09.04.2001

ZEITGESCHICHTEFlammendes Fanal

Der Reichstagsbrand 1933 war das Signal für den Beginn des braunen Massenterrors. Über die Hintergründe wird bis heute gestritten. Einige Wissenschaftler wollen aus jetzt aufgefundenen Dokumenten herauslesen, dass der Holländer Marinus van der Lubbe doch nicht allein das Feuer legte.
Der Tag, an dem er Geschichte schrieb, begann für Marinus van der Lubbe im kleinen Obdachlosenasyl auf dem Hennigsdorfer Polizeigelände, in der Nähe von Berlin. Als er aufwachte, war es draußen noch dunkel, und der Februarfrost kroch durch die Türritzen in den kargen Schlafsaal. Er quälte sich aus dem Etagenbett gegenüber der Eingangstür, tauschte das weiße Nachthemd des Männerasyls gegen seine löchrige Hose, das schäbige braune Hemd und schlüpfte in die Schuhe; von einem löste sich die Sohle.
Der Polizeihauptwachtmeister Schmidt, der am Rosenmontag 1933 die Aufsicht im Asyl führte, schickte van der Lubbe noch zum Feuerholzholen, danach, um 7.45 Uhr, entließ er den Holländer auf die Straße. Van der Lubbe, 24, hatte gut zwölf Stunden in Freiheit vor sich.
Schräg gegenüber, in Max Wolters Lokal, schnorrte er noch eine Tasse heißen Kaffee. Dann stapfte der schmalbrüstige Anarchokommunist mit dem wilden Lockenschopf durch den Schnee Richtung Berlin.
Von Hennigsdorf bis in die damalige Reichshauptstadt sind es rund 20 Kilometer, und van der Lubbe nahm sich dafür Zeit. Der gelernte Maurer konnte mit dem rechten Auge kaum seine Finger zählen, und auch das linke war lädiert; er hatte bei einer Balgerei mit Kollegen und bei Bauarbeiten Kalk und Splitt in die Augen bekommen.
Van der Lubbe lief durch Tegel, vorbei an den Fahnen und Wahlplakaten, mit denen die Nazis und andere Parteien der Weimarer Republik für die letzten, halbwegs freien Wahlen warben, die Adolf Hitler zuließ. Der NSDAP-Chef war erst seit vier Wochen Reichskanzler und seine Macht noch begrenzt.
In der Müllerstraße entdeckte van der Lubbe gegen halb elf Uhr einen Kohlenhändler. Er kaufte für 30 Pfennig vier Pakete Kohlenanzünder, auf deren Verpackung eine rot züngelnde Flamme lockte. Gut drei Stunden später stand er endlich vor seinem Ziel.
Dunkel und düster, wie für die Ewigkeit gebaut, thronte der Reichstag in der fahlen Wintersonne, ein Klotz aus Sandsteinquadern, Ziegeln und Granit, überragt von der mächtigen Kuppel, die die Berliner als "größte Käseglocke Europas" verspotteten. Um einzusteigen, war es allerdings noch zu hell; van der Lubbe lief durch die Straßen, wärmte sich im Postamt und kehrte erst gegen 21 Uhr zurück.
Aber dann hielt ihn nichts mehr auf, nicht das Eis auf dem Treppengeländer, nicht die klammen Hände, nicht die Wachmänner. Er kletterte an der Fassade zu einem Balkon im Hauptgeschoss empor und trat so lange gegen die Doppelscheiben aus acht Millimeter starkem Spiegelglas, bis sie splitterten.
Wie im Feuerrausch stürmte er durch die dunklen Räume, setzte einen Kohlenanzünder nach dem anderen in Brand, rannte die Treppe hinunter, stürzte in die Küche, sprang dann wieder eine Treppe empor ins Hauptgeschoss. Dass einer der Polizisten, die den Reichstag bewachten, von außen auf den tanzenden Lichterschein van der Lubbes schoss, hielt ihn nicht auf.
Während Feuerwehr und Polizei mit lautem Gebimmel herbeirasten, zündete der Brandstifter hastig Portieren und ein Tischtuch an, entflammte Handtücher, Servietten und den Papierkorb neben einer Waschtoilette. Weil die Anzünder schnell verbraucht waren, zog er Hemd, Weste, Jackett und Mantel aus, steckte sie nach und nach an und schleifte die brennenden Kleidungsstücke als Feuerträger hinter sich her, bis hinein in den Plenarsaal.
Als der junge Wachtmeister Helmut Poeschel und der Hausinspektor Alexander Scranowitz den Feuerteufel schließlich entdeckten, stand dieser schwer atmend, mit den Hosenträgern über der nackten Brust und schweißnass in einem Nebengang (nach anderer Quelle: im Bismarcksaal) im Hauptgeschoss des Reichstags. Sein Ziel hatte er erreicht: Der Plenarsaal verwandelte sich wenige Minuten später in ein brennendes Inferno; leuchtend rot und weit sichtbar schlugen die Flammen in der Kuppel empor.
An diesem 27. Februar 1933 brannte das Symbol der Republik, von Parlament und Parteien - die viele Deutsche damals verachteten. Der Reichstagsbrand wurde zum Fanal für die endgültige Zerstörung der Weimarer Demokratie.
Zugleich entzündete sich an der Aktion eine bis heute anhaltende Debatte über die Hintergründe. War der Holländer tatsächlich allein der Täter, wie er später vor Polizei und Gericht beteuerte, oder galt, was Hermann Göring, der Reichstagspräsident, sogleich als erster Politiker an der Brandstätte erklärte: "Ohne jeden Zweifel ist dies das Werk der Kommunisten." Oder war es so, wie nach dem Krieg die gängige Erklärung lautete: Tatsächlich steckten die Nationalsozialisten selber hinter der Brandstiftung? Sie profitierten doch ganz offensichtlich von der den Kommunisten untergeschobenen Tat, um damit den anschließenden braunen Terror gegen die Linke zu rechtfertigen.
Eine SPIEGEL-Serie 1959/60 brachte eine Aufsehen erregende Wendung in der Debatte. Ein Oberregierungsrat im niedersächsischen Innenministerium, Fritz Tobias, der sich die Reichstagsbrandforschung zur Lebensaufgabe gemacht hatte, legte mit zahlreichen Details dar, dass van der Lubbe nur allein gehandelt haben könne. Hans Mommsen, heute einer der angesehensten deutschen Historiker, unterstützte die These des nichtakademischen Außenseiters. Doch zu provokant war diese Version: Schien sie doch, so die Meinung vieler Kritiker, die Nazis und das nach dem Reichstags-
brand einsetzende Terror-Regime von Schuld freizusprechen.
Walther Hofer, einer der prominentesten Forscher über die Zeit zwischen 1933 und 1945, bemühte sich, die Alleintäter-These anhand von Dokumenten zu widerlegen. Die waren allerdings offenbar gefälscht.
Die Debatte schien damit geklärt - erst kürzlich übernahm der Hitler-Biograf Ian Kershaw die Deutung des niedersächsischen Beamten Tobias. Inzwischen aber sind - nach den Wirren der Wende - über 200 Aktenbündel Ermittlungsunterlagen von 1933 zugänglich geworden, die zu neuen Spekulationen reizen. Die Diskussion über die Täterschaft lebt nicht nur munter wieder auf - sie reicht auch weit über das übliche Geplänkel unter wissenschaftlichen Spezialisten hinaus.
Einige akademische Außenseiter - der Physiker Wilfried Kugel, der Theaterwissenschaftler Gerhard Brack, der Soziologe Hersch Fischler und der Journalist und Historiker Alexander Bahar - lesen aus den Unterlagen nicht nur weitere Varianten über den Brand heraus, sie erheben auch schwere Vorwürfe gegen die Vertreter der Alleintäter-Theorie.
Im Internet, in Tageszeitungen wie "taz" und "Die Welt", in Fachorganen wie der renommierten "Historischen Zeitschrift" und einem 860 Seiten dicken Wälzer ist von "Geschichtsfälschung" oder "Manipulation" durch den "Amateurhistoriker" Tobias, durch Mommsen oder den SPIEGEL die Rede. Van der Lubbe könne auf Grund der neuen Aktenfunde gar nicht der Täter oder zumindest nicht der alleinige Täter gewesen sein.
Die Wissenschaftler verweisen auf Widersprüche in bislang unbekannten Aussagen des Holländers über seinen Weg durch den Reichstag; sie halten es auf Grund der Zeitangaben der Zeugen für ausgeschlossen, dass van der Lubbe allein durch den Reichstag stürmte und in wenigen Minuten mit Kohlenanzündern und einigen Textilien den Plenarsaal mit dem tonnenschweren Eichengestühl anzünden konnte. Sie finden es verdächtig, dass die Polizei viele auffällige Spuren nicht verfolgte, die sich in den Papieren im Bundesarchiv finden.
Droht also ein neuer Historikerstreit mit zudem brisantem Hintergrund, den die Vierer-Gruppe immer wieder in den Vordergrund spielt: eine braune Verschwörung in den Medien, speziell im SPIEGEL? Das Rätsel Reichstagsbrand lädt ja zu vielerlei Legendenbildungen ein.
Unstrittig ist nur, wie die Nazis ihre Schuldzuweisung in den Wochen nach dem Reichstagsbrand in Aktionen gegen ihre Gegner umsetzten. Polizei und die braune Schlägertruppe SA verhafteten noch in der Brandnacht Kommunisten, dann auch Sozialdemokraten und andere Linke wie den späteren Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky. Bis April wurden allein in
Preußen über 25 000 Menschen festgesetzt;
die SA-Männer schlugen ihre Opfer in Kel-
lern und Hinterhöfen zusammen, folterten manche zu Tode.
Erstmals demonstrierte Hitler jene fein abgestimmte Melange aus Pseudo-Legalität und Massenterror, die seine Gegner einschüchterte, die ängstlich Unentschlossenen auf seine Seite zog und die bürgerlichen Verbündeten zu Komplizen werden ließ. Am Tag nach dem Feuer verabschiedete das Kabinett die Notverordnung "Zum Schutz von Volk und Staat". Fortan konnte jeder ohne Anklage und Beweise verhaftet, konnten Wohnungen durchsucht, Zeitungen zensiert, Briefe geöffnet, Telefone abgehört werden.
Nach dem Reichstagsbrand begann der "permanente Ausnahmezustand" (so der Berliner Historiker Ludolf Herbst), der erst 1945 endete, als Deutschland längst in Trümmern lag.
Der Terror nach dem Reichstagsbrand ebnete Hitlers Regierungskoalition aus NSDAP und Deutschnationaler Volkspartei (DNVP) den Weg zur absoluten Mehrheit bei den Wahlen am 5. März: Die Wahlwerbung der linken Opposition wurde massiv behindert und teilweise verboten. Gut zwei Wochen nach dem Urnengang stimmte das neu gewählte Parlament, ohne die inzwischen verhafteten Kommunisten und gegen die Stimmen der Sozialdemokraten, dem berüchtigten Ermächtigungsgesetz mit einer Zweidrittelmehrheit zu. Der Reichstag wurde damit endgültig entmachtet, Deutschland war eine Diktatur.
Der Brandstifter van der Lubbe bezahlte seine Tat mit dem Leben. Die Nazis verhängten Ende März 1933 für Brandstiftung rückwirkend die Todesstrafe. Das Leipziger Reichsgericht machte van der Lubbe gemeinsam mit dem KPD-Fraktionsvorsitzenden Ernst Torgler und drei bulgarischen Kommunisten den Prozess. Van der Lubbe wurde zum Tode verurteilt.
Seine Mitangeklagten, darunter der spätere Chef der Kommunistischen Internationale, Georgij Dimitrow, sprach das Gericht in dem spektakulären Verfahren allerdings frei. Nicht diese, sondern unbekannt gebliebene Kommunisten sollten nach dem Urteil van der Lubbe geholfen haben.
Nationalsozialisten und Kommunisten lieferten sich über die Schuldfrage wilde Propagandaschlachten. Die KPD lancierte gefälschte Dokumente, die noch Jahre später Historiker irreführten. Zwei so genannte Braunbücher der KPD wurden 1933 und 1934 in über 100 000 Exemplaren illegal verbreitet.
Auch nach 1945 trug der Streit über die Schuld Züge eines Glaubenskriegs, den auch angesehene Wissenschaftler mit allen Mitteln ausfochten. Der Reichstagsbrandforscher Tobias war nach seiner SPIEGEL-Serie und einer anschließenden Buchveröffentlichung vorderstes Ziel der Angriffe.
1968 formierte sich ein Komitee "zur wissenschaftlichen Erforschung der Ursachen und Folgen des Zweiten Weltkrieges" mit Sitz in Luxemburg, dessen Leitung der renommierte Schweizer Professor und Bestsellerautor Walther Hofer ("Der Nationalsozialismus") übernahm. Einer der Ehrenpräsidenten war der damalige Außenminister Willy Brandt, der sich allerdings bald zurückzog; zum Kuratorium zählten der Historiker Golo Mann und Kabinettsmitglieder wie Horst Ehmke (SPD).
Dem Außenseiter Tobias unterstellte Hofer, an einer "NS-Unschulds"-Legende zu stricken, die dazu verleiten könnte, die Nazis auch von anderen Verbrechen zu exkulpieren. Lubbes Alleintäterschaft, fand Golo Mann, sei "sozusagen volkspädagogisch unwillkommen".
Über ein Jahrzehnt bekämpften Hofer und Edouard Calic, der Generalsekretär des Komitees, mit Dienstaufsichtsbeschwerden oder üblen Schmähungen Tobias, der sich seinerseits mit harten Bandagen und auch auf dem Rechtsweg wehrte. Tobias habe ihn, behauptete etwa Calic ernsthaft, mit Messer und Revolver bedroht; ein Strafantrag wurde abgewiesen.
Die Debatte um den Reichstagsbrand geriet über den polit-pädagogischen Streit zum ermüdenden Hickhack. Hofer und Calic trugen zwar einige Argumente gegen van der Lubbes Alleintäterschaft zusammen, doch den schlüssigen Beweis für eine Brandstiftung durch die Nazis konnte Hofer nie erbringen.
Als das Komitee schließlich 1978 Dokumente vorlegte, deren Echtheit auch wohlmeinende Wissenschaftler in Frage stellten, verstummten die Zweifel an der Alleintäterschaft.
Über ein Jahrzehnt später gab das Bundesarchiv in Berlin die Akten von 1933 zur Einsicht frei - und wieder entflammte der Krieg der Spurenleser, die in der Asche des alten Brandherdes herumdeuteten.
Die Berliner Unterlagen waren auf verschlungenen Wegen in die heutige Bundeshauptstadt gekommen. 1968 hatte sich die Stasi auf die Suche nach den Dokumenten gemacht, als sie den Chemiker und Dissidenten Robert Havemann ins Visier nahm. Der kommunistische Widerstandskämpfer hatte vor dem Brand 1933 einen der bulgarischen Mitangeklagten van der Lubbes beherbergt und war deshalb von der Gestapo verhört worden.
Die Stasi glaubte fälschlicherweise, Havemann habe Verrat begangen, und wollte ihn mit Hilfe des Verhörprotokolls überführen. In Sofia erfuhren Mielkes Männer von einer Dimitrow-Expertin, dass Dokumente zum Reichstagsbrand in Moskau lagen, einst Beutegut der Roten Armee. Es dauerte dann bis 1982, ehe der Kreml die 50 000 Seiten in der Moskauer DDR-Botschaft heimlich an das Ost-Berliner Institut für Marxismus-Leninismus übergeben ließ.
Fischler, Bahar und Kugel sind nach Sichtung der Akten allerdings über die tatsächlichen Täter unterschiedlicher Meinung. Der Soziologe Fischler vermutete zunächst, Hitlers erzkonservativer Koalitionspartner DNVP stecke hinter dem Brand. Die rechte Partei vertrat auch die ostelbischen Junker, und viele der Parteihonoratioren fürchteten, ein Subventionsbetrug bei der so genannten Osthilfe an die ostdeutsche Landwirtschaft könne auffliegen. Mit dem Reichstagsbrand, so Fischler, wollten die DNVP und ihr nahe stehende Kreise "einen Aufstand der Kommunisten provozieren oder vortäuschen, um dann per Notverordnung den Reichstag ... auszuschalten" und damit ein Aufdecken des Skandals durch das Parlament zu verhindern.
Inzwischen spekuliert er, ob sich nicht "nationalsozialistische Führer" ausgedienter Mitglieder der Organisation Consul bedient hätten, um den Reichstag abzubrennen. Diese rechte Terrororganisation hatte 1922 den damaligen Außenminister Walther Rathenau ermordet, und einige ihrer Mitglieder waren laut Fischler auch für ein Bombenattentat auf den Reichstag 1929 verantwortlich.
Bahar und Kugel hingegen glauben, Goebbels und Göring seien "Ideengeber" und "Hintermann" der Brandstiftung, die ein "SA-Spezialkommando zur besonderen Verwendung" angeblich durchgeführt hat. Die SA habe den arglosen van der Lubbe unter kommunistischer Flagge angeworben und dann in einer Parallelaktion in den schon brennenden Reichstag gebracht. Diese These hatte einst auch die KPD vertreten.
Kugel, Bahar und Fischler hegen einen brisanten Verdacht: Die Alleintäter-These sei aus einer Verschwörung Ewiggestriger entstanden. Die 1933 ermittelnden Beamten der Kripo und späteren Gestapo, so wird insinuiert, sollen mit Hilfe altbrauner Netzwerke, die bis in den SPIEGEL reichten, die angebliche Mär von der Alleinschuld van der Lubbes verbreitet haben, um die wahren Brandstifter zu decken oder sich gar laut Fischler vor Strafverfolgung zu schützen.
Bei fast allen großen Kriminalfällen gibt es ein Restquantum an widersprüchlichen Zeugenaussagen, abweichenden Spuren, unerklärlichen Hinweisen. Beim Reichstagsbrand sind solche Unwägbarkeiten besonders zahlreich. Auf Druck Görings suchten Kripo und die Politische Polizei nach Helfern van der Lubbes unter den Kommunisten. Was dabei, auch unter dubiosen Umständen, an Beweisen gegen die Alleintäterschaft zu Stande kam, werten die vier Kritiker nun als Belege für rechte oder nationalsozialistische Helfer van der Lubbes - eine problematische Methode.
Der Techniker Paul Bogun etwa kam von einem Vortrag im Haus der Ingenieure und lief in jenen Minuten am Reichstag entlang, als van der Lubbe in das Gebäude einbrach. Gegenüber der Polizei behauptete Bogun, er habe einen Mann mit heller Hose aus einem Nebeneingang des Reichstags kommen und wegrennen sehen.
Als im Prozess gegen van der Lubbe die Zeitungen über Boguns Aussage in großer Aufmachung berichteten, meldete sich - das zeigen die Berliner Akten - ein Passant und erklärte, er habe an jenem Abend an der entsprechenden Tür des Reichstags gerüttelt, "um mich davon zu überzeugen, was es mit dem Feuerschein auf sich hatte". Das Portal sei allerdings geschlossen gewesen, danach sei er weitergelaufen.
Gut möglich, dass es sich um ebenjenen Mann handelte, den Bogun gesehen hatte. Im Prozess spielte diese Aussage freilich keine Rolle, sie passte nicht ins Konzept der Ankläger. Bahar, Kugel und Fischler sehen in Boguns Beobachtung trotzdem ein gewichtiges Indiz dafür, dass van der Lubbe nicht der einzige Brandstifter im Gebäude war.
Andere Fährten haben Kripo und Gestapo nicht weiter verfolgt. Der Postassistent Duchstein beispielsweise sprach wenige Tage nach dem Brand bei der Polizei vor und behauptete, er habe während van der Lubbes Brandlauf vier Männer in Polizeiuniformen aus einem Nebeneingang des Reichstags kommen sehen. Die Ermittler legten Duchsteins Angabe in dem Ordner "Unwichtige beendete Untersuchungen" ab. Fischler hält Duchsteins Aussage gerade deshalb für eine heiße Fährte. Widerlegen lässt sich so etwas nicht.
Als Scoop gilt den Wissenschaftlern die Entdeckung des Schornsteinfegermeisters Wilhelm Heise. Der 37-Jährige war Stunden nach der Verhaftung van der Lubbes innerhalb der Absperrung am Reichstag festgenommen worden. Drei Mal versuchte er, sich während der Nacht in der Haft zu erhängen. Bahar, Kugel und Fischler finden das verdächtig. Die Polizei ließ Heise nach einigen Stunden gehen. Er war bei der Festnahme so betrunken, dass er torkelte.
Van der Lubbe verstand nicht, dass ihm viele seiner Vernehmer nicht glaubten. Er hatte sogleich alle Schuld auf sich genommen und in ungelenkem Deutsch erklärt, was er von dem Brand erwartete: "Die Arbeiter sollten sich auflehnen gegen die Staatsordnung. Die Arbeiter sollten denken, dass es ein Symbol für einen gemeinsamen Aufstand gegen die Ordnung des Staates ist."
Der Holländer gehörte zu jener kleinen Gruppe Rätekommunisten der Zwischenkriegszeit, die von der Herrschaft des Proletariats träumten, aber sich der brutalen Disziplin der stalinisierten kommunistischen Parteien nicht beugten. 1931 war er aus der niederländischen KP ausgetreten. Er wollte Aktion und Basisdemokratie, nicht Theorie und Parteigehorsam.
Der junge Halbinvalide agitierte auf eigene Faust unter den arbeitslosen Textilarbeitern in Leiden. Er lebte von Gelegenheitsarbeiten und einer kleinen Rente. Neugierig wanderte er mehrfach durch Europa, auch um herauszufinden, wie die Weltwirtschaftskrise in den Nachbarländern wirkte.
Auf den Weg nach Berlin, das er bereits kannte, machte er sich im Februar 1933. Van der Lubbe wollte wissen, wie das deutsche Proletariat auf den "Führer" reagierte.
15 Tage brauchte er bis zur Reichshauptstadt, und was er dort von den verbitterten Arbeitslosen auf der Straße, vor den Wohlfahrtsämtern und im Männerheim erfuhr, fand er ziemlich enttäuschend. Die Arbeiter, beklagte er später, würden "aus sich heraus nichts unternehmen". Als er einigen eine spontane Demo vorschlug, verwiesen sie ihn an die KPD; die werde den Vorschlag "dann überlegen".
Der Holländer trieb sich viel in Neukölln herum; in dem Arbeiterbezirk mit den trostlosen Mietskasernen, düsteren Hinterhöfen und den vielen arbeitlosen Jugendlichen hatten Nazis und Kommunisten vor der Machtergreifung Hitlers einander blutige Straßenschlachten um ihre Kiezlokale geliefert. Nach dem Januar 1933 versuchten SA-Spitzel, die roten Genossen zu Straftaten zu provozieren, um sie hinterher dingfest machen zu können.
Es wird bis heute darüber spekuliert, ob auch van der Lubbe in Neukölln an verkappte Nazis geraten ist, wie schon die kommunistische Propaganda behauptete. Bahar und Kugel verweisen auf den Berliner Rätekommunisten Alfred Weiland, der später berichtete, er habe den Holländer damals am heutigen Karl-Marx-Platz getroffen.
Weiland erwartete einen niederländischen Genossen. Als stattdessen van der Lubbe auftauchte und für eine revolutionäre Aktion agitierte, will Weiland misstrauisch geworden sein. Der Besucher habe "von uns verlangt loszuschlagen", alle linken Organisationen würden sich dann anschließen, auch die SA und die Reichswehr. Weiland hat nach eigener Erinnerung daraufhin dem Holländer ins Gesicht gesagt: "Du bist Provokateuren aufgesessen."
Möglich, dass van der Lubbe für seinen Aktionismus ("Man muss etwas machen") Zuspruch von einem Agent provocateur erhielt. Vielleicht haben ihn auch nur einige Verzweifelte aus der grauen Armee der Arbeitslosen ermutigt. Aber außer Weilands Behauptung gibt es keine Belege, und Weiland ist ein problematischer Zeuge: Er hat in einem Brief 1960 ausdrücklich verneint, van der Lubbe getroffen zu haben.
Die Stasi argwöhnte zeitweise ganz andere Helfer van der Lubbes. Bei ihr stand in den fünfziger Jahren der Genosse Walter Jahnecke unter Verdacht, mit dem Holländer "individuellen Terror" - so nannte man Anschläge ohne Erlaubnis der Partei - durchgeführt zu haben, wenn auch nicht auf den Reichstag. Jahnecke hatte bis 1926 mehrere Jahre in der Sowjetunion gelebt und behauptete später, er habe in Berlin Beziehungen zu van der Lubbes Mitangeklagtem Dimitrow gepflegt.
Gesichert ist freilich nur, dass van der Lubbe und Jahnecke sich vor der Zahlstelle des Wohlfahrtsamts kennen gelernt hatten. "Der Mann", urteilte Jahnecke über den Schwärmer aus Leiden, "ist ungeheuer edel in seinem Denken." Er bot dem abgerissenen, hungrigen, aber politisch gut informierten Wanderer Stullen an, organisierte eine Schlafstelle und einen alten Mantel.
Nach einer Woche hatte van der Lubbe vom Reden genug. Und da die Deutschen "nichts unternehmen wollten, wollte ich eben etwas tun", so seine spätere Aussage vor der Polizei. Er kaufte vier Pakete Kohlenanzünder und warf einige Stücke auf das Dach des Neuköllner Wohlfahrtsamts, eines schleuderte er in ein offenes Fenster der Holzbaracke - aus Protest gegen die Arbeitslosigkeit, wie er in den Vernehmungen sagte. Das Wohlfahrtsamt galt als Zwingburg des Kapitalismus.
Erfolg hatten beide Versuche nicht. Den Dachbrand bemerkten Passanten rechtzeitig, und das offene Fenster führte in die Damentoilette; der Anzünder verbrannte auf dem Betonfußboden.
Zwei weitere, ähnlich dilettantische Brandstiftungen unternahm van der Lubbe noch am gleichen Abend am Roten Rathaus und beim Berliner Schloss. Das Rathaus galt ihm als politisches Symbol; das Schloss wählte er, weil es im Zentrum lag und "hohe Flammen" zu erwarten waren: "Ich wollte den deutschen Arbeitern ein Vorbild geben; sie sollten endlich ihre Rechte durchdrücken." Beide Feuer wurden rechtzeitig entdeckt, die Gebäude blieben ohne Schaden. Bisher konnte niemand erklären, wie diese Brandstiftungen von angeblichen Hintermännern van der Lubbes initiiert worden seien.
Tags darauf machte sich der erfolglose Brandstifter vorzeitig auf den Heimweg nach Holland, wohl aus Enttäuschung. Ei-
gentlich hatte er bis zu den Parlamentswahlen am 5. März bleiben wollen.
Hinter Spandau bog er Richtung Norden ab und meldete sich am frühen Abend im Hennigsdorfer Obdachlosenasyl an. Über den Abstecher nach Hennigsdorf am Vorabend des Reichstagsbrands ist viel geraunt worden, auch von Bahar und Kugel. In den nun vorliegenden Berliner Akten liefert der sehbehinderte, ortsunkundige van der Lubbe eine banale Erklärung: "Ich habe mich dorthin verlaufen."
Es wird wohl ein Geheimnis bleiben, was den eigenwilligen, oft schwankenden Mann gut zwölf Stunden später wieder in die Hauptstadt trieb, entschlossen, dieses Mal dem Reichstag den roten Hahn aufzusetzen. Ein Einfall? Wollte er es einfach noch mal probieren? Oder hat ihn jemand zu einer erneuten Brandstiftung ermuntert?
Die Nazi-Führung, das legen die Berichte über jenen Abend nahe, war von dem Brand jedenfalls überrascht. Hitlers Auslandspressechef Ernst "Putzi" Hanfstaengl lag mit einer fiebrigen Erkältung im Gästezimmer des Reichstagspräsidentenpalais gegenüber vom Reichstag, als er durch helles Licht geweckt wurde. Die Tür zum Nebenzimmer stand offen, und Hanfstaengl dachte zunächst, er habe die Leselampe brennen lassen. Da stürmte die Haushälterin in sein Zimmer: "Herr Doktor, Herr Doktor, der Reichstag brennt lichterloh!" Hanfstaengl rief sofort Propagandachef Joseph Goebbels an, in dessen Privatwohnung Freunde und auch Hitler zu Abend aßen; es gab Forelle, der Vegetarier Hitler verspeiste Eier und Salat.
Goebbels wollte die Nachricht erst nicht glauben: "Soll das ein Witz sein?" Später behauptete Hanfstaengl, der 1937 aus Deutschland flüchtete und sich von den Nazis abwandte, Goebbels habe ihm bei dem Telefonat Theater vorgespielt. Doch Hitlers Fotograf Heinrich Hoffmann, der beim Führer saß, beobachtete die Szene genau; Hitler wollte die Nachricht nicht glauben: "Was ist los, Hanfstaengl? Na, hören Sie auf. Leiden Sie an Halluzinationen? Oder haben Sie zu viel Whisky getrunken? Was ... ? Sie sehen die Flammen von Ihrem Zimmer aus?"
Hitler eilte mit Goebbels zum Wagen; sie rasten in wenigen Minuten von Goebbels'' Wohnung am heutigen Theodor-Heuss-Platz zum Reichstag. Düster stapfte der "Führer" durch das brennende Gebäude. Der britische Journalist Sefton Delmer hörte, wie der Reichskanzler seinen Stellvertreter Franz von Papen begrüßte: "Dies ist ein von Gott gegebenes Signal, Herr Vizekanzler. Wenn dies Feuer, wie ich glaube, das Werk der Kommunisten ist, dann müssen wir die Mörderpest mit eiserner Faust zerschlagen."
Die NSDAP-Führung erwartete damals einen kommunistischen Aufstand. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass die KPD dem braunen Diktator das Feld kampflos überlassen würde. Die Kommunisten, begründete Goebbels während des Prozesses gegen van der Lubbe diese Annahme, hätten schließlich gewusst, "dass wir, wenn wir die Macht einmal absolut besaßen ... die Kommunistische Partei dann nicht ungeschoren ließen ... "
Unter den Nationalsozialisten herrschte eine beinahe hysterische Kommunistenfurcht. Wochenlang hatte die KPD-Führung für einen bewaffneten Widerstand getrommelt, obwohl sie insgeheim glaubte, Hitler werde sich nur wenige Monate halten. In den Tagen vor dem Brand kam es immer wieder zu Schießereien zwischen SA-Männern und KPD-Mitgliedern.
Reichstagspräsident
Göring, zugleich kommissarischer preußischer Innenminister, plante eine große Aktion gegen die KPD. Verhaftungslisten konnte er von seinem Vorgänger übernehmen; sie waren noch in der Weimarer Republik für den Ausnahmezustand vorbereitet worden.
Nach den Wahlen im März 1933 wollte Göring zudem die KPD-Mandate einfach kassieren. Am Nachmittag des Brandtages befahl der Berliner Chef der Politischen Polizei, Rudolf Diels, allen Polizeidienststellen in Preußen, sich auf kommunistische Anschläge vor und nach den Wahlen einzustellen. "Geeignete Gegenmaßnahmen" seien sofort zu treffen, "kommunistische Funktionäre erforderlichenfalls in Schutzhaft zu nehmen".
Es sind Vorbereitungen wie diese, die Kugel und Bahar glauben lassen, die Nazis hätten den Reichstagsbrand und die anschließenden Verhaftungen von langer Hand präpariert. Plausibler ist es, darin die Vorbereitung für einen Schlag gegen die linke Opposition nach den Wahlen eine Woche später zu sehen.
Noch Jahre danach war Hitler überzeugt, Kommunisten um den in Leipzig freigesprochenen KPD-Fraktionschef Torgler seien die Brandstifter gewesen. Goebbels notierte in seinem Tagebuch im April 1941: "Bei Reichstagsbrand tippt er (Hitler -Red.) auf Torgler als Urheber. Halte das für ausgeschlossen. Dazu ist er viel zu bürgerlich."
Auch unter den Nazis wurde viel geraunt. Chefideologe Alfred Rosenberg vertraute noch am Brandort dem Journalisten Delmer an: "Ich hoffe nur, unsere Leute haben damit nichts zu tun. Das wäre genau die Dummheit, zu der ein paar von ihnen im Stande wären." Die SS vermutete damals angeblich in der SA die Täter. Die Gestapo soll ihren 1934 geschassten Chef Diels für den Hintermann gehalten haben. Göring schien Goebbels zu verdächtigen.
Nach 1945 nahmen die Täter-Theorien aus braunen Kreisen mitunter komödiantische Züge an. Der einstige SA-Führer Franz Knospe etwa berichtete, der Reichstagsbrand sei von einer SS-Einheit geplant worden. Bei einem SS-Angehörigen namens Brauser, der Knospe angeblich ermorden sollte, wollte dieser ein Taschenbuch mit Eintragungen in verklausuliertem Esperanto gefunden haben. Ein Untergebener aus der SA, der ein wenig Esperanto verstand, soll Knospe versichert haben, aus den erbeuteten Notizen gehe unmissverständlich hervor, dass Brauser "ein Kumpan van der Lubbes" gewesen sei. Die Knospe-Spur gehört zu den Fährten, die Fischler und Brack ernsthaft verfolgen.
Einer aus der Führungsriege der Nationalsozialisten hat sich immerhin der Brandstiftung bezichtigt, und das war Göring. Bei einem Geburtstagsfrühstück für Hitler in dessen ostpreußischem Hauptquartier Wolfsschanze rief er 1942 aus: "Der Einzige, der über den Reichstag wirklich Bescheid weiß, bin ich. Ich habe ihn ja angezündet", und klatschte sich auf die Schenkel. Die Tischrunde verstummte, berichtete Generalstabschef Franz Halder, Hitler sei unangenehm berührt gewesen. Die übliche Prahlerei des morphiumsüchtigen Adlatus, ein misslungener Scherz?
Vor dem Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal stritt Göring, der andere blutige Schandtaten durchaus zugab, alle Verantwortung für den unblutigen Reichstagsbrand ab. Die Zerschlagung der KPD, erklärte er seinen Vernehmern ganz offen, sei sowieso geplant gewesen. Der Reichstagsbrand habe das Ganze nur beschleunigt.
Es sind faszinierende Spuren, die zu Göring führen und die Phantasie leicht beflügeln. Vom Reichstag lief ein etwa 120 Meter langer, mannshoher Tunnel mit Heizungsrohren unter der Friedrich-Ebert-Straße hinweg zum Keller von Görings Reichstagspräsidentenpalais und von dort zu den Unterbauten des so genannten Kesselhauses am Reichstagsufer; in diesem standen acht riesige Heizungskessel. Der Reichstagsarchitekt Paul Wallot wollte unbedingt seine Schöpfung vor Brandgefahr schützen und hatte deshalb die Kessel separat untergebracht.
Der Tunnel war stadtbekannt. Während der Revolution von 1918/19 hatten rebellierende Soldaten Waffen durch den Gang in den besetzten Reichstag geschleppt. Nach dem Reichstagsbrand spekulierte Göring öffentlich darüber, dass van der Lubbes kommunistische Helfer auf diesem Weg entflohen seien. Als Göring in der Brandnacht zum Reichstag herbeieilte, befahl er sogleich seinem Leibwächter, die Türen zu dem Gang im Parlamentsgebäude und in seinem Palais zu überprüfen. Sie waren verschlossen.
Die kommunistische Propaganda nutzte die unterirdische Verbindung trotzdem für wilde Verdächtigungen; statt roter seien braune Brandstifter durch den Tunnel in den Reichstag eingestiegen und wieder ent-
wichen. Eine Flucht durch den Tunnel in der Brandnacht schien allerdings wenig
wahrscheinlich, weil der Pförtner, dessen Loge am Tunnel lag, nichts gehört hatte.
Nun haben Bahar und Kugel die Spur aufgenommen und alle Zeugenaussagen anhand der neuen Berliner Akten nochmals überprüft. 1997 ist Kugel sogar den Tunnel abgeschritten. Danach waren er und Bahar sicher: Ortskundige mit den notwendigen Schlüsseln konnten d urch die verschachtelten Kellergewölbe und dann über die Mauer zum Reichstagsufer entkommen.
Die Verschwörer hätten allerdings, das geht ebenfalls aus den neuen Akten hervor, auf Strümpfen schleichen müssen, wie der Pförtner aussagte. Das Laufen im Gang habe nämlich so laut gedröhnt, dass es tagsüber sogar den Straßenverkehr übertönte.
Leider kann den Ortsbesuch im Tunnel niemand wiederholen - er wurde vor einigen Jahren den Umbauten im neuen Parlamentsviertel geopfert. Nur ein wenige Meter langes Reststück steht noch, abgesenkt in der Unterführung zwischen dem Palais und dem Reichstag. Das Bundestagspräsidium will dort demnächst eine Gedenktafel anbringen, die an das "Gerücht" erinnert, Göring habe "Brandstifter durch diesen Tunnel in das Reichstagsgebäude geschickt".
Bei Reichstagshistorikern, etwa dem amerikanischen Wissenschaftler Michael Cullen, sorgt allein die Erwähnung des "Gerüchts" für Verdruss; das sei "nicht seriös". Cullen will lieber in anderer Form an den Brand erinnern, im Reichstag. Schließlich führte das Leipziger Reichsgericht fast die Hälfte des Prozesses in den unversehrten Räumen des Gebäudes durch.
Große Polit-Kriminalfälle wie der Reichstagsbrand umgibt das Mysterium des Bösen. Sie versprechen jedem, der zur Lösung beiträgt, Bedeutung, Wichtigkeit, Rampenlicht. Im Fall des Reichstagsbrandes lockten auch noch 20 000 Reichsmark Belohnung für sachdienliche Hinweise. Und so meldeten sich bei der Polizei 1933 die üblichen Hundertschaften Wichtigtuer, eingebildeter Zeugen und Desinformanten, bis heute ein unerschöpflicher Quell für Verschwörungstheoretiker.
Den Berufsverbrecher Adolf Rall kostete sein Gerede das Leben. Ein Förster fand die nackte Leiche am 2. November 1933 mit eingeschlagenem Schädel und einem Einschussloch in der Stirn in der Nähe von Strausberg, östlich Berlins.
Ralls Spezialität war das Stehlen von Luxuslimousinen. Am 21. Dezember 1932, Wochen vor dem Reichstagsbrand, erwischte ihn die Polizei in Bayern und überstellte ihn am 1. Februar 1933 nach Berlin. Aus dem Knast meldete sich Rall im Herbst 1933. Der Prozess gegen van der Lubbe lief auf Hochtouren, und Rall behauptete, Angaben von "großer Wichtigkeit" machen zu können, freilich nur vor Gericht.
Was Rall Geheimnisvolles enthüllen wollte, ist nur vom Hörensagen überliefert. Eine Truppe von SA-Männern sei Tage vor dem Reichstagsbrand zu dem hochrangigen SA-Führer Karl Ernst bestellt worden. Der knapp 30-jährige Ernst, einst Page und Fahrstuhlführer im Berliner Eden-Hotel, gehörte zu den besonders üblen Schlägern der SA. Seinen Männern soll Ernst befohlen haben, sich durch den Tunnel in den Reichstag zu schleichen und dort mit Hilfe einer speziellen Tinktur Feuer zu legen. Die Tinktur brauche man nur zu verspritzen, sie entzünde sich nach einer Weile von selbst. Ein Vorwand sei nötig, soll Ernst gesagt haben, um gegen die Marxisten loszuschlagen.
Karl Reineking arbeitete als Justizangestellter im Gefängnis Berlin-Tegel und erfuhr offenbar, was Rall erzählte. Reineking war gerade aus der SA ausgeschlossen worden und wollte sich wahrscheinlich rehabilitieren. Er informierte angeblich sofort Ernst, der das Aussageprotokoll Ralls beseitigte und den Zeugen durch Reineking und einige Spießgesellen ermorden ließ.
Die Rall-Version hat einen kleinen Schönheitsfehler: Rall konnte von der Reichstagsbrandstiftung nicht aus eigener Anschauung berichten; er saß am Rosenmontag 1933 im Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit. Macht nichts, finden heute die Kritiker Bahar und Kugel, dann hat die SA eben möglicherweise schon Wochen vor Hitlers Machtergreifung, als Rall noch in Freiheit war, den Brand vorbereitet und die Brandmittel heimlich in den Reichstag gebracht. So schreiben es Bahar und Kugel tatsächlich in der ehrwürdigen "Historischen Zeitschrift".
Plausibler klingt eine andere Variante. Rall suchte - wie viele Knastbrüder - ein wenig Ablenkung im öden Gefängnisalltag. Die Ingredienzen seiner Geschichte gab es tatsächlich: Es gab den Tunnel; es gab die besagte Tinktur, denn die SA hatte mit einer Phosphor-Lösung experimentiert, um damit Wahlplakate der KPD abzufackeln, und Rall war SA-Mann. Für die kommunistische Propaganda wäre Ralls Auftreten vor Gericht ideal gewesen. Grund genug für die Nazis, Ralls Aussage um jeden Preis zu verhindern, auch durch Mord.
Van der Lubbe ahnte lange nicht, was ihm drohte. Er rechne "mit einigen Jahren Zuchthaus", verkündete er fröhlich seinen Bewachern auf dem Transport zu den Verhören; anschließend werde er sie besuchen. Vor Gericht wollte er ein flammendes Plädoyer für den Kommunismus halten.
Dazu ist es nie gekommen. Im Gerichtssaal saß er mit hängendem Kopf, seine tropfende Nase musste ihm ein Wachmann abwischen, oft antwortete er gar nicht oder mit "Nein! Ja!" Stand er unter Drogen, wie oft vermutet wurde, war er trotzig oder nur verzweifelt?
Kriminalkommissar Walter Zirpins, der van der Lubbe zunächst vernahm, hatte ihm noch geglaubt, allein den Brand gelegt zu haben, wenn auch von Kommunisten angestiftet. Er sei, sagte der kleine, stets elegante Zirpins im Prozess aus, van der Lubbe "auch menschlich sehr nahe" gekommen.
Zirpins schloss seine Verhöre nach wenigen Tagen ab; eine Sonderkommission nahm fortan van der Lubbe in die Mangel. Immer wieder sollte er durch den Reichstag laufen, wie er es in der Brandnacht getan hatte. Dass van der Lubbe den Weg nicht exakt erinnerte, sah Untersuchungsrichter Paul Vogt als Beleg für die Existenz von Helfern; Bahar und Kugel schließen sich dem an.
Dabei wäre es erstaunlich gewesen, hätte der Holländer problemlos seinen Pfad durch das teilweise ausgebrannte Gebäude wiederholen können. Schließlich war er selber nur einmal, im Dunkeln, durch Teile des 11 000 Quadratmeter großen Reichstags gehetzt. "Dem ersten Beamten habe ich bereits gesagt", rief van der Lubbe schließlich aus, "dass ich bei der Ausführung der Tat in einem fremden Gebäude ... nicht sagen kann, wie nun alles geschehen ist."
Ermattet von den ständigen Fragen, Tag und Nacht gefesselt in einer Zelle, in der das Licht rund um die Uhr brannte, verweigerte sich van der Lubbe seinen Vernehmern: "Ich werde keine Erklärung mehr abgeben, mich interessiert die ganze Sache nicht, ich will damit nichts mehr zu tun haben." In den Dokumenten finden sich nach solchen Äußerungen Sätze wie: "Anschließend wird dem van der Lubbe klar gemacht, dass es nicht darauf ankomme, ob er Interesse an der Sache habe, sondern dass es darauf ankomme, dass die Polizei großes Interesse hat, die Sache zu klären." Die Worte lassen ahnen, dass dem Holländer nichts Gutes widerfuhr; seine Apathie mag die Folge gewesen sein.
Der Untersuchungsrichter Vogt mochte bis zu seinem Lebensende nicht glauben, dass van der Lubbe in wenigen Minuten das tonnenschwere Eichengestühl des großen Plenarsaals in ein Flammenmeer versetzen konnte. Einige Sachverständige bestätigten ihn in seiner Skepsis; der Plenarsaal sei mit Brandmitteln präpariert gewesen. "Ja, die Sachverständigen können das alles sagen", widersprach van der Lubbe, "ich bin der Meinung, es brennt doch."
Noch heute sind die Gutachter Kronzeugen von Bahar, Kugel und Fischler, die die Expertisen so werten, als seien sie in der Bundesrepublik und nicht in Hitlers Diktatur abgegeben worden. Dabei gelten Brandgutachten schon in einem Rechtsstaat als Achillesferse der Beweisführung.
Wie bereits einige Gutachter 1933, rekonstruieren auch Bahar und Kugel mit Hilfe der Aussagen von Feuerwehrleuten und Polizisten, die im brennenden Reichstag waren, den Brandverlauf bis auf die Minute. Westdeutsche Richter hatten zu dieser Vorgehensweise im Van-der-Lubbe-Prozess später ironisch angemerkt, "dass auch die Uhren der Polizisten und Feuerwehrmänner nicht unbedingt genau gehen müssen".
Hausinspektor Alexander Scranowitz war einer der Ersten, die in den brennenden Plenarsaal blickten, für "den Bruchteil einer Sekunde". Der ortskundige Mann behauptete hinterher mit großer Selbstsicherheit, eine ganze Reihe von Bränden gesehen zu haben, ein klassisches Indiz für ein geplant gelegtes Feuer.
In den Berliner Akten findet sich allerdings die bislang unbekannte Aussage eines Polizisten, Scranowitz sei in jenen Minuten sprachlos vor "Verwirrung und Erregung" gewesen. Außerdem, auch das geht aus den Akten hervor, zeigte der Hausinspektor großes Interesse an einem Teil der Prämie. 1954 war er sich ganz sicher, dass van der Lubbe allein gezündelt hatte.
Einige Beamte aus Kripo und Gestapo, die im Reichstagsbrandfall ermittelt hatten, trafen sich in den Sicherheitsbehörden der Bundesrepublik wieder. Vernehmer Zirpins etwa heuerte im niedersächsischen Innenministerium an und baute das Landeskriminalamt auf. In Hannover lernte ihn auch der spätere Reichstagsbrandforscher Tobias kennen; 1951 erzählte Zirpins dem Kollegen, was damals niemand glauben wollte: Van der Lubbe habe allein gezündelt.
Tobias interessierte sich für den Reichstagsbrand, weil dieser sein Leben verändert hatte. Als junger Mann hatte er in der Buchhandlung des Gewerkschaftshauses in Hannover gelernt; nach dem Brand 1933 wurde das Gewerkschaftshaus geschlossen; Tobias musste sich einen neuen Job suchen.
Zirpins'' Aussage faszinierte ihn, und Tobias begann systematisch alle zugänglichen Materialien auszuwerten. Mitte der fünfziger Jahre erfuhr ein Journalist des SPIEGEL von Tobias'' Recherchen; 1959/60 veröffentlichte der SPIEGEL die Forschungsergebnisse des Außenseiters.
Fischler vermutet nun, Zirpins habe seine Version von der Alleintäterschaft über Tobias und mit Hilfe brauner Seilschaften im SPIEGEL lanciert, um sich und seine Kollegen aus Kripo und Gestapo vor rechtlichen Folgen zu schützen und die wahren Brandstifter zu decken. Die Dokumente, in denen Zirpins schon 1933 van der Lubbe als alleinigen Täter bezeichnete, hält Fischler für "manipuliert". Belege hat er dafür allerdings nicht. Und wie will Fischler erklären, dass ausgerechnet Tobias dem Kollegen Zirpins öffentlich vorwarf, mit Spekulationen über kommunistische Hintermänner 1933 den Weg van der Lubbes zum Schafott mit bereitet zu haben?
Fischler versucht seit langem, die braune Vergangenheit von Zirpins zu ergründen, besonders dessen Karriere vor und nach 1945. Zirpins hatte mehrere Monate lang bis zum Februar 1941 die Kriminalpolizei in Lodz geleitet. Er nahm an der staatlich verordneten Ausplünderung des Ghettos teil und schrieb über seine Arbeit einen üblen antisemitischen Artikel in einer Fachzeitschrift. Die Deportation und Vernichtung des Ghettos Lodz begann allerdings Monate nach Zirpins'' Abreise. Mindestens ein Kollege aus den Reichstagsbrandermittlungen hatte in Hitlers Vernichtungskrieg im Osten größere Schuld auf sich geladen als Zirpins. Mussten er, Zirpins und andere auch ein Reichstagsbrandverfahren fürchten?
In der Tat verjährten Meineide und schwere Brandstiftung erst 1960 oder sogar danach, und ein ehemaliger Gestapo-Beamter war nachweislich beunruhigt, als 1948 eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft drohte. Aber ist das ein Beleg dafür, dass die Alleintäter-These die wahren Schuldigen decken sollte? Wer sollten die gewesen sein?
Manche Beamte wollten aus ganz anderen Gründen ihr Verhalten bemänteln. Der Assessor Hans Schneppel etwa hatte den Haftbefehl gegen van der Lubbes Mitangeklagten Torgler und den rasenden Reporter und Kommunisten Egon Erwin Kisch unterzeichnet und während des Prozesses bei Zeugenabsprachen hoher Nazis mitgewirkt. Später war er im
Bundesinnenministerium zuständig für den Verfassungsschutz, für den seit 1959 in Niedersachsen auch der Beamte Tobias arbeitete.
Brack und Fischler folgern rasch, "ein Verfassungsschutzbeamter strickt mit der Alleintäter-These eine Legende, die frühere kriminelle NS-Verstrickungen des oberen Ministerialbeamten, der den Verfassungsschutz beaufsichtigen sollte, vertuschte." Doch Tobias betrieb seine Forschungen über den Reichstagsbrand Jahre bevor er zum Verfassungsschutz wechselte und Schneppel die entsprechende Abteilung im Innenministerium übernahm.
Als Tobias den ehemaligen Assessor interviewte, erzählte Schneppel dem Reichstagsbrandforscher, er sei am Brandabend mit seiner Frau ausgegangen. Und er fügte hinzu, dass er nicht sicher sei, "ob die Nazis mit dem Brande nicht doch etwas zu tun gehabt haben". Spricht so ein Verschwörer, der Tobias auf die Alleintäter-These festlegen will?
Der Vorwurf, altbraune Journalisten hätten beim SPIEGEL bei der Reichstagsbrandserie Hand angelegt, ist schon 1960 erhoben worden. Nach dem Krieg heuerten in der Tat Journalisten und andere Deutsche, die Hitler willig zu Diensten waren, in den neuen Zeitungen und Zeitschriften der Bundesrepublik an; eine gute Hand voll, auch das ist seit Jahren bekannt, beim SPIEGEL.
Einer von ihnen war Paul K. Schmidt, der ehemalige Pressechef von Hitlers Außenminister Joachim von Ribbentrop. Er war freier Mitarbeiter beim Springer-Verlag und arbeitete gleichzeitig eine Weile für den SPIEGEL. In der Öffentlichkeit wurde Schmidt unter dem Pseudonym Paul Carell als Autor von Landserromanen bekannt.
Schmidt hatte vor der Deportation der ungarischen Juden aus Budapest 1944 vorgeschlagen, "äußere Anlässe und Begründungen für die Aktion (zu schaffen -Red.), zum Beispiel Sprengstoff-Funde in jüdischen Vereinshäusern und Synagogen ... ". 1950 hatte ihn die britische Militärregierung der "Welt" als Mitarbeiter empfohlen, möglicherweise in Unkenntnis solcher Vermerke.
Mit dem Reichstagsbrand hatte Schmidt allerdings nichts zu tun, 1933 studierte er in Kiel. 1958 schlug der SPIEGEL Tobias vor, der freie Mitarbeiter Schmidt solle die Bearbeitung seines Textes übernehmen. Tobias kannte Schmidts üblen Vermerk von 1944 nicht und willigte ein. Als ein Genosse aus dem SPD-Parteivorstand den Sozialdemokraten Tobias in allgemeinen Wendungen vor Schmidt warnte, schrieb Tobias zurück, er könne sich gut vorstellen, dass dieser ein tüchtiger Nazi gewesen sei, und fügte an: "Aber ... wenn Du die alle ausschließen willst ...".
Beim Redigieren ließ sich Schmidt reichlich Zeit, zum Verdruss von Tobias, der sogar deshalb die Zusammenarbeit mit dem SPIEGEL beenden wollte. Über das Ergebnis von Schmidts Arbeit war er so enttäuscht ("sachliche Fehler en masse"), dass er seitenlange Korrekturlisten an den SPIEGEL schickte. Fortan übernahm der Redakteur Günther Zacharias die Bearbeitung der Tobias-Serie zum Reichstagsbrand.
Die SPIEGEL-Kritiker Bahar und Kugel behaupten nun, auch Zacharias sei NSDAP-Mitglied gewesen. Das hatte schon 1970 das Luxemburger Komitee geschrieben und war zwei Jahre später im SPIEGEL widerlegt worden: Es handelte sich um eine Verwechslung.
Brack, Fischler, Kugel und Bahar haben zwar einige neue Details zum Reichstagsbrand und manchen Einwand gegen Tobias'' Werk zusammengetragen. Doch viele Kritikpunkte lassen sich mit den neuen Berliner Akten - das zeigen Recherchen des SPIEGEL - auch gleich wieder entkräften oder beruhen auf schlichten Fehlinterpretationen der Dokumente.
Und den positiven Beweis für andere Täter vermögen die vier aus den neuen Unterlagen nicht zu erbringen. Ein anderer Befund wäre auch erstaunlich: Den Teil der Berliner Papiere, der von der Gestapo stammt, hat diese schließlich selber dem Reichsgericht übereignet. Wieso sollte ausgerechnet die Geheimpolizei Belege aus der Hand gegeben haben, in denen sich Beweise dafür finden, dass die Nazis oder ihre Verbündeten - und damit weder van der Lubbe noch die Kommunisten - die Brandleger gewesen waren? Die Alleintäter-These bleibt die plausibelste Variante.
Einen besonders geheimnisvollen Vorgang haben Bahar und Kugel inzwischen selber aufgeklärt. Sie hatten eine Aufsehen erregende Aussage eines Feuerwehrmannes aus dem Jahr 1955 aufgegriffen, ihn hätten während des Einsatzes im Reichstag mehrere Männer in nagelneuen Polizeiuniformen mit gezückter Pistole gezwungen, das Erdgeschoss zu verlassen. Der Mann und seine Kollegen waren sich einig, dass die angeblichen Polizisten den Rückzug der Brandstifter deckten. Die neuen Akten, triumphierten die Autoren, würden diese Version bestätigen.
Inzwischen haben Bahar und Kugel ihre vermeintlichen Belegstücke genau gelesen und räumen ein, dass es sich bei den angeblichen Komplizen wohl um ganz normale Polizisten handelte, die im Gebäude nach Brandstiftern suchten.
In Kriminalfällen einer gewissen Größenordnung, das zeigt die Geschichte vom angeblichen Gifttod Napoleons bis zur Ermordung von John F. Kennedy, findet fast jede Theorie einen Verfechter. Da spielt es dann keine Rolle mehr, dass van der Lubbe ein glaubwürdiges Motiv besaß, dass Hitler, der nun wirklich über eine Anstiftung aus Nazi-Kreisen hätte Bescheid wissen müssen, von der Schuld der KPD ausging, dass nie ein Zeuge glaubwürdig Nationalsozialisten benennen konnte, die den Reichstag angesteckt haben.
Totalitäre Diktaturen wie das Dritte Reich, die freie Presse und öffentliche Meinung unterdrücken, provozieren damit jeden beliebigen Verdacht: Was plausibel klingt, ist verdächtig, und was verdächtig klingt, ist wahrscheinlich.
Beenden lassen sich deshalb Debatten wie die um den Reichstagsbrand nicht. Zu eindeutig lag der Nutzen bei den Nazis, zu ungewohnt war und ist manchen die Vorstellung, dass ein halbblinder Holländer das deutsche Parlament in Brand steckte.
Gegen das Raunen der Gerüchte haben es die Fakten bis heute schwer. Van der Lubbe hat immer wieder beteuert, dass er allein die Brände gelegt hat; Ermittlungsbeamte wie Zirpins haben dies geglaubt und unter Eid 1933 im Prozess ausgesagt, obwohl es den Nazis nicht genehm war; beim Probesprint mit einem Brandkommissar durch den ausgebrannten Reichstag stellte sich heraus, dass van der Lubbe in der verfügbaren Zeit die Strecke der Brandnacht laufen konnte. Vergebens. Für Bahar, Fischler, Brack und Kugel zählen nur jene Merkwürdigkeiten, die sich wohl nie klären lassen werden.
Der Mann, an dessen Tat sich die endlose Kontroverse entzündete, meldete sich zur Täterfrage zuletzt am 23. November 1933 im Leipziger Gerichtssaal zu Wort. Allen Einwänden zum Trotz, erklärte van der Lubbe, "habe ich die Tat allein begangen."
Als ihn der Staatsanwalt am 10. Januar 1934, drei Tage vor seinem 25. Geburtstag, im Angesicht der Guillotine fragte, ob er noch etwas zu sagen habe, verneinte er. Das letzte Wort, das der Gefängnispfarrer hörte, war "Endlich!" KLAUS WIEGREFE
* Mit Hermann Göring (3. v. r.) und Joseph Goebbels (M., halb verdeckt mit Hut). * Bei der Urteilsverkündung am 23. Dezember 1933 in Leipzig. * Am 1. Mai 1926 in Berlin. * Am 5. März 1933 mit dem DNVP-Vorsitzenden Alfred Hugenberg (M.) vor einem Wahllokal. * Bei einem Lokaltermin am 18. Oktober. * Bei einem Verhör durch den Kriminalkommissar Helmut Heisig im März 1933.
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 15/2001
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