19.02.2001

FILMFESTSPIELEVom Tod und vom Trieb

Auf der Berlinale brach aus Anlass von Filmen wie „Hannibal“ und „Intimacy“ der Streit über Darstellungsgrenzen von Sex und Gewalt im Kino neu aus.
Der Marquis de Sade hätte sich ins Fäustchen gelacht. Das selbstgerechte, hämische Lachen eines Siegers über das Vergessenwerden, denn seine Themen haben die Zeit überdauert.
Auch 187 Jahre nach seinem Tod wühlen Sexualität und Gewalt, gerade in ihrer Verquickung, die Gesellschaft so auf, dass manche nach dem Verbot ihrer Darstellung schreien - und das Publikum sich gerade daran ergötzt.
Als Hauptfigur von "Quills", einem amerikanischen Wettbewerbsfilm, war der Marquis zu Gast bei den Berliner Filmfestspielen, und sein Auftritt gab jener Debatte einen kulturgeschichtlichen Rahmen, die kurz darauf von Festivalbeiträgen wie dem als pornografisch apostrophierten Beziehungsdrama "Intimacy" des Franzosen Patrice Chéreau und zumal dem Menschenfresser-Thriller "Hannibal" (SPIEGEL 7/2001) entfacht werden sollte.
Vordergründig geht es vor allem um die Frage: Darf man das überhaupt - und so drastisch - zeigen? "Bild" legte die Zensur von "Hannibal" nahe, der bayerische Innenminister warnte vor "immer mehr per-
vers-kriminellen Auswüchsen", und die Vorsitzende des Kulturausschusses im Bundestag wollte "unsere Kinder mit dieser Gewalt nicht allein lassen". Der Thriller ist in Deutschland ab 18 Jahren freigegeben.
Doch im Hintergrund dieser Debatte geistern unausgesprochen die Fragen herum, die schon de Sades Werk an das Frankreich des 18. Jahrhunderts herantrug: Was erträgt eine Gesellschaft und was verdrängt sie, was wird als akzeptabel und was als so abstoßend empfunden, dass es mit ethischen Argumenten (etwa dem Verweis auf den Nachahmungseffekt) ausgespart werden soll? Wo zieht sie die Schmerzgrenze, an der die Freiheit der Rede und des ästhetischen Ausdrucks vor dem Schutz der Menschenwürde zurückweichen soll?
Dass diese Debatte immer neu aufflackert, lässt sich nicht vermeiden, denn in ihr verständigen sich Gesellschaften in einem nicht abzuschließenden Prozess über den Wandel ihrer Einschätzungen und Normen.
Darum war auf der Berlinale, die letzten Sonntag endete, der Vergleich aufschlussreich, worüber sich die Öffentlichkeit erregte und worüber nicht. In "Quills" (Regie: Philip Kaufman) träumt ein Priester davon, den Leichnam einer jungfräulichen Wäscherin zu beschlafen - und es gab keinen Mucks der katholischen Kirche angesichts dieser nekrophilen Umgehung des Zölibats.
"Wit" (Regie: Mike Nichols) zeigt das Sterben einer krebskranken Literaturprofessorin, die im letzten Stadium zur wimmernden, schmerzverzerrten Kreatur verfällt, und niemand stellte die Frage, ob diese Mimesis die filmisch angemessene Darstellung eines todgeweihten Menschen sei. Wie auch? In einer Gesellschaft, die das Sterben aus ihrer Selbstwahrnehmung verbannt, kann es keinen Platz für eine solche Debatte geben. Sich zu erregen hieße, etwas in Worte zu fassen, worüber alle schweigen wollen.
Stattdessen wurde die Selbstentäußerung der Hauptdarstellerin Emma Thompson so hervorgehoben, dass der Eindruck entstand, das Lob sei ein verlegener Ersatz für das Nachdenken über den Stoff.
Anders steht es mit "Intimacy", in dem sich zwei Fremde allwöchentlich treffen, um es heftig und fast wortlos in einer verwahrlosten Wohnung miteinander zu treiben. Wie zuletzt "Idioten", "Romance", "Baise-Moi" und auch der Berlinale-Beitrag "À ma soeur!" missachtet dieser Film das Gebot, dass ein erigiertes Glied nur in der Pornografie vorkommen dürfe.
In "Intimacy" werden die Figuren von ihrer Geilheit genauso charakterisiert wie von ihrer Einsamkeit, ihrem Selbstbetrug und ihrer Sehnsucht nach Erfüllung. Regisseur Chéreau zeigt in seiner großartigverzweifelten Arie über die Unmöglichkeit des Glücks den Geschlechtsverkehr nicht als Selbstzweck (und schon gar nicht als Mittel, den Zuschauer sexuell zu erregen). Er beharrt darauf, exzessiv von der Lust, den Trieben und der Körperlichkeit zu erzählen, um dem Menschen in seiner Ganzheit gerecht zu werden.
Mit dieser Haltung verwischen Filme wie "Intimacy" die lange Zeit als gesichert geltende Grenze zwischen pornografischen und nichtpornografischen Bildern. Und sie tun es, darum werden sie debattiert, in einem Umfeld, in dem sich einerseits die klassische Pornografie aus ihrer Schmuddelecke herauswagt und andererseits der gesellschaftlich sanktionierte Blick, etwa in den Reality-TV-Sendungen, immer pornografischer wird.
Der Streit um "Intimacy" oder auch "Romance" belegt, wie mühsam es ist, neue Übereinkünfte darüber zu finden, was in Zukunft an Nacktheit und Sexualität akzeptabel sein wird.
Das Geisterlachen des Marquis de Sade wird noch lange nicht verhallen.
SUSANNE WEINGARTEN
* Links: mit Mark Rylance, Kerry Fox; rechts: mit Geoffrey Rush, Kate Winslet.
Von Susanne Weingarten

DER SPIEGEL 8/2001
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