19.03.2001

FOTOGRAFIE„Man schießt nicht auf Scouts“

Er ist der ungewöhnliche Zeuge einer dramatischen Zeit, zugleich ein bedeutender, wenn auch lange unterschätzter Fotograf: Tony Vaccaros Bilder aus dem Deutschland der vierziger Jahre werden jetzt umfassend gewürdigt - in einem neuen Buch und einer Berliner Schau. Von Alexander Osang
Tony Vaccaro ist Ritter der französischen Ehrenlegion, aber das weiß in West Queens niemand. Hier, am Ufer des East River, ist er einfach ein alter, silberhaariger Italiener, der mit seinem erwachsenen Sohn im schlauchförmigen Erdgeschoss eines Holzhauses lebt. Es gibt nur zwei winzige Fenster am Ende des Schlauches, alles andere sind Wände. Das ist nicht weiter schlimm, denn Tony Vaccaro, 78, besitzt viele Dinge, die man an die Wand hängen kann: die Porträts von Anna Magnani, Picasso, Somerset Maugham, Robert De Niro, Jackson Pollock, die er vor Jahren aufnahm, die Gemälde von Alberto Burri und Karel Appel, deren Wert er lieber verschweigt, weil die Nachbarn auf falsche Gedanken kommen könnten, die Plakate seiner Ausstellungen und die vielen Urkunden, die ihn als Kriegsfotografen preisen. Über der Couch hängt Mitterrands Ritterschlag. Nur vier Meter sind es von hier zum Herd, wo die Pasta kocht.
Anfang der Neunziger, als das Jubiläum der Normandie-Offensive vorbereitet wurde, haben sie ihn in Europa entdeckt. Er war über 70, in New York war er vergessen. Die Franzosen planten eine Ausstellung der besten Kriegsbilder, am Ende nahmen sie nur seine Fotos. Er wurde berühmt. Vaccaro wusste, dass es irgendwann passieren würde. "Ich war ja der einzige Fotograf, der da war", sagt er. Er stellt drei Teller auf den Tisch, aber sein Sohn, der am Ende des Schlauches schläft, steht nicht auf. Er war die ganze Nacht unterwegs.
Vaccaro landete im Juni 44 in der Normandie, er war immer der Erste in der Stadt. Er war Scout in seinem Regiment. Er war klein, dünn und schnell, viel schneller als die offiziellen Army-Fotografen mit ihren schweren Koffern und Platten. Vaccaro trug seinen Leica-Nachbau neben dem Sturmgewehr vor der Brust. Er kämpfte erst, dann fotografierte er, und manchmal vergaß er die Reihenfolge. Es gibt ein Foto, das zeigt, wie der Soldat neben ihm fällt. Der Gefreite Jack Rose lebt gerade noch, als ihn Vaccaro abbildet, es ist der Moment, in dem die Kugel seinen Körper erreicht.
Vaccaro lief durch die zerstörten Städte, er suchte nach Filmen in Drogerien, in ausgebombten Wohnungen, in den Taschen von Toten. Er entwickelte seine Bilder in vier Stahlhelmen, manchmal war der erste Teil des Films noch von deutschen Soldaten belichtet worden, die inzwischen tot waren. Deutsche Soldaten posieren mit einem gefangenen, schwarzen GI, als hätten sie einen Elefanten erwischt.
Vaccaro war 22 Jahre alt, er fotografierte im Rausch. Er machte 8000 Fotos vom Krieg. "Man schießt nicht auf Scouts", sagt er, als müsse er sich dessen immer noch vergewissern.
"Ich habe nie darüber geredet, 40 Jahre lang habe ich nicht darüber geredet. Mich hat nie jemand gefragt. Die Amerikaner sind an Heldenbildern interessiert. Ich hatte keine Heldenbilder. Amerikaner sind wie Russen. Sie lieben Fahnen und große Posen. Das Foto meines Kollegen Joseph Rosenthal, auf dem amerikanische Soldaten unsere Fahne in Japan aufstellen, ist gefälscht. Aber damit wurde er berühmt."
Vor ein paar Jahren hatte er in Berlin eine gemeinsame Ausstellung mit dem sowjetischen Fotografen Jewgeni Chaldej, der das Foto vom Sowjetsoldaten auf dem Reichstag machte. Die beiden hatten sich nicht viel zu sagen. Sie lächelten tapfer. "Chaldej trank viel und starb ja dann auch bald", sagt Vaccaro. "Er war nett, aber doch ganz anders als ich. Er machte Heldenbilder, Montagen mit dunklem Himmel. Das Bild auf dem Reichstag war gestellt. Ich habe so was nicht gemacht."
Nicht ein einziges seiner Kriegsbilder ist je in Amerika veröffentlicht worden.
Das Buch, das jetzt in Deutschland - anlässlich einer Vaccaro-Schau im Berliner Willy-Brandt-Haus - erscheint, ist sein erstes*. Vaccaro lässt den Teller für seinen Sohn stehen, vielleicht steht er doch noch auf. Der Junge ist 33 und hat versprochen, das Leben seines Vaters aufzuschreiben. Gute Fotografen können nicht schreiben. Vaccaro hat Bänder mit seinen Erinnerungen besprochen, die oft klingen wie Träume. Schöne und weniger schöne Träume.
Seine Mutter starb, als er drei war, sein Vater vier Jahre später, mit 17 beschloss er, Fotograf zu werden - um die Menschen zu verstehen, wie er sagt. Vaccaro fotografierte den Sand und das Wasser der Normandie. Er rannte in die Schlacht um den Hürtgenwald bei Aachen, wo 70 000 Soldaten starben. Er fotografierte Paketberge, die seine Kameraden nicht
mehr erreichten, weil die bereits tot waren. Es gibt das Bild eines Deutschen, der blind durch den Wald hetzt, verbrannt und mit Morphium voll gepumpt, taumelt er vor Vaccaros Kamera. Vaccaro fotografiert tote Gesichter, er fotografiert Bewegungen, er reißt die Kamera im Affekt hoch, schnell, er ist noch mehr Soldat als Fotograf, was seine Bilder einzigartig macht. Er ist ohne Distanz. Ein Gefreiter mit einer Sondergenehmigung.
"Ohne die Bilder hätte ich keinen Sinn gesehen, weiterzuleben", sagt er. "Es war meine einzige Aufgabe."
Am letzten Kriegstag fotografiert er eine tote Frau, der ein Messer im Unterleib steckt. Als er über 50 Jahre später an den Platz zurückkehrt, an dem sie gelegen hat, erinnert er sich nicht mehr, was mit der Frau passiert war. Dann liest er, was er damals auf den Rücken des Fotos geschrieben hat, und die Bilder kommen zurück. "Ein amerikanischer Soldat sagte mir, dass die Frau verletzt war. Sie sei von drei Soldaten vergewaltigt worden, während sie starb", sagt Vaccaro heute.
Von Amerikanern? "Die Front ist ein unheimlicher Platz", sagt er, steht auf, räumt den Teller seines Sohnes ab. Und sagt noch mal: "Die Front ist ein unheimlicher Platz."
Der Krieg war vorbei, aber Vaccaro konnte nicht aufhören zu fotografieren. Er blieb in Deutschland. Er sah Menschen, die sich befreit fühlten, und Menschen, die sich besiegt fühlten. Er bekam dunkle Blicke von deutschen Männern, misstrauische von deutschen Kindern, flirtende, ängstliche Blicke von deutschen Frauen. Vaccaro blieb bis 1949, die Gesichter veränderten sich, die Amerikaner sickerten in den deutschen Alltag. Sie versuchten, den Kindern Baseball beizubringen, die deutschen Frauen näherten sich den amerikanischen Soldaten. In Vaccaros Bildern liest man seinen Wunsch, dass alles gut wird. Die letzten Fotos zeigen lachende deutsche Kinder, die neben GIs herlaufen.
Dann ging er nach Hause.
Es war vorbei, aber eigentlich fing seine Karriere erst an. Er arbeitete 20 Jahre lang für die großen amerikanischen Magazine. "Flair", "Look", "Life". Er nahm 2000 Dollar am Tag und reiste um die Welt. Er machte das letzte Foto des Toreros Manolete, ein Schatten vor einem Stier, aus dessen Nacken eine Blutfontäne spritzt. Der nächste Stier tötete den Matador. Er war mit Charlie Chaplin befreundet, Picasso hat ihn sich unter 20 "Life"-Fotografen ausgesucht.
Vaccaro hat eine dicke rote Mappe mit den Prominenten, die er fotografierte. Marlene Dietrich, Frank Sinatra, John F. Kennedy, Jackie Onassis, Alfred Hitchcock, Marlon Brando, Sugar Ray Robinson, Dalí. Es sind alle dabei. Er zog ins Greenwich Village, lebte in der New Yorker Kunstszene. Er war mit Jackson Pollock befreundet, später machte er Modefotografie, er heiratete ein finnisches "Life"-Model, zog mit ihr nach Rom, zeugte zwei Söhne, kam zurück, sie bezogen ein Penthouse am Central Park, mit einer Terrasse, die die "New York Times" einst als schönste von ganz Manhattan bezeichnete.
Über dem verschlissenen Sofa hängt ein Bild, das ihn lachend mit Anna Magnani zeigt. "War das im ,Ritz''? Oder im ,Pierre''? Ich hab es vergessen."
Es war alles wie ein Reflex auf den Krieg, und irgendwann war es vorbei. Er kann gar nicht mal sagen, wann. Er trinkt keinen Alkohol mehr und keinen Kaffee. Seit zehn Jahren lebt er in diesem winzigen Apartment. Die Magazine gingen ein, niemand konnte mehr die Spesen bezahlen, die er gewohnt war.
Die Vaccaros verkauften das Apartment, zogen in ein Haus im Norden New Yorks, irgendwann lernte seine Frau einen anderen Mann kennen. Sie behielt das Haus und die Möbel. Er zog hierher. Er trommelt auf sein rotes Prominentenbuch. "Die meisten sind ja tot", sagt er. Vor ein paar Monaten war er bei Jason Robards und hat ihn noch mal fotografiert, bevor er starb. "Wir haben Linsensuppe gegessen und gelacht."
Am späten Nachmittag kommt sein Sohn wortlos aus dem dunklen Teil der Wohnungsröhre, legt sich aufs Sofa und macht den Fernseher an. Sein Vater kann sich nicht auf diesen Biografen verlassen.
Vaccaro kommt jetzt nach Deutschland, er promotet sein Buch und seine Ausstellung in Berlin. Er wird über seine deutschen Fotos reden. "In den vierziger Jahren habe ich die besten Bilder gemacht", sagt er. Aber er lebt immer noch und fotografiert weiter.
Vaccaro zieht eine Schublade nach der anderen auf, jeder Winkel des Apartments ist voll gestopft mit seinen Erinnerungen. Artikel, Fotos, Briefe. Vaccaro versucht, sein Leben bei sich zu behalten. Sein jüngerer Sohn liegt auf dem Sofa, der ältere wohnt auf der anderen Seite des Flurs, die Schwestern leben zwei Blocks entfernt.
Amerika hat ihn vergessen, aber er kann ihm das nicht übel nehmen. Er hatte Jewgeni Chaldej damals angeboten, ihn mit hierher zu nehmen. Aber der Russe wollte nicht. "Er hat gesagt, er will in Russland sterben", sagt Vaccaro und schaut fassungslos. In Russland!
Vaccaro schiebt die Teller beiseite und legt ein Foto von Sophia Loren auf den Küchentisch, sie steht lächelnd auf seinem Balkon. Das war 1959. Er erzählt die Geschichte, wie sie ihn an diesem Tag besucht, aber zu früh kommt und er noch mit einem Handtuch um die Taille zur Tür geht, weil er gerade geduscht hat. Und sie ruft: "Tony Vaccaro. Sofort zu allem bereit!" Und er sagt: "Sophia, wenn ich ein bisschen größer wäre!" Und sie zieht die Schuhe aus, aber er reicht ihr trotzdem nur bis zur Brust.
Der kleine alte Mann tanzt durch seine winzige Küche und spielt, wie er den Kopf in den Busen der Loren bettet, er lacht und lacht, die Toten und die Berühmten schauen von den Wänden, während die Espressomaschine rumpelt.
Die Fotos halten das Leben des kleinen Ritters zusammen. Tony Vaccaro ist 78 Jahre alt. Er hat jetzt die Geschichten, die halbwegs zu seinen Bildern passen. Er hat überlebt.
* 11. bis 30. April. Der Bildband "Tony Vaccaro: Entering Germany 1944 - 1949" erscheint im Taschen Verlag, Köln. 192 Seiten; 39,95 Mark.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 12/2001
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