Von Bethge, Philip
Im Spätsommer vergangenen Jahres rumste es gewaltig im SchweinswalSchutzgebiet vor Sylt. Hubschrauber der Bundeswehr knatterten über den Nordseewellen dahin. Explosionen zerrissen die Stille. Ein Tiefflieger raste über das Wasser, in dem sich just zu dieser Zeit der Walnachwuchs tummelte.
"Es ist mir unbegreiflich, dass das Militär keine Rücksicht auf die Natur nimmt", kanzelte Schleswig-Holsteins Umweltminister Klaus Müller die Soldaten ab. Doch schon bald könnte Müller neuer, weit größerer Ärger mit der Bundeswehr ins Haus stehen: Die Bundesmarine ist als Nato-Partner an der Entwicklung eines neuen Super-Sonarsystems beteiligt, das im Ruf steht, Wale und Delfine ernsthaft schädigen zu können.
Das von der amerikanischen Navy entwickelte "Low Frequency Active Sonar" (LFAS) schickt extrem laute Niederfrequenz-Schallwellen in die Meere und soll damit ermöglichen, fast lautlos dahingleitende Atom-U-Boote aufzuspüren (siehe Grafik). Die Nebenwirkungen der Spähakustik schätzen Tierschützer jedoch als fatal ein. "Der Einsatz dieser Sonare kann gravierende Folgen für Wale und andere Meeresbewohner haben", sagt Nicolas Entrup von der "Whale and Dolphin Conservation Society": "Wir fordern die Bundeswehr auf, sich nicht an der Entwicklung der Technik zu beteiligen."
Besonders Lautstärke und Frequenz des LFAS-Systems geben Walforschern Grund zur Besorgnis. Die Geräte senden Schallwellen mit einem Pegel von bis zu 230 Dezibel ins Wasser - und sind damit ungefähr genau so laut wie eine unterseeische Vulkaneruption. Gleichzeitig nutzt die Technik sehr niedrige Frequenzen zwischen 100 und 500 Hertz, die sich über extrem weite Strecken im Wasser ausbreiten. "Die Geräusche eines LFA-Sonars sind in einem Gebiet von bis zu 800 000 Quadratkilometer Größe zu hören", erläutert Linda Weilgart, Bioakustikerin am Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie Seewiesen: "Damit sind die Systeme lauter als fast alles, was in den Meeren sonst noch Geräusche von sich gibt."
Für Wale und Delfine kann der infernalische Krach schnell zum Problem werden, weil sie selbst Sonarortungssysteme verwenden. "Wale nutzen Geräusche zur Kommunikation, zur Orientierung, zur Partnersuche und um Beute oder Räuber unter Wasser zu orten", sagt Weilgart.
Die Forscherin befürchtet, dass die LFA-Sonare das Verhalten der Tiere verändern könnten. Selbst innere Blutungen als Folge des unterseeischen Lärms will Weilgart nicht ausschließen. Von der US-Marine in Auftrag gegebene Studien zeigten zwar, dass sich einige Wale gar nicht um den Lärm kümmerten. Finn- und Blauwale jedoch, so Weilgart, hätten beispielsweise die Anzahl ihrer Lautäußerungen in der Nähe von LFA-Sonaren um bis zu 50 Prozent reduziert. Die Gesänge von Buckelwalmännchen vor Hawaii wiederum verlängerten sich unter dem Eindruck des dumpfen Grollens.
Selbst ihr Leben mussten einige der Meeressäuger wahrscheinlich bereits auf Grund der Ortungstechnik lassen. Im Mai 1996 strandeten an der Westküste Griechenlands zwölf Cuvier-Schnabelwale. Zur selben Zeit unternahm das Nato-Forschungsschiff "Alliance" LFAS-"Systemversuche" in dem Seegebiet. Der griechische Zoologe Alexandros Frantzis rekonstruierte im Wissenschaftsmagazin "Nature", dass die Wale mit mehr als 99-prozentiger Wahrscheinlichkeit auf Grund der Lärmattacke strandeten.
"Die akustischen Signale haben die Tiere möglicherweise in Panik versetzt", sagt Klaus Lucke, Bioakustiker am Forschungs- und Technologiezentrum Westküste in Büsum. Es sei zudem denkbar, dass sich die Wale durch den Lärm nicht mehr richtig orientieren konnten.
Im Auftrag der Bundeswehr untersucht Lucke zusammen mit amerikanischen Forschern die Auswirkungen von Explosionslärm auf Schweinswale in der Nord- und Ostsee. In einem Sperrgebiet vor Eckernförde erprobt die Marine einige ihrer Waffen und will anhand der Forschungsergebnisse künftig negative Auswirkungen der Manöver auf die etwa 1,5 Meter langen Kleinwale vermeiden. Die Folgen des niederfrequenten LFAS-Lärms hingegen sind bislang nach Luckes Auskunft nicht Teil des Büsumer Forschungsauftrags - obwohl das Militär die neue Technik längst testet.
"Wenige LFAS-Erprobungen im Entwicklungsrahmen" in Deutschland räumte die Bundeswehr im November vergangenen Jahres nach einer Anfrage der PDS ein. Um dabei eine Gefährdung von Walen auszuschließen, halten die Soldaten vor den Versuchen Ausschau nach den Tieren und horchen mit Unterwassermikrofonen auf ihre Laute - ein Verfahren, das von Walforschern als nahezu nutzlos eingestuft wird. "Mit der Methode können sie sogar einen Wal unter ihrem Schiff übersehen, wenn der gerade keinen Laut von sich gibt", sagt Weilgart: "Die Idee, alle Tiere im Testgebiet entdecken und vertreiben zu können, ist vollkommen absurd."
Allenfalls das ebenso von der Bundeswehr vorgesehene Verfahren, die Intensität des Schalls im Verlauf der LFAS-Tests langsam zu erhöhen ("soft start"), gilt manchen Forschern als Möglichkeit, den Tieren zumindest die Flucht zu ermöglichen. Im Vorfeld seismischer Tests auf der Suche nach Erdöllagerstätten, bei denen Schallpegel von über 240 Dezibel durch die Ozeane hallen, habe sich diese Methode als wirksam erwiesen, sagt Lucke.
Die US-Marine glaubt bei kontrolliertem Einsatz des neuen Sonars ohnehin nicht an eine Gefährdung der Tiere. Die potenziellen Folgen für den Bestand der Meeressäuger seien "minimal", das Verletzungsrisiko sei für die Bestandsentwicklung "vernachlässigbar", heißt es in einem Navy-Gutachten. Nach Ansicht der LFAS-Gegner lassen sich jedoch gerade langfristige Folgen der Extrembeschallung für die Meeresbewohner noch gar nicht abschätzen. Vorsorglich fordern die Walschützer deshalb den Stopp der Versuche.
"Es ist prinzipiell unmöglich herauszufinden, ob die Populationen der Wale auf längere Sicht durch diese Geräte gefährdet werden", sagt Weilgart. Trotz jahrelanger Forschung sei heute noch nicht einmal bekannt, wie viele Exemplare der meisten Walarten in den Ozeanen existierten. "Wenn die Sonare überhaupt getestet werden müssen, ist es auf jeden Fall besser, in Gebiete mit weniger Walen fernab der Küsten zu gehen", empfiehlt die Forscherin.
Welche Auswirkungen die Impulse von Sonargeräten auf Wale in Küstennähe möglicherweise haben, zeigte erst jüngst ein Beispiel aus der Karibik. Im März letzten Jahres liefen im Norden der Bahamas 16 der Meeressäuger auf Grund. Viele der Tiere bluteten aus den Ohren. Genauere Untersuchungen offenbarten Blutungen im Gehirn, Lungenschäden und Verletzungen der Gehörorgane.
Kurz zuvor hatten militärische U-Boot-Abwehr-Manöver in der Nähe stattgefunden. Doch nicht LFAS war im Einsatz. Diesmal reichte wahrscheinlich sogar schon das Standard-Sonar der Navy aus, um die Wale auf den Strand zu treiben. PHILIP BETHGE
DER SPIEGEL 8/2001
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