05.03.2001

ZEITGESCHICHTEIkone am Haken

Eine Stasi-Geschichte ganz anderer Art: Ein westdeutscher Geschäftsmann verrät einen Helden des DDR-Sports an die Firma von Erich Mielke. Der Diskuswerfer Wolfgang Schmidt landet im Gefängnis - bis heute findet er sich im Leben nicht zurecht.
Früher, als es die Mauer noch gab, trug das Hotel den Namen "Metropol". Wenn Wolfgang Schmidt hierher kam, aß er meistens Chateaubriand mit Sauce béarnaise. Er kam nie alleine ins Metropol. Sie waren immer zu zweit. Der andere war ein Freund, der häufig nach Ost-Berlin musste. Sein Freund aß meistens Schweinefilet und bezahlte immer. Sein Freund war ein Geschäftsmann aus dem Westen.
Sie gingen ins Metropol, weil sie Gespräche führten, die keiner mithören sollte.
Das Metropol gibt es nicht mehr. Es ist umgebaut worden und heißt jetzt "Maritim pro Arte". Der Freund aus dem Westen ist auch nicht mehr da. Er ist weg, seit vielen Jahren schon. Wolfgang Schmidt ist, weil der SPIEGEL ihn darum bat, noch einmal in dieses Hotel gekommen. Es ist der Ort, der ihm zum Verhängnis wurde.
Er sagt, damals sei es hier gemütlicher gewesen. Früher saß er auf Plüsch im "Spezialitäten-Restaurant", heute tut ihm der Hintern weh, weil man im "Bistro Media" auf Designerhockern sitzt.
Er sagt, dass er vor vielen Jahren mal versucht hat herauszufinden, wo der Freund von damals wohnt. Aber der Freund war abgetaucht. Jetzt, sagt Schmidt, sei er froh, dass er ihn nie wieder gesehen hat.
Sein Freund lebt heute in einem Dorf zwischen Berlin und Potsdam. Er heißt Ludwig Schura und hat sich hier eine Doppelhaushälfte gekauft. Sein Wohnzimmer sieht aus wie ein großer Tresen. In den Regalen stehen harte Sachen. Nachmittags um vier trinkt er Flensburger Pilsener. Er hat rosige Haut und wurstige Finger.
Schmidt? Schmidt sei ein Spinner, sagt Schura. Schmidt rede dummes Zeug. Schura hat einen Zettel mit handschriftlichen Notizen über Schmidt vor sich. "Er war nur geldgeil", steht da drauf. "Geldgeil" ist unterstrichen, als ob das eine Rolle spielte.
Ludwig Schura hat Wolfgang Schmidt verraten. Schura arbeitete für die Staatssicherheit. Er zerstörte Schmidts Karriere. Schura brachte Schmidt ins Gefängnis. Er bekam insgesamt 34 900 West-Mark vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Schura sagt, mit dem Geld habe er seine "Auslagen gedeckt".
Wolfgang Schmidt war damals Diskuswerfer. Er hatte bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal die Silbermedaille gewonnen, er war Weltrekordler und "Verdienter Meister des Sports" in der Deutschen Demokratischen Republik. Schura, sein Freund, brauchte die DDR, weil er mit ihr Geschäfte machte.
Die Geschichte von Wolfgang Schmidt, 47, und Ludwig Schura, 54, ist nicht eine von den vielen tausend Geschichten, in denen irgendein Ostdeutscher einen anderen Ostdeutschen verpfeift. Es ist auch nicht die Geschichte eines Westdeutschen, der wie viele tausend andere Westdeutsche im Westen für die Stasi spioniert.
Sie beschreibt das Leben eines Westdeutschen, der einen Ostdeutschen an die Stasi verrät. Und das Leben eines Ostdeutschen, der in den Westen will. Es ist ein Geflecht aus Liebe, Geld und Geschäften. Es ist ein deutsch-deutsches Schicksal, das auch zehn Jahre nach der Vereinigung noch nicht abgeschlossen ist. Es erklärt die Gefühle vieler Ostdeutscher, die nicht verstehen wollen, warum Politiker verlangen, die Stasi-Akten für alle Zeit zu schließen.
Die Geschichte von Wolfgang Schmidt und Ludwig Schura hat ihren Höhepunkt am 2. Juli 1982. Schmidt ist in einem weißen Lada 1600 auf dem Weg zum Trainingsgelände des SC Dynamo. In seinem Rückspiegel erkennt er, dass ihm ein roter VW Golf folgt; dann ist ein Motorradfahrer neben ihm; dann stoppt ihn ein grünes Polizeiauto. Als er aussteigt, sagt einer: "Sie kommen jetzt mit uns mit."
Sie bringen ihn in eine Haftanstalt der Staatssicherheit und sagen, gegen ihn sei "wegen Vorbereitung eines illegalen Grenzübertritts" Haftbefehl erlassen worden. Ein Oberstleutnant der Stasi fragt, ob Schmidt Kontakte zu Leuten aus dem Westen habe. Schmidt sagt, er kenne ein paar Diskuswerfer, aus den USA, aus Schweden und aus der BRD. Außerdem gebe es noch einen Freund in West-Berlin. Der sei aber nicht Diskuswerfer, sondern Geschäftsmann. Sein Name sei Ludwig Schura.
Der Stasi-Mann will nichts wissen von Ludwig Schura. Er weiß, wer Schura ist.
Die Sache zwischen Ludwig Schura und der Staatssicherheit beginnt am 7. Mai 1978. Der Speditionskaufmann aus Hamburg verdient sein Geld damit, dass er Maschinen aus der Bundesrepublik nach Polen exportiert und Fleisch aus Polen in die Bundesrepublik importiert. Auf solchen Touren muss er durch die DDR.
Diesmal hat er ein Tagesvisum, er hätte Ost-Berlin damit bis Mitternacht verlassen müssen. Aber er kommt zu spät. Er ist erst um 6.50 Uhr am Grenzübergang Friedrichstraße, weil er am Abend vorher getrunken hatte und nicht mehr Auto fahren konnte. Es ist seine erste Begegnung mit der Stasi. Aber die Stasi begreift schnell, dass Schura ein wichtiger Mann werden kann.
Aus einer "Information" der Hauptabteilung VI vom 7. Mai 1978:
Im Gespräch konnte festgestellt werden, dass Schura sehr großen Wert auf weitere Ein- und Transitreisen legt ... Schura war sauber gekleidet. Bei seinem Erscheinen an der Grenzübergangsstelle befand sich seine Kleidung jedoch in einem unordentlichen Zustand (Hemd und Jacke offen, zerknüllt).
Die Leute von der Stasi bleiben dran. Als Ludwig Schura einen Monat später wieder ins Land kommt, verabreden sie einen Termin im Ost-Berliner Café "Warschau". Hier erzählt Schura zwei Hauptleuten des MfS, was ihn eigentlich umtreibt: Es gebe da nämlich eine Frau. Sie heißt Veronika und ist DDR-Bürgerin und arbeitet im Hotel "Stadt Berlin" als Serviererin. Er hat sich in sie verliebt, er will sie jetzt öfter sehen, auch über Nacht. Vielleicht will er sie eines Tages heiraten. Dann würde er wollen, dass sie in den Westen kommt. Und dann bräuchte sie eine Ausreisegenehmigung. In jedem Fall braucht Schura die Stasi. Er erklärt sich bereit, "bestimmte Aufklärungsarbeiten für die DDR" zu übernehmen.
Aus dem "Vorschlag zur Werbung des Bürgers der BRD Schura, Ludwig" der Hauptabteilung VI vom 28. Oktober 1978:
Die Motive des Kandidaten für die künftige Zusammenarbeit bestehen in folgenden Faktoren: erwartete Hilfeleistung bei Beschaffung von Visa für Einreisen in die Hauptstadt zu seiner Verlobten und letztlich bei der Genehmigung ihres Übersiedlungsantrages; materielle Interessiertheit in Form finanzieller Zuwendungen.
Am 11. November 1978 unterschreibt Ludwig Schura seine Verpflichtungserklärung bei der Staatssicherheit. Er wählt den Decknamen "Ludwig", er wird unter der Registriernummer XV/3376/78 als IMF geführt, er ist "Inoffizieller Mitarbeiter mit Feindverbindung".
Für beide, "Ludwig" und die Stasi, wird es in den folgenden zwei Jahren eine gedeihliche Verbindung. "Ludwigs" Verlobte darf in den Westen ausreisen, er selbst kriegt ein Wirtschaftsvisum und die Stasi Ia-Informationen: "Ludwig" wird auf die westliche Fluchthelferorganisation "Löffler" angesetzt, die in Stasi-Unterlagen als "kriminelle Menschenhändlerbande" beschrieben wird. Nach Aktenlage arbeitet "Ludwig" so beflissen, dass sechs Menschen verhaftet werden.
Die Treffen mit seinem Führungsoffizier finden in einem Haus in Köpenick statt, das bei der Stasi "IMK Schlößchen" heißt.
Aus einem Treffbericht im IMK "Schlößchen" vom 11. Dezember 1980:
Dem IM wurde eine Kristallvase als Anerkennung für seine operativen Ergebnisse im Jahre 1980 sowie als Geburtstagsgeschenk ein Bierkrug übergeben. Er bedankte sich recht herzlich dafür und man sah ihm an, dass er beeindruckt war.
Ludwig Schuras Verlobte hat eine Ausbildung als Serviererin gemacht, und seit dieser Zeit ist sie mit einer Kollegin befreundet, die Uta heißt. Irgendwann im November 1980 schlägt sie der Freundin Uta vor, ob man sich nicht mal zu viert treffen wolle, also mit den Männern. Uta ist gerade neu verliebt. Ihr Freund ist der Diskuswerfer Wolfgang Schmidt.
Sie verabreden sich zum Essen. Schura kennt sich ein wenig aus in der Leichtathletik. So fragt er Schmidt etwa, wie das mit dem Doping in der DDR sei. Und ob sich Doping auf die Potenz auswirke.
Bisher lief es mit Schura und der Stasi immer so: Die Stasi sagte, was zu tun ist, und Schura tat es. Die Stasi sagte, wann man sich trifft, und Schura kam.
Seit er Wolfgang Schmidt kennt, ist es laut Akten anders. Am 31. Januar 1981 ruft "Ludwig" im MfS an und "ersuchte außerplanmäßig um einen Treff".
Was "Ludwig" zu berichten hat, ist wichtiger als jede "kriminelle Menschenhändlerbande". "Ludwig" erzählt, dass Wolfgang Schmidt in den Westen flüchten will. Der Zufall hat ihm eine Ikone des DDR-Sports an den Haken gehängt. Und "Ludwig" lässt ihn nicht mehr runter. Mit Schmidt ist er nicht mehr nur irgendeine Nummer, mit Schmidt ist "Ludwig" wirklich wichtig. Mit Schmidt hat der Kaufmann Schura eine bombensichere Geschäftsgrundlage in der DDR.
Ludwig Schura ist ein Mensch ohne jeden Skrupel. Auch heute noch. Was die Stasi war, was sie Menschen antat, dass er einer von ihnen war, "das hat mich nie gejuckt", sagt er. "Ich hab doch nichts weiter gemacht, das war doch eine vernünftige Zusammenarbeit."
Manchmal, wenn man ihm eine Frage stellt, wird Schura laut und wirr. Zum Beispiel, wenn man wissen will, ob das, was Wolfgang Schmidt ihm erzählt hat, nicht sehr privat gewesen sei. "Privat? Nee, das war nicht privat, das war für mich nichtig."
Was Schmidt damals an ihm bewundert, ist die scheinbare Eleganz, mit der der Westler durchs Leben geht. Schura trägt ständig neue Anzüge und fährt ein dickes Auto. Es sind solche Sachen, die den Sportler am Westen reizen. Er ist kein politischer Mensch. Er will sich nur nicht ständig vorschreiben lassen, mit wem er reden darf und wann er ins Bett gehen muss. Und er will sein Geld in einer Währung verdienen, "für die man sich was kaufen kann".
Schmidt braucht Schura, um seine Flucht zu organisieren. Und im Westen wollen sie Kasse machen, beide. Die Akten weisen aus, dass Schura sich zur Vermarktung Schmidts bereit erklärt; er behauptet, er habe Beziehungen zur amerikanischen Marketing-Agentur McCormack. Schmidt will seine Geschichte dem SPIEGEL oder dem "Stern" verkaufen. Er fragt Schura, was man dafür verlangen könne. Der schätzt das Honorar auf eine Million Mark.
Am 24. Mai 1981 hat Wolfgang Schmidt einen genauen Plan: Er möchte eine Weltcup-Veranstaltung im September in Rom zur Flucht nutzen. Er will auf keinen Fall noch länger warten. Denn er hat, so vertraut er "Ludwig" an, seit einiger Zeit ein "merkwürdiges Gefühl". Er bittet seinen Freund deshalb, keine vertraulichen Dinge mehr am Telefon zu besprechen.
Die Schweine, denkt er, umzingeln ihn. In Wahrheit sitzt Schmidt schon in der Falle.
IM "Ludwig" ist in schwerer Sorge. Gleich mehrfach warnt er laut Akte seinen Führungsoffizier, Schmidt zum Weltcup in Rom reisen zu lassen. Bei "Ludwig" hat sich die Überzeugung verfestigt, dass Schmidt diese Gelegenheit tatsächlich zur
Flucht nutzen wird. Und sollte Schmidt erst
mal im Westen sein, ist auch der IM "Lud-
wig" nur noch die Hälfte wert: Er lässt die Stasi wissen, dass er in diesem Fall als Schmidts Manager auftreten werde. Dazu sei er "als Geschäftsmann gezwungen".
Mitte August ruft Schmidt bei Schura an. Er bittet den Freund, "dringend" nach Ost-Berlin zu kommen. Sie treffen sich abends um 20 Uhr im Hotel Metropol, aber Schmidt will hier nicht bleiben. Er hat Angst, dass er von Mitarbeitern des MfS beobachtet wird. Sie gehen in die Bar des Operncafés Unter den Linden. Schmidt berichtet Schura, was Schura längst weiß. Dass er jetzt ständig vom MfS überwacht wird, dass sein Telefon abgehört wird, dass er nicht zum Weltcup nach Rom reisen darf. Und dass er, auf alle Zeiten, für die Nationalmannschaft der DDR gesperrt sein wird.
Der Fluchtplan ist dahin. Schmidt ist niedergeschlagen, er sucht nach Erklärungen. Er kann es sich nur so vorstellen: Vor kurzem sei er zur DDR-Meisterschaft zu spät angereist. Er habe in einem anderen Hotel geschlafen als die Mannschaft. Vor den Augen eines Funktionärs sei er mit zwei Gläsern Sekt durchs Hotel gelaufen. Das sei wohl der Grund für die Sperre. Schura meint, er könne sich das durchaus so vorstellen. Nicht nur Schmidt trägt schwer an den Folgen dieser Entscheidung. Auch die DDR leidet. Denn bei allem ist Schmidt immer noch ein guter Diskuswerfer, und gute Sportler sind wichtig für die DDR. In solchen Fällen kennt der Staat Gnade.
Wolfgang Schmidt ist jetzt ein Fall für die oberste Etage der Staatssicherheit. Er wird zu Erich Mielke einbestellt.
Der Chef des MfS, der gnadenlose Wächter des Überwachungssystems, gibt sich während einer Teestunde mit dem Sportler wie ein reicher, milder Onkel. Er träufelt etwas Milch in seinen Tee und spricht mit sanfter Stimme.
"Nun, mein Junge, was wollen wir nun machen?" - "Ich würde gern wieder richtig Sport treiben." - "Natürlich, mein Junge. Wenn du versprichst, dich gut zu benehmen, werde ich mich darum kümmern."
Das Gespräch dauert eine halbe Stunde. Es scheint so, als habe Mielke den richtigen Ton gefunden. Der freundliche Herr aus der Stasi-Zentrale hat seine ganze Güte über den Sportler ausgegossen: Neben der Begnadigung schenkt er Schmidt einen weißen Lada 1600. Vorübergehend wird Schmidt durch das kostbare Automobil tatsächlich von seinen Fluchtplänen abgelenkt.
Aus einer "Einschätzung des Standes der Beziehungen des IM Ludwig zu Schmidt, Wolfgang" vom 18. Dezember 1981:
Der IM wurde von Schmidt, Wolfgang gebeten, ihm für seinen Pkw Lada 1600 ein Rallye-Lenkrad, Sportfelgen mit der dazugehörigen Bereifung zu beschaffen. Vom IM wurden diese Gegenstände offiziell über die Grenzübergangsstelle Heinrich-Heine-Straße eingeführt.
Jedoch: Auch der Reiz eines Lada 1600 vergeht. Die Beschattungen und Bespitzelungen hören nicht auf, da nutzen selbst die guten Beziehungen zum Genossen Mielke nichts. Schmidt ist jetzt entschlossen, das Land höchst spektakulär zu verlassen.
Es hat viele Fluchtversuche aus der DDR gegeben, die Aufsehen erregt haben. Wolfgang Schmidt hat sich eine Nummer ausgedacht, die dem Land den Atem nehmen soll. Und es gibt nur einen, der ihm dabei helfen kann: Ludwig Schura, sein Mann für alle Fälle aus dem Westen.
Schmidt erklärt ihm, dass die Grenztruppen auf fliegende Objekte in der Regel nicht schießen. Schura soll einen Hubschrauberpiloten im Westen finden, der ihn ausschleust. Während des Anflugs über die Berliner Grenze soll eine Rauchbombe gezündet werden, damit es so aussieht, als müsse der Helikopter notlanden. Als Landeplatz eignet sich nach Schmidts Vorstellung der grenznahe Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark an der Ost-Berliner Cantianstraße.
Schura sagt, er müsse darüber nachdenken. Und der IM "Ludwig" meldet sich bei seinem Führungsoffizier mit einem Bericht zur neuen Lage. Daraufhin geht in der Hauptabteilung VI eine Anordnung von Erich Mielke ein: Wolfgang Schmidt soll Anfang Juli 1982 festgenommen werden.
Aus einem "Treffbericht" im IMK "Schlößchen" vom 15. Juli 1982:
Dem IM wurde mitgeteilt, dass auf Grund seiner wertvollen Arbeit für das MfS sein Bekannter Schmidt inhaftiert wurde und mit einer Verurteilung vor Gericht rechnen muss. Ihm wurde in aller Form für seine präzisen Informationen gedankt,
die zur Festnahme von Schmidt führten. Der IM nahm dies sehr ruhig und gefasst zur Kenntnis.
Der "Operativ-Vorgang" Schmidt ist für den IM "Ludwig" abgeschlossen. Es interessiert ihn nicht mehr. Er hat von der Stasi zum Dank für seine Arbeit in diesem Fall 515 Ost-Mark und eine Kristallvase bekommen. Jetzt denkt er nach vorn.
Er wechselt, wenige Minuten nachdem er den Ausgang der Sache erfahren hat, das Thema. Er sagt, dass er "starkes Interesse hat, mit offiziellen Stellen der DDR in Geschäftsbeziehungen zu treten". Er habe zum Außenhandelsunternehmen "Nahrung und Genuss" Verbindung aufgenommen. Er will einen Vertrag über den Export von vorerst 100 000 Flaschen Sekt, Marke Lindenpalais, abschließen.
Der IM "Ludwig" meint, die DDR sei ihm jetzt etwas schuldig.
Am 14. Oktober 1982 wird Wolfgang Schmidt wegen "Vorbereitung zum illegalen Grenzübertritt" zu einer Haftstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt. Während der Verhandlung wird die Zeugenaussage des BRD-Bürgers Ludwig Schura verlesen. Der Freund wird damit zum Hauptbelastungszeugen. Schmidt fragt sich, warum Schura so eine Aussage gemacht hat. Er kann es sich nur so erklären, dass die Staatssicherheit ihn "durch den Wolf gedreht hat". Schura tut ihm Leid.
Dass Ludwig Schura sein Verräter war, erfährt Wolfgang Schmidt erst, als es die DDR nicht mehr gibt. Das Berliner Landgericht verhandelt den Vorgang. Am 17. Oktober 1994 wird Schura wegen "Freiheitsberaubung in einem besonders schweren Fall" zu einer Bewährungsstrafe von 18 Monaten verurteilt. Er muss auch Geld an Schmidt bezahlen, zur Entschädigung gewissermaßen: 200 Mark im Monat, drei Jahre lang.
Wolfgang Schmidt ist 1997 in die USA ausgewandert. "Kalifornien, das musste einfach sein", sagt er. Erst verkaufte er Autos in San Jose, dann ließ er sich in einem Investmenthaus zum Broker ausbilden.
Mit dem Börseneinbruch krachte auch seine Existenz zusammen. Ende letzten Jahres kehrte er nach Deutschland zurück. Er wohnt zurzeit bei seiner Mutter. Er hat sich bei zwei Banken in Berlin beworben, aber keine hat ihn genommen. Er sucht weiter, "irgendwo im Investmentbereich". Er weiß nur nicht, wo genau.
Ludwig Schura erlebte mit dem Import von DDR-Sekt ein Desaster. Er hatte mit Außenhandelsorganisationen einen Vertrag über 3,5 Millionen Mark abgeschlossen, aber die Qualität der Flaschen war zu schlecht. Bei der Lagerung platzten immer die Böden ab. Heute, sagt er, sei er "Unternehmensberater".
An Schmidt erinnert sich Schura nur noch unscharf. "Ich musste ihn so nehmen, wie er war. Mein Gott, jeder Mensch hat doch Schwächen." MATTHIAS GEYER
Wolfgang Schmidt
* Der Diskuswerfer galt lange als Vorzeigeathlet des DDR-Sports. Er gewann 1976 die olympische Silbermedaille und warf zwei Jahre später Weltrekord (71,16 m). Weil seine Fluchtpläne der Stasi bekannt wurden, saß er von Juli 1982 bis Oktober 1983 im Gefängnis. 1987 durfte Schmidt in die BRD ausreisen. Hier setzte er seine Karriere fort und warf 1989 mit 70,92 m bundesdeutschen Rekord.
* Links: vor dem früheren Hotel "Metropol"; rechts: mit DDR-Staatschef Erich Honecker bei der Verleihung des "Vaterländischen Verdienstordens in Bronze" 1976. * Mit den Amerikanern John Powell und Mac Wilkins 1976 in Montreal.
Von Matthias Geyer

DER SPIEGEL 10/2001
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