12.03.2001

TANSANIA

Hass, Dreck und Lügen

Von Wiedemann, Erich

Am Kilimandscharo steht eine Deutsche unter Mordanklage, weil eine Old-Boys-Connection aus Neuseeland über gute Beziehungen zur Regierung verfügte.

Ein Kerl wie ein Baobab-Baum: groß, stark, knorrig, erdverwachsen. Buschpilot Cliff Cameron konnte saufen, prügeln und schießen wie ein Cowboy. Und morgens, wenn über dem Kilimandscharo die Sonne aufging, fegte er am Steuerknüppel seiner Zweimotorigen schon wieder durch den weiten afrikanischen Himmel - ganz gleich, wie lang seine Nacht gewesen war.

Und dann liegt Cliff Cameron eines Nachts mit einem Loch im Kopf im Schlafzimmer seines Hauses in Arusha. Das Neun-Millimeter-Geschoss ist durch die Stirn eingedrungen und hat hinten einen Teil der Schädeldecke weggerissen. Es ist der 5. Juli 1998.

Alle Umstände sprechen für Selbstmord: die Pulverspuren an den Fingern, das Foto, auf dem zu sehen ist, wie er seine Sig-Sauer-Pistole noch im Tod umklammert, seine Gemütslage in den letzten Wochen vor seinem Tod.

Cliff Cameron hatte Gründe, das Leben nicht mehr zu lieben. Er hatte ein Vermögen in eine Bohnenplantage im Massailand gesteckt, auf der dann keine Bohnen wuchsen; später investierte er ein zweites Vermögen in eine Goldmine, in der kein Gold gefördert wurde.

Seine "Fleet Air" mit ihren fünf Buschflugzeugen war hoch verschuldet. Cliff trank mehr, als ihm gut tat, wurde öfter handgreiflich. Kurz vor seinem Tod heulte er sich vormittags bei seiner Sekretärin aus. Quintessenz: "Ich hätte Lust, mir das verdammte Hirn aus dem Schädel zu pusten."

Der Tote wird in seine neuseeländische Heimat geflogen. Seine deutschstämmige Ehefrau Kerstin und ihre zwei Kinder Tell und Lachlan begleiten ihn. Die Witwe hält eine Leichenrede. Sie hat Cliff alles vergeben: den Suff, die Schläge, die Weibergeschichten. Sie will einen sauberen Schlussstrich ziehen.

Doch für Cliffs Familie ist der Fall nicht erledigt. Die Camerons sind eine hoch geachtete Sippe in Neuseeland. Die Zeitungsgeschichten mit den schmuddeligen Details über Cliff gehen ihnen gegen die Familienehre.

Der alte Don Cameron ist von der Idee besessen, dass die verlorene Ehre der Familie nur wiederhergestellt werden kann, wenn seine Schwiegertochter unter Anklage gestellt wird. Don aktiviert seinen Freund Bill Birch, Finanzminister in Wellington, der wiederum mobilisiert Außenminister Don McKinnon, und McKinnon macht seinen Hochkommissar in Harare (Simbabwe), Bruce Middleton, mobil. Und Middleton antichambriert mehrfach massiv bei der Regierung.

Im März 2000 reist der pensionierte neuseeländische Kripobeamte Steward Morgan in Arusha an, mit besten Empfehlungen von Bruce Middleton. Inspektor Stu, wie er genannt wird, weiß schnell Bescheid. Cliff sei das Opfer eines Mordkomplotts geworden. Seine Frau habe ihn

betrunken gemacht und in die Falle gelockt. Freunde hätten später alle Spuren am Tatort beseitigt. Morgan sagt, er werde den Zyklus aus "Hass, Dreck und Lügen" sprengen. Er präsentiert auch einen Kronzeugen: den Nachtwächter der Camerons. Der will gehört haben, wie Kerstin sagte: "Ich habe meinen Mann erschossen." Früher hat er genau das Gegenteil bezeugt: Kerstin habe von Selbstmord gesprochen. Vielleicht hat die veränderte Aussage des Zeugen damit zu tun, dass er einen neuen Boss hat, den Schlangenfarmer Barry Bale, der schon immer behauptet hat, sein Freund Cliff habe sich niemals erschossen.

Am 4. Mai 2000 wird Kerstin Cameron verhaftet. Ihr Bruder Wolfgang Lößer hatte ihr dringend zur Flucht geraten. Sie hat selbst einen Flugschein und hätte sich leicht mit einer ihrer Maschinen nach Kenia absetzen können. Aber sie weigert sich, sie habe doch nichts zu verbergen.

Im Oktober fordert Richter Mushi in Arusha die Staatsanwaltschaft auf, die Ermittlungen einzustellen. Es könne keinen Zweifel an Camerons Selbstmord geben. Aber das Justizministerium in der Hauptstadt Daressalam sagt Nein. Inzwischen hat sich die hohe Politik der Rechtsfindung bemächtigt. McKinnons Wort hat jetzt noch mehr Gewicht. Er ist seit April 2000 Generalsekretär des Commonwealth.

Kerstin Cameron wird in einem Loch von 2,80 mal 1,17 Meter festgehalten. In der Nachbarzelle sitzt eine Frau, die 30 Jahre Haft verbüßt, weil sie eine Hacke gestohlen hat. In einer anderen Zelle eine Frau, die seit sieben Jahren auf ihren Prozess wartet, weil sie die Prozessgebühren nicht zahlen kann.

Kerstin Cameron ist privilegiert. Sie steht schon in dieser Woche vor Gericht, nach nur zehn Monaten Haft. Nachdem Don McKinnon das Außenministerium abgegeben und die Opposition im Parlament von Wellington unangenehme Fragen gestellt hat, ist die neuseeländische Regierung zurückgerudert. Sie hat zu verstehen gegeben, dass ihr die Sache peinlich ist.

"Außerdem haben wir eine enorme Druckkulisse aufgebaut", sagt Bernd Mützelburg im Berliner Kanzleramt. Außenminister Joschka Fischer hat seinen Kollegen Jakaya M. Kikwete in Daressalam in einem Brief davor gewarnt, das gute deutsch-tansanische Verhältnis durch die Handhabung des Falles Cameron zu gefährden.

Kerstin Cameron sagt, sie vertraue ganz auf die tansanische Justiz. Mutig, nach allem, was sie erlebt hat. ERICH WIEDEMANN

* Mit Frauentrakt (Kreis).

DER SPIEGEL 11/2001
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