24.02.2001

Am Rande

Erinnerung, sprich!

Immer wieder sonntags kommt die Erinnerung, schubidubidu - so singen Cindy & Bert, und wer würde nicht, eingedenk der Proustschen Madeleine-Mystik, beim Eintauchen des Toasts in den Milchkaffee die Bilder der Vergangenheit im Dämmerlicht erkennen. Ja damals, 1969, auf Korsika, kurz hinter Calvi, das Frühstück auf der Sonnenterrasse mit Salami, Käse und Ei! Scheibchenweise wurden die Leckereien verspeist, die reine Salamitaktik. Und dann erst am Strand mit all den anderen, mit Nele, Inge, Lude, Yassir und Borgi, als wir Frisbee spielten. Nein, Frisbee gab's damals noch gar nicht, wir spielten Volleyball. Außerdem war Nele nicht dabei, die kam erst später dazu und schlief dann auch in einem anderen Hotel. Und Salami hatten wir auch nicht, nur luftgetrockneten italienischen Schinken.

Erinnerung ist schön oder unschön, vor allem aber: unzuverlässig. Wer weiß noch, wo er vor sieben oder elf Jahren im Sommerurlaub war - mit wem und wie lange? Wer waren die Finalteilnehmer der drei letzten Fußballweltmeisterschaften? Und wann war man eigentlich zum letzten Mal bei den Mainzer Tagen der Fernsehkritik? 1994 oder 1995? Die Erinnerung spricht zwar, doch sie stottert und stammelt auch, verknüpft Unzusammenhängendes und trennt Komplexes in lose Einzelteile. Immer wieder ist das Vergessen stärker.

Nur ganz große Erinnerer wissen alles ganz genau. Zu ihnen gehört der notorische Proll-Poet der "Bild"-Zeitung, Franz Josef Wagner. Die siebziger Jahre stehen ihm vor Augen, als wäre es gestern gewesen: "Und die Revoluzzerinnen hatten atemberaubende kleine Slips, weiß und hellblau. Es war ein bienenkorbhaftes Leben."

Angesichts dieses bedrängenden Bildes ziehen wir rasch den Toast aus dem Kaffee und rufen: Erinnerung, schweig!


DER SPIEGEL 9/2001
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