24.02.2001

SKIFLIEGENMit schlotternden Knien

Bei der verschärften Version des Skispringens leiden die Athleten unter Angst und Dauerstress. Dennoch werden immer spektakulärere Schanzen geplant.
Theoretisch ist die Sache ziemlich einfach. Der Skispringer marschiert auf die Flugschanze und setzt sich auf ein gepolstertes Brett. Irgendwann stößt er sich in die Anlaufspur, gleitet abwärts, und wenn er den Schanzentisch erreicht hat, schnellt er in die Luft wie ein Pfeil. Dann segelt er ins Tal, und das Publikum ruft: "Ziiieh!"
Praktisch ist der Vorgang etwas komplizierter. Martin Schmitt steht auf der mächtigen Schanze im tschechischen Harrachov und sieht aus, als habe er sich verirrt. Der Charmeur, der selbst bittere Niederlagen gnadenlos wegzulächeln vermag, ist schmal und blass und schaut sorgenvoll in die Tiefe. Unten, fast einen halben Kilometer weit weg, steht klein wie ein Würfel das Studio von RTL. Schmitt fühlt sich "mutterseelenallein, wie im Weltall". Die Gesichtsmuskeln zucken, der Puls rast. Martin Schmitt hat Angst.
Als er sich auf den Absprungbalken hockt, wirkt es, als müsse er seinen Kopf aufs Schafott legen. Er tastet die Bindung an seinen Skiern ab und zerrt am Helm. Immer wieder zupft Schmitt an der Brille. Er atmet schwer. Sein Blick klebt jetzt an Wolfgang Steiert; der Trainer steht auf einer Tribüne an der Schanzenkante. Als er mit einem Papierfähnchen wedelt, hüpft Schmitt mit gequälter Miene in die Spur.
So kennt man ihn nicht. Eigentlich hat er Nerven wie Stahlseile. Er ist Deutschlands bester Skispringer, hat 25 Weltcup-Siege errungen und wurde vergangenen Montag zum zweiten Mal Weltmeister. Aber dreimal im Winter leiden sein Selbstbewusstsein und die Fähigkeit, seine Gefühle zu kontrollieren - beim Skifliegen schlottern dem Schanzenkönig regelmäßig die Knie.
Das liegt daran, dass Skifliegen die verschärfte Version von Skispringen ist; die Athleten sind doppelt so lange in der Luft, und Bodenkontakt haben sie erst wieder nach 200 statt nach 130 Metern. Beim Skifliegen ist die Schanze höher, die Anlaufspur länger, der Luftwiderstand größer und die Aerodynamik wichtiger. Es ist ungefähr so, als wechsele man vom Tretboot in eine Rennyacht.
Die Springer stoßen beim Skifliegen an die Grenzen des menschlich Machbaren. Als Trainer, sagt Betreuer Rudi Tusch vom Deutschen Skiverband, sei man "nur froh, wenn alle wieder heil unten sind".
Kein Wunder, denn die Männer katapultieren sich etwa in Harrachov bei Tempo 105 in die Luft und landen sieben Sekunden später mit 130 Stundenkilometern, Autobahnrichtgeschwindigkeit. Sie überwinden auf zwei dünnen Latten 160 Höhenmeter und kämpfen in der Luft gegen den Reflex, sich zusammenzurollen wie ein Embryo.
Für den Kopf heißt das Dauerstress. Skiflieger stehen psychisch so unter Druck wie Formel-1-Piloten, die über einen Hochgeschwindigkeitskurs rasen. Das Unterbewusstsein, so haben Forscher der Universität Innsbruck festgestellt, kann die Flut optischer Reize kaum noch verarbeiten, das Nervensystem wird überstrapaziert. Und die Springer geraten teilweise in einen katabolen Zustand, in dem sie
sich nicht mehr regenerieren können. "Ich mache am Tag drei Sprünge", sagt Martin Schmitt, "und abends falle ich völlig kaputt ins Bett."
Am kommenden Wochenende wird es wieder so sein. Dann trifft sich die Elite zum zweiten von drei Weltcup-Skifliegen der Saison auf der 202 Meter hohen Heini-Klopfer-Schanze in Oberstdorf.
Das Martyrium beginnt bereits zwei Tage früher. Denn schon 48 Stunden vor dem Wettkampf gerät der Hormonhaushalt der Sportler in einen Ausnahmezustand. Die Nebennieren produzieren so viel Adrenalin, dass die Normwert-Obergrenze bis um das Vierfache überschritten wird - wie bei Menschen in Todesangst. Weil das auf Dauer zu einer Störung der koordinativen Fähigkeiten führen kann, bewegen sich die Schanzenpiloten "auf einem relativ schmalen Grat zwischen Erfolg und Misserfolg", sagt Ludwig Geiger, Leitender Arzt am Olympiastützpunkt Berchtesgaden.
Die Angst der Springer ist kein Zeichen von Feigheit, sondern ein Schutzmechanismus. Zwar wachsen Skispringer in ihre Aufgabe hinein, erst mit kleinen Sprüngen, dann mit mittleren, immer weiter, und irgendwann bilden sich Synapsen im Gehirn, die automatisierte Handlungsabläufe ermöglichen. Doch Skifliegen, für Bundestrainer Reinhard Heß "das Nonplusultra unseres Sports", ist kaum zu trainieren.
Es gibt auf der Welt nur sechs dieser Mammutschanzen, und sie werden wegen der hohen Kosten nur selten präpariert. Luftwirbel, wie sie auf dem Bakken in Planica oder am Kulm in Österreich wirken, sind daher für die Springer quasi unbekannt.
Aber beim Skifliegen kann schon der kleinste Fehler verheerende Folgen haben. Im Februar vergangenen Jahres wuchtete sich der Russe Artur Chamidullin in Vikersund einen Wimpernschlag zu früh vom Schanzentisch. Er lag zu steil in der Luft, musste korrigieren, verlor die Spannung im Ski. Wie eine Puppe fiel er zu Boden, schlug mit dem Kopf auf und rutschte bewusstlos den Hang hinunter.
Das Geheimnis eines guten Flugs liegt jenseits des technischen Erklärungsvermögens. Entscheidend ist, dass sich der Springer sicher fühlt. "Positives Denken ist überlebenswichtig", sagt der Sportpsychologe Rolf Frester, der zehn Jahre lang Olympiasieger Jens Weißflog betreute. Denn bei Stress, erklärt er, würden die Athleten als erstes ihr Bewegungsgefühl einbüßen.
Deshalb fangen sie zwei bis drei Stunden vor dem ersten Durchgang an, sich selbst Mut zu machen, indem sie den bevorstehenden Sprung vor dem inneren Auge ablaufen lassen. Die Sportler stellen sich vor, wie sie in perfekter Körperhaltung fliegen und im Telemark-Stil landen. "Solche Selbstbefehle und formelhaften Vorgaben lindern die Erwartungsangst", sagt Frester.
"Es ist Verdrängung ohne Ende", sagt Frank Löffler vom SC Oberstdorf.
Eine Stunde vor seinem ersten Sprung in Harrachov beginnt Löffler mit dem zweiten Teil der Flugvorbereitung. Er steht Wolfgang Steiert gegenüber, geht in die Hocke und springt dem Trainer mit einem mächtigen Satz über den Kopf in die hochgestreckten Arme. Löffler liegt in der Horizontalen, steif wie eine Eisenstange. Steiert ist zufrieden: "Sehr gut. So ist es richtig."
Der Absprung ist der wichtigste Teil des Wettkampfs. Daher dürfe er den Springer während so einer Imitationsübung auf keinen Fall verunsichern, sagt Steiert. "Sonst haut es ihn später auf die Waffel, und ich bin schuld." Kurze Zeit später fährt Frank Löffler, Startnummer 36, mit dem Sessellift zum Schanzenturm.
Weil Skiflieger vor Aufregung unter verstärktem Harndrang leiden, so genannter Angst-Diurese, stinkt es dort oben in einigen Ecken wie auf einem Bahnhofsklo. Fünf Springer haben sich in einem kleinen Raum, der mit Teppich ausgelegt ist, zusammengerottet und warten auf ihren Einsatz. Jeder hat seine Art, mit der Nervosität umzugehen.
Der Österreicher Martin Höllwarth bekreuzigt sich. Der Slowene Jure Radelj, der immer erst den linken und dann den rechten Schuh anzieht, spuckt andauernd auf den Boden. Und Löffler, der immer möglichst spät den Turm erklimmt, guckt wortlos aus dem Fenster.
Es gibt Springer, die rauchen, um Druck abzubauen, andere klemmen sich zur Beruhigung Tabak unter die Lippe. Und es gibt welche, die einfach wieder vom Turm hinunterklettern. Der frühere Skisprung-Weltmeister Dieter Thoma hat das so gemacht, Jens Weißflog ebenfalls.
Weißflog stürzte 1983 in Harrachov. Eine Windböe erwischte ihn in der Luft und drückte sein rechtes Bein nach unten. Er prallte kopfüber auf und musste mit schweren Hüft- und Nierenprellungen ins Krankenhaus eingeliefert werden. Danach geriet Weißflog förmlich in Panik, wenn er auf eine große Schanze steigen musste. Um das Trauma zu überwinden, ging er in die Berge zum Klettern. "Der Blick von einem Felsgrat in die Tiefe brachte mir den Mut zurück", sagt Weißflog.
Wenn Springer vom Himmel fallen, bleiben Narben zurück. Und zwar im Kopf. Sven Hannawald aus Hinterzarten erlebte gleich beim ersten Skiflug seiner Karriere eine Bruchlandung. Auch Jahre danach verspürt er, obwohl amtierender Skiflug-Weltmeister, vor einem Wettbewerb "Schmetterlinge im Bauch".
Dabei versucht Bundestrainer Heß seine Schützlinge auf die Extremsituation Skifliegen vorzubereiten. Er trainiert mit ihnen Konzentrationsfähigkeit und Koordination in ermüdetem Zustand. Dazu müssen Hannawald und Schmitt schon mal nach einem kräftezehrenden Fußballspiel ein paar Runden im Kart-Auto drehen. Die Athleten lernen so "neue Grenzen" kennen, sagt Heß.
Ob sie auch nur annähernd simulieren können, was sie beim Sprung von einer Monsterschanze erwartet, scheint fraglich. "Es ist ein abartiges Gefühl, wenn es bei einem Flug vor dir immer flacher wird", sagt Dieter Thoma. "Bei der Landung denkst du, es treibt dir die Kniescheibe aus der Hose, und nachher schwitzt du und zitterst am ganzen Körper. Es ist gigantisch."
Erfunden wurde das Skifliegen im slowenischen Planica. Im Herbst 1933 bauten der Eisläufer Stanko Bloudek und der Ingenieur Iván-Jánez Rozmán dort eine gewaltige Sprungschanze. Bei der Eröffnung drückte der Norweger Birger Ruud erst bei 92 Metern die Bretter in den Schnee. Im März 1936 übersprang Sepp Bradl aus Bischofshofen als erster Mensch die 100-Meter-Marke. "Das war kein Skispringen mehr", entfuhr es Bloudek damals, "das war Skifliegen." Inzwischen liegt der Weltrekord, aufgestellt vom Österreicher Andreas Goldberger, bei 225 Metern.
"Dieser Sport hat eine absolute Grenzbelastung erreicht", sagt der deutsche Teamarzt Ernst Jakob. "Schon bei einem Probesprung muss der Athlet 100 Prozent geben. Er kann nicht wie ein Hochspringer die Latte mal tiefer legen."
Pläne für neue, gewaltigere Schanzen gibt es trotzdem. Im finnischen Kuopio beispielsweise wollen die Bauherren den Turm in ein Hotel integrieren, und die Anlaufspur soll mitten durch ein Restaurant führen. Die Zuschauer mögen das innovativ finden oder auch spektakulär - für die Springer muss es eine Beleidigung sein.
Skifliegen sei, "als wenn du aus dem zehnten Stock springst und froh bist, dass du überlebt hast", sagt Martin Höllwarth.
Nach einem Skifliegen, bekennt Sven Hannawald, sei er so erschöpft, da wolle er "nichts mehr sehen, nicht mehr sprechen".
"Die Interessenten an noch größeren Schanzen sollten sich mal auf den Absprungbalken setzen", sagt Martin Schmitt. Sie sollten "nach unten schauen und überlegen, wem sie das zumuten wollen".
Aber solche Einwände will keiner hören. Am Holmenkollen bei Oslo stehen schon die Bagger bereit. Dort soll eine Flugschanze gebaut werden, die Sprünge bis zu 250 Meter ermöglicht.
MAIK GROßEKATHÖFER
* Am 19. Februar mit Adam Malysz bei der Siegerehrung im finnischen Lahti.
Von Maik Großekathöfer

DER SPIEGEL 9/2001
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