DER SPIEGEL



Start-up ins Leben

Von Darnstädt, Thomas

Der Stoff, aus dem die Zukunft ist: Was müssen Schüler heute können? Die bürgerliche Bildung verliert schnell an Wert, die Wirtschaft will wirklichkeitstüchtige Problemlöser. Experten arbeiten an einem Konzept für die Schulbildung der Wissensgesellschaft.

Alles ganz blau hier, tintenblau die Wände, lilablau der Teppich, die Fenster verdunkelt. Jan von Krogh knipst das grelle Licht an, irritiert kneift der Gast die Augen zu.

Das gefällt ihm. "Sie müssen die Augen aufmachen, sonst fliegen Sie über die Kabel am Boden." Jan von Krogh, 28, ein bleicher, langer Leuteschreck im schwarzen Pullover, steht grinsend inmitten des blaulila Studios. Im Zentrum des Raums, am Treffpunkt der Kabel, eine Batterie von Rechnern, Bildschirmen, Hightech vom Besten, alles seins.

In seine Hightech-Höhle, einen ehemaligen Fabrikraum am Ende des Hinterhofs in Berlin, Prenzlauer Berg, schleppt der Jungunternehmer Modernisierungsverlierer der Medienwelt. Krogh schult Cutterinnen aus öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten, Filmemacher, die noch auf Zelluloid gelernt haben, Kunsthochschulprofessoren, die ihren Schülern erklären sollen, was digitale Bildbearbeitung ist.

Der junge Mann nimmt 2160 Mark pro Person und Tag. Er ist ausgebucht. Sein Jahresumsatz liegt um die 500 000 Mark. Sein Büro ist sein Handy, seine Verkaufsgespräche, prahlt er, beschränken sich auf drei klärende Worte: "Ja, wann, wie viel?"

Ein Held der modernen Welt. Der blasse, schwarzhaarige, dreisprachige, phantasievolle Jungunternehmer, der dynamischdigitale Kreative, der am Prenzelberg auch noch Arbeitsplätze schafft: Ist das nicht der Mann, von dem der Kanzler schwärmt?

Besser noch als Hightech-Kids aus Indien zu holen, hat Gerhard Schröder verkündet, wäre eine High-End-Ausbildung für die deutsche Jugend: "Zukunftsfähig" müsse jeder werden, der in Deutschland Abi macht, Ausbildung in Informationstechnologie sei dafür ebenso wichtig wie Schlüsselqualifikationen in Ökonomie, zwei Fremdsprachen sowieso. "Phantasie und Neugier", auch "Selbständigkeit und Eigenverantwortung" müsse allen unter 18 eingepaukt werden - wie auch immer.

Der junge Krogh ist die rotzige Ausführung des Bildungsentwurfs für die globale Wissensgesellschaft. "Unternehmer seiner selbst", so das Schlagwort der Experten, müsse der neue Mensch sein, fit im Kopf für die Herausforde-

rungen der digitalen Weltgesellschaft, selbstbewusst, kommunikationsfähig, ausgerüstet mit wetterfestem Orientierungswissen.

"Learning to be" heißt das neue Bildungsziel. Und Bildungspolitiker, Hochschulprofessoren, Jugendforscher arbeiten hart an der Frage, wie man das lernen kann - vor allem: wo.

Der Tipp stammt von Ingo Richter, dem Direktor des Deutschen Jugendinstituts in München und Autor eines bösen Buchs über die deutsche Bildungspolitik*: "Fragen Sie doch mal Leute wie Krogh, wo sie gelernt haben."

Kroghs Antwort kennt er schon: "Alles, was ich geschafft habe, habe ich nicht wegen, sondern trotz der Schule geschafft."

Natürlich konnte er, der Sohn eines IBM-Managers, schon mit dem Taschenrechner umgehen, als er zur Schule kam - und an diesem Missverhältnis von Tatendrang und Lehrplan hat sich bis zum Abitur nichts mehr geändert. Im Kunstunterricht wollte er etwas über bunte Bildschirme wissen - stattdessen haben sie ihn "mit Temperafarben gequält"; in Deutsch, empört er sich noch immer, "wollten sie mir ,Dantons Tod'' als religiöses Bekenntnisdrama verkaufen". Doch Georg Büchners Stück habe er ganz anders kennen gelernt - "lange zuvor im Fernsehen".

Mit 16 hat der ausgesprochen schlechte Schüler Krogh seine erste Firma gehabt, europaweit Rockkonzerte gemanagt. Das Abitur am Stuttgarter Gymnasium Königin-Katharina-Stift hat er "nur meiner Mutter zuliebe gemacht". In Mathe bekam er null Punkte, weil er darauf bestand, ohne Computer könne er keine Aufgaben lösen - was er dann auch bewies.

Stuttgart, Schloßplatz. Annette Schavan (CDU), Kultusministerin, regiert im rechten Seitenflügel des spätbarocken Neuen Schlosses über die Schulen Baden-Württembergs, und zum Glück war sie 1992, als der junge Wilde mit dem Computertick in der Nähe sein Abi machte, noch nicht im Amt. Die Politikerin ist voller Einsicht. Der arme Junge: "Der hat schon Recht. Die Schule muss lernen, auf Neugier und Bedürfnisse der Schüler einzugehen."

Warum eigentlich, sagt Frau Schavan, solle man Schüler, die was Besseres wollten, in der Oberstufe nicht mal vom Unterricht befreien: "Schülerfirmen" brächten wichtige Erfahrungen fürs Leben, immerhin hätten fast fünf Prozent der Pennäler bereits eigene Aktiendepots, und die Schule müsse das unterstützen, auch mit Wirtschaftsunterricht.

Und Computer in der Abiturprüfung? "Ja, warum denn nicht, wenn''s nützt."

Das sind neue Töne, die bei Annette Schavan schon keinen mehr verblüffen. Die christdemokratische Politikerin ist gegenwärtig Wortführerin einer Unterrichtsreform, die vieles auf den Kopf stellt, was in den letzten 25 Jahren an Schulreformen durchs Land gegangen ist.

Alle Lehrpläne werden umgeschrieben, jede Menge Pflichtstoff raus. Prüfungen werden neu organisiert, das Kurssystem wird abgeschafft, Oberstufenschüler sollen nach dem Willen der Reformerin statt in der Klasse lieber in Unternehmen und Universitäten lernen: "Von der Belehrungskultur zur Lernkultur." Eine Schule für Jungs in ihren lilablauen Hightech-Höhlen. "Was glauben Sie", sagt milde, wie sie nun mal ist, Annette Schavan, "was das für Krach gibt."

Das wird ja auch Zeit. Europa erlebt die blutigste Bildungsrevolution seit der Renaissance. Seit der Entdeckung Amerikas und der Erfindung der Buchdruckerkunst hat es einen solchen Angriff auf die Köpfe des Nachwuchses nicht mehr gegeben: die Entdeckung der globalen Wissenswelt.

Der französische Wissenschaftsphilosoph Michel Serres spricht schon von "einem neuen Menschheitshorizont", der sich mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts aufgetan hat. Für ganz Europa hat der Schlachtruf Geltung, mit dem der Brite Tony Blair seine Wahlen gewonnen hat: "Bildung, Bildung, Bildung".

Ein großer Wissensdurst ist ausgebrochen - und eine große Ratlosigkeit. Denn zurzeit kann niemand den Schröders und Blairs erklären, was das ist: die Bildung der globalen Wissensgesellschaft. Was sollen Schüler lernen - was müssen Abiturienten können?

Die Vordenker eines neuen Bildungskanons sitzen in einem weißen Forschungsbau mit anthroposophisch schrägen Wänden an der Berliner Lentzeallee im Villenviertel Dahlem. Das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung arbeitet zusammen mit Wissenschaftlern aus aller Welt im Auftrag der OECD im Stillen an einem internationalen Codex für die Schulbildung der nächsten Generation. Das werden zugleich weltweit verbindliche Maßstäbe für Qualitätsvergleiche an Gymnasien. Eine vollkommen neue Schulkultur verspricht der Berliner Chef-Forscher Jürgen Baumert - zumindest den Entwurf dafür.

"Literacy" ist der Name für die neue Generation von Schulbildung, an der in der Lentzeallee gearbeitet wird. Für das Konzept gibt es nicht zufällig bislang keine angemessene deutsche Übersetzung.

Die Forscher meinen, dass Schüler lernen sollen, Probleme zu lösen und dann mit anderen Menschen darüber zu reden. Oder umgekehrt. Und dass eine Schule umso besser ist, je besser sie das Problemelösen, nicht die Problemlösungen lehrt.

Der Blick auf den Output, auf die Früchtchen, die in der Schule reifen, ist neu. Wie das Ergebnis von 10 000 Stunden Schule und gut 100 000 Mark öffentlicher Kosten pro Abiturienten aussieht, hat Oberschulräte bislang kaum interessiert.

Bildung, kritisiert der Berliner Schulforscher und Pädagogikprofessor Rainer Lehmann, sei meist "inputorientiert gewesen". Geld und gute Lehren wurden in den Nürnberger Trichter hineingepresst. Aber wozu?

WARUM SCHULE NUR SCHADET

Wozu ist die Schule da? Auf diese scheinbar simple Frage haben jahrelang nur so freche Kerle wie Jan von Krogh eine wirklich ernsthafte Antwort verlangt. Der Rest der Bildungswelt hat sich verschanzt hinter der Ausrede, dies sei eine dumme Frage.

Nun ist der Jammer groß. 25 Jahre Schulreform haben für die Gymnasiasten nichts gebracht als Verwirrung. Glaubenskämpfe um die Köpfe der Kinder haben das Schulsystem in ein Durcheinander halbgarer Konzepte, gescheiterter Neuerungen und entschlossener Reformen der Reformen gestürzt.

Bei manchem Reformeiferer in der SPD ging es zu lange um Politik statt um Bildung. Das Ergebnis sind große, oft heruntergekommene Schulwracks, Gesamtschulen, in denen allzu oft der gute Zweck chancenausgleichender Erziehung an die Stelle klarer Leistungsanforderungen tritt. Untersuchungen an Gesamtschulen in Nordrhein-Westfalen haben mittlerweile ergeben, was deren Kritiker schon immer vermutet hatten: Dort werden zwar vielfach die Noten der Schüler besser, nicht aber ihre Leistungen.

Unter dem Konkurrenzdruck der Länder und dem Numerus-clausus-Druck der Universitäten ist das Abitur - so der Ulmer Pädagogikprofessor Ulrich Herrmann - zum "Fahrschein ins Leere" verkommen. Abiturzeugnisse bescheinigen in jedem Land etwas anderes - doch meistens nichts, was für Studium und Beruf von Nutzen wäre.

Über Jahre kam es auf Deutsch, Naturwissenschaften und Mathematik in der Oberstufe kaum noch an. Erst nach und nach erkennen die Schulpolitiker der Länder wieder an, dass zumindest die Beherrschung der Muttersprache Pflicht für jeden sein sollte.

Das System der Unterscheidung in Leistungs- und Grundkurse verschleiert nur die Ratlosigkeit der Kulturpolitiker in den 16 Bundesländern darüber, was in der Schule wirklich wichtig ist. Die Schulbildung à la carte, die sich aus der Orientierungslosigkeit über Bildungsziele und Lerninhalte entwickelt hat, begünstigt Opportunisten und Dünnbrettbohrer.

Über die "Geisterbahn" Schule zürnt Tom Stryck, ein grüner Schulexperte aus Frankfurt, der vom Berliner Schulsenator berufen wurde, die Bildungsanstalten der Hauptstadt zu erneuern. Es sei schon "erstaunlich, welch ungeheure Steuersummen" in den letzten 25 Jahren in ein Schulsystem gepumpt worden seien, das diesen Namen nicht verdiene: Nie habe jemand danach gefragt, "welche wirklichen und überprüfbaren Qualitätsentwicklungen, Leistungsoptionen und vor allem Unterrichtseffekte sich in den Hybrid-Kulturen eigentlich entwickelt haben".

Eine vergleichende Studie in 45 Ländern brachte es an den Tag: Deutschland, die größte und ehemals klügste Nation Europas, ist untere Mittelklasse, wenn es um Mathe und Naturwissenschaften geht. Die Studie, die unter dem Kürzel "Timss" ("Third International Mathematical Science Study") veröffentlicht wurde, löste einen Schock unter deutschen Pädagogen aus: In Japan, sogar in Korea, so stellte der Timss-Test fest, können Jungs und Mädchen viel besser rechnen als in Deutschland und der Weltmacht USA. Und in naturwissenschaftlichen Grundkenntnissen, so die Studie, befinden sich in Deutschland viele Achtklässler noch auf dem Fähigkeitsniveau der Grundschule. Die Rechenkunst der Weltelite, gemein, finde in "für deutsche Schüler unerreichbarer Höhe statt".

Kein Wunder, dass Eltern nervös werden und sich fragen, ob es nicht irgendwo im Land bessere Schulen für ihre Kinder gibt. Doch das Bildungskartell der Länder, die Kultusministerkonferenz, hat es jahrzehntelang verstanden, jedes Schulranking in Deutschland zu vereiteln.

Nur unter der Hand werden Testergebnisse des Berliner Max-Planck-Instituts gehandelt, die sind eindeutig: Bayerische Schüler gehören danach zur deutschen Bildungselite, NRW-Schüler gehören zu den schlechtesten.

In Mathematik und in Naturwissenschaften, so fanden Baumerts Experten heraus, unterscheiden sich die Schulleistungen der 7. und 8. Jahrgangsstufe zwischen Bayern und Nordrhein-Westfalen um das Leistungspensum von eineinhalb Schuljahren. Der Befund lässt sich nach Ansicht des Berliner Schulforschers Lehmann verallgemeinern: "Schon im Grundschulbereich sind die Süddeutschen den Norddeutschen voraus."

Nördlich des Bildungsäquators, an Hamburger Schulen, stieß Lehmann auf Leistungslöcher. Die Stadt gibt zwar mehr Geld pro Schüler aus als jedes andere Bundesland, doch "außerordentlich ernüchternd" findet Lehmann, dass Hamburger Fünftklässler in einem 60-Wörter-Diktat durchschnittlich (!) 24 Fehler machten.

In der sechsten Klasse waren 60 Prozent der Hamburger Gymnasiasten nicht in der Lage, aus einem Satz das Subjekt herauszufinden. 45 Prozent scheiterten an dem Versuch auszurechnen, wie viele Jungen sich in einer Disco aufhalten, wenn unter 1000 Gästen zwei Fünftel Mädchen sind.

In Hamburg, wie in vielen Ländern, die von sozialdemokratischer Schulpolitik geprägt sind, fanden die Forscher größere Lernzuwächse bei den leistungsschwachen als bei den leistungsstarken Schülern. Die kompensatorische Schulbildung hat, warnt Lehmann, ihren Preis: "Das Niveau wird gesenkt, wenn die Spitze sich an den Langsamen orientieren muss."

Der Zusammenhang zwischen der Qualität der Schulen und den Leistungserfolgen der Schüler ist unübersehbar. Während das Leistungsland Bayern den enormen Gymnasiastenzuwachs von 268 000 im Jahr 1989 auf 312 000 im Jahr 1998 mit einer Ausweitung der Unterrichtsstunden von 409 000 auf 431 000 beantwortete, reagierte Nordrhein-Westfalen auf den noch viel größeren Zuwachs von 473 000 auf 530 000 mit - Stundenstreichungen.

Die Leistungen der Südländer, sagt Lehmann, gingen einher mit "stringentem Unterricht und klaren Leistungsanforderungen". Je strenger die Schule, desto besser die Schüler. Man kann es an der Sitzenbleiberquote ablesen. In Bayern blieb 1999 jeder 21. Gymnasiast sitzen, obwohl der Schnitt besser war als in Nordrhein-Westfalen, wo nur jeder 31. sitzen blieb.

Je tiefer man gräbt, desto größer scheint das deutsche Bildungsloch. Forscher untersuchten die moderne Form des Analphabetismus, die verbreitete Unfähigkeit, mit einfachen Texten des täglichen Lebens - Zeitungsmeldungen, Faltblättern, Formularen - klarzukommen. 42 Prozent der 16- bis 65-jährigen Deutschen sind, so das Fachwort, nicht "dokumentenfähig" - die Nachbarschaft in den Niederlanden (36 Prozent) oder in Schweden (25 Prozent) ist da weit cleverer.

Schule kaputt: Bei den Ausgaben für die Lehranstalten steht Deutschland mit gut fünf Prozent der öffentlichen Etats im OECD-Vergleich am Schluss. Trotzdem leistet sich die Schulbürokratie was: Deutsche Schulmeister gehören im Weltvergleich zu den Spitzenverdienern.

Das Ergebnis ist kläglich. Nur 28 Prozent der Jungs und Mädchen eines Schülerjahrgangs besuchen die Universität. Die Studienquote in Japan beträgt 36 Prozent, in den USA sogar 44 Prozent. Nur 16 Prozent der Deutschen schaffen einen Studienabschluss, in Japan sind es fast 28, in den Niederlanden knapp 35 Prozent.

Was Wunder, dass die Regierung allmählich um die Lebenstüchtigkeit des Volkes fürchtet und Cleverness per Green Card importieren möchte. Der Mangel an Expertise schadet dem Standort. 75 000 IT-Fachleute fehlen in Deutschland, es mangele, klagt die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), rundweg an der "jungen technischen Intelligenz von morgen". Das muss niemanden wundern, wenn doch viele Schulabgänger - ebenfalls BDA - "unzureichend schreiben, lesen, rechnen können".

DIE LEHRPLÄNE DES KANZLERS

Die Frage ist nun zur Chefsache geworden: Was muss man in der Schule lernen, um erfolgreich, nur zum Beispiel, einen Start-up auf einem Berliner Hinterhof hinzulegen?

Politiker und die Gewaltigen der Wirtschaft haben sich selbst die Stundenpläne vorgeknöpft, zögern nicht, eigene Curricula für die Köpfe der Absolventen von morgen zu entwerfen.

Wirtschaft müsse überall ein Unterrichtsfach werden, fordern Arbeitgeber wie Gewerkschaften. Die CDU hat sogar schon einen ausführlichen Lehrplan - zwei Jahre wöchentlich mindestens zweistündig - entwerfen lassen. Informationstechnologie, so fordern IT-Experten und Hightech-Unternehmer, müsse ebenfalls an der Schule gelehrt werden. Noch in diesem Jahr, hat die Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn versprochen, werde jede Schule digital ausgerüstet sein.

Der Kanzler hat es schon zu einem Komplettprogramm gebracht. Recht, Medizin, Gesundheit, Technologie, Medien, Ökologie, Ökonomie - das seien "Lernfelder der Zukunft". Dazu Sprachen, Sprachen, Sprachen, vor allem Englisch als Zweitsprache, als Arbeitssprache, nicht als Fremdsprache, Mathe und Naturwissenschaften bis zum Abitur, der Umgang mit Wissen im Netz als vierte Kulturtechnik: "Abrufen, abspeichern, bearbeiten." Natürlich aber ebenso: Geschichte, "Vermittlung des kulturellen Erbes".

Bildung, Bildung, Bildung. Am besten alles, ganz und sofort. Aufgeschrieben hat den Katalog der ehemalige sächsische Kulturstaatssekretär Wolfgang Nowak, nun als Schröder-Berater im Kanzleramt.

Unnötig zu sagen, dass Nowak ständig mit dem Unruhestifter Stryck zusammensitzt, der ja wiederum häufig mit den Unruhestiftern im Dahlemer Denkreaktor verkehrt. Der Dahlemer Brüter Baumert versteht sich gut mit Frau Schavans Bildungsstürmern: Da braut sich was zusammen. "Die Politik", freut sich der Reformer Stryck, "fliegt auf die neuen Ideen."

Aber welche Revolution darf''s denn sein? Die Lernlisten des Kanzlers wirken halbwegs vollständig, gleichwohl beliebig. Kein Mensch kann alles von allem lernen, eine Auswahl, Schwerpunkte, kluge Beschränkung sind nötig. Die Diskussion beginnt von vorn. Weniger Englisch oder weniger Physik? "Wir müssen uns auf das Wesentliche konzentrieren und Spezialisierung vermeiden", sagt Annette Schavan, die Reformfrau in Stuttgart - und Schröder, Nowak, Stryck sagen das nicht anders.

Was aber ist das Wesentliche?

Gibt es darauf überhaupt eine schlüssige Antwort? Die Neugier lenkt den Blick auf ferne Länder, denen es möglicherweise besser gelingt als den Deutschen, ihren Schülern Wesentliches auf den Weg zu geben. Japan beispielsweise, erfolgreich getestet bei der Ausbildung in Mathematik und Naturwissenschaften.

Geht Japan nun unter oder nicht? Es stand in der Zeitung: "Japan geht unter." Das war die Schlagzeile des angesehenen Wirtschaftsblatts "Nihon Keizai Shimbun", und der Grund liegt auf der Hand: Das Bildungssystem, so die Journalisten, halte mit dem Wandel einer Industrie- in eine Informationsgesellschaft nicht mehr Schritt, die individuelle Fähigkeit der Absolventen sei unzureichend.

Demnächst werde man indische Computerexperten in die japanische Heimat holen müssen. Diese Drohung wird von Frau Someya ausgestoßen aus Verzweiflung über die schlechten Ergebnisse des Englischtests an der Ibarakikenritzu-Oberschule in Sowa. Der Ort liegt etwas nördlich von Tokio, und dort lernt zurzeit Timu-kun, 16.

Timu-kun, so nennen ihn die Mitschüler mit den schlechten Englischnoten, ist Austauschschüler aus Oberhausen, heißt richtig Tim Brunöhler und nervt Freunde und Lehrer in der Heimat via Internet mit Hinweisen über den Alltag in der japanischen Schule: "Hier keine Spontanität und kein selbständiges Denken." Über Lautsprecher, so Timu-kun, werden sogar sachdienliche Hinweise über den vorsorglichen Klobesuch vor wichtigen Schulveranstaltungen gegeben.

Deutsche Lehrer verfolgen Tims Berichte unter http://members.tripod.de/ tim_in_japan mit klammheimlicher Schadenfreude. Von Japan lernen?

Vom Prenzlauer Berg aus gesehen ist das Problem global dasselbe: "Leute von gestern wollen die Leute für morgen unterrichten", tönt der Leute-Schreck Krogh. Das sei, als würden Analphabeten als Lehrer für alte Sprachen auftreten.

Vielleicht funktioniert es ja nicht mehr, das 200 Jahre alte Volksbildungsmodell des Wilhelm von Humboldt. "Learning by earning" ist die Parole des jungen Krogh. Und man muss zugeben: Er weiß ebenso viel, wie er verdient. Wenn Bildung und Geld sozusagen miteinander kommen, dann gilt für beide diese arrogante Weisheit: Darüber redet man nicht, das hat man.

ZIRKUS DES LEBENS

Lernen für die Schule? Lernen fürs Leben? Alles überholt. Learning to be: "Die Schule ist das Leben", das sagt der Bielefelder Erziehungswissenschaftler Klaus Hurrelmann, das sei die Erkenntnis aus 25 Jahren Schulreform.

"Die Schule ist ein wunderbarer Ort", schwärmt Enja Riegel, macht eine kurze Pause, und fährt fort, "um Verantwortung zu übernehmen." Der wunderbare Ort befindet sich in Wiesbaden am Hang mit Taunusblick. In der Helene-Lange-Schule ist Frau Riegel Direktorin.

Alle kommen, man muss es einfach sehen. Die Wiesbadener Helene-Lange-Schule ist ein Wallfahrtsort der Reformpädagogik: Nichts ist in der Mittelstufenschule mit 500 Schülern so verpönt wie das so genannte Leben. Diese Schülermitverantwortungsspiele, diese symbolischen Klassenputzdienste, dieses demokratische Getue unter der Fuchtel obrigkeitlicher Schulaufseher. Frau Riegel hebt streng die Hand. Oberstes Gebot: "Es muss ernst sein."

Die Helene-Lange-Schule: Das ist der Ernstfall. Der Kuchen, der gebacken wird, wird wirklich gegessen. Die Theaterstücke, die hier inszeniert werden, sind professionell gemacht. Da mietet die Klasse einen Regisseur, die Schüler, die mitspielen, haben für die Proben ein paar Wochen unterrichtsfrei. Die Premiere ist dann natürlich im Wiesbadener Staatstheater.

Es muss ernst sein. Eine Klasse fährt für drei Wochen zum Sozialpraktikum nach Görlitz. Die Schüler wohnen in einer WG und schieben jeden Tag Dienst im Pflegeheim, wo Sterben zum Tagesablauf gehört.

Montags treffen sich alle Klassen, um erst mal den Stundenplan für die kommende Woche zu machen. Der sieht jede Woche anders aus. Denn der Unterricht wird durch ständige Projekte, Exkursionen, Schauspielpremieren durcheinandergewirbelt.

Im Deutschunterricht wird ganz im Ernst gedichtet. Und was geschrieben wird, wird auch verlesen. Ein Rednerpult steht in jeder Klasse. "Am liebsten", sagt Enja Riegel, "hätte ich einen Zirkus hier", denn Zirkus ist das halbe Leben: "Kunst, Konstruktion, Licht, Technik, Handwerk, Biologie, Musik - einfach alles."

Was den Output betrifft, kann die Helene-Lange-Schule erstaunliche Ergebnisse vorweisen. Die gefürchteten Tester vom Berliner Max-Planck-Institut, Mitarbeiter der Timss-Studie, registrierten in Frau Riegels Schule überdurchschnittlich gute Mathematikkenntnisse.

Jedenfalls bei den Schülern. Die Lehrer tun sich mit den Anforderungen an den Unterricht der Zukunft gelegentlich schwer. Das merkt man natürlich besonders im digitalen Umgang miteinander.

Frau Riegel öffnet beim Rundgang durch die Schule vorsichtig die Tür zum Computerraum im Basement, als betrete man nun das Raubtierzelt. Da steht, inmitten seiner Rechner, der Dompteur Axel Mayer aus der zehnten Klasse.

Axel schwingt die Peitsche und erklärt der freundlichen Direktorin etwas absolut Unverständliches über die Fortschritte beim Verkabeln diverser Rechner mit diversen Servern. "Das ist Axel", sagt Enja Riegel, "der bringt unseren Lehrern den Umgang mit der neuen Technik bei."

Der brave Schüler Axel überreicht dem Besucher bescheiden seine Visitenkarte. "Mayerware. EDV-Beratungen", steht drauf. Der junge Mayer kann als Schüler der Schule natürlich kein Beratungshonorar bekommen.

Allerdings zeige man sich, Axel nickt freudig, auf andere Art erkenntlich. Um das armselige Internet-Englisch des Schülers Mayer auf Riegel-Niveau zu bringen, wurde ein Lehrer der Schule zum Privatunterricht für Axel nach Hause abgeordnet.

Es ist alles ernst. Und das Leben lehrt, besser als jede Schulweisheit, dass die forsche Forderung der Computer-Lobby, künftig IT-Unterricht an der Schule zum Pflichtfach zu machen, vorher der Klärung bedarf, wer eigentlich wem was beibringen soll.

LEHRE NACH DER ROTEN BIBEL

Timu-kuns Tagebuch, 2. Oktober 2000

Zum ersten Mal konnte ich heute vom Kulturschock sprechen. Wir mussten uns alle in der Turnhalle aufstellen und wurden gecheckt. Der Blazer und alles andere musste sitzen. Die Haare mussten ihre eigene Farbe haben, Nägel naturell sein, und Piercings waren auch verboten. Und die Lehrer sind wirklich wie beim Militär durch die Reihen gegangen und haben unter die Haare geguckt, um Ohrringe zu entfernen, gefärbte Haare mussten nach vorne kommen und wurden vermerkt. Ich fand das alles ziemlich furchtbar. Dieses Einheitsdenken. Als ob keiner eine Individualität hat.

Der arme Tim. Er stammt vom Oberhausener Elsa-Brandström-Gymnasium, wo sie Selbstverwirklichung als Hauptfach haben. Das "Elsa" ist auch unter deutschen Schulreformern berühmt als Großversuch für die Produktion weltoffener, neugieriger, verantwortungsbewusster und unglaublich kritischer junger Menschen. Schüler halt, die mit 16 schon nach Japan wollen, von wo aus sie ständig naseweise Neuigkeiten über die Welt verbreiten.

"Selbstkompetenz" ist das Zauberwort, ebenfalls aus der Denkfabrik sozialdemokratischer Schulreformer, das sei das Wesentliche. Eine 350-seitige Denkschrift "Zukunft der Bildung - Schule der Zukunft" ist schon 1995 erschienen, rot eingebunden. Da hat eine nordrhein-westfälische Bildungskommission beschrieben, wie der Unterricht für die neuen Menschen aussehen soll. "Die neuen Menschen", sagt der Bielefelder Hurrelmann, der mitgeschrieben hat, seien wirtschaftlich erfolgreich, gerade weil sie so selbstbewusst seien.

Erika Risse hält die rote Bibel hoch: Dies Buch ist die Grundlage des Elsa-Experiments. Mitten in Oberhausen, in einer düsteren Backsteinburg, arbeitet die Direktorin am "Haus des Lernens".

Da wird nicht das Leben gelehrt, da wird gelebt. Elsa-Schüler arbeiten in der Stadtgärtnerei mit, streiten mit dem Stadtplanungsamt um die Sperrung dieser grässlichen Hauptverkehrsstraße, die zwischen zwei Schulgebäuden hindurchführt. Oder sie sitzen - ein seltenes Bild in deutschen Schulen - stundenlang auf dem Flur außerhalb der Klasse, unterm Po ein Teppich, halten sich die Ohren zu und lesen leise Lyrik.

Erika Risses Problem ist ein mathematisches: die Quadratur des Kreises. Natürlich muss, einerseits, Mathe sein. Und natürlich ebenso ein ordentliches Pensum Deutsch und Geschichte. Aber "einen bürgerlichen Bildungsschatz gibt es nicht", es gibt überhaupt kein zeitloses Wissen." Andererseits: Die modische Forderung, auf Wissenserwerb ganz zu verzichten nur noch das Lernen zu lernen und den Rest aus dem Internet abzurufen, hält sie für genauso verwerflich: "Lernen lernen ist inhaltsleer." Natürlich braucht man Futter für den Kopf und für die Seele: "Nur mit schöngeistigen Gedanken wird man ein Mensch, selbst ein Manager braucht Lyrik."

DAS WISSEN DER ZUKUNFT?

Timu-kuns Tagebuch, 4. September 2000

Wieder Mathe bei diesem diabolischen Herrn Tanaka. Er schreibt von 50 Minuten 47 Minuten lang was an die Tafel. Die anderen drei Minuten liest er kurz in seinem Mathebuch. Dabei zucken die Hals- und Nackenmuskeln, und der Blick ist ganz eisern. Warum um alles in der Welt muss man immer wieder durch Umformen einer Formel beweisen, dass 2 + 2 > 2 ist? Dann formen sie das so um, dass 2 > 0 ist, und als Antwort kommt wieder das originale 2 + 2 > 2. Damit halten sie sich jetzt schon auf, seit ich hier bin. Mein Hirn sperrt sich gegen so was.

Trotz vieler Nachtarbeit kann auch Erika Risse die Frage nicht beantworten: Warum muss man etwas lernen? Warum gerade Zahlentheorie? Warum müssen sich Sextaner im Hamburger Biologieunterricht mit dem Jochbein der Katze im Unterschied zum Jochbein des Hundes befassen? Warum muss man das in Oberhausen nicht tun, dafür aber schon morgens Gedichte von Erich Fried lesen?

Zusammenfassung und Ausblick: Der Versuch, das Leben zum Hauptfach in der Schule zu machen, sei es mit Zirkusspielen, sei es mit Gärtnerarbeiten, bringt zwar selbstbewusste und weltoffene Schüler hervor. Aber das ist noch nicht das Ende der Geschichte. Denn es bleibt die Frage vom Anfang: Für welches Leben sollen die Schüler denn lernen?

Gute Frage. Der Münchner Bildungsforscher Franz Weinert, ein Psychologe und einer der Wortführer in der Debatte um den Unterricht der Zukunft, mag nicht an den ganzen Rhein-Main-Ruhr-Reform-Zirkus glauben, weil Frau Risse und Frau Riegel und Herr Hurrelmann diese einzige, alles entscheidende Frage auch nicht beantworten können.

Das Umdeuten von Wissenserwerb in Kompetenzerwerb, so kritisiert der Wissenschaftler, löse das Problem nicht, was Schüler heute für das Leben von morgen lernen müssen. Das Problem liege nämlich darin, dass niemand die Zukunft kennt.

Weinert: "Was die nachfolgende Generation im Erwerbsalter wird wissen und können müssen, ist nicht vorhersehbar." Für Lebenskompetenzen, wie sie in Wiesbaden oder in Oberhausen gelehrt werden, gilt dasselbe wie für emsig einstudiertes Hightech-Know-how: All dies lässt sich nicht auf Vorrat für die Zukunft erwerben.

Timu-kuns Tagebuch, 10. Oktober 2000 Herr Tanaka hat mich in Mathe drangenommen. Zum ersten Mal. Und ich wusste nicht, was er von mir wollte, und wenn ich das gewusst hätte, hätte ich die Antwort auch nicht gewusst. Ich habe in Deutschland nie gelernt, dass, wenn eine Dreiecksseite Wurzel 3, die andere 2 und die dritte 1 ist, ein Winkel 60 Grad und der andere 30 Grad groß ist. Aber in Japan sind ja alle Superhirne und müssen so einen Schwachsinn für immer und ewig auswendig pauken. Nur Scheiße, wenn sie dann nach sechs Jahren Englisch dastehen und kein Wort rausbringen.

Einen Taschenrechner benutzen können ist eine Schlüsselqualifikation, Englisch sprechen auch. Winkelwissen natürlich nicht. Geht Japan nun unter oder nicht?

Seit 20 Jahren quälen sich die Bildungstheoretiker in Japan ebenso wie in den USA, natürlich auch in Deutschland, mit der Idee, aus dem Schulwissenswust als wesentlich und zukunftsfähig das herauszufiltern, was sie dann gern als "Schlüsselqualifikation" oder neudeutsch "Key Skill" bezeichnen.

Ein Volk der Denker und Lerner könnte zukunftsfähig sein. Nicht anders natürlich ein Volk der Macher und Planer. Oder wie wäre es mit einem Volk der Sprecher und Schreiber?

Tatsächlich traut sich unter deutschen Bildungsforschern schon bald keiner mehr, das Wort in den Mund zu nehmen, weil es sofort Ärger gibt. "Die unsägliche Debatte" um dieses pädagogische Unwort, schimpft Kultusministerin Schavan, sei nur mit dem Hinweis darauf zu stoppen, "dass es genau drei Schlüsselqualifikationen gibt: Mathe, Deutsch und eine Fremdsprache".

Das Durcheinander von Reformschlagworten und Verbesserungsvorschlägen hat seine Ursache darin, dass die Schulmeister mit ihren Lehrplänen Ziele verfolgen, die miteinander unvereinbar sind.

Drei Dinge soll ein Abiturient in Deutschland erreicht haben: Er soll über Allgemeinbildung verfügen, er soll die allgemeine Hochschulreife besitzen, und er soll über genügend Fachwissen verfügen, um im Berufsleben oder im Fachstudium nicht ganz dumm dazustehen. Man kann aber nicht alles auf einmal haben.

Das Gymnasium wirkt wie ein sich selbst zerstörendes Getriebe, weil es unvereinbaren Idealen gleichzeitig dienen soll: Der Zweck der Studienvorbereitung etwa, sagt der Ulmer Pädagogikprofessor Herrmann, sei sinnvoll mit Eliteförderung an der Schule zu vereinbaren. Der Allgemeinbildungszweck hingegen verlange ganz im Gegenteil breiten Unterricht.

Der Zweck schließlich, Abiturienten an die Uni abzuliefern, die von Plasmaphysik bis hin zur Kunstgeschichte alles studieren können, verlangt eine ans Unverbindliche grenzende Allgemeinverbindlichkeit des Unterrichts.

Der Bildungsauftrag der Gymnasien sei - sagt Herrmann - in Wahrheit eng begrenzt: Sie sollten Schüler bilden zu "Urteilsfähigkeit im Hinblick auf sich selbst und inhaltlich begrenzt auf die Lebenssituation des Schülers". Nichts mit Zukun ft, nichts mit Leben.

LAPTOP UND LATEIN

Die Meinungen des schwäbischen Bildungsstreiters werden gehört, nicht nur im Stuttgarter Schavan-Ministerium. Eine Schulpolitik, die statt Schlagworten oder guten Gefühlen konkrete Bildungsergebnisse erzielen will, muss sich verabschieden vom traditionellen Bild des Gymnasiasten als Allesfresser und des Abiturienten als Alleskönner.

Eine Erkenntnis der neuen Bescheidenheit: rausholen, was drin ist, statt reinstopfen, was gerade gut erscheint. "Schüler unterrichten statt Fächer", sagt Herrmann, das sei das Wesentliche.

Wer Lust am Provozieren hat wie der bayerische Wissenschaftsminister Hans Zehetmair (CSU), entfaltet das Wesentliche von seinem erzkonservativen Ende her: "Bei uns stehen d ie Schüler noch auf, wenn der Lehrer reinkommt, und auf dem Schulgang sagt man grüß Gott zueinander."

Natürlich: Mit solchen Sätzen kann man die Reformer von Rhein und Ruhr ganz schön einschüchtern. Aber hat er nicht Recht? Fängt Bildung etwa nicht damit an, dass man sich in die Augen sehen kann.

"Ich warne davor, alles High End zu sehen", sagt der Bayer. In Bayern jedenfalls seien die Schulen "nicht dazu da, dass jemand einen glatten Start in seinen Studiengang hat".

Nur nicht zu viel Bescheidenheit. Man muss den Bayern ja lassen, dass sie an ihren Schulen fast so gute Ergebnisse wie die Japaner haben. Und ein Teil des Geheimnisses ist, dass Bayern tatsächlich an seinen Schulen mehr High-End-Pädagogik praktiziert als die anderen.

Das Luitpold-Gymnasium liegt gleich hinter dem Münchener Haus der Kunst. Hier kann jeder sehen, wozu Computer in der Schule gut sind: nicht, um noch mehr in Schüler hineinzupacken, sondern um mehr aus ihnen herauszuholen.

Der Computer ist nicht Stoff, sondern Methode des Lernens. Und da, sagt der Direktor Otto Freundl, "sind wir führend".

Wir beginnen mit dem computerisierten Musikunterricht. Passwort rewop: Die Klasse 6 loggt sich ein. Rewop heißt umgekehrt "power", und so kann jeder der 25 Schüler im Computerraum sich das immer merken. Musiklehrer Georg Spöttl war mit der Schul-Big-Band auf der Expo: Richtige Musik können sie ja auch.

Jetzt legt Spöttl eine CD-Rom ein, an 14 Terminals sitzen immer zwei Schüler und arbeiten von nun an selbständig. Noten setzen, Harmonien bauen, Tonfolgen nach dem Hören hinschreiben: Unter verschiedenen Aufgaben, die der Computer stellt, können die Schüler aussuchen.

Wer fertig ist, darf an die Sequencing-Maschine - "da legen wir schnell a bisserl Strom hin" - und ein bisserl komponieren. Instrumente, die mitspielen dürfen, einfach anklicken, dann enter, und los geht''s.

In Kunst haben sie gestern eine Doppelstunde damit verbracht, Infos über ihren Lieblingsmaler im Internet zusammenzurecherchieren. Wo auf der Welt hängen welche Bilder von Matisse?

Dann: Latein. Andere Klasse, anderes Passwort. Mit dem Cursor müssen die Schüler Silben aus der Bildschirmsuppe picken und so das Futur II von "manere" bilden. Am Ende freut sich die Maschine mit Fanfare und großem grünem Bravo.

Der Lateinlehrer Wolfgang Wagner, 37, beharrt darauf, der Unterricht am Computer könne den "Kreidestaubunterricht" nicht ersetzen. Herr Wagner und nicht der PC könne den Kindern den AcI, den Akkusativ mit Infinitiv, erklären. Zum Üben aber sei die Technik von ungeahntem Vorteil. Statt der Schrotschussmethode im Frontalunterricht sei die Lernarbeit am Computer individualisierbar. Jeder Schüler lernt so schnell, wie er kann.

Kein Lehrer ist so geduldig wie ein Rechner - und so erbarmungslos: "Niemand kann sich wegducken und durchmogeln", sagt Wagner, "jeder Schüler merkt verbindlich, was er nicht kann."

Lernen am Computer könnte tatsächlich die Abschaffung der Seuche bedeuten, die scheinbar unausrottbar in deutschen Klassenzimmern sitzt: die Langeweile. Wenn 30 Schüler auf denselben Stand beim Konjugieren gebracht werden müssen, ist das für die zehn Besten zum Einschlafen, für die zehn Schlechtesten immer noch so schwierig, dass sie sich innerlich verabschieden.

Die bayerische Mischung von Laptop und Latein hält Zehetmair für unverzichtbar zum Schutz der Jugend. Man dürfe die Bildung keinesfalls einseitig der Wirtschaft ausliefern: "Die Wirtschaft ist nur ein bedingt kompetenter Ratgeber, weil die in den letzten Jahren so häufig ihre Meinung geändert haben." Der Minister nimmt es den Arbeitgebern übel, "dass ich über Jahre meine besten Chemiker nicht untergebracht habe". Aber jetzt, "jetzt schreien sie alle nach Informatikern".

Die Antwort des Ministers ist eine Art Kontra-Programm: "Wenn einer Hightech oder Mathe an der Uni machen will", dann müsse man ihn an der Schule erst recht ein bisschen mit alten Sprachen quälen.

Doch der Gedanke, so lange an den Schülern herumzubohren, bis die Hightech-Begeisterung sprudelt, ist allzu verlockend. Thomas Heilmann, Direktor der Werbeagentur Scholz & Friends, sieht Deutschland schon bei den Tigerstaaten der nächsten Generation: Wenn "wir" in Deutschland den Mangel an IT-Experten "schneller beseitigen können als anderswo", dann "sind wir plötzlich ein rohstoffreiches Land".

"Der Rohstoff ist da drin." Josef Nietzsch fasst sich an den Kopf und bohrt mit dem Zeigefinger an der Schläfe. Es komme nur auf die richtige Methode an, Schätze in den Köpfen der Kinder aufzuspüren, zu bergen und zu nutzen.

Nietzsch ist Mathematikprofessor an der Berliner Humboldt-Universität, und einen Teil seines Lebens hat er der Schatzsuche gewidmet.

Aus Dennis, 9, muss man nichts rausholen, das sprudelt von selbst. Der kleine Junge hat nur Schwierigkeiten, weil die Tafel in dem Hörsaal zu hoch angebracht ist.

Dennis klettert auf einen Stuhl und schreibt mit Kreide das Pascalsche Zahlendreieck an die Tafel, um es anschließend zu erläutern. Die 14 Jungen und Mädchen im Saal, die sich nach fünf an der Uni in der "Mathematischen Schülergesellschaft" (MSG) treffen, reißen die Arme hoch, die Finger schnipsen. Jeder will mitdiskutieren. Hier darf mitmachen, wer einen Aufnahmetest bestanden hat. Wunderkinder sind das nicht, aber sie müssen fit sein, mit Nietzsch in Zahlenwelten herumzuturnen, von denen die meisten Schüler nie hören. Kombinatorik etwa.

Neun Familienmitglieder sitzen am Esstisch auf neun Stühlen und berechnen, wie oft sie wohl miteinander speisen müssen, bis alle verschiedenen Möglichkeiten der Tischordnung durchgesessen sind.

Dennis schlürft ungerührt seine Cola, Julia knabbert Kekse und schreibt Formeln ins Heft. Erwartungsvoller Blick auf den Gast. Was, Sie wissen das nicht? Na ja, vergessen.

Also wie oft müssen die essen? Neun mal neun Tage? Leider völlig falsch*.

Der Zahlenteufel da vorn an der Tafel verkörpert das Geheimnis der Eliteschulen: Wer, statt Schüler zu langweilen, sie genau da packt, wo sie wirklich gut sind, erzielt geradezu verblüffende Erfolge. Rausholen, was drin ist, ganz gleich, was es ist. Nur muss man dazu, was in Deutschland noch immer verpönt ist, die Schüler nach ihren Begabungen sortieren.

Die Tradition der Begabtenschulen hat sich, als besserer Teil der DDR-Didaktik, überall im Osten gehalten. Ein gutes Dutzend so genannter Spezialgymnasien für Mathe ebenso wie für Astronomie oder Kunst

findet sich in den neuen Bundesländern. Manche haben Internate dabei, wie etwa Schulpforta in Sachsen-Anhalt. Ein großer Teil der Schüler stammt aus dem Westen.

WEGE IN DIE NEW ECONOMY

Timu-kuns Tagebuch, 12. Oktober 2000

In der letzten Stunde hatten wir Bio, und ich habe elf schlafende Leute gezählt. Der Lehrer hat nur vor sich hin gelabert, als ob wir hinter so einer Gegenüberstellungswand stehen würden.

Abends musste ich mitkommen, einen Schulkameraden von der Juku abholen. Zu Hause hatte ich ja nur über diese furchtbaren Paukschulen gelesen und sie zu meinem absoluten Alptraum erklärt. Aber hier ist das so normal wie der Besuch im Supermarkt. Furchtbar, wenn ich mir vorstelle, dass dieses Kind, wenn es jeden Tag hinmuss, immer erst um 22.45 Uhr nach Hause kommt.

Die 472 Jahre alte Gelehrtenschule Johanneum in Hamburg-Winterhude ist eine Schule für die klassische Bildung, Latein und auch Griechisch sind Pflichtfach bis zum Abi. Da lehrt Wolfgang Hagenmeyer, Altphilologe seit 38 Jahren, und seine Aufgabe sieht er darin, die "Kinder zu erziehen, dass sie nicht überall mitmarschieren".

Das, sagt der Lehrer Hagenmeier, sei das Wesentliche von Schule. Der Rest, Bio und so, das Jochbein der Katze, sei "na ja, Füllmaterial": Man muss die Kinder ja irgendwie den Vormittag über beschäftigen.

Bürgerliche Bildung, der ganze Kanon der Literatur von der "Ilias" über den "Faust" bis zu Günter Eich und vielleicht auch noch Hochhuth, Shakespeares Königsdramen, die alten Sprachen: Das sei, sagt der "Zeit"-Kulturjournalist Ulrich Greiner, "die Antwort auf die Frage: Wie entsteht Verantwortung?"

Greiner hat mit Streitschriften in der "Zeit" auf sich aufmerksam gemacht, in denen er massiv für die Rettung der humanistischen Gymnasien vor dem digitalen Zeitgeist eintrat. Griechisch an die Schulen. Grund: keiner, es sei "einfach schön".

Der Geist der alten Schule ist immer noch der Stoff für Bestseller. "Bildung" heißt das Buch des früheren Hamburger Englischprofessors Schwanitz. Es sieht aus wie das Produkt einer alten Herrenwette, ob man mal alles aufschreiben könne, was man so wissen müsse, um in der guten Gesellschaft ordentlich auftrumpfen zu können. Das Ding wurde von nahezu allen Bildungsbürgern außer Greiner als unsinnig und unvollständig verrissen, doch zwei Dinge kann man daraus wirklich lernen: dass das Wesentliche in zwei Büchern steht, der "Ilias" und der Bibel; zweitens, dass Naturwissenschaften nicht zur Bildung gehören.

Wo, im Ernst, fragt Schwanitz, würde man sich denn blamieren, wenn man beim Prosecco erklärt, den 2. thermodynamischen Hauptsatz habe man noch nie verstanden.

Klassische Bildung, weltweit und langlebig, also zäh: Ist dies das zukunftsfeste Schulwissen? "Gerade in einer Zeit beschleunigten Informationsverbrauchs benötigen wir langlebige Wissensbestände, die als Filter dienen", sagt Schwanitz. Greiner begründet die Rückwärtsverteidigung der Schulbildung mit der einfachen Einsicht: "Was die Zukunft bringt, wissen wir nicht, aber das Bewährte ist uns wenigstens sicher."

Eine Art Panikreaktion. Aber müsste, wenn Ewigkeit die wahre Lehre ist, das Bildungsbürgertum nicht nach der Dauerhaftesten aller Wissenschaften lechzen, der Mathematik? Ist der Grund, auf dem wir stehen, wenn wir die Antigone lesen, beständiger als die Quantentheorie? Die Verteidiger der bürgerlichen Bildung bejahen das uneingeschränkt. Der ewige Konflikt der Antigone zwischen Liebe und Staatsräson hat schließlich die Geschichte der Menschheit geprägt. Auch Bundestagspräsident Wolfgang Thierse empfiehlt die Lektüre der Klassiker - zur Pflege des "sozialen Zusammenhalts".

Doch die Geschichte lehrt, dass das nicht immer geklappt hat. Die großen Geister von Weimar habe die Nation Goethes nicht vor der Hitler-Barbarei bewahrt. Wie also entsteht Verantwortung?

Der wichtigste und erste Schritt ist die Aufgabe der Arroganz der Geisteswissenschaften, die auf der Unterscheidung von Wissen und Können beruht. Auch Schwanitz, der arrogante Kerl, unterteilt sein Buch in diese beiden Kategorien. Wissen, das ist gebildet sein über Literatur, Kunst, Malerei, Musik. Können, das ist, na ja, Sprachen sprechen, auch die Naturwissenschaften gehören hierher. Da kann jemand Physik, aber Shakespeare kann man nicht, den hat man im Herzen.

Aber Wissen ist keine Masse im Hirn, das Wort, sagt der Bildungsforscher Hartmut von Hentig, bezeichne vielmehr "die Möglichkeit, eine Antwort zu geben, wenn man nach etwas gefragt wird". Die bürgerliche Kategorie bezeichnet also das, was Theoretiker eine menschliche "Disposition" nennen. Antworten können, wenn man gefragt wird, Wissen ist Können. Quod erat demonstrandum. So gesehen kann man Shakespeare ebenso wie Mathe. Cogito ergo sum. Ich kann antworten, also bin ich.

Stuttgart, Schloßplatz. Der Ministerialdirektor Günter Reinhart trägt einen guten Teil der Verantwortung für das, was in den Köpfen der Kinder von Baden-Württemberg vorgeht. Der ehemalige Griechischlehrer ist Annette Schavans Mann für die Lehrpläne.

Nun muss er das kühnste Projekt stemmen, das zurzeit in deutschen Schulministerien ausgetüftelt wird. Ein neuer, moderner Bildungskanon soll unter der Regentschaft der Ministerin Schavan durchgesetzt werden. Alle Lehrpläne, zunächst die der gymnasialen Oberstufe, werden weggeworfen.

Der neue Kanon, an dem die Stuttgarter arbeiten, hat bereits Furore gemacht, weil er auf den ersten Anblick aussieht wie der aus der Schule von vorgestern. Die Grausamkeiten zuerst: Annette Schavan besteht darauf, dass in ihrem Bundesland künftig alle Abiturienten in Deutsch, Mathe und einer Fremdsprache schriftlich geprüft werden, darüber hinaus in einem Wahlfach. Außerhalb Baden-Württembergs konnte man sich bis vor kurzem sogar ohne jeden schriftlichen Nachweis in Deutsch und Mathe durch die Prüfungen mogeln.

Aufschrei bei den Reformfreunden aus der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft: In Baden-Württemberg wird künftig das Kurssystem abgeschafft. Die Stuttgarter versprechen kühl, künftig würden alle auf dem Niveau von Leistungskursen unterrichtet, dazu werden zwei Naturwissenschaften zu Pflichtfächern erklärt.

Die neuen Lehrpläne, deren Entwürfe jetzt auf Reinharts Tisch liegen, enthalten nur noch halb so viel Stoff, dafür eine Menge Regieanweisungen. Statt Wissen sollen Methoden gepaukt werden, statt Lösungen Probleme: "Recherche statt Kino."

Also wird im Deutschunterricht künftig nicht mehr "Faust I" abgespult, stattdessen: "Generationenkonflikte in der Literatur". Nicht das Dichtwerk des Expressionismus wird verlesen, sondern "Liebeslyrik" wird gesammelt, geseufzt, gedichtet.

Mathe: Untersuchungen über die Frage, wie der allmorgendliche Stau auf der A8 entsteht. Dafür leider, leider, Verzicht auf die Vektorenrechnung.

Geschichte: Entstehung von Machtzentren, warum knallt es so oft auf dem Balkan? Es entfällt: Geschichte Chinas im 19. und 20. Jahrhundert.

Englisch: Statt zu übersetzen sollen Schüler schwierige englische Texte verstehen, verarbeiten, zusammenfassen und verbindlich darstellen. "Präsentation" von Gedanken und Ideen ist eine zentrale Aufgabe nicht nur im Englischen. Ein bisschen Shakespeare muss trotzdem sein. "Und sei es nur", sagt der zuständige Mann in Reinharts Abteilung, "damit man unter Geschäftsfreunden später mal beim Lunch in London das passende Zitat parat hat."

WISSEN FÜR WELTVERÄNDERER

Abspecken von Wissen ist nötig, weil das Könnenlernen so viel Zeit kostet. Recherche statt Kino: "Die Schüler müssen sich die Stoffe selber erarbeiten, problemorientierte Kenntnisse kann man nicht dozieren", sagt Reinhart.

Die intelligente Kombination eines möglichst allgemeinen, an Problemlösungen orientierten Bildungskanons mit scharfen Prüfungen: Das könnte das postmoderne Konzept einer neuen Allgemeinbildung sein. Wissen, das weiß jeder Zeitungsleser, ist immer das Wissen von gestern, Können ist die Fähigkeit, Probleme von morgen zu lösen. Kino - das sind die Geschichten der anderen, Recherche - das heißt Geschichte selber machen.

Das ist kein Trick, das ist alles schon mal da gewesen. Dass Wissen beim Denken nur behindert und dass man mit Können die Welt verändern kann: Das stammt von Wilhelm Freiherr von Humboldt, dem Begründer der deutschen Gymnasialkultur. Deutsche Oberlehrer haben ihn nur fast 200 Jahre lang - mit Absicht oder im Eifer - missverstanden.

Humboldt, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Auftrag hatte, das preußische Bildungswesen zu erneuern, ließ alle Bildungs-Kanons vernichten. "Alle Fähigkeiten", so schrieb er, seien an "einer möglichst geringen Zahl von Gegenständen zu bilden".

"So viel Welt als möglich", forderte der Gelehrte, sollten Schüler versuchen, "mit sich zu verbinden". Doch die Beschäftigung mit der sich schnell verändernden Welt wollte Humboldt nicht, um im Kopf Wissensplantagen anzulegen, vielmehr, um "durch diese Mannigfaltigkeit die eigene innere Kraft zu stärken", sein Hirn zu wetzen in der Wirklichkeit.

Dies alles war nicht Selbstzweck und nicht Sehnsucht, Humboldts Gymnasium diente einem klaren Ziel. Ganz im Sinne der Aufklärung sollten die Schulkinder Preußens zu Subjekten der Geschichte, zu Weltveränderern, erzogen werden.

Immanuel Kants "Ausweg aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit": Die Gymnasialbildung sollte fit machen für den Universitätsbetrieb, der - nicht Kino, sondern Recherche - keineswegs im Studieren, sondern in der Teilnahme am sich rasch verändernden Forschungsbetrieb bestand. Im zweiten Schritt war vorgesehen, die Problemlöser der Wissenschaft zu den Problemlösern an der Spitze der Staatsverwaltung reifen zu lassen. So sollte mit kreativen Karriere-Denkern die Welt von Preußen aus verändert werden.

Doch das preußische Bürgertum verstand nur "Karriere" - und so entstand die bürgerliche Bildung als eine Art Lesering-Humboldt: Wer genug büffelt, um sein Abi ordentlich zu bestehen, kann später bei Preußens Pension bekommen. Die Bescheinigung der "Hochschulreife" verselbständigte sich als Eintrittsbillett in die höhere Beamtenschaft.

Humboldt-Universität Berlin. Ein Jahrzehnt nach der Wende steht da immer noch, Bronze auf Marmor, an der großen Treppe: Die Schulmeister haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.

Natürlich steht da nicht "die Schulmeister", sondern "die Philosophen", denn der Spruch ist nicht von Humboldt, sondern von Karl Marx, den Leitsatz haben die Mächtigen der DDR anbringen lassen.

Der Rechtsprofessor Hans Meyer, der in Humboldts Namen als Uni-Präsident den Wissenschaftsbetrieb Unter den Linden nach der Wende neu organisierte und durchsetzte, dass die Schrift da stehen blieb, fordert genau das von den Studenten ein, was der Italien-Liebhaber und Goethe-Freund von damals ihnen geben wollte: "Schlussfolgernde Phantasie, Interesse für den Weg statt für die Lösung."

WER BEI PISA SCHIEF LIEGT

Wer in der Welt Verantwortung übernehmen will, muss sich zuallererst mit den Naturwissenschaften beschäftigen. Diese Wende in der Schulpolitik soll nicht nur Annette Schavans Bildungspolitik prägen, darüber bahnt sich ein nahezu weltweiter Konsens einer neuen Generation von Schulexperten an. "Scientific Literacy" ist das Weltwort für das neue Bildungsziel. Mit dem herkömmlichen deutschen Physikunterricht hat das wenig zu tun.

"Ein Bus fährt eine gerade Straße entlang. Vor dem Busfahrer Rolf steht in einem Getränkehalter auf dem Armaturenbrett ein Becher mit Wasser. Plötzlich muss Rolf stark auf die Bremse treten." Schwappt das Wasser auf die Windschutzscheibe oder auf Rolf?

Eierleicht. Erstaunlich nur, dass die meisten Menschen, die man so fragt, spontan aber falsch antworten, das Wasser schwappe auf Rolfs Hemd.

"Autobus" ist eine Musteraufgabe aus dem Pisa-Testprogramm. "Pisa" ("Programme for International Student Assessment") ist etwas ganz anderes als der bekannte Schreckenstest "Timss", bei dem im Weltvergleich die deutschen Schüler so mäßig abgeschnitten hatten. Timss testete das herkömmliche Schulwissen. Pisa - ein OECD-Projekt - testet "Scientific Literacy", die Fähigkeit, Probleme zu lösen; das Schulwissen von morgen.

Das Pisa-Testprogramm, abgestimmt unter den Kulturforschern in allen OECD-Staaten, ist dabei, sich zu einer Magna Charta der Weltbildung des 21. Jahrhunderts zu entwickeln. Denn viel wichtiger als die - erst in Jahren zu erwartenden - Testergebnisse von Schülern aus aller Welt ist die globale Verständigung von Experten, auf welche Fähigkeiten es denn künftig ankommen soll.

Was an Zukunft wesentlich ist, haben internationale Forschergruppen - auch das Berliner Max-Planck-Institut ist dabei - zunächst an Kriterienkatalogen für die naturwissenschaftliche und mathematische, dann aber auch für muttersprachliche Grundbildung ausgearbeitet. Danach ist - das Ende des europäischen Bildungskanons - vor allem funktionales Wissen wichtig.

"Anschlussfähig" sind in der Pisa-Terminologie Kenntnisse, die eine Bildungs-Kettenreaktion auslösen. Sie müssen Schüler in die Lage versetzen, erstens die Probleme zu lösen, vor denen Menschen heute stehen, und dies zweitens in einer Weise, dass sie beim Problemelösen neu lernen. Das bringt eine zweite Generation von Kenntnissen, die wiederum zur Lösung der nächsten Generation von Problemen dient. Mit der neuen Bildung surft man auf den Problemen in die Zukunft.

Das klingt ein bisschen kompliziert, ist aber im Kern nichts anderes, als was Jan von Krogh schon stets probiert hat: learning by earning.

Besonders schlimm ist nach Ansicht der Pisa-Experten der deutsche Mathematikunterricht. Während sich Pisa um "mathematische Exploration von authentischen Situationen" bemühe, verharre die deutsche Idee von Allgemeinbildung in der "Begegnung mit der mathematischen Welt als einer Welt eigener Art und einer spezifischen Kulturleistung eigenen Rechts".

Danach sind auch die Ergebnisse. Beim Mathetest der Timss-Studie unter Oberstufenschülern beschränkten sich die Kenntnisse der Deutschen zu 72 Prozent auf Taschenrechnerfähigkeiten wie "rechnerisches Denken im Alltag" und "Lösungsroutinen". Das gehobene Niveau "Verknüpfung von Operationen" erreichten nur 21,2 Prozent - beim Nachbarn Holland beträgt die Vergleichszahl 40,4. Das Literacy-Niveau "Argumentieren, Problemlösen" erreichten nur 6 Prozent der deutschen Matheschüler, in den Niederlanden immerhin 15,3 Prozent.

Den Aha-Effekt, den die Geschichte von Martin und Maria unter deutschen Pädagogen ausgelöst hat, wird man irgendwann einmal als die kopernikanische Wende im deutschen Bildungswesen erkennen. Die Geschichte geht so: "Maria lebt zwei km von der Schule entfernt, Martin fünf km. Wie weit leben Maria und Martin voneinander entfernt?"

Diese Pisa-Aufgabe, tönte auf einem der zahllosen Expertentreffen eine deutsche Pädagogin, sei der Beweis dafür, dass der Test nichts tauge. Die Aufgabe sei unlösbar, da man nicht wisse, wo die Schule steht.

Eben drum. Die Pisa-Forscher wollen wissen, was ein Schüler unternimmt, der so eine Aufgabe lösen muss. Holt er seinen Zirkel raus, malt er zwei Kreise um die Schule im Mittelpunkt, den Martin-Kreis, den Maria-Kreis, zeigt so, welche Lösungsmöglichkeiten sich eröffnen, welche Informationen fehlen und wie sie zu beschaffen sind?

Der Berliner Schulreformer Stryck sieht in dem Literacy-Konzept eine "große bildungstheoretische Konstruktion" - die gleichwohl in der deutschen Provinz noch lange nicht angekommen ist. Zu viel "träges Wissen" blockiere bleiern die Gymnasien in Berlin und anderswo, streng bewacht von Schulräten und Oberschulräten, die, so Stryck, nicht lernfähiger sind als "ägyptische Tempelpriester".

Nichts anderes als Neugier kann es sein, was gebildete Menschen dazu bringt, ihre Kenntnisse an der Wirklichkeit so lange auszuprobieren, bis sie - wie ja hinterher meistens - klüger sind, klug genug, um neue Probleme in Angriff zu nehmen. Das Können, um das es hier geht, nennen die Forscher die Fähigkeit "zum selbstregulierten Lernen".

LEBEN LERNEN KÖNNEN

Wie macht man Schülerköpfe Pisa-fit, anschlussfähig? Um den zukunftsfähigen vom trägen Schulstoff zu trennen, hat der Psychologe und Pisa-Mitarbeiter Weinert einen Katalog von Lernzielen entwickelt, der sich auch als Checkliste für Literacy verwenden lässt. Nach Weinert muss Schulwissen

* "intelligentes Wissen" sein, das kontextunabhängig und kontextübergreifend benutzt werden kann,

* in der Kompetenz üben, Wissen von heute für zukünftige Probleme zu verwenden,

* dem Erwerb persönlicher Lernkompetenz dienen,

* die persönliche Kommunikationsfähigkeit steigern (Sprache),

* die soziale und moralische Kompetenz vergrößern.

Zeit- und raumlos, also zukunftsfähig, ist für die meisten Bildungsforscher die Mathematik. "Ohne Zahlentheorie", warnt der Berliner Mathematikprofessor Nietzsch, "werden Sie nie verstehen, wie ein Handy funktioniert", selbst wenn es schon lange keine Handys mehr gibt.

Mathematik ist die Schulwissenschaft der Zukunft. Aber nur, wenn sie - so die Pisa-Forscher - "authentisch" unterrichtet wird. Authentische Matheaufgaben sind fast das genaue Gegenteil der deutschen Textaufgaben.

Deutsche Mathematiklehrer erfinden Aufgaben, indem sie sich ein Problem ausdenken, mit dessen Hilfe man rechnen lernen kann. Wie groß zum Beispiel ist ein Fußballplatz mit x Meter Länge und y Meter Breite? Wie viel Meter Rollrasen der Marke Immergrün von z Meter Breite braucht man, um den Platz damit zu begrünen?

Literacy-Lehrer suchen sich Probleme, die es wirklich gibt, deren Lösung vom Aufspüren eines geeigneten Rechenmodells abhängt: "Eine Pizzeria bietet zwei runde Pizzas mit derselben Dicke, aber in verschiedenen Größen an. Die kleinere hat einen Durchmesser von 30 cm und kostet 30 Zeds. Die größere hat einen Durchmesser von 40 cm und kostet 40 Zeds. Bei welcher Pizza bekommt man mehr für sein Geld? Gib eine Begründung an." (Pisa-Test)

Eine wahre Spezialität der deutschen Schulbildung ist es traditionell, genau die Stoffe vom Unterricht auszusparen, die sich ganz authentisch zum Rechnen und Ausprobieren in der Realität eignen. "Alles, was im Leben wichtig ist", klagt der Bildungskritiker Ingo Richter, "kommt in der Schule nicht vor. Die Medizin, die Ökonomie, die Psychologie, das Recht."

Das hat natürlich gute Gründe: Männer und Frauen, die über das Wissen verfügen, mit dem man ganz authentisch Probleme lösen kann, die werden nicht Lehrer, die werden was Richtiges. Ärzte oder Manager oder Wirtschaftsanwälte. Wie soll man da Aufgaben über Recht an der Schule lösen - ganz ohne Gebührenordnung? Tom Stryck hat einen Vorschlag: "Ein Teil des Geldes für Lehrergehälter sollte besser als Honorar für Lehraufträge an Praktiker vergeben werden."

Die Bayern sind - wie meist - viel weiter, und zwar seit bald 100 Jahren. Seit 1906 wird an bayerischen Gymnasien Wirtschaftsunterricht erteilt, von speziell ausgebildeten Lehrern.

"Wirtschaft und Recht" können Schüler am Gymnasium Moosach in München im Leistungskurs sogar fünfstündig lernen - auf Kosten von Erdkunde und Bio oder Kunst und Musik. Und Peter Riedner, der Direktor, tourt durch ganz Deutschland, den Kollegen das bayerische Lernmodell zu erklären. Er ist auch einer von den Leuten, die sagen: "Es kommt aufs Können an, nicht aufs Wissen."

Das geht ganz authentisch: "Leute entlassen, Rohstoffe einkaufen" üben die Schüler der 11. Klasse beim Planspiel "Pilot". Ganz realistische Probleme: Eine Klasse hat eine PR-Agentur gegründet und - kein Spiel - ihre Dienste der freien Wirtschaft angeboten. Schon der erste Auftraggeber konnte nicht zahlen.

Und was sollen da die deutschen Altphilologen machen? Beim Literacy-Check, das sieht der Hamburger Johanneum-Lehrer Hagenmeyer selbst ein, fällt jedenfalls der Griechischunterricht, an seinem Institut noch Pflichtstoff bis zum Abi, heraus. Das Können, das dahinter stecke, die "Odyssee" im Original zu lesen, das sei "nicht mehr als ein Ornament der Persönlichkeit".

Nichts gegen Ornamente. Aber Latein ist zukunftsfähiger. Mit Latein ist es "wie in einem Betrieb", sagt Hagenmeyer, wir haben Methoden, das ist die Grammatik, Material, das sind die Vokabeln, eine Organisation, das ist die Syntax. Latein für Manager: Ein bisschen Literacy hat sich bis in die Gemäuer des Johanneums verbreitet.

Jedenfalls, das sind sich die Experten einig, stärkt Latein die kommunikative Kompetenz, sich am Problem zu delektieren statt an der Lösung. Nur so kann man Cäsar lesen, denn was er zu sagen hat, ist ziemlich uninteressant.

Aber "audacius", das ist was: "So eine Vokabel", sagt die Münchner Lateinlehrerin Gertrud Gebauer, "hat mindestens 20 gleich richtige Übersetzungen." Da lerne man "denken in alle Richtungen".

Die Münchner Lehrerin weiß, wozu es gut ist - und wozu nicht. Denn Frau Gebauer lehrt nicht nur Latein, sondern auch moderne Sprachen, Spanisch und Französisch. Zum Lernen moderner Sprachen, widerspricht sie einem beliebten Vorurteil der Lateinfreunde, sei analytisches, vernetztes Denken eher hinderlich. Da soll man nicht denken, sondern reden.

Aber reden lernen ist wichtig. Nur wer drei Sprachen fließend sprechen kann, so die Forderung der OECD, sei in der Lage, sich an den Problemen der Welt außerhalb der eigenen Landesgrenzen zu delektieren: "Sprachkenntnisse sichern die Anschlussfähigkeit des Wissens in anderen Kulturen", erklärt der Reformer Stryck. Man muss die Welt nicht nur verändern, man muss das auch fließend erklären können.

So wird die Schule der Zukunft nicht weniger, sondern mehr von den Schülern verlangen müssen. Mehr als in einen Schultag hineinpasst, und am besten, Gruß vom Kanzler, alles zugleich, sofort und ganz authentisch. Eine Lösung des Problems, was das Wesentliche von all dem Wesentlichen ist, ist das noch lange nicht.

Wär ja auch schade. THOMAS DARNSTÄDT

BILDUNG PER KLICK

Schule allgemein

Ein umfassendes Angebot rund um das Thema Schule, einschließlich ausgezeichneter Link-Listen, bietet der Deutsche Bildungsserver:

www.schulweb.de

Alles über Schüler, Lehrer und das Internet stellt die Initiative Schulen ans Netz zur Verfügung:

www.san-ev.de

Die Schulferien in allen Bundesländern bis ins Jahr 2003 findet man unter:

www.kmk.org/schul/home.htm?ferien

BILDUNG PER KLICK

Pädagogik

Eine der renommiertesten pädagogischen Forschungseinrichtungen in Deutschland ist das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung:

www.mpib-berlin.mpg.de

Die Ergebnisse der Timss-Studie finden sich unter:

www.mpib-berlin.mpg.de.TIMSS-Germany

Infos zum derzeit laufenden Leistungstest Pisa stehen auf:

www.mpib-berlin.mpg.de/Pisa

Über die Zukunft des Lernens und der Schulen informiert das Forum Bildung:

www.forum-bildung.de

Tipps zur individuellen Förderung von Schülern, etwa bei Lese- und Rechenschwäche oder für hoch begabte Kinder, bietet:

dbs.schule.de/zeigen.html?seite=567

BILDUNG PER KLICK

Politik

Zu den einzelnen Kultusministerien der Länder führt:

dbs.schule.de/zeigen.html?Seite=580

Die Kultusministerkonferenz präsentiert sich unter:

www.kmk.org

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung in Berlin:

www.bmbf.de

* Ingo Richter: "Die sieben Todsünden der Bildungspolitik". Carl Hanser Verlag, München; 224 Seiten; 39,80 Mark. * 9! (neun Fakultät), das heißt 362 880-mal.

DER SPIEGEL 14/2001
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