12.03.2001

„Ich fürchte das Melodramatische“

In seinem neuen Buch erzählt der Schriftsteller W. G. Sebald die zum Teil fiktive Lebensgeschichte eines jüdischen Gelehrten: Jacques Austerlitz erreichte kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mit einem Kindertransport England und entkam so dem Holocaust.
SPIEGEL: Herr Sebald, in Ihrem neuen Buch "Austerlitz" mischen sich Dokumentarisches und Fiktion. Warum legen Sie - anders als viele Kollegen - so großen Wert auf die Recherche?
Sebald: Viele Autoren unterschätzen die Tatsache, dass man sich um sein Material kümmern muss. Man muss es finden genauso wie ein Reporter. Joseph Roth ist dafür ein gutes Beispiel: Dessen Reportagen waren letzten Endes die Voraussetzung für die Romane. Ich glaube, dass es für jüngere Autoren nichts Besseres gibt, als zunächst zehn Jahre lang Reporter zu sein.
SPIEGEL: Hat Jacques Austerlitz, der Held Ihres Buchs, ein reales Vorbild?
Sebald: Es stecken zweieinhalb Lebensgeschichten in ihm, Biografien, denen ich nachgegangen bin.
SPIEGEL: Bei Austerlitz handelt es sich um einen Juden aus Prag, dem die eigene Herkunft lange unbekannt bleibt. Gab es das genauso bei den realen Vorbildern?
Sebald: Ja, allerdings nicht mit einer Herkunft aus Prag. Im einen Fall handelt es sich um einen Kollegen von mir, einen Gelehrten, der wie mein Held Baugeschichtler war und in London unterrichtet hat. Das ist ein etwas exzentrischer Mensch gewesen, der früh in den Ruhestand geschickt wurde, wie das in den letzten Jahren an den englischen Universitäten üblich war, und in eine tiefe Lebenskrise geriet. Er begann im Alter von ungefähr 60 Jahren damit, seine eigene Herkunft zu erforschen, so gut er konnte. Durch diese Forschungsarbeit, die etwas völlig anderes war als alles, was er bisher getan hatte, kam er in eine völlig neue innere Verfassung. Er begriff Dinge, die er sein ganzes Leben lang nicht hatte begreifen wollen.
SPIEGEL: Kam er ebenfalls - wie Austerlitz - mit einem Kindertransport nach England?
Sebald: Nein, dafür steht das andere Vorbild. Vor einigen Jahren lief im englischen Fernsehen eine Sendung über den Lebensweg einer Frau, die im Alter von zweieinhalb Jahren mit ihrer Zwillingsschwester aus einem Münchner jüdischen Waisenhaus oder Kinderheim nach England gekommen war. Und die dann, genau so wie im Buch beschrieben, bei einem walisischen, fundamentalistischen Pfarrer aufgewachsen ist.
SPIEGEL: Und diese Frau wusste nichts von ihrer Herkunft?
Sebald: Sie hat schließlich einen Engländer geheiratet, war in der anglikanischen Kirche und hat ihr Leben lang tatsächlich nichts über ihre Herkunft gewusst. Sie wusste nur, dass sie einen anderen Namen hatte. Das war ihr - wie Austerlitz - in der Schule gesagt worden. Aber sie hat nie weiter danach gefragt. Sie wollte das nicht wissen.
SPIEGEL: Aus diesen beiden Biografien haben Sie dann eine geformt?
Sebald: Es kommen noch Elemente aus anderen Biografien dazu.
SPIEGEL: Zu welcher gehört das Bild des Knaben auf dem Buchumschlag?
Sebald: Das ist das authentische Kinderbild des Londoner Baugeschichtlers.
SPIEGEL: Haben Sie die Betroffenen vorher gefragt, ob Sie ihre Biografie verwenden und veröffentlichen dürfen?
Sebald: Das mache ich grundsätzlich.
SPIEGEL: Sind die realen Vorbilder des Buchs - ein Mann und eine Frau, die sich persönlich wahrscheinlich nie kannten - glücklich darüber, dass ihre Biografien vermengt worden sind?
Sebald: Dass man die Biografie verfremdet, ist zumeist auch im Interesse der Betroffenen. Und dazu braucht man mindestens zwei Folien.
SPIEGEL: Warum hat Sie die rein dokumentarische Recherche, die Reportage, die das eins zu eins wiedergibt, nicht interessiert?
Sebald: Ich glaube, dass gerade an der Nahtstelle zwischen Dokument und Fiktion literarisch die interessanten Dinge entstehen. Das lässt sich an der dokumentarischen Welle der deutschen Literatur zeigen, die es in den sechziger, siebziger Jahren gab, von Peter Weiss bis Alexander Kluge. Es zeigte sich bald, dass es sich auch dabei nicht um unverstellte Dokumente handelt.
SPIEGEL: Weshalb nennen Sie Ihr Buch nicht Roman?
Sebald: Weil es in meinen Augen kein Roman ist. Es ist ein Prosabuch unbestimmter Art. Zu einem Roman gehören für mich Dialoge und die ganze Staffage, die man von einem richtigen Romanautor erwartet. Damit kann ich nicht umgehen. Ich kann auch keine Dialoge schreiben, was eventuell etwas damit zu tun hat, dass ich schon so lange im Ausland lebe und vom Alltagsdeutsch doch sehr entfernt bin.
SPIEGEL: "Austerlitz" ist reich an Schauplätzen: Antwerpen, London, Paris, Prag, Wales und auch Theresienstadt kommen vor. Waren Sie überall?
Sebald: Ja, allein wochenlang in Antwerpen, in Paris, in Prag.
SPIEGEL: Mit dem Namen Austerlitz verbindet sich ganz von allein Historisches.
Sebald: Dieser Name war sogar ein wesentlicher Impuls, das Buch zu schreiben.
SPIEGEL: Mit Hinblick auf die Schlacht?
Sebald: Nein, zunächst wegen Fred Astaire. Ich habe einmal im Radio gehört, dass Astaire mit bürgerlichem Namen Austerlitz hieß, was mir zunächst unwahrscheinlich vorkam. Man kennt ja diese Fred-Astaire-Filme, wo man ihn herumsteppen sieht - der letzte Gedanke, der mir dabei gekommen wäre, ist der, dass er einer jüdischen Familie entstammte: Austerlitz ist ja ein jüdischer Name.
SPIEGEL: Kein allzu häufiger Name.
Sebald: Man findet ihn im Londoner oder New Yorker Telefonbuch höchstens ein- oder zweimal. In Prag freilich häufiger. In der Zeit, von der in meinem Buch die Rede ist, in den dreißiger Jahren, gab es dort ungefähr ein Dutzend Familien Austerlitz. Unter anderem jenen Herrn, den Kafka in seinen Tagebüchern namentlich erwähnt und der gekommen war, um Kafkas Neffen zu beschneiden. Fasziniert hat mich natürlich auch, dass der Name so viel Resonanz hat, zivilisationsgeschichtlich gesehen: durch die Art, in der sich der Name einer Schlacht auf die Pariser Stadtlandschaft gelegt hat. Es gibt ja nicht nur den Bahnhof gleichen Namens, sondern im Viertel um die neue Bibliothek herum auch jede Menge Austerlitz-Brücken, -Straßen, -Gassen und -Cafés.
SPIEGEL: Also ist die Assoziation an Napoleon durchaus erwünscht?
Sebald: Napoleon und alles Napoleonische taucht in fast allen meinen Büchern auf, als historisches Paradigma, das etwas mit der Europa-Idee zu tun hat, die damals erstmals auf brachiale Weise durchexerziert wurde. Was mich daran wiederum interessiert, ist die Tatsache, dass man in Deutschland dann rund 130 Jahre später dasselbe noch einmal versucht hat, mit noch brachialeren Methoden, diese Idee einer deutschen Hegemonie, die sich von Wilhelm II. bis in die Jahre 1939/40/41 zieht. Schauen Sie sich doch die Europakarte von 1941/42 an: Da ist sozusagen alles Deutschland, mit Satelliten.
SPIEGEL: Der Zürcher "Tages-Anzeiger" fragt in einer lobenden Rezension Ihres neuen Buchs: "Darf ein deutscher Autor reale jüdische Biografien benutzen, um sein ästhetisches Spiel zu treiben?" Diese Frage werden Sie sich ja auch gestellt haben. Wie beantworten Sie sie?
Sebald: Diese Frage war mir von Anfang an bewusst. Meine Überlegung dazu war, dass das, was von deutschen Autoren nichtjüdischer Herkunft über dieses Thema der Verfolgung und der versuchten Ausrottung des jüdischen Volks geschrieben worden ist, im Allgemeinen unzulänglich ist und über weite Strecken aus Peinlichkeiten besteht, auch aus Usurpationen. Das Paradebeispiel ist für mich Alfred Anderschs Roman "Efraim". Da versuchte ein Autor, eine Art von - sei es ästhetischem, sei es realem - Kapital aus diesem Thema zu schlagen.
SPIEGEL: Wie sind Sie dieser Gefahr begegnet?
Sebald: Man geht selbst dann noch auf Eis, wenn man mit den Überlebenden ausführlich spricht, sich erzählen lässt. Man muss sich der Tatsache bewusst sein, dass es bei solchen Begegnungen bestimmte Grenzen gibt, dass die Redezeit begrenzt ist, dass man wiederkommen muss, dass man das Vertrauen dieser Personen gewinnen muss. Und das Vertrauen muss so weit gehen, dass der Text letztlich vor diesen Personen bestehen kann. Ob mir das jeweils gelungen ist, kann ich natürlich nicht beurteilen.
SPIEGEL: Woher kam bei Ihnen der entscheidende Impuls?
Sebald: Den Maßstab setzen für mich jene Autoren, die gewissermaßen von der anderen Seite her geschrieben haben, Autoren wie Peter Weiss, Jean Améry oder Paul Celan. Gerade der Fall Améry war für mich persönlich ein Wendepunkt: Ich kann mich genau an den Augenblick entsinnen, als ich bei ihm las, dass sein Großvater aus Hohenems bei Bregenz stammt, wo mein Großvater auch oft war. Da ist mir plötzlich aufgegangen, dass die Geschichte der Juden sich nicht nur in Berlin und Hamburg und Frankfurt abgespielt hat, sondern auch mitten in der Provinz, dort also, wo ich herkam. Und dass es da Geschichten gibt, die man sich anhören muss.
SPIEGEL: Der Schriftsteller Leon de Winter, selbst Kind holländischer Juden, die im Versteck die deutsche Besatzungszeit überlebt haben, hat einmal am Beispiel des Romans "Lügen in Zeiten des Krieges" von Louis Begley das Verfahren problematisiert, aus realen Lebensgeschichten literarische Fiktion zu machen: "Wenn ich mich nicht auf ihre Augenzeugenberichte verlassen kann, dann führen ihre Geschichten letztlich zur Abwertung des Unvorstellbaren."
Sebald: Es handelt sich bei dieser Frage um das moralische Dilemma jeder Literatur. Darf man überhaupt etwas erfinden? Deshalb sind ja die Realisten des deutschen 19. Jahrhunderts immer darauf bedacht, dem Leser nahe zu legen, dass das, was sie schreiben, auf authentischen Dokumenten beruhe, die sie irgendwoher haben.
SPIEGEL: Was aber doch eher Fiktionsironie war, ein Spiel mit dem Leser.
Sebald: Aber auch ein Zeichen dafür, dass sich der Autor bewusst war, dass Erfinden immer eine moralisch problematische Angelegenheit ist. Solange man in diesem Bewusstsein arbeitet - und das hoffe ich zu tun -, ist es prinzipiell möglich, über das Problem hinwegzukommen.
SPIEGEL: Beim Thema Holocaust gewinnt das Problem aber eine neue Dimension?
Sebald: Die Frage bleibt dieselbe: Darf man mit dem Unglück anderer zu Markte gehen? Die Fiktion ist auch eine Form der Popularisierung - mit dem Vorteil, dass die Themen einem sehr viel weiteren Lesekreis zugetragen werden, als es etwa einer historischen Monografie möglich wäre.
SPIEGEL: Ein Thema Ihres Buchs ist gerade erst in Deutschland durch den britisch-amerikanischen Dokumentarfilm "Kindertransport" ins Bewusstsein gerückt. Der Film basiert auf Zeugenaussagen. Viele der Befragten erinnerten sich, anders als Austerlitz, noch sehr genau an dieses frühe einschneidende Erlebnis, von ihren Eltern getrennt und danach in England bei fremden Familien untergebracht worden zu sein.
Sebald: Es kommt ganz auf die psychische Konstitution der Person an. Ich kenne den Film nicht. Es gibt aber hier in England eine Reihe von Büchern, in denen die früheren Kinder, die mit diesen Transporten nach England gekommen sind, ihre Erinnerungen niederlegen. Es gibt Leute, die nur sechs Zeilen schreiben können zu dem Thema. Und es gibt andere, die wahrscheinlich endlos erzählen könnten.
SPIEGEL: Mancher dürfte von solchen Dokumenten zu Tränen gerührt werden - bei Ihnen hingegen wird das Entsetzliche sehr vermittelt erzählt. Wie weit ist das gewollt?
Sebald: Das ist gewollt, weil ich das Umkippen ins Melodramatische fürchte, auch wenn das Melodrama auf historischen Situationen beruht. Dabei geht die ästhetische Authentizität verloren, die auf eine untergründige, intime Weise mit dem Ethischen verbunden ist. Es ist ein paradoxer Sachverhalt, dass die Dokumente in ihrer unverstellten Form nicht zu Literatur werden können. Natürlich gibt es auch falsche Formen von Fiktionalisierung, für mich ist etwa der Film "Schindlers Liste" ein Beispiel. Ich habe stets versucht, dieses Thema auf schon vermittelte Weise zu präsentieren: Es wird immer wieder daran erinnert, dass es so von jemandem erzählt worden ist, dass es durch den Filter des Erzählers gegangen ist.
SPIEGEL: Und Sie nehmen bewusst in Kauf, dass Ihr Buch dadurch manchmal etwas steif wird?
Sebald: Mein Vorbild ist Thomas Bernhard, den ich als Autor sehr vermisse. Ich würde sein Verfahren als periskopisch bezeichnen, als Erzählen um ein, zwei Ecken herum - eine sehr wichtige Erfindung für die epische Literatur dieser Zeit.
SPIEGEL: Der Ich-Erzähler in Ihrem Buch, der als Gesprächspartner von Austerlitz auftaucht, trägt deutlich Ihre Züge. Stört es Sie, wenn man ihn mit Sebald gleichsetzt?
Sebald: Die bürgerliche Person ist etwas anderes als der Schriftsteller. Der Schriftsteller ist etwas anderes als der Erzähler. Und der Erzähler ist wiederum etwas anderes als die Figuren, die er beschreibt.
SPIEGEL: Aber die Lebensdaten und Details sind die Ihrer Biografie?
Sebald: Das stimmt in aller Regel ziemlich genau.
SPIEGEL: In fast allen Ihren Büchern sind eingestreut Fotos abgedruckt. Sammeln und machen Sie diese Fotos während Ihrer Recherchen?
Sebald: Wenn ich unterwegs bin, schreibe ich natürlich auf, was ich sehe, und mache mir auch mit der Kamera Notizen.
SPIEGEL: Wie viele der Fotos sind Zufallsfunde, wie viele sind extra aufgenommen?
Sebald: Im Fall "Austerlitz" ist das etwa halbe-halbe. In meinem Buch "Die Ausgewanderten" waren fast alle Bilder historisch und authentisch in Bezug auf die dargestellten Biografien.
SPIEGEL: Es gibt in Ihrem neuen Buch viele stilistische Glanzlichter, Passagen von großer Schönheit. Etwa wenn Sie einen Flug in die Abendsonne hinein beschreiben, "bis der letzte Glanz an den Rändern der westlichen Welt erlosch". Gibt es da manchmal ein Glücksgefühl beim Schreiben?
Sebald: Selten. So etwas wie ein Glücksgefühl, wenn es überhaupt auftaucht, stellt sich am ehesten noch beim Prozess der Recherche ein: Etwa wenn man auf etwas stößt, womit man nicht gerechnet hat. Das Werk selbst ist, wie es bei Walter Benjamin heißt, die Totenmaske der Konzeption.
SPIEGEL: Das alles klingt melancholisch - zugleich sind Sie ein so fleißiger Mensch!
Sebald: Melancholie ist etwas anderes als Depression. Während Depression es einem unmöglich macht, sich etwas auszudenken oder auch nur über etwas nachzudenken, erlaubt die Melancholie, auch nicht unbedingt ein angenehmer Zustand, reflexiv zu sein und in Form gewisser Basteleien, die man im Kopf anstellt, versuchsweise Sachen zu entwickeln, von denen man vorher nichts geahnt hat.
SPIEGEL: Melancholikern wird gern vorgeworfen, dass das eine bequeme Geisteshaltung sei.
Sebald: Das wäre eher das Resignative, also Resignation als die schönste aller Nationen, wie Nestroy gesagt hat. Bequem ist Melancholie sicher nicht, weil Melancholie auch sehr viel mit Arbeitszwang zu tun hat. Ein Melancholiker arbeitet fortwährend: Ich kann zum Beispiel nicht in Ferien fahren.
SPIEGEL: Sie sind nicht nur Schriftsteller, sondern auch Familienvater, Universitätslehrer und Essayist. Wie schafft man das alles?
Sebald: Dadurch, dass man ziemlich kontinuierlich arbeitet. Und bislang konnte ich das einigermaßen machen. Es waren natürlich auch die Wochenenden, es waren die Nächte. Besonders beliebt macht man sich bei den Personen, mit denen man das Leben teilt, dadurch nicht. Andererseits glaube ich, dass wir, die Intellektuellen und die Schriftsteller, heute weitaus weniger schreiben und arbeiten als die Kollegen im 18. Jahrhundert. Was ein Rousseau allein jeden Tag an Korrespondenz produziert hat, verfasst in vollendetem Französisch! Derlei ist für uns heute fast unmöglich, wie ich überhaupt das Gefühl habe, dass unser Zugriff auf die Sprache schwächer wird im Lauf der Zeit, ein allgemeines, fast naturhistorisches Phänomen. Und das ist problematisch sowohl für das denkende Individuum als auch für eine Kultur. Eine gedächtnislose Kultur ist nicht vorstellbar.
SPIEGEL: Aber ist nicht Erinnern geradezu das Gebot der Stunde?
Sebald: Das ist die Gefahr auf der anderen Seite. Das heißt, dass es in Deutschland vor allem so etwas wie verordnete Erinnerung gegeben hat. Es kommt natürlich darauf an, dass Erinnerung eine authentische Form findet, in
der sie bestehen kann. Immerhin ist relativ durchgehend seit ungefähr 1965 versucht worden, Formen des Nachdenkens zu finden. Das beginnt bei der historischen Recherche, und es endet vielleicht bei der halbfiktionalen Prosa - immer auf der Suche nach Darstellungsformen, die diesem Thema gerecht werden können.
SPIEGEL: Ganze zwölf Jahre dauerte der Nazi-Spuk - immer noch ein unausschöpfliches Thema?
Sebald: Zum Beispiel glaube ich, dass wir bis heute nicht wissen, wie eigentlich die "éducation sentimentale" unserer Eltern unter dem Nazi-Regime ausgeschaut hat. Ich würde gern wissen: Wie sah der "Bildungsprozess" - wenn man das so sagen darf - eines deutschen Kleinbürgers aus, der im Faschismus Karriere gemacht hat? Welche Emotionen haben sich da entwickelt? Vor allem zwischen 1933 und 1942? Diese Phase wurde doch als ein einziger glorreicher Aufschwung erlebt, gerade von Leuten, die aus dem hintersten Wald kamen, wie etwa mein Vater, und die dann plötzlich in den Rang eines Offiziers aufsteigen konnten und große Aussichten zu haben schienen: Wenn es so weitergegangen wäre wie geplant, wären die in den fünfziger Jahren ja alle irgendwo in Russland oder Polen Gouverneur gewesen.
SPIEGEL: Das Thema wird Sie als Autor auch weiter begleiten?
Sebald: Ich bin im Augenblick dabei, Lebensgeschichten von zwei, drei Frauen zu recherchieren, die altersgleich mit mir sind. Anhand ihrer Herkunft möchte ich versuchen - wenn ich so weit komme - das, was ich als die "éducation sentimentale" des faschistischen Subjekts bezeichne, zu erkunden.
SPIEGEL: In Ihrem Buch "Luftkrieg und Literatur" haben Sie davon gesprochen, dass die Trümmerwelten der unmittelbaren Nachkriegszeit für Sie so etwas wie eine Herkunft darstellen. Das hat sich über all die Jahre auch nicht verloren?
Sebald: Wenn ich historische Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus dieser Zeit sehe, etwa im Fernsehen, dann habe ich immer ganz deutlich das Gefühl: Das ist es, wo du herkommst. Dort ist dein Territorium.
SPIEGEL: Herr Sebald, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
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Aus dem Allgäu
hat es W. G. Sebald, 56, nach England verschlagen: Er lehrt als Professor in Norwich und hat außer Essaybänden ("Luftkrieg und Literatur") seit 1990 viel beachtete Erzählwerke geschrieben ("Schwindel. Gefühle", "Die Ausgewanderten", "Die Ringe des Saturn") - sein neuestes Prosabuch "Austerlitz" steht derzeit auf Platz eins der SWR-Bestenliste.
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W. G. Sebald über sein Buch "Austerlitz"
"Jacques Austerlitz ist ein zur Erzählgegenwart etwa 60jähriger Mann, der im Alter von viereinhalb Jahren mit einem Kindertransport aus der Stadt Prag nach England kam und in einer kleinen Stadt in Wales von Zieheltern aufgenommen wurde, die dem Kind aus verschiedenen Gründen seine Herkunft verheimlicht haben. Der Ziehvater war ein protestantischer, calvinistisch-fundamentalistischer Priester, der nach dem frühen Tod seiner Frau in einem Irrenhaus endete, so dass Austerlitz also zunächst in Unkenntnis seiner eigenen Identität bleibt und auch lange, auf Grund der in ihm schwelenden Problematik, vermeidet, irgendwelche Fragen zu stellen, sich selbst die Fragen zu stellen, die ihn auf die Spur der eigenen Herkunft bringen könnten. Erst als er gegen Ende seines Arbeitslebens in eine Krise gerät, geht er diesen Dingen nach. Er kehrt nach Prag zurück, trifft dort auf sein altes Kinderfräulein und findet auf diesem Weg zumindest Hinweise auf seine Mutter, die Schauspielerin war und deren Spur sich in Theresienstadt verliert. Der Vater, der, als sozialdemokratischer Politiker sehr gefährdet, kurz vor dem Einmarsch der Deutschen in Prag noch den Absprung nach Paris geschafft hat, ist dort - wahrscheinlich im Zuge der früh einsetzenden Verfolgung der Juden - spurlos verschwunden. Das Buch versucht, diesen lange hinausgeschobenen Erinnerungsprozess nachzuzeichnen und nachzuvollziehen."
* Oben: Gemälde von François Gerard (1810); unten: mit den Redakteuren Martin Doerry und Volker Hage in Norwich.
Von Martin Doerry und Volker Hage

DER SPIEGEL 11/2001
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