09.04.2001

9. April 2001 Betr.: Reichstagsbrand

Als der Hobby-Historiker Fritz Tobias 1959/60 in einer elfteiligen SPIEGEL-Serie ("Stehen Sie auf, van der Lubbe!") zu belegen suchte, ein einzelner Täter, der halb blinde Holländer Marinus van der Lubbe, habe 1933 den Reichstag in Berlin angezündet, schlug ihm und dem SPIEGEL eine Welle der Kritik und Empörung entgegen: Alle Welt hatte geglaubt, die Nazis selbst hätten das Feuer gelegt. Inzwischen findet sich die These vom Alleintäter in vielen Standardwerken zur NS-Zeit; erst jüngst übernahm sie der Historiker Ian Kershaw in die neueste Hitler-Biografie.
Eine kleine Gruppe von Historikern um den Schweizer Walther Hofer allerdings glaubt unverändert an die Schuld der Nazis und erhält seit kurzem lautstarke Schützenhilfe von vier akademischen Außenseitern. Die wittern zum Teil bei Tobias oder dem SPIEGEL "Geschichtsfälschung" oder "Manipulation" und berufen sich dabei insbesondere auf Akten, die jahrelang in Moskau lagen und heute im Berliner Bundesarchiv einsehbar sind. Van der Lubbe, so ihre Schlussfolgerung, könne gar nicht der Täter oder zumindest nicht der alleinige Täter gewesen sein.
SPIEGEL-Redakteur Klaus Wiegrefe, 35, fand die Einwände aus den bislang unbekannten Akten zunächst durchaus beeindruckend und begann daraufhin seinerseits eine gründliche Recherche im Berliner Bundesarchiv, aber auch in den Archiven der Gauck-Behörde und des Münchner Instituts für Zeitgeschichte. Gemeinsam mit SPIEGEL-Dokumentar Heiko Buschke, 37, sichtete er außerdem eine Vielzahl von Dokumenten aus dem Privatarchiv von Tobias. Am Ende seiner Recherchen war sich der studierte Historiker Wiegrefe sicher: "Einige Einwände, Widersprüche und Ungereimtheiten werden sich - wie bei allen großen Kriminalfällen - nie ausräumen lassen. Aber die These vom Alleintäter van der Lubbe ist und bleibt die plausibelste Erklärung" (Seite 38).

DER SPIEGEL 15/2001
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