09.04.2001

HOCHSCHULENKopieren geht über Studieren

Viele Studenten quälen sich mit dem Schreiben, manche brechen aus Formulierungsnot ihr Studium ab; die Arbeit am Computer scheint die Schreibhemmung noch zu verstärken.
Ohne den Modergeruch halbfauler Äpfel ging gar nichts. Ohne den Apfelduft gäbe es wahrscheinlich keine "Räuber", keine "Kabale und Liebe", keinen "Don Carlos". Das Obst musste in der Schublade von Schillers Schreibtisch vor sich hingammeln, dann war alles gut: Das Dichten wurde zum Kinderspiel, die Feder flog nur so übers Papier.
Der Geruch von Fäulnis als Schreibstimulanz - das klingt kurios, ist aber ganz normal: Um die Qual des Schreibens zu erleichtern, nutzen Schreibprofis und -laien seit eh und je kühne Ticks und Tricks. Goethe ließ sich in seine halb fertigen Manuskripte weiße Blätter einheften - zum "Anlocken". Der französische Schriftsteller Balzac brauchte nächtliche Dunkelheit, viel Kaffee, blaues Papier und eine bestimmte Sorte Federn.
"Schreiben", so stöhnt der emsige Autor und Professor für Pädagogik Hartmut von Hentig, 76, "macht nicht Schwierigkeiten. Schreiben ist Schwierigkeit." Seine Arbeit könnte "befriedigend und bekömmlich sein, müsste da nicht geschrieben werden".
Dass das Ringen um Formulierungen ein Martyrium sein kann, ist allgemein bekannt. Und so gibt es in vielen Ländern der Welt - in den USA, in Japan, Neuseeland, Australien - Schreibkurse für Studenten, für Manager, für PR-Leute: Wer Hilfe braucht, bekommt sie. Nur im Land der Dichter, in Deutschland, scheint Schreibvermittlung ein Fremdwort zu sein.
Gerade in den Semesterferien fühlen sich die Studenten im Stich gelassen. Tonnenweise weiße Blätter wollen gefüllt werden. Von der Bewertung der Hausarbeiten hängt der erfolgreiche Verlauf des Studiums ab. Doch: Wie gestaltet man Anfang und Ende einer solchen Arbeit, wie soll das ganze Ding gegliedert sein? Fragen über Fragen. Und keine Hilfe. Nirgends.
In Deutschland wurden in letzter Zeit zwar an einigen wenigen Unis Schreibseminare eingerichtet, doch die Kursleiter können den Ansturm an Bedürftigen nicht bewältigen: Allein an der Freien Universität Berlin (FU) sind 43 000 Studenten immatrikuliert, nur 60 pro Semester können an den Schreibkursen der Psychologischen Beratungsstelle der Uni teilnehmen.
Die Folgen sind fatal. Jüngsten Schätzungen zufolge werden 50 Prozent der Hausarbeiten nie abgeschlossen. Der Berliner Erziehungswissenschaftler und Schreibforscher Lutz von Werder, 61, behauptet, dass die Hälfte aller Studienabbrecher am Schreiben scheiterten, bei den Philosophiestudenten seien es sogar 80 Prozent. Tendenz: steigend.
Die Hauptursachen für die Schreibhemmungen sind nicht neu. Leiter von Schreibkursen berichten übereinstimmend vom Perfektionszwang vieler Kursteilnehmer: dass mit dem Schreiben eine "prinzipielle Imperfektion" (von Hentig) einhergeht, dass man alle Facetten eines Themas in einer Arbeit kaum unterbringen wird, das bringt viele Studenten zur Raserei und lässt sie verzweifeln. "Unsere Hauptaufgabe ist, die Leute von ihren umfassenden Ansprüchen zu befreien", sagt Roland Hahne, 53, von der Psychologischen Beratungsstelle der FU.
Schon während der kindlichen Alphabetisierung, so Lutz von Werder, entwickelten deutsche Kids oftmals ein so genanntes Schreib-Über-Ich. An den Grundschulen werde kaum die spielerische Freude am Schreiben gefördert, es werde zu einseitig darauf geachtet, dass alles orthografisch und inhaltlich richtig sei. Dieser Anspruch hemmt bereits die Formulierungslust der Kinder, die Älteren werden ihn nimmermehr los.
Die Formulierungsschwächen sind in den vergangenen Jahren schlimmer geworden. Ein Grund: die mangelnde Betreuung der Studenten an den Massenuniversitäten.
In den Einführungskursen ins wissenschaftliche Schreiben geht es zumeist um Zitiergebräuche und Zeilenabstände; Gliederung und Stil von Arbeiten werden kaum besprochen.
Derartig dürftig gerüstet, sollen die Studenten die erste Proseminar-Arbeit schreiben, sich dafür oft ihre Themen selbst suchen - und schon geht das große Rätselraten los: Was ist überhaupt eine wissenschaftliche Fragestellung? Wie grenzt man ein Thema ein?
Für derlei Einzelfragen haben die Lehrkräfte oft keine Zeit - zu viele Studenten auf einmal, die sie bestürmen. Die Massen-Uni gebiert massenhaft Schreibklemmis.
Otto Kruse, Professor für Psychologie an der Fachhochschule Erfurt, klagt: "Anfangsprobleme mit dem Schreiben werden schnell zu Störungen. Ohne klar gestellte Aufgabe, ohne Anleitung verkrampfen sich viele Studierende so sehr, dass sie fast schreibunfähig werden. Es ist nicht zu ermessen, wie viel Studienzeit durch ungenügende Anleitung verloren geht."
Die Mitarbeiterinnen vom Schreiblabor der Bielefelder Uni versuchen daher, im Massenbetrieb kleine Einheiten zu bilden. Schreibberaterin Christina Freese, 33: "Freiwillige Arbeitsgruppen helfen viel. Oft spornt es die Studierenden schon an, andere schreiben zu sehen, oder sie nutzen die Möglichkeit, Thesen ihrer Arbeiten den anderen vorzustellen, um sich selbst Klarheit darüber zu verschaffen."
Wer sich mit dem Schreiben schwer tut, der wird von den Neuen Medien - vom Computer und Internet - nicht unterstützt, sondern eher noch mehr in die Irre geführt. Ein junger Jurist, der an der Hamburger Uni als Korrekturassistent arbeitet, Hausarbeiten liest und bewertet, beobachtet: "Die Studis können heute viele Seiten füllen, ohne selbst zu schreiben."
Oftmals sitzen die Studenten schon in der Uni-Bibliothek mit dem Laptop, dort übertragen sie Sätze aus der Fachliteratur direkt in ihren Computer. Die fremden Sätze werden dann in die eigene Hausarbeit kopiert, gegebenenfalls umgestellt, damit sie wie die eigenen klingen. Der Korrektor: "Bei diesem Verfahren verlieren die Studenten oftmals den Überblick, pfuschen so viel herum, dass gar nichts mehr stimmt. Manche Sätze haben gleich vier Verben, und ich kann mir das richtige aussuchen. Manche haben dafür gar keins."
Im Internet können Studenten für ihre Seminararbeiten inzwischen auf ganze Datenbanken zurückgreifen. Tausende Hausarbeiten quer durch alle Fachrichtungen liegen zum Ausdrucken bereit, professionelle Anbieter stellen sie ins Netz. "Hausarbeiten.de" ist derzeit das beliebteste deutsche Online-Archiv dieser Art, 12 000 Texte sind hier abgelegt - "kopieren geht über Studieren", feixte "jetzt", das Jugendmagazin der "Süddeutschen Zeitung".
Schon unter den deutschen Schülern geben heute rund 19 Prozent an, bereits Arbeiten abgegeben zu haben, die ganz oder teilweise aus dem Internet stammen. Doch mit der Feigheit vor der selbst gemachten Formulierung schaden die Kopisten vor allem sich selbst: So lernen sie das Schreiben nie.
Linguisten streiten sich noch, ob die Neuen Medien das Sprachvermögen junger Leute tatsächlich verschlechtern oder vielleicht doch verbessern. Einige Wissenschaftler vertreten durchaus die Theorie, dass der Gebrauch von E-Mail und SMS die Lust am geschriebenen Wort steigern könnte.
Bei der elektronischen Post sind die formalen Ansprüche nicht hoch, alles wird kleingeschrieben, die Adressaten machen kühn von der Umgangs-, Jugend- oder Comicsprache Gebrauch. Online-Frage: "Huhu, ich kann heute leider doch nicht, kannste an 'nem anderen Tach?" Online-Antwort: "Schnüff, schnüff, bin die ganze Woche voll im Stress, anderer Tag geht echt nicht."
Auch Schreibpädagogen sind sich uneins, ob derartig flapsige Formulierungsgebräuche längerfristig Schreibhemmungen mindern können. Roland Hahne von der Psychologischen Beratungsstelle der FU ist skeptisch: "Ich habe gehofft, dass die elektronische Post das Schreiben generell erleichtert. Doch ich mache die Erfahrung, dass den Studenten alle Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit verloren geht, wenn sie an einer Textsorte sitzen, die sie als offiziell empfinden." Tag für Tag bekomme er flott formulierte E-Mails von eben jenen Leuten, die sich in den Beratungsstunden bei ihm beklagten, keinen geraden Satz zu Papier bringen zu können.
Der Korrekturassistent bei den Hamburger Juristen stellt ebenfalls fest, dass das Schreibvermögen bei vielen Studenten von der Textsorte abhängt. Die handschriftlichen Klausuren, in wenigen Stunden unter Aufsicht verfertigt, seien bei vielen Studenten häufig besser als die am Computer verfassten Hausarbeiten. Möglicher Grund: In den Computerwerken gibt es eben jene Kopierexzesse, bei denen sich fremde Formulierungen mit eigenen mischen und nicht vertragen. Ein weiterer: Der Computer kann den fatalen Perfektionszwang gerade der fleißigen, zur Selbständigkeit strebenden Studenten verstärken. Die neigen dazu, ihre Hausarbeiten ständig zu verschlimmbessern.
Hahne: "Sätze wieder und wieder löschen, neu formulieren, ausbessern - gerade die ehrgeizigen Studenten kommen nicht zum Ende, weil sie immer und immer wieder nach einer besseren Variante suchen. Doch die achte Version ist oft sehr viel schlechter als die zweite."
Als Hausarbeiten noch überwiegend auf Schreibmaschinen verfasst wurden - das ist keine 15 Jahre her -, haben sich die Studenten schneller mit einer Version zufrieden gegeben, denn eine Seite immer wieder abzutippen, nur weil einem eine Formulierung nicht passte, war einfach zu mühsam.
Die Kopisten werden durch den Computer schludriger, und die Perfektionisten setzen sich noch mehr unter Druck - in beiden Fällen hemmt das moderne Gerät den Schreibfluss eher, als dass es ihn befördert.
Schreibpädagogen weisen immer wieder darauf hin, dass die Studenten auf dem Weg zum freudigen Formulieren zweierlei trainieren müssten: Schludern und Feilen. Einfach drauflosschreiben, um Hemmungen abzubauen, in einem zweiten Schritt Formulierungen schärfen und vor allem: es nach einer vernünftigen Überarbeitungszeit gut sein lassen.
Nicht zu viel von sich verlangen, sich selbst Zeit geben, schreiben zu lernen, das rät der Erfurter Psychologie-Professor Otto Kruse: "Vielen Studenten, die wegen Schreibhemmungen zu uns kommen, scheint das Schreiben kaum der Übung wert; sie wollen es einfach können." Doch ähnlich wie beim Klavierspielen machten erst Übung und die Lust am wachsenden Vermögen den Meister.
Einen Meister allerdings, der ganz ohne faule Äpfel und blaues Papier möglicherweise nicht auskommt. Macht nichts. Was zählt, sind Ergebnisse. SUSANNE BEYER
Von Susanne Beyer

DER SPIEGEL 15/2001
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