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UNTERNEHMER

Vision und Wirklichkeit

Von Jakobs, Hans-Jürgen

Zu viel Show, zu wenig Cash: Internet-Guru Paulus Neef steuerte seine Pixelpark AG in die Krise. Nun muss das Unternehmen saniert werden, der Neue Markt hat einen gefallenen Engel mehr.

Im kleinen Kreis vor seinen Spitzenmanagern wurde Paulus Neef, 40, deutlich. "Mein Vorbild ist Thomas Haffa", sagte der Vorstandschef der Pixelpark AG mit festem Blick. Das war Anfang 2000.

Gleich dem Münchner Strahlemann, der mit seiner Medienfirma EM.TV auf dem Weg zum neuen Walt-Disney-Konzern schien, wollte auch Stratege Neef expandieren: im großen Stil, weltweit. Er sah sich als "Taktgeber für unsere Company und die Industrie insgesamt" und schwärmte vom "charismatischen Unternehmer".

In jenen Wochen wurden er und Haffa von vielen als Vorzeigefiguren der New Economy gepriesen. Ihre Story: aus dem Nichts nach oben. Ihre Mission: Die Börse macht alles möglich. Die beiden galten als die Stars der Wirtschaft von morgen.

Im Dezember 2000 zerzauste es zunächst den Fernsehinvestor Haffa, seine EM.TV war über Nacht ein Sanierungsfall. Vorige Woche endete dann auch die Legende vom smarten Internet-Guru Paulus Neef. Der gefallene Engel musste öffentlich tiefrote Zahlen und Pannen eingestehen: "Wir haben Fehler gemacht." Innovative Ideen allein, das habe er gelernt, seien keine Basis für stabile Wirtschaftlichkeit.

Bei 102,3 Millionen Mark Umsatz war im zweiten Halbjahr 2000 ein Verlust von 30,5 Millionen aufgelaufen. Auch für dieses Jahr ist ein Minus avisiert. Die liquiden Mittel waren bis Ende 2000 auf rund 40 Millionen Mark geschrumpft.

Ähnlich dem Ex-Idol Haffa hat sich auch Neef übernommen - und wird dafür an der Börse abgestraft. Der Kurs stürzte auf fünf Euro. Dabei hatte der Manager noch im November 2000 an seine Mitarbeiter T-Shirts mit dem Schriftzug "Paulus" und den Zahlen "15, 100, 100" verteilt - die standen dafür, dass in 15 Monaten bei 100 Prozent Einsatz ein Kurs von 100 Euro zu erreichen sei. Ende November notierte Pixelpark bei rund 30 Euro.

Peinlich für die "Pixels", wie sie sich selbst gern nennen, dass manche Rivalen wie GFT Technologies aus dem Schwarzwald oder Concept Gewinn ausweisen (siehe Grafik) - und das ohne viel PR-Rummel.

Showman Neef dagegen liebt Kameras, Mikrofone und Kongresse. Ein persönlicher Coach, der schon Telekom-Chef Ron Sommer TV-tauglich gemacht hat, wacht über die Außenwirkung. War Neef zu selten im Unternehmen? Er habe nur einen Teil der Presseanfragen annehmen können, verteidigt sich der Firmenchef.

Die von dem Diplom-Medienberater Neef 1991 in einem Hinterhaus gegründete Firma war einst durch flotte Internet-Seiten aufgefallen, die sie für Kunden entwarf. Später positionierte sich Pixelpark als Pfadfinder für Konzerne der Old Economy bei deren Gang ins Internet. Für viel Geld akquirierte Neef, der noch rund 19 Prozent der Aktien hält, einen französischen Datenbank-Spezialisten sowie die Software-Firma eines Pixelpark-Mitgründers.

Bislang jedoch haben sich die Investitionen nicht ausgezahlt. Als Full-Service-Firma fürs E-Business konkurrieren die Berliner mit Technikgrößen wie IBM Global Services oder Beratungsfirmen wie A.T.Kearney. Auch greifen viele Konzerne weitgehend auf eigene Fachabteilungen zurück. Zudem versagte Neefs Truppe im Tagesgeschäft: Ausgerechnet bei einer Arbeit für den Top-Kunden Allianz kam sie in Terminverzug. Enttäuscht zog sich der Versicherungsriese aus dem Großprojekt zurück, Pixelpark verlor viel Umsatz. Auch der Plan, als großer Investor und Helfer bei jungen Firmen (Start-ups) aufzutreten, floppte. Der Mehrheitsanteil an der Venturepark Incubator AG ist bereits auf 36 Prozent geschmolzen und soll weiter sinken.

Hundert Beteiligungen pro Jahr hatte Neef versprochen, heute betreibt Venturepark nur wenige Projekte. Beispiel Sportgate: PR-wirksam hatte sich Neef im August 2000 im Münchner Olympiastadion auf der Tartanbahn in der Startpose eines knienden Läufers fotografieren lassen, neben RTL-Gründer Helmut Thoma und Tennisstar Boris Becker. Doch danach liefen die drei Gründer offenbar in verschiedene Richtungen, erst jetzt ist der Sport-Online-Dienst wirklich gestartet - mit einem mageren Angebot. Neef hält persönlich einen Anteil, Sportgate aber versagte Pixelpark den Auftrag als Dienstleister.

Die sei dem Management zu teuer gewesen, sagt Initiator Thoma - eine Einschätzung, die Neef häufig begegnet. "Die verlangen astronomische Preise", erklärt Borris Brandt, Ex-Vorstand der Filmfirma Senator. Für einen neuen Online-Auftritt habe Pixelpark mehr als eine Million Mark kalkuliert, schließlich habe eine Frankfurter Agentur den Job für rund 150 000 Mark erledigt. Pixelpark sei absolut wettbewerbsfähig, erwidert Neef, die Leistung stimme: "Man bekommt einen Mercedes ja auch nicht zum Preis von einem Golf."

In dem gnadenlosen Wettbewerb jedenfalls wurden Gewinne bei Pixelpark zur Mangelerscheinung. Sehnsüchtig ließ sich der Aufsichtsrat schon mal von guten Resultaten in Frankreich berichten - dort arbeitet das Unternehmen profitabel.

Nun wird eisern gespart in Neefs Hauptquartier, der ehemaligen Ost-Berliner Lampenfabrik Narva, wo die Kreativen unter dem Dach in zehn Meter hohen Räumen (interner Name: Kathedrale) über Ideen brüten. Der neu in den Vorstand eingerückte Sanierer Peter Ostermann, ein ehemaliger Partner der Beratungsfirma Accenture, kündigt "harte Schnitte" an.

"Wir krempeln die Ärmel hoch", sagt Gründer Neef, es gehe darum, "mehr Effizienz hinzubekommen". Das Büro in New York, einst der Brückenkopf für eine US-Offensive, wird geschlossen; es ist ohnehin nur noch Horchposten für drei Unentwegte, die Trends erspähen. Neef: "Wir konzentrieren uns jetzt auf Kerneuropa."

Den knapp tausend Mitarbeitern steht künftig immerhin ein neu gegründeter Betriebsrat zur Seite. Ein solches Gremium hatte Neef stets als Relikt der Old Economy abgetan: Man brauche es nur, um zwischen zwei Seiten zu vermitteln. Bei Pixelpark aber seien alle mit viel Spaß dabei.

Das Klima ist rau geworden für die einstige Galionsfigur Neef, und das liegt auch am Verhältnis zum Hauptgesellschafter Bertelsmann. Der Medienkonzern hält 58 Prozent der Anteile und stellte mit Jan Kantowsky den Finanzchef, den Verantwortlichen für die Finanzpläne und deren Einhaltung. Der Manager wechselt ins Haupthaus.

Im Aufsichtsrat führt Bertelsmann-Vorstand Klaus Eierhoff das große Wort. Der Ex-Karstadt-Manager hat auch mit anderen Internet-Firmen - Lycos Europe, BOL, barnesandnoble.com - wenig Fortune bewiesen. An der Börse steht der Name für Kapitalvernichtung im großen Stil.

Das Pixelpark-Desaster ist auch sein Desaster. Über den von Bertelsmann entsandten Finanzvorstand hatte Eierhoff tiefe Einblicke ins Geschäft. Angeblich pochte er Mitte 2000 aufs Kostensenken.

Vor Monaten schon hatte Bertelsmann die Beteiligung auf "Verkaufen" gestellt. Da Gespräche mit Interessenten wie der Deutschen Telekom vorerst gescheitert sind, müssen sich die schwierigen Partner nun gemeinsam an die Sanierung machen. Ende des Jahres 2000 gewährten die Gütersloher einen 50-Millionen-Mark-Kredit, weitere Hilfen sind je nach Bedarf abrufbar.

Vergangene Woche gab die Mutter ihrer schlingernden Tochterfirma zudem gegenüber drei anderen Agenturen den Vorzug. Pixelpark darf - diesmal für weit weniger als eine Million Mark - den Internet-Auftritt von Bertelsmann überarbeiten. Zuvor hatte es im Konzern viel Kritik an den angeblich laschen Helfern von Pixelpark gegeben, als Dienstleister für Eierhoffs Buchclubs waren sie durchgefallen.

Neef ist nun milde gestimmt. Das Verhältnis sei "nicht immer reibungslos" gewesen, sagt er, es habe sich aber stark verbessert: "Wir haben noch nie so eng zusammengearbeitet." HANS-JÜRGEN JAKOBS


DER SPIEGEL 14/2001
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