12.02.2001

FILMMahlzeit!

Endlich hat das Warten der Fans ein Ende: Zehn Jahre nach „Das Schweigen der Lämmer“ soll die Fortsetzung „Hannibal“ die Kinos erobern.
Nach dem "Schweigen der Lämmer" kommt das Grunzen der Schweine. Zu den Überraschungen, mit denen "Hannibal" aufwartet, die Fortsetzung des Thrillers von 1991, den man nun schon einen Kannibalismus-Klassiker nennen darf, gehört die spektakuläre Demonstration, dass auch Schweinen bei rechter Abrichtung Menschenfleisch schmeckt. Nur das Geräusch tut in den Ohren weh.
Als 1999 der Roman "Hannibal" von Thomas Harris erschienen war, konnte man in sachkundigen Blättern lesen, weder die Schauspielerin Jodie Foster noch der Regisseur Jonathan Demme, beide mit einem Oscar für "Das Schweigen der Lämmer" ausgezeichnet, wollten sich an der Verfilmung von "Hannibal" beteiligen. Es hieß, sie fänden das Ende des Romans unzumutbar - sich selbst oder ihrem Publikum gegenüber. Vielleicht wollten sie aber auch nicht einfach darüber hinwegsehen, dass man bei einem "Sequel" nie zu gewinnen hat, weil es letztlich vor allem ums Abzocken geht, und waren sich dafür zu gut.
Falls es sie noch interessiert, könnten sie nun feststellen, dass nicht nur sie das Ende des Romans unzumutbar fanden - auch alle, die den Film dann gemacht haben, hat offenbar lange vor Drehbeginn das große Muffensausen gepackt: Vor der Apotheose, auf die dieser ganze gut 500-seitige Wälzer zusteuert, macht der Film kurzerhand Schluss. Leser, die das Werk von Thomas Harris schätzen, könnten sich, wenn sie (vom kommenden Donnerstag an auch hier zu Lande) ins Kino gehen, um dieses erlösende Ende betrogen fühlen, das der ganzen Langwierigkeit der Romanfortsetzung erst ihren Sinn gibt.
"Das Schweigen der Lämmer" - damals ein relativ billiger Film, dessen Erfolg niemand vorhersehen konnte - hat in manchem Sinn Epoche gemacht. Die gut 5000 Mitglieder der Academy in Hollywood mögen über sich selbst erschrocken gewesen sein, als beim Stimmenzählen herauskam, dass ganz ungewöhnlicherweise die fünf gewichtigsten Preise einem einzigen (und keineswegs gefälligen) Film zufielen. Doch das war nicht unverdient. Demmes betont nüchternem Film gelang es, den Kriminalfall fern von allen Horrorkinoklischees in die Realität einer schäbigen, glanzlos banalen Provinzwelt einzubetten und darin ein Bild des Bösen schlechthin zu zeichnen: Das leisteten Jodie Foster und Anthony Hopkins Auge in Auge in der geradezu obszönen Intensität ihrer Konfrontation.
Vielleicht ist über den Sensationserfolg und den bald schon ertönenden Ruf der Fans nach einem "Sequel" auch der Autor Thomas Harris ein wenig erschrocken. Elf Jahre hat es gedauert, bis die Fortsetzung "Hannibal" folgte, die folglich auch etwa ein Jahrzehnt später spielt. Und der Roman zögert die mit höchster Spannung erwartete Wiederbegegnung des Star-Paars geradezu unanständig lange hinaus: Die Agentin Clarice Starling, inzwischen 32 und beim FBI ein Problemfall, hat längst andere Sorgen als die Jagd auf Hannibal Lecter. Es dauert gut 400 Seiten, bis sie ihn von weitem zum ersten Mal (und ganz zufällig) wieder zu sehen bekommt.
Schlimmer ist: Harris hat keine Mühen gescheut, um "Hannibal the Cannibal", den psychopathischen Psychiater, den man bisher nur als Knastinsassen kannte, zum Genie zu veredeln. Er lebt nun als offenbar wohlhabender Privatgelehrter in Florenz, beschäftigt sich mit den subtileren Thesen des Astrophysikers Stephen Hawking, spielt auf seinem Flügel Bachs Goldberg-Variationen, jongliert aber auch so feinschmeckerhaft mit Zitaten aus der florentinischen Renaissance-Literatur, als wolle er sich um eine Hauptrolle in einem Roman von Umberto Eco bewerben. Und überdies ist er (wie sich das für einen Klasse-Vampir wohl gehört) von blauestem Blut: Der Vater aus uraltem baltischen Adel, die Mutter eine Visconti, doch auch mit den Klossowskis verwandt, weshalb Hannibal freundschaftlichen Umgang mit dem Maler Balthus pflegt.
Wieso dieser hoch kultivierte europäische Edelmann je in die vergleichsweise barbarischen USA gegangen ist, bleibt unbekannt. Wer aber wissen will, warum er so undelikate kannibalische Neigungen entwickelt hat, bekommt zur Antwort: weil er als kleiner Junge mit ansehen musste, wie sein geliebtes Schwesterchen gefressen wurde - nicht von einer Knusperhexe, sondern natürlich von bösen Nazis.
Für diesen elitären Schwulst hatten die beiden hoch bezahlten Drehbuchautoren, die nacheinander am Werk waren (David Mamet und Steven Zaillian), wenig übrig. Ihre Hauptsorge war, die Ereignisse, die sich über einen langen Zeitraum hinziehen, dramatisch so zu verknüpfen und zu ballen, dass Clarice, anders als im Buch, von Anfang an wenigstens aus der Ferne an der in Florenz beginnenden Jagd auf Lecter beteiligt ist.
Als dessen Hauptgegner fungiert ein Unhold, der an Monstrosität Lecter noch zu übertreffen sucht: ein entstellter, verstümmelter, steinreicher Irrer, der seit einer gewalttätigen Konfrontation mit Lecter vor vielen Jahren an Rollstuhl und Atemgerät gefesselt ist, jedoch unverdrossen seinem Hobby als Kinderschänder frönt. Dieses Monster spielt mit grotesker Monstermaske Gary Oldman, der zuletzt (in Coppolas Film) als Dracula mit Anthony Hopkins (als Van Helsing) zu tun hatte. Die Welt, in der sie sich nun wieder begegnen, hat radikal nichts mehr mit dem Realismus von "Das Schweigen der Lämmer" zu tun. Es ist die schwüle, aufgedunsene Kulissenwelt des Kolportagekinos, wo der Horror als Luststoff serviert wird. Die Riesenmuräne allerdings, die Lecter im Roman als raffiniertestes Mordinstrument seinem Erzfeind in den Rachen stopft, erwies sich offenbar vor der Kamera als ungelehrig; also mussten noch mal die Schweine ran - für Täter wie Opfer ein bedauerlicher Verlust an Exklusivität der Todesart.
Niemand wohl hat das Erscheinen des Romans "Hannibal" so sehnsüchtig erwartet wie der Produzent Dino De Laurentiis. Er nämlich ist der Pechvogel, der vor 13 Jahren den ersten Anspruch auf die Filmrechte am "Schweigen der Lämmer" besaß, aber ablehnte - angeblich, ohne das Buch überhaupt gelesen zu haben. Klar, dass er sich "Hannibal" (zum Rekordpreis von neun Millionen Dollar) nicht entgehen ließ, um nun im zweiten Durchgang abzuzocken - was sicher gelingen wird.
Er hat dafür ein Pomp-Budget von 100 Millionen Dollar bereitgestellt und in dem Briten Ridley Scott den richtigen Profi für eine Pomp-Verfilmung gefunden. Scott hat zuletzt in "Gladiator" gezeigt, dass bei ihm nicht gekleckert, sondern geklotzt wird, und zeigt es hier ebenso hemmungslos. Julianne Moore ist auch als Clarice eine wunderbare Schauspielerin, und dass Anthony Hopkins inzwischen vor Eitelkeit aus allen Nähten platzt, wird nicht einmal seine Fans wundern.
Das merkwürdige Gemeinsame an Clarice und Hannibal ist ihre Asexualität. Auch in all den Jahren seit dem "Schweigen der Lämmer" hat das FBI weder von ihr noch von ihm irgendwelche sexuellen Aktivitäten registriert. Es hat lange gedauert, bis Thomas Harris sich dieser auffällig reziproken Hemmung zu nähern wagte, indem er in ihrer Geschichte das Märchenmuster von der Schönen und dem Biest hervorscheinen ließ. Am Ende jedoch sind Clarice und Hannibal so weit: Er erlöst sie, und sie erlöst ihn; er macht sie zur Frau und sie ihn zum Mann.
Doch davon, wie gesagt, haben die Filmleute nichts wissen wollen. Ihre kokette Schluss-Szene sendet ein anderes Signal aus, und das heißt: "Sequel!" Acht Filme lang hat der Bauchaufschlitzer Freddy Krueger im Horrorkino für Heulen und Zähneklappern gesorgt; nun sei ihm Ruhe gegönnt. Als würdiger Nachfolger empfiehlt sich Hannibal Lecter. Anthony Hopkins, der sich seiner Lust am Abzocken nie geniert, hat in einem Interview schon erklärt, dass er bei Bedarf zur Verfügung stehe, bis er 90 wird. Die sachkundigen Blätter melden, ein neues Hannibal-Drehbuch (nach einem alten Harris-Roman) sei schon in Arbeit. URS JENNY
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 7/2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 7/2001
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FILM:
Mahlzeit!

Video 02:27

Berlusconi-Film Loro Willkommen in der dauergeilen Gesellschaft

  • Video "Einmalige Aussicht: Mit dem Gyrocopter über das Tote Meer" Video 01:24
    Einmalige Aussicht: Mit dem Gyrocopter über das Tote Meer
  • Video "Pfusch am Bau: Kleiner Fehler, fatale Folgen" Video 13:47
    Pfusch am Bau: Kleiner Fehler, fatale Folgen
  • Video "Debatte im Unterhaus: Theresa May verteidigt Brexit-Einigung" Video 01:47
    Debatte im Unterhaus: Theresa May verteidigt Brexit-Einigung
  • Video "Waldbrände in Kalifornien: Forensiker suchen nach menschlichen Überresten" Video 00:41
    Waldbrände in Kalifornien: Forensiker suchen nach menschlichen Überresten
  • Video "Nach Kollision: Norwegisches Kriegsschiff gesunken" Video 01:11
    Nach Kollision: Norwegisches Kriegsschiff gesunken
  • Video "Bisher unbekannte Spezies: Forscher filmen kuriose Tiefsee-Aliens" Video 00:38
    Bisher unbekannte Spezies: Forscher filmen kuriose Tiefsee-"Aliens"
  • Video "Phänomen Trumpy Bear: Commander in Plüsch" Video 01:11
    Phänomen "Trumpy Bear": Commander in Plüsch
  • Video "Tijuana: Migranten erklimmen US-Grenzzaun" Video 01:11
    Tijuana: Migranten erklimmen US-Grenzzaun
  • Video "Michelle Obama im TV-Interview: Ich hatte das Gefühl, versagt zu haben" Video 01:46
    Michelle Obama im TV-Interview: "Ich hatte das Gefühl, versagt zu haben"
  • Video "Game of Thrones - Staffel 8: #ForTheThrone" Video 01:15
    Game of Thrones - Staffel 8: #ForTheThrone
  • Video "88-Meter-Segeljacht: Auf der Überholspur" Video 00:42
    88-Meter-Segeljacht: Auf der Überholspur
  • Video "Anruf bei Krankenschwester im Jemen: Der Hunger ist so groß, dass die Menschen Blätter essen" Video 04:51
    Anruf bei Krankenschwester im Jemen: Der Hunger ist so groß, dass die Menschen Blätter essen
  • Video "Meinungen zur Super League: Sollen die Idioten doch machen, was sie wollen" Video 03:10
    Meinungen zur "Super League": "Sollen die Idioten doch machen, was sie wollen"
  • Video "Endstation Bataclan: Wie ein Busfahrer zum Massenmörder wurde" Video 21:45
    "Endstation Bataclan": Wie ein Busfahrer zum Massenmörder wurde
  • Video "Aus Eritrea nach Kanada: Kinder sehen zum ersten Mal Schnee" Video 00:45
    Aus Eritrea nach Kanada: Kinder sehen zum ersten Mal Schnee
  • Video "Merkel-Besuch in Frankreich: 101-Jährige verwechselt Merkel mit Madame Macron" Video 00:44
    Merkel-Besuch in Frankreich: 101-Jährige verwechselt Merkel mit Madame Macron
  • Video "Berlusconi-Film Loro: Willkommen in der dauergeilen Gesellschaft" Video 02:27
    Berlusconi-Film Loro: Willkommen in der dauergeilen Gesellschaft