Von Schreiber, Sylvia
Das Geschäft läuft weltweit, oft geht es um ganze Schiffsladungen, und die Männer, die es betreiben, agieren meist im Stillen: Futtermittelbroker nennen sich jene Spezialisten, die Rohstoffe für Industrie-Tiernahrung um den Globus lenken.
Sie kaufen Citrustrester in Israel, gemahlene Geflügelfedern in Polen und Blutplasmapulver von sonst woher - alles für die Futtermixer, die ihre Ware an die Landwirte weitergeben.
All dies ist legal, doch die Strukturen des internationalen Basars laden ein zum Betrug. Ein paar tausend Tonnen BSE-verseuchten Tiermehls zu verschieben wäre für skrupellose Broker kein ernsthaftes Problem. "Wenn da ein Futtermischer bei einem niederländischen Broker bestellt, weiß er in der Regel nicht, woher die Zutaten stammen", sagt ein Insider. "Der ordert aus den Niederlanden Tiermehl. Die Agentur aber kauft in Großbritannien, beauftragt eine Spedition, die das Zeug nach Deutschland karrt. Die Ware hat Holland nie gesehen."
Als Xavier Delomez, damals zuständiger Ermittler der französischen Landwirtschaftsbehörde, Ende der neunziger Jahre darauf stieß, kam er ins Grübeln. Er begann, britische, belgische und französische Handelsstatistiken zu studieren.
1989, ein Jahr nachdem die Engländer Tiermehlverfütterung im eigenen Land untersagten, schnellten die Exporte aufs Festland in die Höhe - fast auf das Dreifache. Ein Jahr später verbot die EU die Einfuhren. Danach begannen britische Händler, ihre Ware in der Dritten Welt zu entsorgen, zumindest offiziell.
Nur, mutmaßt Delomez, sei das Mehl dort allenfalls in geringen Mengen angekommen. Der größte Teil blieb offenbar auf dem Kontinent.
Ein starkes Indiz hat er für seine Vermutung: Die Statistiken der EU-Länder klaffen auseinander. Laut Ausfuhrtabellen deklarierte etwa Frankreich zwischen 1993 und 1996 doppelt so viel aus Belgien importiertes Tiermehl, wie die Belgier laut ihrer Statistik nach Frankreich ausführten - über 30 000 Tonnen aus dem Nirgendwo.
Umgekehrt geht die Rechnung ebenfalls nicht auf: Belgien führte zwischen 1993 und 1995 rund 22 000 Tonnen mehr Tiermehl aus Frankreich ein, als die Franzosen in ihren Exportbilanzen registrierten.
Auch in Deutschland stecken die Statistiken voller Merkwürdigkeiten. Von 1993 an schnellten die Tiermehlimporte vor allem aus den Niederlanden in die Höhe - hatten die Nachbarn 1992 gerade mal 48,7 Tonnen nach Deutschland ausgeführt, war es 1997 über 300mal so viel: 15 700 Tonnen.
Italienische Lieferanten machten ebenfalls gute Geschäfte: Anfang der neunziger Jahre verkauften sie jährlich nur rund 750 Tonnen Richtung Norden - bis 1997 war die Zahl auf fast 5500 Tonnen gestiegen. "Da kam billiges Kraftfutter aus Italien", erinnert sich ein Futtermischer aus Bayern. Woher das Tiermehl wirklich stammte, weiß niemand.
SYLVIA SCHREIBER
DER SPIEGEL 8/2001
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