Von Neumann, Conny; Pötzl, Norbert; Scheidges, Rüdiger; Schmid, Barbara; Schreiber, Sylvia; Staudinger, Martin; Stockinger, Günther
Und als Ulrike Ottenottebrock in ihrem Bett lag, damals vor 44 Jahren auf dem Bauernhof der Eltern, und die Nacht hing dunkel und drohend über ihr, da faltete sie die Hände und betete. Betete, was sie von ihrer Oma Anna gehört hatte: "Lieber Gott, beschütze uns vor Krieg. Vor Feuer durch Blitz. Und vor der Maul- und Klauenseuche." Woran sich eine Bauernfunktionärin so erinnert in Zeiten der Not ...
Und als der Reporter von NDR 4 den niedersächsischen Landwirtschaftsminister Uwe Bartels am vergangenen Donnerstag fragte, was er jetzt noch tun könne außer zu beten, da sagte Bartels: "Beten hilft immer." Worauf ein Minister so kommt in Zeiten der Not ...
Und als der calvinistische Pastor Jan Borst im holländischen Seuchendorf Welsum den alten Bauern vor sich hatte, einen in der Seele verstörten Mann inmitten seiner todgeweihten Tiere, und der Prediger fragte, was er für ihn noch machen könne, da sagte der Alte nur: "Allein noch beten, Pfarrer." Was man als Bauer so sagt ohne Hoffnung in der Not ...
Ob der Bauer aus Welsum, der Minister aus Hannover oder die Vorstandsfrau Ottenottebrock-Völker vom Agrar-Bündnis, einer Ökolobby aus 20 Verbänden - vor der Seuche sind alle Landmenschen gleich: Sie denken ans Beten. Was man als Mensch so denkt, angesichts übermächtiger Gefahr.
Wie eine biblische Geißel ist nach dem Rinderwahn die Maul- und Klauenseuche (MKS) über die grüne Welt hereingebrochen, die spätestens seit vergangener Woche eine ganz kleine Welt geworden ist: Die Seuche war plötzlich in den Niederlanden, nur 50 Kilometer hinter der deutschen Grenze.
Landvolk in Not: Verzweifelt kämpfen Bauern nun wieder um ihre Rinder und Schweine, ihren Besitz und ihre Existenz, sie verbarrikadieren ihr Vieh und verschanzen sich auf ihren Höfen.
Doch auch bei jenen Deutschen, denen die Landwirtschaft bis zum BSE-Schock nie näher lag als die Milchtruhe im Supermarkt, zeitigt die Seuche umfassende Wirkung. Wie BSE macht MKS dem modernen Konsumenten klar, dass sein Steak Teil eines lebenden Tiers war und der Tod der Kreatur ein unappetitliches Stück Arbeit mit dem Schlachtermesser. Die Bilder von Rinder-Scheiterhaufen in Großbritannien und von krank zusammenbrechenden Schweinen zwingen Städtern wieder die Frage auf, wie viel Quälerei ihr Gaumenspaß wert ist (siehe Titel Seite 212).
Daran ändert auch nichts, dass MKS eine der ältesten und für den Menschen ungefährlichsten Tierseuchen ist, noch dazu eine, welche die meisten Opfer überleben lässt. Doch wie sich die Epidemie nun durch Europa fraß, von England über Frankreich nach Holland und Irland, unsichtbar und unaufhaltsam nach allen Spannungsregeln des Horrorfilms - das hat Deutschland wieder aufs Äußerste alarmiert.
Erneut gilt es, eine unausweichliche Katastrophe öffentlich zu durchleiden. Die nächste Konsequenz einer verfehlten EU-Agrarpolitik, die zu extrem hohen Tierdichten in manchen Regionen geführt hat, zu Betrieben mit gigantischen Viehbeständen, zu unsinnig langen Tiertransporten und zur damit verbundenen Ausbreitung von Krankheiten. Eine Politik, die sich deshalb die entscheidende Frage gefallen lassen muss: Warum hat die EU unter diesen Umständen 1991 das Impfen gegen MKS verboten?
Fest steht: Einfach nur die Schotten dicht zu machen wird jetzt auch nicht mehr helfen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Epidemie Deutschland erreicht, liege bei "fast 100 Prozent", schätzte vergangenen Donnerstag die nordrhein-westfälische Landwirtschaftsministerin Bärbel Höhn.
Da wusste die Grüne schon, dass seit Februar noch mehr als 1200 Transporte mit 221 000 Tieren aus den Niederlanden über die grüne Grenze gekommen waren.
Doch ganz so, als ließe sich das Virus trotzdem noch spätestens am Scheunentor verhaften, versucht es die überrumpelte Republik weiter mit einem an Inkonsequenz oder Untauglichkeit kaum noch zu überbietenden Abriegelungsaktionismus.
Allein in Niedersachsen standen 56 Betriebe mit Vieh aus den Niederlanden unter Quarantäne. Bundesweit schlossen Zoos, in Düsseldorf beschlagnahmten Veterinäre französischen Rohmilchkäse auf dem Wochenmarkt, der Handelsriese Metro reagierte, kaum dass Irland seinen ersten MKS-Fall meldete, mit der Ankündigung, nun müsse wohl auch irischer Cheddar aus den Regalen verschwinden.
Doch während die Behörden in der niedersächsischen Gemeinde Wielen an der niederländischen Grenze kleinste Wald- und Wiesenübergänge sperrten, passierten auf der Hauptstraße am vergangenen Freitag noch Hunderte Pendler aus dem Nachbarland ohne Desinfektion der Autoreifen die Grenze. Und während die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern Klassenfahrten nach England und Frankreich abblies, mussten sich Pauschalurlauber mit der gleichen Destination von der TUI sagen lassen, dass MKS keine Lebensgefahr darstelle, auch keinen Stornogrund.
Im bayerischen Weilheim standen derweil die Viehanhänger in langen Schlangen vor dem Landratsamt, weil Veterinäre kontrollierten, ob die Transporter nach jeder stempelpflichtigen Sonderfahrt stubenrein ausgewaschen wurden. Gleichzeitig pusteten riesige Gebläse in den Mastställen des Ortes möglicherweise Viren in alle Winde.
Wie in Großbritannien, wo Ende vergangener Woche für 501 Betriebe der MKS-Fall bestätigt war und die Regierung erstmals einräumte, die Seuche nicht mehr unter Kontrolle zu haben, begann sich auch in Deutschland das öffentliche Leben zu strangulieren - hier mehr, dort weniger.
Wie etwa beim Reitsport mit seinen jährlich 4000 Turnieren. Für die Bundesregierung gelten die Reiterkonvente als die reinsten Virenschleudern; das Verbraucherschutzministerium hat "dringendst" von der Teilnahme abgeraten. Weil das aber nur eine Empfehlung ist und jeder deutsche Kreisveterinär für seinen Bezirk entscheidet, welche Hygienebedingungen ein Turnier erfüllen muss, ist auf keinen Termin mehr Verlass.
Auch nicht auf die Bundeswehr. Selbst die verkrümelte sich schon zum Innendienst: Sie sagte das Manöver "Löwensprung" ab, aus Angst, die Soldaten könnten möglicherweise nicht keimfrei aus dem Feld zurückkehren.
Doch was bringen Disziplin, Ordnung, Verzicht, wenn das Virus vom Winde verweht werden kann? Bis zu 300 Kilometer weit kann der Erreger getragen werden; "dagegen hilft nichts", ahnt Ökolobbyistin Ottenottebrock-Völker aus Erfahrung: Sie hat 1982 auf ihrem Hof in Rheda-Wiedenbrück selbst 120 Zuchtsauen durch die auf dem Luftweg übertragene Aujeszkysche Krankheit verloren. Auch Karin Gollisch, Tierschutzbeauftragte der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft in Braunschweig, zweifelt an hermetischen Absperrungen: "Die Übertragung per Wind macht die Wirksamkeit sämtlicher Maßnahmen gegen die Seuche relativ."
Und wenn nicht der Wind, dann der Tiertourismus der europäischen Landwirtschaft wie bei den jüngsten Fuhren aus Holland. Weil der Export lebender Tiere in der EU lukrativer ist als die Ausfuhr von Fleisch, werden jedes Jahr 25 Millionen Tiere kreuz und quer über den Kontinent verschoben - unter tierquälerischen Bedingungen: Rinder dürfen bis zu 29 Stunden, Schweine und Pferde bis zu 24 Stunden befördert werden, ohne den engen rollenden Käfig zu verlassen.
Die Ziele der Viehspediteure liegen zu einem beträchtlichen Teil in Regionen, die besonders MKS-gefährdet sind: in Nordafrika, im Nahen Osten. Vor allem lebendes Geflügel wird in die Türkei exportiert, ein klassisches Transitland für neue MKS-Stämme aus Asien.
Auch der aktuell grassierende MKS-Stamm O-PanAsia hat wohl diesen Weg genommen. Der Subtyp wurde 1990 bei einem Ausbruch in Nordindien isoliert, breitete sich rasch nach Fernost aus - und fand seinen Weg nach Großbritannien.
Besonders oft steuern die Tiertransporter hier zu Lande den Weser-Ems-Bezirk an, Deutschlands größten Schweinestall mit fünf Millionen Sauen und Ebern, wo die Viehmast sich konzentriert wie die Angst der Bauern vor der Seuche (siehe Seite 42). Wenn hier ein Betrieb ein infiziertes Schwein aus Holland geliefert bekommen hätte, wäre das für Niedersachsens Landwirtschaftsminister Bartels der "Super-GAU".
An dieses Wort hat man sich schon gewöhnt, nicht aber an militärische Lageberichte wie den des niederländischen Landwirtschaftsministers Laurens Brinkhorst: "Wir befinden uns in einer Kriegssituation."
Was passiert, wenn das Virus nach Deutschland kommt, darauf gab der "Kriegszustand" beim Nachbarn einen Vorgeschmack: Seit vermutlich eine Fuhre Kälber aus Irland, die sich in der französische Krisenregion Mayenne infiziert hatten, das Virus eingeführt hat, stehen 122 Millionen Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen und Hühner unter Arrest. In Amsterdam wurde in Supermärkten die Milch knapp, weil sie nicht mehr von den Höfen geholt wurde. Im Rotterdamer Hafen lag Viehfutter, das nicht mehr in die Ställe gelangte. Dort neigten sich die Vorräte dem Ende zu.
Mit dem holländischen Seuchenzug spitzt sich in der EU die Debatte über das Impfen noch weiter zu. Doch während die Landwirtschaftsminister von Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, Höhn und Bartels, Bauernpräsident Gerd Sonnleitner oder Landvolkpräsident Wilhelm Niemeyer die gefährdeten Viehbestände vorsorglich gegen den gerade grassierenden Virustyp aus Großbritannien schützen wollen, winkt der Tübinger Veterinärmediziner Bernd Haas von der Bundesanstalt zur Erforschung von Viruskrankheiten ab. "Die Diskussion ist irreal."
Höchstens eine Million Impfdosen gegen das England-Virus sind in Deutschland verfügbar, das reicht nicht mal für den Weser-Ems-Bezirk, geschweige denn für alle 15 Millionen Rinder und 26 Millionen Schweine bundesweit.
Nun rächt sich, dass die EU 1991 jede MKS-Impfung verboten hat, obwohl der regelmäßige Großeinsatz der Veterinäre bis dahin sämtlichen Virentypen in Europa den Garaus gemacht hatte. "Der Stopp war aus immunologischer Sicht ein Fehler", urteilt Hans-Dieter Klenk, Virologe an der Universität Marburg, der die Rückkehr zur allgemeinen Impfvorsorge fordert.
Der Hauptgrund für den Ausstieg war 1991 ein wirtschaftlicher Vorteil. Die EU wollte sich Exportmärkte in Nordamerika und Osteuropa erobern - dort aber ließ sich Fleisch nur verkaufen, das aus Ländern ohne MKS-Impfung stammte. Denn ob ein Klauentier wegen einer frischen Ansteckung oder nur wegen einer Impfung Antikörper gebildet hat, lässt sich bis heute nicht unterscheiden.
Für die Entwicklung eines markierten Impfstoffs, der die sichere Abgrenzung geleistet hätte, habe es nach dem Verbot der MKS-Impfprogramme auch keine Forschungsgelder mehr gegeben, beklagt Werner Eichhorn, Veterinärmediziner an der Universität München. "Daran hatte keiner mehr Interesse."
So kann die EU ausgerechnet deshalb so hartnäckig an ihrer Anti-Impf-Strategie festhalten, weil durch ihre jahrelange Abwehrhaltung Massenaktionen in der jetzigen Krise ohnehin nicht mehr realistisch sind. Noch kurz vor der Sitzung der deut-
schen Agrarminister am Donnerstag in Cottbus machte EU-Verbraucherkommissar David Byrne einer zwiegespaltenen deutschen Verbraucherschutzministerin Renate Künast klar: "Wenn ihr auch nur ein Tier impft, geltet ihr als MKS-Land, und dann machen wir euch dicht: keine Exporte mehr in die EU."
Künast blieb deshalb auch vor den murrenden Länderkollegen in Cottbus bei ihrem Nein zu vorbeugenden Spritztouren. Die Agrarminister mussten sich damit zufrieden geben, dass sie wenigstens bei einem nachgewiesenen MKS-Ausbruch in ihrem Bundesland Ringimpfungen um den betroffenen Hof anordnen dürften. So wie das die EU den Niederlanden für den Fall erlaubt hat, dass sie mit dem Keulen nicht schnell genug nachkommen. Dann - aber nur dann - könnte die EU auf einen Exportstopp für einen Mitgliedsstaat verzichten - Voraussetzung: Die geschützten Tiere werden trotzdem noch getötet, so schnell es geht.
Für die EU blieb damit im Veterinärausschuss am Freitag in Brüssel der "Body-Count" auch weiterhin eine kühle Risikoabwägung. Solange Tierkeulungen und kurze Exportstopps weniger ins Geld gehen als weltweite Vermarktungssperren für geimpftes Fleisch, will die Gemeinschaft wohl bei ihrer Strategie bleiben.
Denn gegenwärtig sind noch 11 der 15 Mitgliedsländer seuchenfrei. Käme der gesamte EU-Fleischmarkt zum Erliegen, beträfe dies ein Exportvolumen von 40 Milliarden Euro. Dagegen nehmen sich bislang rund 1,5 Milliarden Gulden Umsatzverlust in Holland oder die 3,6 Milliarden Pfund der britischen Landwirtschaft bescheiden aus.
Rechnen muss nun auch Renate Künast: Der Bund werde den Bauern finanziell beistehen, kündigt die Ministerin an. Geschröpfte Tierseuchenkassen und die Absage aus Brüssel, das Keulen mit zu finanzieren, lassen neue Belastungen für den Bundeshaushalt erwarten. Bisher orientiert sich Künast allerdings am billigen Schadensfall Frankreich, nicht am drohenden Totalverlust in Großbritannien.
Dem Notstand der Briten ist mit Mitteln der Politik ohnehin kaum noch beizukommen, allenfalls noch mit dem Mittel des politischen Offenbarungseids. Auf dem EU-Gipfel in Stockholm musste Premier Tony Blair seinen Kollegen eine peinliche Bitte unterbreiten: Sie mögen ihm doch Veterinäre schicken, bettelte Blair. Das stolze Britannien hatte nicht mehr genug Experten, um sich selbst zu helfen.
CONNY NEUMANN, NORBERT PÖTZL, RÜDIGER SCHEIDGES, BARBARA SCHMID, SYLVIA SCHREIBER, MARTIN STAUDINGER, GÜNTHER STOCKINGER
DER SPIEGEL 13/2001
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