24.02.2001

INTERNET„Eine echte Massenpsychose“

SAP-Mitbegründer Hasso Plattner, 57, über Aufstieg und Fall der New Economy, sein altmodisches Verhältnis zum Gewinn und seinen Streit mit Oracle-Chef Larry Ellison
SPIEGEL: Herr Plattner, die Internet-Wirtschaft schwächelt, viele Aktien sind abgestürzt, viele Firmen pleite. War die New Economy nur eine Schimäre?
Plattner: Da ist in der Tat etwas außer Kontrolle geraten und mit einigen die Phantasie durchgegangen. Alle Beteiligten hatten gehofft, dass sie ganz schnell ganz reich werden könnten, die Internet-Firmen, die Anleger, der ganze Finanzmarkt. In diesem Überschwang ist das Gefühl für Schwerkraft verloren gegangen. Jetzt sind wir wieder zurückgekehrt zum Normalen.
SPIEGEL: Glauben Sie wirklich, dass in der Internet-Ökonomie nun langfristiges Denken angesagt ist?
Plattner: Wir haben eine Sturm-und-Drang-Zeit erlebt, die eine Revolution begleitet hat. Die ist vorbei, jetzt schreitet der eigentliche Evolutionsprozess voran. Deswegen glaube ich, dass zum Beispiel das Business-to-Business-Geschäft, also der Internet-Handel zwischen Unternehmen, jetzt erst die richtige Zukunft vor sich hat.
SPIEGEL: Zeigen diese dramatischen Turbulenzen nicht auch, dass der Börsenwert für ein Unternehmen überhaupt kein verlässlicher Erfolgsmaßstab sein kann?
Plattner: Jede Börsenbewertung ist natürlich hoch spekulativ. Deswegen bin ich ja so froh, dass jetzt zumindest vergangenheitsgerichtete Kriterien wie Gewinn und Umsatz wieder eine Rolle spielen. Die kann jeder überprüfen. Man muss nicht mehr Leuten glauben, die nur heiße Luft verblasen.
SPIEGEL: Wie ist denn dieser Hype, der so plötzlich kam und genauso plötzlich wieder verschwunden ist, im Nachhinein überhaupt zu erklären?
Plattner: Ich habe es immer verglichen mit einem Goldrausch. Plötzlich ist das Gerücht da: Man muss nur ein Jahr arbeiten, dann ist man reich und hat fürs Leben ausgesorgt. Jeder hatte nur noch die unglaubliche Kursexplosion der US-Firma Netscape vor Augen, die mit ihrem Börsengang den Anfang machte. Wenn ich mit meinen Freunden Tennis gespielt habe, haben sie mir alle erzählt, was ihre Ehepartner zu Hause beim Aktienhandel an ihrem Computer für Gewinne machen.
SPIEGEL: Auch die Analysten haben kräftig mitgeholfen. Vor einem Jahr bewerteten sie die Kunden eines Internet-Providers noch mit 10 000 Euro pro Kopf, jetzt sind die gleichen Kunden nur noch 300 Euro pro Kopf wert. Wie ist das möglich?
Plattner: Da bin ich genauso sprachlos wie Sie. Bei der Bewertung von Internet-Marktplätzen war das ja nicht viel anders. Ray Lane, ehemals zweiter Mann bei Oracle, hatte zum Beispiel einen Brief an die Chefs der 500 größten Unternehmen der Welt geschrieben, dass man mit Marktplätzen phantastische Spekulationsgewinne erzielen kann. Ich habe den Brief zigmal gelesen, aber ich habe es einfach nicht verstanden. Da waren ein paar Annahmen drin, dass virtuelle Marktplätze einen Wert bekommen können, der durchaus über dem Firmenwert der daran beteiligten Unternehmen liegt. Ich habe gesagt, das kann doch gar nicht sein. Aber die ganze Welt hat gefiebert. Dann kamen diese Sprüche à la Gorbatschow: Wer jetzt nicht ins Internet kommt, den bestraft das Leben.
SPIEGEL: War es denn wirklich nur die Gier der Anleger?
Plattner: Nein, es war eine echte Massenpsychose, die ganze Welt hat mitgezockt. Es war die Vorstellung vom Paradies: mit wenig Arbeit am Bildschirm ganz viel Geld verdienen. Das klingt irgendwie attraktiv. Ich habe mich nur immer gefragt: Wo kommt eigentlich das Geld her? Nun kriegen die Anleger die Rechnung für den Ausflug nach Utopia. In kleineren und mittleren Haushalten, die für die Aktienspekulation erspartes Geld in die Hand genommen haben oder gar einen Kredit, ist da viel Geld vernichtet worden. Deshalb sind in den USA die Konsumausgaben massiv eingebrochen.
SPIEGEL: Die Konjunkturschwäche in den USA ist für Sie eine Folge des Cyberbooms?
Plattner: Ja. Die Leute kaufen halt keine neuen Kühlschränke mehr, keine Autos, keine Fernseher, und damit kommt es unmittelbar zu einem Absatzstau. Jetzt treten alle Firmen auf die Bremse und sagen: Investitionsstopp, keine Computer kaufen, keine Marketingausgaben machen. Schon sind die Anzeigen weg, und die Firmen, die auf Anzeigeneinnahmen setzen, sind schwer getroffen. Und so setzt sich der Abwärtstrend fort.
SPIEGEL: Wurde die Blase nicht auch durch einige Firmengründer verstärkt, die ganz bewusst darauf hingearbeitet haben, ihr Unternehmen möglichst hoch an der Börse bewertet zu bekommen und es dann zu verkaufen?
Plattner: Ich stamme vielleicht aus einer anderen Generation, aber als wir in den siebziger Jahren SAP gegründet haben, hatten wir nie die Idee, die Firma schnell zu verkaufen. Wir haben sie als Lebenswerk gesehen, auch später, als wir schon groß und erfolgreich waren. Eine Firma ist nicht dazu da, einen größtmöglichen persönlichen Gewinn in der kürzesten Zeit zu erzielen. Für mich gilt da das Zitat aus dem Grundgesetz: Eigentum verpflichtet.
SPIEGEL: Fürchten Sie, dass die Gründerkultur, die sich in Deutschland gerade erst entwickelt hat, dauerhaft Schaden nimmt, weil die Hoffnungen so schwer enttäuscht wurden?
Plattner: Wenn der Schaden ist, dass man nicht in einem Jahr Multimillionär wird, dann ist das gut. Es war doch schon immer so, dass nur jede zehnte Unternehmensgründung erfolgreich ist. Jetzt ist nun mal eben abgezählt worden: Ene, mene, muh, und raus bist du.
SPIEGEL: Anders als in Amerika wird gescheiterten Unternehmern in Deutschland aber oft keine zweite oder dritte Chance eingeräumt. Stattdessen gelten sie als Verlierer.
Plattner: Ich glaube nicht, dass das noch immer so ist. Da sehe ich im Fernsehen zum Beispiel immer so einen dicken Prominenten ...
SPIEGEL: ... meinen Sie den ehemaligen Computerhacker Kim Schmitz ...
Plattner: ... ich will diesen Beleibten nicht näher identifizieren. Ähnlichkeiten sind rein zufällig. Aber der sieht nicht so aus, als ob er sich mit einer Chance zufrieden geben würde. In jedem Fall muss man in Deutschland lernen, dass dieser Weg auch durch Täler führt. Ich will jetzt nicht biblisch werden, aber wir sollten etwas langfristiger denken: Dieses Jahr ist es uns gut gegangen, nächstes Jahr kann es uns schlecht gehen.
SPIEGEL: SAP wurde lange als Spätstarter in Sachen Internet verspottet. War es für Sie im Nachhinein ein Vorteil, dass Sie den Hype anfangs nicht mitgemacht haben?
Plattner: Richtig ist, dass dabei zunächst andere Firmen das Rennen um das bessere Image gewonnen haben. Da haben wir uns anfangs nicht so erfolgreich dargestellt und auch im Marketing Fehler gemacht.
SPIEGEL: Im Vergleich zu Ihrem Erzrivalen, dem US-Konzern Oracle, gilt SAP immer noch als rückständig.
Plattner: Völlig zu Unrecht. Wir haben unsere Software, egal welche, immer als Erste auf den Markt gebracht. Trotzdem hatte Oracle lange die ganze Aufmerksamkeit bekommen. Aber fragen Sie heute einmal die Analysten. Da sieht die Sache ganz anders aus: Bei Oracle gibt es viele, viele Fragezeichen - und für uns sehr, sehr viel Bestätigung.
SPIEGEL: Aber Oracle-Chef Larry Ellison behauptet immer noch, seine Firma sei die Nummer eins.
Plattner: Jetzt wollen Sie mich provozieren. Aber es ist schon interessant, mit welcher Überzeugung und Inbrunst manche Leute auftreten. Das verstehe ich ja noch, aber nicht, dass so etwas glaubhaft wirkt.
SPIEGEL: Der Markt scheint Ellison aber zu glauben, wenn man den Börsenkurs von Oracle als Maßstab nimmt.
Plattner: Ach was. Die haben bei Oracle, wie auch immer, ihren Profit gesteigert. Schlicht und einfach. Deshalb hat sich der Börsenkurs besser entwickelt. Er richtet sich doch nicht danach, was Larry sagt oder nicht sagt. Schauen Sie sich doch nur folgenden Fall an: Ellison hält irgendwo eine Rede und sagt, die Flucht der SAP-Kunden hat stattgefunden, und sie kommen alle zu Oracle. Aber innerhalb der nächsten zwei Wochen verliert er zwei seiner besten Kunden an uns, Hilti und Lego.
SPIEGEL: Wollen Sie behaupten, dass Ellison bewusst lügt?
Plattner: Das würde ich so über einen Kollegen nicht sagen, aber ich glaube, dass er seine Aussagen manchmal nicht sorgfältig genug überprüft. Wenn er sagt, Oracle sei die Nummer eins im CRM-Bereich, also bei Vertriebssoftware für Unternehmen, so ist das einfach nicht haltbar. Da sind wir eindeutig vorn.
SPIEGEL: Was ist denn mit Ihren Plänen aus dem Jahre 1998? Damals haben Sie angekündigt, innerhalb von drei Jahren den Umsatz zu verdoppeln. Bis Ende 2001 werden Sie das Ziel wohl nicht mehr erreichen?
Plattner: IBM hat in den achtziger Jahren mal gesagt, dass sie 100 Milliarden Dollar Umsatz erreichen wollen. Und? IBM hat es immer noch nicht geschafft. Wir dagegen verfehlen unser Ziel nur ganz knapp - um gerade mal ein halbes Jahr, wenn die Wachstumsraten so weitergehen.
SPIEGEL: Würden Sie solch eine Prognose heute noch mal wagen?
Plattner: Nein, was würde sie bringen? Damals haben wir die Aussage ja auch nur gemacht, weil einige Medien mal wieder besorgt fragten: Platzt SAP? Das macht mich eigentlich traurig. Wir machen seit fast 30 Jahren kontinuierlich unseren Job, und zwar recht gut, und ständig ist die Presse in Panik, dass SAP von einem Tag auf den anderen vom Erdboden verschwinden könnte.
SPIEGEL: Die amerikanische Wirtschaft bremst gerade in atemberaubendem Tempo ab. Spüren Sie das schon in Ihren Absatzzahlen?
Plattner: Nein, aber wir gucken da natürlich drauf wie das Kaninchen auf die Schlange. In der Vergangenheit haben wir nach einem Abschwung eine Phase erlebt, in der die Unternehmen stark in effizienzsteigernde Software investieren, um ihre Kosten zu senken.
SPIEGEL: Das heißt, eine Rezession ist unter Umständen sogar gut fürs Software-Geschäft?
Plattner: So war es bisher. Vielleicht hat die Rezession mal ein Quartal versaut, aber danach hat es eigentlich immer deutliche Steigerungsraten gegeben.
SPIEGEL: In einigen amerikanischen Hightech-Konzernen ist aber sogar schon von Entlassungen die Rede. Bei SAP auch?
Plattner: Nein, Entlassungen stehen bei uns nicht zur Diskussion, und sie wären auch überhaupt nicht sozialverträglich bei den Gewinnen, die wir machen.
INTERVIEW: KLAUS-PETER KERBUSK,
ULRICH SCHÄFER
Von Klaus-Peter Kerbusk und Ulrich Schäfer

DER SPIEGEL 9/2001
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