19.03.2001

POLITISCHES BUCHErster Tischler seines Staates

Walter Ulbricht, der DDR-Diktator mit der Fistelstimme, war der mächtigste Mann des deutschen Kommunismus. Eine neue Biografie schildert sein Leben zwischen Frühsport und Politbüro.
Die Lobhudeleien auf den DDR-Chef Walter Ulbricht waren so richtig schön auf Touren gebracht worden, als in Moskau im Sommer 1953 der damals allmächtige Staatssicherheitsminister Lawrentij Berija den Daumen senkte: "Ich habe noch nie im Leben einen solchen Idioten gesehen", urteilte der gefürchtete Henker über den deutschen Genossen.
Im fernen Berlin fielen den Dichtern die Griffel aus der Hand. Das "Neue Deutschland", Zentralorgan der SED, stellte von einem Tag auf den anderen jede Berichterstattung über den Generalsekretär der Partei ein. Eigentlich wollte der am 30. Juni ganz groß seinen 60. Geburtstag feiern. Doch nun schien allen Kreml-Astrologen Walter Ulbrichts letztes Stündlein nahe. Wer Berija, den Freund des kurzen Prozesses, zum Feind hatte, dem war nicht zu helfen.
Doch Walter Ulbricht, Tischlergeselle aus Leipzig, seit der Revolution von 1918 Berufspolitiker, hatte wieder mal Glück. Der Genickschuss traf nicht ihn, sondern Berija. Ehe der mit dem deutschen "Idioten" Ulbricht abrechnen konnte, wurde er im Kampf um die Macht nach Stalins Tod selbst liquidiert, wie in der Großen Sowjetunion üblich durch einen "unerwarteten Nahschuss in den Hinterkopf".
So knapp am Tod vorbeigeschrammt ist Ulbricht häufig. Denn das Risiko scheute der kleine Sachse nie. 1893 geboren, wurde er dank einer seltenen Kombination von Eigenschaften - Tapferkeit und Opportunismus, Geltungssucht und Askese, Machtwillen und Geduld, physische Fitness und Gemütsarmut - zum mächtigsten Kommunisten, den Deutschland je hervorbrachte.
Als Diktator von Russlands Gnaden war er nach dem Zweiten Weltkrieg in der sowjetisch besetzten Zone, der späteren DDR, Herr über Leben und Tod. "Verbrecher", "Mauer-Mörder", "Russen-Knecht" und "Ratte aus Pankow" nannten ihn die westlichen Medien. Von den SED-Zeitungen ließ er sich als "Erster Tischler seines Staates" feiern, als der "bedeutendste deutsche Politiker des Jahrhunderts".
Weil Ulbricht ein "Virtuose der Macht" war, als fleißiger Apparatschik ausdauernd, als gedächtnisstarker Kaderchef nachtragend, gnadenlos und repressiv, wurde er schon Anfang der fünfziger Jahre "zum mächtigsten Mann der DDR", urteilt nun der Autor Mario Frank in einer neuen Biografie: "Mehr noch - zum mächtigsten Deutschen seiner Zeit"**.
Frank, 42, geboren in Rostock und jetzt als Jurist und Geschäftsführer in Dresden tätig, hat in jahrelanger Recherche die versteckten und verstreuten Belege der Ulbricht-Vita zusammengetragen. In Moskau durfte er die Akten der Kommunistischen Internationale einsehen, eine Fundgrube, die 70 Jahre lang verschlossen war. Die faktenreiche Biografie erschien in der vergangenen Woche. "Ulbrichts Lebenstraum war der Sowjetstaat in Deutschland", schreibt Frank, die Diktatur des Proletariats mit Ulbricht als Diktator.
Dieser Vision hat er sein ganzes Leben untergeordnet. Um fit zu bleiben, rauchte und trank er nicht, trieb Frühsport (jeden Morgen um sechs) und bevorzugte frische Eier und Rohkost (das hielt er für gesund). Er liebte nur die Partei, den Genossen Stalin und seine Ehefrau Lotte.
Sein Leben lang war Ulbricht mit niemandem befreundet. Um Vater und Mutter hat er sich nicht gekümmert, seine beiden Geschwister machten sich früh nach dem Westen auf und davon, der Bruder gleich bis nach Amerika. Die kleine Beate Ulbricht, 1946 als Waisenkind adoptiert, verfiel Männern und der Trunksucht; sie starb jung.
"Wir werden siegen, weil uns der große Stalin führt", versprach der Funktionär sei-
nen Genossen ein ums andere Mal. Dabei hegten die deutschen Revolutionäre an Ulbrichts Talenten durchaus Zweifel. Zwar wählten sie ihn schon 1923 in das Zentralkomitee der Partei (mit der kleinsten Stimmenzahl), er galt aber vielen als "Holzkopf". Seine Reden waren ohne Feuer, seine Stimme blieb nach einer Kehlkopfdiphtherie 1911 lebenslang fistelig und kippte bei Erregung um. Die sächsische Sprachfärbung verlor er nie. Sein fliehendes Kinn polsterte er mit einem Spitzbart auf. Die populärste Parole beim Volksaufstand am 17. Juni 1953 lautete deshalb: "Der Spitzbart muss weg!" Ulbricht floh unter sowjetischen Schutz nach Berlin-Karlshorst.
Dass aus den Wirren des Ersten Weltkriegs im Osten ein Sowjetreich entstanden war, hat dem Leipziger Schneidersohn mehrfach das Leben gerettet.
Prag, Paris und immer wieder Moskau hießen während der Nazi-Zeit die Orte der Emigration. Hier wie dort trieb Ulbricht - seit 1928 auch Mitglied der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) - Parteiarbeit. Dabei erwies er sich als sehr geschmeidig. Viermal wechselte er zwischen 1919 und 1939 seine Überzeugung, was die SPD anging, alles 180-Grad-Kehrtwendungen, von Stalin befohlen. Dem Kreml-Führer folgte Ulbricht auch in den Jahren der Moskauer Säuberungen 1936 bis 1938. Stalins mörderischem Kehraus der Partei fielen (neben Hunderttausenden Russen) auch Hunderte deutscher Kommunisten zum Opfer. Ulbricht und sein damaliger Gehilfe, der spätere SPD-Fraktionsvorsitzende in Bonn, Herbert Wehner, entschieden, welche deutschen Genossen von der Geheimpolizei verschont bleiben sollten. Es waren nur wenige.
Von den neun führenden deutschen Kommunisten, die in Moskau Asyl gesucht hatten, wurden fünf ermordet. Nur zwei überlebten unbeschadet - Ulbricht und Wilhelm Pieck, später erster DDR-Staatspräsident. Wehner, eigentlich dazu ausersehen, Ulbrichts KP-Linie im Untergrund
Hitler-Deutschlands durchzusetzen, geriet 1942 im neutralen Schweden in Haft und sagte Ulbricht Lebewohl.
Der ging, wie immer, aufs Ganze. Wochenlang lag der Emigrant 1942/43 vor Stalingrad in eiskalten Erdlöchern und trieb unter Beschuss Lautsprecherpropaganda, für Stalin, gegen Hitler. Seinerzeit lernte er den sowjetischen Genossen Nikita Sergejewitsch Chruschtschow kennen, was sich zehn Jahre später als nützlich erweisen sollte, denn der wurde Stalins Nachfolger.
Seinem Ziel, die roten Fahnen von der Elbe an den Rhein zu tragen und dabei vor allem das Ruhrgebiet einzugemeinden, kam Ulbricht nie näher. Auf gar keinen Fall wollte er sich freien, gesamtdeutschen Wahlen stellen. Im September 1957 empfing er im Ost-Berliner "Haus der Einheit" vier SPIEGEL-Redakteure zum Gespräch, ein Novum (SPIEGEL 39/1957). Der alte Kommunist, platziert unter der Bronzestatuette eines Arbeiters mit Gewehr, agitierte lebhaft für eine "Konföderation" zwischen Bonn und Pankow, den Abzug der westlichen Besatzungstruppen und die Aufhebung der Wehrpflicht in Westdeutschland.
Auf die Frage des SPIEGEL-Herausgebers Rudolf Augstein: "Und wo ist der Punkt vier: Abhaltung freier Wahlen?", antwortete Ulbricht: "Moment! Langsam, langsam!" Erst müsse alles andere geschehen und vor allem Bundeskanzler Konrad Adenauer verschwinden, denn der sei "ein Atomkriegspolitiker" und wolle "Deutschland in die Katastrophe treiben". Aus der "Konföderation" wurde bekanntlich nichts.
Richtig gefährlich wurde die Lage für den betagten Bolschewisten erst, als seine jüngeren Konkurrenten, allen voran Erich Honecker, begannen, die russische Karte gegen ihn auszuspielen. "Der Honecker", schimpfte Ulbricht 1970, "ist noch ein grüner, unreifer Kommunist. Er muss noch lernen!" Damals war Ulbricht 77, Honecker 57. Die Tage des Alten waren gezählt.
Bis zu seinem Tod im Sommer 1973 grummelte er gegen "Schundliteratur" und "Ringelsocken", "Junker" und "Revanchisten". Seine Frau Lotte lebt noch, in Berlin-Pankow, in einer Villa mit Personal. Sie hat den Kaiser überlebt, Lenin und Stalin gut gekannt, ist ganz klar im Kopf, weiß alles und schweigt eisern. Im April feiert sie ihren 98. Geburtstag. HANS HALTER
* Rudolf Augstein, Hans Detlev Becker und Hans Dieter Jaene im September 1957 im "Haus der Einheit" in Ost-Berlin. ** Mario Frank: "Walter Ulbricht. Eine deutsche Biografie". Siedler Verlag, Berlin; 540 Seiten; 48 Mark. * Mit Mao Tse-tung (l.), Stalin und Chruschtschow 1949 bei den Feierlichkeiten zu Stalins 70. Geburtstag.
Von Hans Halter

DER SPIEGEL 12/2001
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