DER SPIEGEL



Dreißig, verweht

Der junge Mensch weiß nichts. Er leidet an einer Welt, die er noch gar nicht kennt, und er lacht über Witze, die nicht einmal traurig sind. Doch er gehört zu jener Zielgruppe der 14- bis 29-Jährigen, auf die es ankommt, quotenmäßig, spaßkulturmäßig, girlscampmäßig. Deshalb wird das Fernsehen immer infantiler - Mosi, Daisy, Raabi & Zlatko sei Dank. Selbst die 30-jährigen Jungredakteure mit ungestilltem Enthüllungshunger, all die Börsen-TV-Kleindarsteller und E-E-E-Commerce-Executive-Ma-

nagers werfen, wie Joschka Fischer ganz richtig bemerkte, alleweil derart wenig Schatten, dass darin nicht einmal die kleinste bauchnabelfreie Partymaus vom Prenzlauer Berg Platz fände.

Doch zuweilen schlagen die Alten zurück: Generation Kübelwagen meets Generation Golf - sympathisierende Zuschauer aus der Generation 2 CV inbegriffen. So bremste vergangene Woche Hans-Jochen Vogel, einst SPD-Vorsitzender und Fraktionschef im Bundestag mit notorischem Hang zu Klarsichthülle, Aktenmappe und mehrfacher Wiedervorlage, mit staunenswerter Verve Michel Friedman aus, die Multitask-Sprechrakete der deutschen Talkshow-Szene. In zugleich altertümlicher und jugendfrischer Eloquenz bestand der muntere 75-Jährige auf seinem hergebrachten Recht, eine Frage zu beantworten, bevor die nächsten drei auf ihn einprasselten. Und plötzlich stieg in manch wehmütiger Seele die Erinnerung an versunkene Zeiten wieder auf - an damals, als es noch darum ging, Streit, durchaus lustvoll, auszutragen, statt bloße Erregungszustände zu präsentieren, die keinen satt machen. Danke, Hans-Jochen.


DER SPIEGEL 10/2001
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