02.04.2001

AUTORENZwanzig Jahre Einsamkeit

Der Literaturbetrieb verschmähte ihn jahrelang, dann präsentierte Georg Klein mit „Libidissi“ ein furioses Debüt. Mit „Barbar Rosa“ ist ihm nun endgültig der Durchbruch gelungen.
Der Kanarienvogel Kiki hüpft laut zwitschernd in seinem Käfig auf und ab, vor den Fenstern ziehen Wildgänse in immer neuen Formationen durch den fahlen friesischen Abendhimmel zu ihren Schlafplätzen am nahen Watt, auf dem Küchentisch hält Kerzenfeuer Tee in einer Porzellankanne warm, draußen im Flur läutet das Telefon, Paris.
Stolz ist Georg Klein, stolz, ein deutscher Dichter zu sein, der ein Stück Literatur seines Landes auf dem Salon du livre vertreten durfte, der französischen Buchmesse. Mit seinem 1998 in Deutschland erschienenen Agentenroman "Libidissi", seinerzeit von der Kritik fast einhellig als großartiges Debüt gewürdigt, feiert er jetzt auch in Frankreich beachtliche Erfolge.
Nun sitzt der 48-jährige Autor im alten Backsteinhaus am Rand seiner Wahlheimat Dollart im Nordwesten der Republik, das er mit Frau und zwei Söhnen bewohnt, und unterm kahlen Schädel macht sich ein Lächeln des Triumphes breit. Endlich gilt er, wovon er so lange geträumt hat, als "ausgewiesener" Autor.
Kaum hat ihn sein Erstlingswerk aufs internationale literarische Parkett gehievt, da hat er zu Hause auch schon die vermeintlich größte Nagelprobe aller Debütanten bestanden: Von Paris ging die Reise weiter zur Buchmesse nach Leipzig, wo sein zweiter Roman, "Barbar Rosa", als eine der wichtigsten Neuerscheinungen des Frühjahrs gehandelt wurde*. Sein Verlag preist die "romantische Detektivgeschichte" als "Spannungsliteratur aus der Feder eines Wortkünstlers" an. Was die Werbung freilich nicht verrät: Das Manuskript war zum Zeitpunkt der Drucklegung des Buchs schon über zehn Jahre alt.
Die bittere Geschichte des Schriftstellers Georg Klein, bevor ihn der "Blitzschlag des Erfolges" traf, verlangt dem Vorstellungsvermögen einiges ab. Allein die Zeiträume, in die sich der Bericht über seinen Werdegang gliedert, sind niederschmetternd: Es geht um Jahrzehnte. Am Ende seines Germanistikstudiums 1978 beschloss er, nicht Lehrer zu werden, sondern Schriftsteller. Um 1988 konnte zum ersten Mal ein Text vor dem strengen Auge seiner Selbstkritik bestehen. Ein vollständiges und ein weiteres nahezu fertig gestelltes Romanmanuskript waren inzwischen einem Altpapiercontainer in Berlin-Neukölln übereignet worden. Dort teilte er damals eine winzige Wohnung mit seiner ebenfalls schreibenden Frau Katrin de Vries.
"Die ruinöse Wirkung des Erinnerns auf Tatendrang und Handlungslust ist allgemein bekannt", heißt es wie in feiner Selbstanalyse zu Anfang des vorletzten, des 25. Kapitels von "Barbar Rosa". "Aber wie jede Allerweltserkenntnis ist diese Einsicht mit einem Zucken meiner Achseln abzuschütteln, und aus der drohenden Demontage flüchtet mein Wille in eiliges Verfertigen."
Als er das schrieb, hatte er schon ein Jahrzehnt als ungelesener Autor hinter sich und noch ein weiteres vor sich. Allein einen einzigen Text, über dessen Wert er heute lieber schweigt, konnte er 1983 in einer kleinen Berliner Literaturzeitschrift unterbringen. Nur der unerschütterliche Glaube an sich und an sein sich nur langsam entfaltendes Talent, der sture Blick nach vorn und nicht zuletzt ein gehöriges Maß an Humor machten diesen Durchhaltewillen möglich.
"Erneut", so heißt es hintergründig im aktuellen Roman, "erweise sich ein Spätberufener als das Salz im Eintopf des Berufs."
Lange Zeit hat Klein sich das Nötigste als Sprachlehrer, Deutsch für Ausländer, verdient und als Ghostwriter "Inhalten zur Sprache verholfen". Ein paar ausländischen Germanistikstudenten schrieb er ihre Doktorarbeiten, sogar eine psychiatrie-historische Dissertation stammt aus seiner Feder, immer wieder verschaffte er Wissenschaftlern mit großartigen Ideen, aber kümmerlichem Schreibvermögen Zugang zu großen deutschen Zeitungen. Seine Frau schlug sich mit ABM-Stellen durch. In ihren ostfriesischen Heimatort zog es die beiden schließlich auch aus wirtschaftlicher Not.
Da hockt der zarte Literat am Küchentisch, an Stelle von Tee gibt es nun französischen Rotwein aus dem mittleren Preissegment, und als er auf jenen "Zufall" zu sprechen kommt, dem er nun alles verdankt, zeigen seine Züge deutlich den Phantomschmerz des Verschmähten: 20 Jahre Schreiben ohne Leser bedeuten 20 Jahre Einsamkeit. Sich 10 Jahre lang mit Manuskripten von unzweifelhafter Qualität "die Hacken abzulaufen: demoralisierend".
Weder seine Texte noch unzählige Versuche persönlicher Annäherung gewährten ihm Zugang in die scheinbar hermetisch verriegelte Innenwelt jenes medial-intellektuellen Komplexes aus "vernetzten" Autoren, Verlegern und Kritikern, den Klein nur "Betrieb" nennt.
Angesehene Verlage und bekannte Lektoren sprachen seiner Arbeit mitunter höhnisch ("Lassen Sie das Schreiben sein!") die Qualität ab. Und hätte es nicht diese zufällige Begegnung mit dem jungen Berliner Verlagsgründer Alexander Fest gegeben, der nach einem originellen Manuskript aus der Hand eines deutschsprachigen Autors suchte, "dann wäre es vielleicht noch heute so".
So kompromisslos kann der Konjunktiv sein: Hätte Fest, so spinnt Klein sein Golgatha fort, "Libidissi" nicht veröffentlicht, dann wäre die Kritikerin Iris Radisch nicht auf ihn aufmerksam geworden, die ihn nach Klagenfurt brachte, wo er im vergangenen Sommer den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann - mit einem Ausschnitt aus "Barbar Rosa", das dann noch heute in der Schublade läge. Es wäre eine Schande.
In dieser meisterhaft erzählten, sprachmächtigen Phantasmagorie aus dem Gestrüpp "unserer Hauptstadt", einem bisweilen urkomischen Metakommentar zur Postmoderne, fremdelt Klein auf eine betörende Weise mit der Wirklichkeit. Mag er auch darauf bestehen, dass alles frei erfunden und jede Ähnlichkeit mit der realen Welt rein zufällig sei: Kein Autor hat das Berlin der Wendezeit mit seinen Brüchen, Ab- und Aufbruch inklusive, seinem Leben inmitten der Leere und seiner maroden Maschinenhaftigkeit so präzise und eindringlich eingefangen wie Klein.
So weit er alle autobiografische Ambition auch von sich weist, kaum ein deutscher Autor beherrscht so brillant die Ökonomie des Vergessens und Erinnerns: Die Kulisse seiner Kunst hat er aus nichts als Erlebtem komponiert - und Gelesenem, von E.T.A. Hoffmann bis Thomas Pynchon. Sein Ziel sei es, sagt er, "den Begriff der Erfahrung in den Stand der Ehre zu versetzen". Dabei bedient er sich einer ausgeklügelten, gleichzeitig präzisen und verrätselten Sprache.
"Mich interessiert der Terror der Zeitgeschichte", räumt er ein. Schon in seinem 1999 erschienenen Erzählungsband "Anrufung des Blinden Fisches" hat er der Poesie des Profanen, der Handbücher und Bedienungsanleitungen, am Tatort Berlin ein dichterisches Denkmal gesetzt. Nun schafft er aus Versatzstücken verdichteter Eindrücke ein flirrendes Absurdistan, über dem er wie ein Aufklärer kreist, während unten, in den Niederungen seiner Geschichte, der Detektiv und Ich-Erzähler Mühler einen mysteriös verschwundenen Geldtransporter zu finden hat.
"Die Logik eines Auftrags ist wie ein Skelett im Fleisch seines Verlaufs verborgen", erläutert Romanheld Mühler das poetische Programm des Autors. "Nur wenn ich mich bewege, kann ich am Muskelspiel der Handlungen ermessen, wie weit entfernt vom letzten logischen Schluss, der alles lösen und klären wird, ich noch durchs Vorfeld der Erkenntnis tapse."
"In einer Detektivgeschichte", sagt der Dichter, "geht es um Aufklärung, also eine noble bürgerliche Anstrengung." So richtig nobel bürgerlich will es im Roman allerdings nicht immer zugehen. Wenn er etwa Mühlers Freund Kurti beschreibt, einen "Urinophilen", der sich in der "Grünen Zisterne", einem Videohandel im "letzten architektonisch im Originalzustand erhaltenen Doppelstock-Pissoir Mitteleuropas", den Stoff für seine ausgefallene Sucht besorgt, dann benutzt Klein die Phantasie als Fluchtraum, der nichts anderes ausstellt als den reinen Ekel.
Gekonnt bewegt er sich immer wieder auf den Abgrund des Abscheulichen zu, niemals jedoch geht er den einen Schritt zu weit. So zelebriert er die Kunst eines fortgesetzten Phantasmorgasmus interruptus: Die Perversität liegt stets im Auge des Betrachters.
Ein Leitmotiv seines Schaffens sei es, erklärt Klein, "durch das Hässliche das Schöne zu sehen". Und bringt seine Herkunft ins Spiel: kleine Mietwohnung am Stadtrand von Augsburg, "schlimmster Sozialbau", Vater Maurer. Buchquellen: der Stadtbibliotheksbus; Onkel Karl, ein Elektriker, der ihm Fehldrucke aus einer Druckerei beschafft; die Nachbarin im zweiten Stock mit ihrer schier unerschöpflichen Taschenbuchsammlung; die Schulbibliothek, mit Brechts gesammelten Werken. Bertolt Brecht hat dasselbe Gymnasium besucht wie Klein.
Ein Deutschlehrer, CSU-Abgeordneter im Stadtrat und Hobby-Brechtforscher, gibt dem Heranwachsenden nach lauter Vierern und Fünfern auf einmal eine Zwei und schreibt sechs Zeilen unter die Deutscharbeit. So ausführlich hatte sich der Mann noch nie zu einer Klassenarbeit geäußert. Spätestens seit diesem Tag träumt der Junge davon, einmal Romane zu schreiben.
Dass Georg Klein drei Jahrzehnte später im Schatten des "literarischen Fräuleinwunders" ausgerechnet als "Spät-Debütant" zu ersten Ehren kommt, als habe er erst im reifen Alter mit dem Schreiben begonnen, "das musste ich wohl schlucken".
Alles, was von Klein bisher auf den Buchmarkt gelangt ist, entstand, bevor der Literaturbetrieb auch ihm eine Heimstatt bot. Nun hat der Autor, der sich nie dem Verdacht jugendlicher Genialität ausgesetzt sah, auf seiner Wanderung zwischen den literarischen Genres einen Horrorroman geschrieben. Der soll den geheimnisvollen Titel "Kyffra" tragen, aber wann das Buch erscheine, könne er nicht sagen. Man dürfe, das hat ihn der "Betrieb" gelehrt, nicht zu schnell sein Pulver verschießen.
Die Logik dieses Literaturbetriebs kann grausam sein. Sie wird dieses erste Werk, das der "ausgewiesene" Autor Georg Klein mit dem Ruhm im Nacken verfasst hat, zu seiner wahren Nagelprobe machen. JÜRGEN NEFFE
* Georg Klein: "Barbar Rosa. Eine Detektivgeschichte". Alexander Fest Verlag, Berlin; 208 Seiten; 38 Mark.
Von Jürgen Neffe

DER SPIEGEL 14/2001
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