet wie Steuern: Alle Bürger müssen einzahlen, alle Einkünfte bis zur letzten Mark sind abgabepflichtig, Geringverdiener werden begünstigt.
Der Umbau des traditionellen Renten- in ein Privatsystem ist allerdings problematisch - und teuer. Denn während der Übergangszeit trägt die dann gerade aktive Generation eine doppelte Last: Die Erwerbstätigen müssen die Ansprüche ihrer Eltern bedienen und zugleich ein eigenes Altersvermögen aufbauen.
Dennoch, so hat der Mannheimer Volkswirt Axel Börsch-Supan ermittelt, rechnet sich auch für die so genannte Sandwich-Generation der Wechsel. Wenn sie das Rentenalter erreicht haben, gleichen die zusätzlichen Erträge der Privatvorsorge die doppelte Zahlungsverpflichtung zumeist aus.
Wie sehr der Umbau des Altersvorsorgesystems auch dem Kapitalmarkt Impulse zu verleihen vermag, zeigt der Umstieg in Großbritannien. Nachdem die konservative Thatcher-Regierung in den achtziger Jahren die staatlichen Pensionen drastisch gekürzt und die private Vorsorge stark ausgeweitet hatte, strömten Milliarden von Pfund in die Kassen von Pensionsfonds und betrieblichen Investmentgesellschaften. In der Folge erhöhte sich das Anlagevermögen fürs Alter auf rund 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Fast gleichzeitig, heißt es in einer Studie zu den Erfolgen des britischen Systemumbaus, wurde London endgültig zur führenden Finanzmetropole in Europa. MICHAEL SAUGA
DER SPIEGEL 7/2001
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