DER SPIEGEL



Wie zeugungsfähig ist Vater Staat?

In Europa sinken die Geburtsraten, aber mit unterschiedlichem Tempo.

Sieht so die Todeskurve eines Volkes aus? Scheinbar unaufhaltsam sinkt die Geburtenrate in Deutschland. Kamen im Jahr 1900 pro 1000 Einwohner 36 Kinder zur Welt, so waren es am Ende des Jahrhunderts nur noch 9. Und in 100 Jahren, bei Anhalten dieser Entwicklung - werden dann Geburten in einem Greisenstaat bestaunte Wunder?

Doch bei genauem Hinsehen zeigt sich, dass der Geburtenrückgang alles andere als stetig verläuft: Die beiden Weltkriege brachten drastische Rückgänge der Geburten, die sich in Friedenszeiten dem Vorkriegsniveau wieder annäherten. An besonderen Hilfsprogrammen des Staates lag das nicht: Weder die Weimarer Republik nach dem Ersten Weltkrieg noch die Politiker der Ära Adenauer fielen durch Familienförderung auf. Auch der Babyboom der fünfziger und sechziger Jahre, die letzte Phase vor der Steuerung des Kinderkriegens durch die Pille, hat wenig mit Vater Staat und viel mit ökonomischem Optimismus, dem "Wirtschaftswunder", zu tun.

Ob Paare Kinder bekommen, bestimmen Geschichte, Kultur, Stand der Empfängnisverhütung und die berufliche Emanzipation der Frau. Welche Chancen hat der Staat überhaupt, wirksame Anreize fürs Kinderkriegen zu schaffen?

In Deutschland lassen sich mehr oder weniger deutliche Auswirkungen staatlicher Initiativen zur Hebung der Geburtenrate an zwei Stellen entdecken:

Die Propaganda der Nazis mit ihrer rassistisch geprägten Feier des Kinderreichtums ("Mutterkreuz") trug bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs mit dazu bei, die Geburtenrate zu steigern - doch die Spitzenwerte der verhassten Weimarer Republik wurden nicht mehr erreicht.

Seit Anfang der siebziger Jahre intensivierte die DDR ihre Familienpolitik, und es gab einen Coup in Sachen Gebären: Das SED-Regime unterstützte junge Familien in vielfacher Hinsicht, zum Beispiel bei der Wohnungssuche - da kam Bewegung in die Wiegen.

Staatliche Förderung hin oder her - in Westeuropa sinken die Geburtenraten, allerdings in bemerkenswert unterschiedlichem Tempo.

Besonders düster sieht es in den Mittelmeerländern Spanien und Italien aus, einst katholisch geprägte Hochburgen von Großfamilien, in denen Großmutter, gestresste Töchter und jede Menge Enkel unter einem Dach lebten.

Landflucht und Individualisierung machten dieser überkommenen Lebensform ein Ende. Spanien hat heute weltweit die niedrigste Geburtenrate. Seit Ende des Franco-Regimes begannen immer mehr Frauen eine berufliche Karriere, und immer weniger junge Leute scherten sich um Verhütungsverbote des Papstes. Frauen nennen, in jüngsten Umfragen, die Hauptgründe für ihre Kinderzurückhaltung: schlechte Finanzen und die zu hohe Belastung durch Erziehung.

Die Regierung kümmerte sich bislang wenig um Unterstützung. 0,4 Prozent des Inlandsprodukts lässt Spanien Familien zukommen, der EU-Durchschnitt beträgt 2,2 Prozent. Erst jetzt gedenkt der konservative Regierungschef José María Aznar, mit Steuererleichterungen und mehr Betreuungsplätzen zu helfen.

In Italien sind Kinder gänzlich aus der Mode. Die Italienerin ist mit 1,2 Kindern annähernd so geburtenschwach wie die Spanierin. "La mamma" wird ein Auslaufmodell - einer der Gründe: Weil die Mütter es ihren Söhnen so nett machen, bleiben die Jungs bis ins beste Mannesalter von 35 zu Hause. Ihre Großväter hatten als Mittdreißiger oft schon ein Dutzend Bambini. Wenn die "mammoni" (Muttersöhnchen) das häusliche Kinderzimmer verlassen, treffen sie reichlich spät auf dem Heiratsmarkt ein. Und dann braucht das italienische Paar statt Kindern erst mal ein Auto, zwei oder mehr Handys, schicke Klamotten.

Ganz anders die Lage in dem ebenfalls katholischen Frankreich. Im vergangenen Jahr gab es dort den höchsten Geburtenzuwachs in der EU. Der Abwärtstrend ist seit rund einem Jahrzehnt gebremst, die Fruchtbarkeit liegt derzeit bei 1,89 Kindern pro Frau gegenüber 1,71 vor fünf Jahren.

Das Klima in Frankreich ist kinderfreundlicher geworden. Wer einen Staubsauger verkaufen will, zeigt im Reklamespot am besten einen Mann am Gerät: Haushalt und Familie sind keine Frauensache mehr - die französische Öffentlichkeit hat es offenbar begriffen.

Dazu kommt eine relativ großzügige Familienpolitik. Frankreich ist erheblich besser mit Krippenplätzen ausgestattet als Deutschland, Ganztagsbetreuung von der Vorschule bis zum Abitur ist garantiert. Die Folgen: 70 Prozent aller Französinnen sind berufstätig. Und die Mütter von drei Kindern haben zu sensationellen 45 Prozent einen Job, in Deutschland undenkbar.

Ein gutes Beispiel für eine Abhängigkeit des Kinderkriegens von Staatsförderung ist Schweden. Dort stieg die Geburtenrate zwischen 1980 und 1990 infolge eines großzügigen Kinderprogamms. Dann musste das einst vorbildliche, sozialdemokratisch geprägte "Volksheim" nach ökonomischen Einbrüchen die Sozialleistungen für Familien zurückfahren, die Geburtenrate sinkt seither.

Dennoch kann das Land in manchen Punkten als vorbildlich gelten: So werden während des gesetzlich garantierten Elternurlaubs von 13 Monaten rund 80 Prozent des Gehalts fortgezahlt. Auch mit PR müht sich das Land stark um Kinderfreundlichkeit. Ex-Tennisstar und Frauenheld Björn Borg wirbt in einer selbst finanzierten Anzeige unverblümt: "F... for the future." Erfolgreich tat er es selbst, soweit bekannt, bislang nur einmal: Borg ist

Vater eines Sohnes.

Die schwedische Außenministerin Anna Lindh verlässt, wenn es irgend geht, unter dem Beifall der schwedischen Öffentlichkeit das Ministerium am späten Nachmittag, um ja mit dem Vorortszug Mann und zwei Kinder zum gemeinsamen Abendbrot zu erreichen.

Nur rudimentäre politische und propagandistische Anstrengungen gibt es in Großbritannien - und doch weist das Vereinigte Königreich noch immer eine Geburtenrate von 1,7 Kindern aus: das vielleicht interessanteste Beispiel dafür, dass Fortpflanzung nicht ausschließlich durch ökonomische Rationalität bestimmt ist. Dabei ist das Kindermachen und -großziehen auf der Insel längst zum Luxus geworden.

So kostet ein privater Kindergartenplatz in London durchschnittlich 2500 Mark im Monat, eine ebenfalls nicht steuerlich absetzbare Kinderfrau rund 1500 Mark. Kein Wunder, dass immer mehr Kinder in reichen Familien geboren werden, während sich die Armen weniger Nachwuchs leisten.

Geburtenstark unter den sozial Schwachen sind nur die ganz jungen Britinnen. Das Königreich hält die erste Stelle unter den Teenager-Schwangerschaften in Westeuropa: Auf der Insel gibt es fast dreimal mehr Teenie-Mütter als in Deutschland.

* In dem Film "La Famiglia" von Ettore Scola, 1987.

DER SPIEGEL 15/2001
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