02.04.2001

AFFÄRENReiche Frucht

Zehntausende gutgläubige Tierfreunde finanzierten offenbar das Luxusleben ihres Vereinschefs. Der mutmaßliche Millionenbetrug kommt nun vor Gericht.
Für einen Mann, der die meiste Zeit des Jahres in seiner Villa im fernen Thailand lebt, war der Fuhrpark von Wolfgang Ullrich, 57, im heimischen Ziemetshausen nahe Augsburg außergewöhnlich gut bestückt.
Neben einem Mercedes SL 500 Roadster (Listenpreis 177 000 Mark), einem 600er SEL (206 000 Mark) und einem alten 300er, dem legendären "Adenauer", standen ein Porsche 911 SC sowie ein Rolls-Royce Corniche (685 000 Mark) zur Ausfahrt bereit. Als Perle des Karossenschatzes aber glänzte ein roter Ferrari: ein tiefer gelegter F40 in Rennversion - Liebhaberpreis mindestens 600 000 Mark. Den holte der Hausherr nur bei besonderem Anlass aus der Garage.
Die Freude an seiner Fahrzeugflotte ist Ullrich inzwischen vergangen. Dem gelernten Werkzeugmacher, der auch gern mit schönen, vor allem jungen Frauen posierte und mit seinem Vermögen prahlte ("Ich bin ein reicher Mann"), hat der Fiskus alle Autos in Deutschland gepfändet. Er selbst sitzt in Untersuchungshaft.
Von diesem Montag an steht Ullrich im Mittelpunkt eines spektakulären Prozesses. Vor dem Landgericht München II beginnt eines des größten Verfahren wegen mutmaßlichen Spendenbetrugs, das es in der Bundesrepublik je gegeben hat. In mehr als anderthalb Millionen Fällen soll Ullrich die gutgläubigen Mitglieder von zwei großen Vereinen, des Deutschen Tierhilfswerks (DTHW) sowie des Europäischen Tierhilfswerks (ETHW), hintergangen und sich dabei um schier unglaubliche Summen bereichert haben.
Mit den beiden Mitangeklagten Eduard Baumann, 52, und Udo-Bernhard Lischka, 58, habe sich Ullrich hinter der Fassade einer vermeintlich karitativen Organisation zu einer kriminellen Vereinigung zusammengeschlossen, wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor. Über ein Gewirr von in- und ausländischen Firmen, Vereinen und einer Stiftung hätten die drei es geschafft, allein zwischen 1994 und 1999 mehr als 76 Millionen Mark aus dem Vermögen von DTHW und ETHW "auf private Konten in der Schweiz abzuzweigen".
Der Großteil, "mindestens 70 Millionen Mark", soll bei Ullrich gelandet sein. Bei Baumann vermutet die Staatsanwaltschaft wenigstens fünf Millionen, bei Lischka 1,4 Millionen Mark.
Bevor er das große Rad zu drehen begann, hatte Ullrich ganz klein angefangen - als Buchclub-Werber für Bertelsmann. Anfang der siebziger Jahre zog er durch die Fußgängerzonen und arbeitete sich dabei schnell zum Chef einer "Drückerkolonne" hoch. Gleichzeitig ging Ullrich in Münchner CSU-Kreisen ein und aus. Für den "Bayernkurier" warb er Abos, für die Partei seines Idols Franz Josef Strauß Spenden - gegen hohe Provision. "Das war meine schönste Zeit", erzählt Ullrich noch heute.
Mitte der achtziger Jahre entdeckte Ullrich, dass sich mit der Tierliebe von Menschen gute Geschäfte machen ließen. 1984 war in München ein Verein namens "Garten Eden" gegründet worden, der sich ein Jahr später in "Deutsches Tierhilfswerk" umbenannte. Zur Vorsitzenden wählten die rund 800 Mitglieder Ullrichs Mutter Eva Frank.
Schon bald trug "Garten Eden" für Ullrich reiche Frucht: Eine seiner Firmen ging mit ihren Kolonnen auf Mitgliederfang für den Verein und kassierte dafür anfangs knapp ein Drittel der so geworbenen Beiträge. Obwohl Ullrich zunächst keine offizielle Funktion in dem angeblich wohltätigen DTHW übernahm, "beherrschte" er den Ermittlungen zufolge "spätestens seit Oktober 1985 den Verein faktisch" - und bescherte vor allem sich selbst.
Den Vorsitz im DTHW übernahm Ullrich 1994. Lischka, bis dahin Steuerberater des Vereins, wurde sein Stellvertreter. Beim "Schwesterverein" ETHW, 1989 gegründet, stand Ullrich gleich zu Beginn an der Spitze. Baumann fungierte dort als Vize (ab 1994), Lischka als Schatzmeister (ab 1995).
Die wichtigen Führungspositionen hatte das Trio somit unter sich aufgeteilt. Weil Ullrich aber schon damals lieber im thailändischen Pattaya ausspannte und Deutschland nur noch sporadisch besuchte, musste Baumann - der wegen Betrugs vorbestraft ist - die Rolle als "rechte Hand" (Staatsanwaltschaft) Ullrichs übernehmen und dessen Geschäfte in der Heimat abwickeln.
Schon gleich nach dem Amtsantritt als DTHW-Chef baute Ullrich dort wie auch beim ETHW sein bei Bertelsmann und der CSU erprobtes Geschäftsmodell massiv aus. Drückerkolonnen zogen mit Spendenbüchsen und Mitgliedsanträgen über Land, um Passanten in Fußgängerzonen vorwurfsvoll zu fragen: "Haben Sie gar kein Mitleid mit gequälten Tieren?"
Die aggressive Werbung zahlte sich aus. Beim DTHW verdoppelten sich die Mitglieder zwischen 1994 und 1999 auf 294 000, beim ETHW schnellte die Zahl im selben Zeitraum von 36 000 auf 82 000 hoch. Die Einnahmen erreichten jedes Jahr neue Rekordhöhen. 1998 kassierte das DTHW 34 Millionen Mark, das ETHW 11 Millionen.
Zugleich spülte, so die Ermittlungen, jedes neue Mitglied auch dem "König von Pattaya" (Ullrich über Ullrich) kräftig Geld in die Kasse. Denn die Bande zwischen den beiden Ullrich-Vereinen und den Ullrich-Firmen waren fest geschlossen.
Die Drücker etwa erhielten ihre Aufträge laut Staatsanwaltschaft von der "Mitgliederwerbung und Öffentlichkeitsarbeit Wolfgang Ullrich GmbH". Die "Wolfgang Ullrich Organisationsgesellschaft mbH" habe dann die Daten der Neu-Mitglieder erfasst. Für etliche dieser Dienste seien "weit überhöhte Preise bezahlt" worden.
Zwischengeschaltet hatte Ullrich noch eine Briefkastenfirma sowie eine Stiftung in der Schweiz. Die Chartex AG in Hergiswil erhielt vom DTHW den Ermittlungen zufolge für jedes neue Mitglied eine "Provision" von 49,5 Prozent des ersten Jahresbeitrags, in jedem Folgejahr 36,5 Prozent, die sie zum Teil an die Drückerunternehmen weiterreichte. Eigentümer der Chartex sei Ullrich, einziger Verwaltungsrat seit 1993 sei Baumann gewesen.
Das ETHW wiederum habe, so die Staatsanwaltschaft, "nahezu 100 Prozent" seiner Einnahmen an eine in Zürich ansässige "Stiftung ETHW" überwiesen. Die Stiftung, von Ullrich gegründet und als Präsident auch geführt, habe ebenfalls wiederum nur einen Teil der Vereinsbeiträge an die Werber abgegeben.
Welch verschlungene Wege das eingeworbene Geld der Mitglieder auch nahm - am Ende landete es nach Überzeugung der Ermittler größtenteils bei Ullrich & Co. Nur "knapp sieben Prozent" der 200 Millionen Mark, die beide Vereine von 1994 bis Frühjahr 1999 kassiert hätten, seien tatsächlich "für Tierschutz eingesetzt worden".
"In Wahrheit", so Staatsanwalt Alexander Kalomiris, "ging es Ullrich, Baumann und Lischka nicht um Tierschutz, sondern um das Abkassieren im eigenen Interesse." Den Mitgliedern habe Lischka bei Versammlungen "bewusst wahrheitswidrig" vorgetragen, fast 90 Prozent der Vereinseinnahmen würden "für den mittelbaren und unmittelbaren Tierschutz verwendet".
Ullrich nutzte die mutmaßlich privat für sich abgezweigten Millionen nach Einschätzung der Ermittler für sein Luxusleben in Pattaya. Als Indiz hierfür gilt, dass er sich allein von März 1998 bis März 1999 48 Millionen Mark von der Obwaldener Kantonalbank in der Schweiz zur Thai Farmers Bank überweisen ließ.
In der Sextouristen-Hochburg soll der geltungsbedürftige Bayer nicht nur am "Bavaria House", einem Lokal mit angeschlossenem Spielsalon, sondern auch an Go-go-Bars beteiligt gewesen sein. Eine von ihm errichtete, aber nicht fertig gestellte Senioren-Residenz für deutsche Auswanderer ("Baythai") hat die Staatsanwaltschaft München II mit Hilfe der Bangkoker Justiz beschlagnahmt. Geschätzter Wert: elf Millionen Mark.
Den thailändischen Behörden ist auch zu verdanken, dass das Münchner Verfahren überhaupt in Gang kam: Im Frühjahr 1998 erhielt das Bundeskriminalamt (BKA) eine Anfrage aus Bangkok, ob bei ihm Erkenntnisse über Ullrich vorlägen. Der werde in Thailand nämlich des Drogenhandels und der Geldwäsche verdächtigt (SPIEGEL 19/1999). Als das BKA daraufhin in Bayern nachfragte, begann die Dienststelle für Organisierte Kriminalität des Polizeipräsidiums Schwaben mit ihren Ermittlungen.
Die Thailänder nahmen Ullrich, der in Deutschland wegen Steuerhinterziehung vorbestraft ist, im September 1998 in Haft. Er wurde zur "unerwünschten Person" erklärt und vor sechseinhalb Wochen nach München abgeschoben.
Seitdem sitzt Ullrich - wie Baumann und Lischka - in Bayern in Untersuchungshaft. Zu den Anschuldigungen der Ermittler hat er seit der Auslieferung geschwiegen. Sein Anwalt Daniel Amelung wirft der Justiz vor, den Prozess so kurzfristig terminiert zu haben, dass ihm nicht genug Zeit zur Vorbereitung geblieben sei. Vergangenen Freitag legte er das Mandat nieder. Lischkas Verteidiger Steffen Ufer macht geltend, sein Mandant habe "keinen Anteil an der Beute bekommen". Lischka habe nur die üblichen Honorare als Steuerberater kassiert.
Baumanns Anwalt Burkhard Immel hält "das gesamte Konstrukt der Staatsanwaltschaft" für "nicht haltbar". Sein Mandant habe sich weder der Untreue noch des Betruges schuldig gemacht. Im Grunde gehe es um die Frage, "ob es für einen Verein mit einem üblicherweise karitativen Zweck verboten ist, Gewinne zu machen". Moralisch möge das Verhalten der Angeklagten zwar verwerflich sein. Doch seien die Mitglieder "nicht mit falschen Erklärungen über die Verwendung ihres Geldes geworben worden". Immel: "Deshalb können sie auch nicht betrogen worden sein."
Das DTHW, das infolge des Finanzskandals seit 1999 nach eigenen Angaben rund 40 000 Mitglieder verloren hat und diesen Schwund nun wieder mit Drückerkolonnen beheben will, sieht das ganz anders. Der Verein hat die Münchner Anwältin Evelyne Menges mit einer Zivilklage beauftragt. Nach Abschluss des Strafverfahrens soll sie die Millionen, um die sich das Trio bereichert habe, zurückholen.
Auch der Fiskus ist bei Ullrich bereits vorstellig geworden. Anfang des Jahres forderte ihn das Finanzamt Günzburg auf, 56 Millionen Mark Steuern nachzuzahlen - die in der Schweiz kassierten Gelder hatte Ullrich nie angegeben.
Einen kleinen Teil ihrer Forderung, gut eine drei Viertel Million Mark, haben die Finanzbeamten inzwischen eingetrieben. Bei der Versteigerung des Fuhrparks sorgte vor allem der Ferrari bei den Bietern für beschleunigten Herzschlag. Der F40, Spitze 350 Kilometer in der Stunde, ging - welch Schnäppchen - für 300 000 Mark weg. WOLFGANG KRACH
Das Tierhilfswerk
wurde 1984 in München unter dem Namen "Garten Eden" gegründet und im Jahr darauf umbenannt. 1994 übernahm Wolfgang Ullrich den Vorsitz von seiner Mutter. Durch massiven Einsatz von Drückerkolonnen verdoppelte er die Mitgliederzahl in fünf Jahren auf 294 000. Wegen der dubiosen Verwendung seiner Gelder war der Verein schon ab 1986 nicht mehr gemeinnützig.
Von Wolfgang Krach

DER SPIEGEL 14/2001
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