12.02.2001

AUSSTELLUNGENHip, hipper, Hopper

Zwei Museen zeigen den Hollywood-Star Dennis Hopper - als Maler und Fotografen. Und streiten, wer ihn besser feiert.
Rudi Fuchs, der Direktor des Amsterdamer Stedelijk Museums, gerät beim Gedanken an seine nächste Ausstellung auffällig ins Schwärmen: Der Künstler, freut er sich, sei ein besonderes Mal-Talent, eines, dessen Bilder von einer unmittelbaren Kraft seien. Und: Er, Fuchs, wolle nur klarstellen, dass er es war, der den Mann entdeckt habe.
So viel prophylaktisches Eigenlob ist verwunderlich - bei einem Nachwuchsstar, den schon jeder kennt. Schließlich handelt es sich um den US-Schaupieler und Regisseur Dennis Hopper, 64, der bereits seit seinem Regie-Durchbruch "Easy Rider" von 1969 als Legende gilt.
In Amsterdam ist nun aber der Hobby-Künstler Hopper zu sehen. Und diesem gebe er, sagt Stedelijk-Chef Fuchs, von Samstag an als Erster die Möglichkeit, seine Werke in einem anerkannten Museum auszustellen*.
Wie schön. Nur bleibt er nicht lange der Einzige. Auch das Museum für angewandte Kunst (MAK) in Wien will Hopper kurioserweise demnächst eine "erste umfassende Retrospektive" widmen**.
Viel Kunst-Wirbel um jemanden, der schon vor Jahrzehnten malte und fotografierte und 1961 seine erste Galerie-Ausstellung hatte. Bekannt sind aber tatsächlich vor allem Hoppers frühe Fotografien, wie die gelassenen Schwarz-Weiß-Porträts seiner Star-Freunde. Da hockt ein junger Paul Newman auf dem Rasen, und der Pop-Art-Papst Andy Warhol hält schüchtern eine Orchidee vors Gesicht. Aber es gibt auch sozialkritische Aufnahmen von demonstrierenden Schwarzen und - aus "Easy Rider"-Zeiten - Fotos von hippen Rockern.
Doch Hollywood hin oder her. Hopper sei, trotzt Fuchs, ein schauspielernder Künstler und nicht etwa ein Schauspieler, der zum Zeitvertreib male. Sein Haus zeige nun viele noch unbekannte Werke:
frühe Assemblagen, Fotos und Gemälde, nachgebaute Werbewände - ausschnittweise aber auch einige Filme.
Ohne den Hollywood-Hopper geht es also nicht. Schon gar nicht in Zeiten, in denen auch Museen nach publicityträchtigen Promis lechzen. Das MAK in Wien kündigte ohnehin an, das Multi-Talent als "eine der letzten großen Kultfiguren Hollywoods" zu feiern. Was heißt, dass man ebenfalls ein Best-of seiner Regiekunst zeigt, hier aber in voller Länge.
Da beide Häuser zwar dasselbe Material benutzen, aber hoffen, dass ihre jeweiligen Schau-Konzepte von anderen Museen übernommen werden, und sie somit konkurrieren, wird jetzt schon gestichelt. In Österreich, so motzt Stedelijk-Chef Fuchs, kopiere man gern gute Ideen.
Hopper selbst ist über das Interesse an seiner Malerei durchaus erfreut, fühlte er sich als Künstler doch nie richtig ernst genommen. Das Problem ist nur, dass der Hype daran wohl nicht viel ändern wird.
Denn niemand kann leugnen, dass er selbst das eigentlich spannende Kunstwerk ist: Jung und brav kam er nach Hollywood, legte sich dann wie sein Idol James Dean mit Regisseuren an, landete auf der berüchtigten schwarzen Liste der Filmindustrie und hangelte sich jahrelang mit kleinen Rollen durch. Er kannte zig Künstler, begegnete sogar Picasso, eigene frühe Bilder verbrannten, er nahm Drogen, soff, hatte Auszeiten und Comebacks, er sammelte Kunst und verlor sie bei vier Scheidungen.
Zeitweise, gibt er zu, habe er sein abgedrehtes Leben geführt, weil er gehofft habe, das würde ihn zu künstlerischen Höchstleistungen inspirieren. Doch sei gerade dann gar nichts herausgekommen.
Trotz Pausen hat Hopper einiges vorzuzeigen. Der Autodidakt war kein Avantgardekünstler, ließ sich aber gern von solchen inspirieren und entwickelte sich zum besessenen Bildproduzenten. Nach der Pop-Art und der trashigen Assemblage-Kunst der sechziger Jahre entdeckte er die Jungen Wilden der achtziger Jahre. Wenn er malt, dann oft abstrakt, selten aber richtig gut.
In einem Punkt war er seiner Zeit voraus: Grenzen einzelner Kunstgattungen kümmerten ihn nicht. So wie heute viele jüngere Künstler lebte er schon immer im sorglosen Crossover, mixte Malereien und Filmbilder und switchte zwischen Antikriegsbekenntnis und Banalmotiv. Als Regisseur und Schauspieler bewegte er sich zwischen treffender Gesellschaftsanalyse einerseits und seichtem Kommerzkino andererseits, wie mit seiner Rolle im Endzeitspektakel "Waterworld".
Oder er baut gigantische Werbepuppen nach, die er vor Jahrzehnten fotografiert hat. Als sei die Glanzzeit der Pop-Art mit ihrem Konsumfetischismus nie vergangen. Seine Werke sind Illustrationen seiner diversen Lebensgefühle, und offenbar erinnert er sich inzwischen gern an früher. Überhaupt mag er die ironische Wiederverwertung, schließlich hat er einen Werbespot gedreht, der aussieht wie ein Remake von "Easy Rider".
Nicht ohne Hintergedanken nennt Hopper die Readymade-Ikone Marcel Duchamp als Vorbild und erklärt dessen intelligentes Credo, alles werde zu Kunst, wenn man es nur dazu ernenne, zum eigenen Leitmotiv - in dieser Logik erklären ihn die Amsterdamer mit Recht zum Maler.
Hopper ist es mit der Kunst ernst. Er hat sich ein Jahr lang Zeit genommen, um die Ausstellungen vorzubereiten. Für ihn, sagt er, sei die Kunst auf keinen Fall weniger als seine Filme. Nur könne er Ersteres ohne Letzteres nicht finanzieren. Weil er aus Hollywood kommt, muss er wissen: Mit solch rührenden Bekenntnissen kann man beim Publikum immer punkten. Und das dürfte beiden Museen gefallen. ULRIKE KNÖFEL
* "A Keen Eye". Bis 16. April. ** "A System Of Moments". Vom 30. Mai bis 7. Oktober.
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 7/2001
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